2. Begriffsdefintion
2.1 „Tanzunterricht“
Mit dem Begriff „Tanzunterricht“ ist das Tanzen gemeint, welches in Form von Unterricht stattfindet. Es handelt sich also um das Tanzen im Sportunterricht. Der Sportunterricht weist auf die Institution Schule, welche durch festgelegte Rahmenbedingungen gekennzeichnet ist. Da der Tanzunterricht ein Bestandteil der Schule ist, finden sich somit auch im Sportunterricht bestimmte Rahmenbedingungen und Vorgaben wieder, welche das Tanzen in der Schule durch unterschiedliche Blickperspektiven erscheinen lassen.
Ein wesentliches Merkmal vom Tanzunterricht ist die Lehrer-Schüler-Beziehung, die im Tanzunterricht immer gegeben sein muss. Primär geht es im Tanzunterricht um das nötige Können. D.h, dass es immer Personen gibt, die versuchen, etwas zu vermitteln und Personen, die etwas lernen sollen. 2.2 „Außerschulisches Tanzen“
Mit dem Begriff „außerschulisches Tanzen“ ist hier das Tanzen abseits von der Schule, Familie und Sportverein gemeint. Es handelt sich also um das Tanzen an Zeiten und Orten, welche in der Freizeit genutzt werden. Hier steht das Tanzen in Verbindung mit dem Spaßfaktor im Vordergrund. Charakterisieren lässt sich das außerschulische Tanzen durch Merkmale, die sich ohne jegliche Festlegungen oder Vorgaben beschreiben lassen.
3. Was bewirkt das Tanzen?
3.1 Zusammenspiel von Musik und Bewegung
Um den Sinn vom Tanzen überhaupt verstehen zu können, muss man tief in die historischen Ereignisse und Erkenntnisse zurückblicken. Damit man auch den Zusammenhang von Tanzen und Entwicklung versteht, muss man ebenfalls in der Vergangenheit recherchieren, denn Musik und Bewegung stellen ein natürliches Phänomen dar, das ich im Verlauf dieses Abschnittes näher erläutern werde, dar.
Wenn man heute das Wort Musik hört, dann assoziiert man damit oft Bewegung und Tanzen. Manchmal bewegen wir automatisch unsere Körperzentren zur Musik, ohne dass es uns auffällt. Musik und Bewegung wurden jedoch nicht schon von Beginn ihrer Entstehung als ein zusammenhängendes Teil anerkannt. Es dauerte erst einige Jahre, bis man durch die Musik und die Bewegung zu einer Bewegungserziehung kam. Nach und nach bekam das Zusammenspiel von Musik und Bewegung eine immer wichtigere Rolle. Insbesondere für die musische Erziehung rückte das Zusammenspiel immer weiter in den Vordergrund. Anschließend kam es so weit, dass Musik und Bewegungserziehung ein eigenständiges Ausbildungsfach und Berufsfeld bezeichneten. Aus dem Zusammenwirken von Musik und Bewegung entstand der Begriff „Rhythmik“. Wird der Körper bzw. die Körperzentren (Kopf, Schulter, Brustkorb, Arme und/oder Beine) zu verschiedenen Zeiten der Musik bewegt, so spricht man vom Bewegen in der Rhythmik. Das Individuum analysiert somit die Musik, wobei bestimmte Merkmale (verschiedene Takte usw.) durch körperliche Bewegung sichtbar gemacht werden. Für die ersten Anstöße der Entwicklung von Rhythmik in der musischen Erziehung lieferte der Harmonielehrer am Genfer Konservatorium E. Jacques Dalcorze. 1921 erschien in Basel sein Buch „Rhythmus, Musik und Erziehung“. Darin erfasste er unter anderem Texte, wobei er von eigenen Erfahrungen während seiner Lehrerzeit berichtet, in denen das Zusammenspiel von Musik und Bewegung deutlich wurde. Dalcorze entwickelte in Hellerau eine eigene Schule, wo er mit seinen Schülern ständig zusammengearbeitet hat. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ohne persönlichen
Kontakt zueinander lehnte Dalcorze grundsätzlich ab. Denn während seiner Zeit als Lehrer sah er sich nicht nur als Vermittler bestimmter Fähigkeiten oder Fertigkeiten, wo Theorie, Wissenschaft oder Erkenntnisse nur in Form von Abspeichern gelernt werden sollten. Besonders wichtig schien ihm das Verhalten und die Reaktionen seiner Schüler auf bestimmte Sachverhalte zu sein. Er versuchte als Lehrperson, nicht nur die Fehler seiner Schüler aufzudecken und sie ewtl. durch Korrekturen zu beheben. Viel wichtiger schien es ihm zu sein, sich mit seinen Schülern zu befassen und nach den Ursachen für das Nicht-Lernen zu suchen. „Bei einer gewissen Anzahl Schüler, deren Gehör sich in normaler Weise entwickelte, schien mir die musikalische Bildung zu leiden unter ihrem Unvermögen, die Töne gleichmäßig zu messen und Tonfolgen von ungleicher Dauer rhythmisch zu bewältigen.... Ich schloß daraus, dass nicht alles, was in der Musik motorischer und dynamischer Natur ist, allein vom Gehör abhängt...“ (E. Dalroze, 1977, Nachdruck, S. X/XI, zitiert nach Quinckhardt, M und Steiner, U, 1984, S. 97).
Durch die Untersuchungen und Analysen seiner Schüler während des Unterrichts, kam er oft zu neuen Erkenntnissen. Beim Klavierspielen seiner Schüler merkte er z.B., dass sie neben dem Musizieren ständig mit dem Kopf und Rumpf schwankten oder ihre Körperteile dazu bewegten. Daraus folgte seine Erkenntnis, dass die musikalischen Empfindungen eng mit dem Spiel zwischen Muskeln und Nerven des gesamten Organismus zusammenhängen.
Dies war der Beginn der so genannten „Rhythmik“, denn Delcorze nahm diese Erkenntnis ernst und nutzte sie für die Erziehung seiner Schüler. Die Abstimmung vom Muskeln und Nerven aufeinander wurde zur Erziehung, wobei das Primärziel der Einklang von Körper und Geist war. Was bedeutet dies nun für die Entwicklung der Kinder? Was geschieht, wenn man versucht sich neben der Musik, oder besser ausgedrückt, zu den Rhythmen der Musik bewegt?
Es wird deutlich, dass der Mensch hier neben den auditiven Aufnahmefähigkeiten weiteres entwickelt, denn das Bewegen nach bestimmter Musik verlangt eine gewisse Technik an Körperbeherrschung.
Dabei entwickelt man sich zum einen in der Motorik und zum anderen auf einer kognitiven Ebene, denn Zeit-bzw. Taktgefühl wird dann nicht nur aufgenommen, sondern auch erfahren und entwickelt. Bewegungsabläufe können somit bewusst gestaltet, und im Tanzunterricht genutzt werden.
3.2. Entwicklung durch Gestaltung
Für den Begriff „Gestaltung“ gibt es in dem Bereich Tanz eine Reihe von Synonymen. Man spricht außerdem noch von Bewegungsgestaltung, Improvisation, Choreographie, Komposition, einem Stück usw.. Nach Vent, H. und Drefke, H. (1981) kann man im Tanzen durch zwei unterschiedliche Wege zur Gestaltung kommen. Man unterscheidet zwischen der Gestaltung als „Reproduktion einer festgelegten Bewegungsabfolge“ und „Gestaltung durch Improvisation“.
Bei der Gestaltung als „Reproduktion einer festgelegten Bewegungsabfolge“ liegt der Schwerpunkt im Nachgestalten der vorgegebenen Strukturen. Die Norm des Bewegungsablaufes wird somit vorgegeben. Das Ziel ist demzufolge der Könnens-Erwerb. Wird der Könnens-Erwerb verbessert und wird der Bewegungsablauf wiederholt geübt, so spricht man auch von der „Perfektionierung“. Die Perfektionierung ist somit die bestmögliche Einstudierung der Bewegungsabfolge. Die Bewegungsabfolge wird so gut durchgeführt, dass man sie immer wieder in derselben Reihenfolge durchführen kann.
Bei dieser Methode gestaltet man sozusagen eine vorprogrammierte Gestaltung nach. Jedoch gibt es die Möglichkeit, die Gestaltung in räumlicher, zeitlicher und/oder dynamischer Variationen zu verändern. Hier wird zwar der Charakter der Bewegung in einigen Aspekten verändert, die Grundstruktur bleibt jedoch erhalten. Dieser Weg wird auch als Komposition verstanden. Der Vorteil dieser Methode ist, dass der Tänzer eine fest fixierte Bewegungsnorm vorgegeben bekommt, die er nur noch nachzumachen hat. Er braucht sich keine Sorgen über den Anfang, Hauptteil und Ende der Bewegungsgestaltung zu machen, denn diese sind schon schriftlich vorgegeben.
Bei der Gestaltung durch „Improvisation“ wird die Gestaltung als ein produktiven Vorgang verstanden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf dem Neugestalten von Bewegungsformen, häufig verbunden mit der Entwicklung einer Bewegungsvorstellung. Es handelt sich hier um einen Produktionsprozess, der durch das spontane, flüchtig Suchende, Erfinden, Weglassen, Neu-Erfinden, Verknüpfen, Verändern von Bewegungsformen-, Ansätzen und -Ideen, bestimmt wird. Die Norm ist hier nicht festgelegt. Die Tänzer müssen eigene Ideen für ihre Gestaltung entwickeln. Es steht ihnen somit der freie Raum zur Verfügung, der durch individuelle Assoziationen, Gefühle und Empfindungen gefüllt werden kann.
„Je nach Zielsetzung kann Bewegungsgestaltung als Improvisation und/oder als Komposition schwerpunktmäßiger Inhalt produktiven Handelns im Bereich Gymnastik und Tanz sein.“ (Vent & Drefke, 1988, S. 133) Diese beiden Methoden sind zwei unumgängliche Gestaltungswege für den Tänzer, die insbesondere bei Kinder und Jugendlichen für positive Entwicklungen sorgen. Infolgedessen hat das Tanzen im Sportunterricht eine wichtige Bedeutung, weil unter anderem auch darin die Gründe für die Legitimation des Tanzunterrichts liegen.
Im folgenden Abschnitt werden die einzelnen Entwicklungsmöglichkeiten durch das kreative Gestalten im Tanzen in der Schule vorgestellt.
3.2.1 Die Ebenen der Entwicklung durch das Tanzen bzw. Gestalten Tanzen ist ein Phänomen, dass den einzelnen Individuen die Möglichkeit bietet, aus einer Vielzahl von Optionen das richtige für sich selbst heraus zu finden, zu verändern und anzupassen. Bekommt ein Schüler die Aufgabe, eine eigene Bewegungsabfolge zu gestalten, so muss er sich für eine Wahl entscheiden, die auch von seiner eigenen Biografie, seinen Ideen, seinen Gefühlen und Absichten abhängen kann. Demnach entwickelt man hier Kreativität, wobei Wahl- und Entscheidungskompetenz gut gelernt werden können.
In der tanzdidaktischen Literatur finden sich unterschiedliche Ansätze, die Ziele, die mit dem Tanzen in Verbindung gebracht werden, zu strukturieren. Haselbach (Haselbach, B. (1976). Improvisation, Tanz, Bewegung. Stuttgart: Klett) und Vogel (Vogel, C. (2004). Tanzen in der Grundschule. Augsburg: Wießner) akzentuieren beispielsweise die Bedeutung des Tanzes für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen auf individueller-, sozialer-, affektiver- und kognitiver Ebene: Individuelle Ebene
Wenn man etwas als individuell anspricht, dann meint man immer das Einzigartige eines Menschen. Das Einzigartige eines Menschen wird auch als Persönlichkeit bezeichnet, die durch das Tanzen zum Ausdruck gebracht werden kann, aber auch verändert werden kann. Es kann sowohl zum positiven, als auch zu negativen Veränderungen führen. Mit dem Entwickeln und Einüben einer Gestaltung ist auch immer die spätere Vorführung mit einbezogen. Der Grund, warum man eine Gestaltung entwickelt und sie ständig übt, könnte die Absicht einer Vorführung vor einem Publikum sein. Ist dies so der Fall, dann entwickelt man durch das Tanzen, die Fähigkeit, seine eigene Persönlichkeit (Gefühle, Absichten, Intentionen usw.) vorführen zu dürfen. Es entsteht das Gefühl, das Innere durch das Tanzen zum Ausdruck bringen zu dürfen. Somit können die Tänzer lernen, zu ihren Ideen zu stehen, und können die Scheu und Angst, vor anderen aufzutreten, überwinden. Das Präsentieren eines Stückes führt zum Gewinn von Selbstbewusstsein und Erfolgserlebnissen, die auf andere Lebensfelder übertragen werden können.
Ein gutes Beispiel für die Übertragung von Erfolgserlebnissen auf andere Lebensfelder ist der Ort Schule. Ein Schüler, der sich z.B. im Fach Geschichte inkompetent fühlt und aufgrund seiner Angst zu referieren vor der gesamten Klasse, sich nicht traut, kann sich durch eine Tanzvorführung genügend Selbstbewusstsein aneignen, dass er die Scheu und Angst vor Referatsvorstellungen verliert.
Aber auch andersherum kann eine schlechte Erfahrung durch das Tanzen zu einer Hemmschwelle in anderen Fächern und Bereichen führen.
Arbeit zitieren:
Kemal Akman, 2007, Tanz(Unterricht) - Zwischen Ablehnung und Begeisterung , München, GRIN Verlag GmbH
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