Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die kulturelle Bedeutung des Hanfs im Orient und Okzident 5
2.1 Hanfgebrauch im Mittelalter und in der Neuzeit 6
2.2 Hanf als Genussmittel und Universalmedizin 11
2.3 Hanfkonsum und westliche Gegenkultur 14
2.4 Drogenkultur im Wandel 15
3. Alkohol im Altertum und in der Antike 16
3.1 Kulturelle Integration des Alkohols im Mittelalter 21
3.2 Neuzeitlicher Wandel der Trinkkulturen 24
3.3 Trunkenheit und Verhaltenskontrolle 25
3.4 Die „Gin-Epidemie“ im Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche 30
3.5 Alkohol als Genuss- und Suchmittel in der Industriegesellschaft 32
3.6 Alkohol und puritanisch-protestantische Kultur 35
3.7 Die restriktiv-ambivalente Trinkkultur des Westens 37
4. Schlussbetrachtung 38
LITERATURVERZEICHNIS S. 40
ÜBER DEN AUTOR 44
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1. Einleitung
Der Konsum und Genuss von Rauschmitteln ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Schon die Ureinwohner Australiens beeinflussten vor ca. 30.000 Jahren ihre „Traumzeit“, indem sie halluzinogene Nachtschattendrogen zu sich nahmen. Auch die Zeugen der Eiszeit auf dem europäischen Kontinent versetzten sich mittels halluzinogen wirkender Pilze (u. a. Psilocybin) in Rauschzustände, um den Anforderungen ihres Nomadenalltags zeitweilig zu entfliehen (vgl. Behr 1980; Schwendter 1992). Dabei war es aber nicht immer Menschen, die die Drogen entdecken, sondern auch Tiere, die mit bestimmten pflanzlicher Substanzen ihre Stress- und Erregungszustände regulierten und so eine bestimmte Nähe zu Naturdrogen entwickelten. Der Verhaltensforscher Ronald K. Siegel vertritt die Ansicht, dass Folklore, Mythologie und Anthropologie voller Beispiele über das Drogenverhalten bestimmter Tierarten sind. Im Rahmen seines Beitrags über „Suchterscheinungen bei Tieren“ (1982) geht er u. a. auf die legendäre Entdeckung des Kaffees um 900 n. Chr. durch einen Abessinier ein, der seine Ziegenherde hütete. Er schreibt: „Der Hirte bemerkte, dass seine Tiere ungewöhnlich ‚munter’ wurden, nachdem sie die leuchtend roten Früchte eines Baumes gefressen hatten, der später als Kaffee identifiziert wurde. Im Jemen entdeckte ein Hirte, dass eine seiner Ziegen an einer bestimmten Stelle die Herde zu verlassen pflegte, um einige Blätter zu fressen, wonach sie sehr schnell lief und Zeichen außergewöhnlicher Stimulation zeigte. (…) Nach Geschichten, die in Peru erzählt werden, wurde zum Beispiel Coca zuerst von Packtieren in den Bergen gefressen, wo sie nicht ihr normales Futter fanden. Die Coca-Blätter erhielten die Tiere am Leben und die Menschen übernahmen schnell die Gewohnheit, Coca zu kauen. Neuere Nahrungsmittelanalysen von Coca ergeben, dass 100 Gramm Blätter 305 Kalorien enthalten, 18,9 Gramm Protein, 46,2 Gramm Kohlehydrate und die empfohlene Menge Kalzium, Eisen, Phosphor sowie die Vitamine A, B² und E. Die Coca-Pflanze, die auch das Stimulans Kokain enthält, ermöglichte das Überleben Reisender in Peru, die unregelmäßig aßen, eine ungeeignete Ernährung hatten und in großen Höhen mit minimalem Sauerstoffgehalt der Luft schwer arbeiteten. (…) Selbst das älteste und größte Drogenproblem des Menschen, der Alkohol, könnte seine Ursprünge in der frühen Vorgeschichte haben. Da es relativ leicht ist, die Gärung bei normaler Lagerung von Lebensmitteln zu entdecken, wundert es nicht, dass Alkohol die erste Droge war, die vom Menschen benutzt wurde. Nach einer alten chinesischen Legende pickte einst ein Schwarm Sperlinge einige Reiskörner auf, um sie für den Winter in ein Bambusrohr aufzubewahren. Die Herbstregen kamen, füllten das Rohr mit Wasser und verursachten die Gärung von Reis zu Wein. Dieser wurde zufällig von den Vögeln und den Menschen getrunken.
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Selbst heute besteht das chinesische Schriftzeichen für samshu (übers. Reiswein) aus den Schriftzeichen für Vögel und Wasser“ (Siegel 1982:79f.).
Auch der Menschen war in allen Zeiten und Kulturen auf der Suche nach Rauschzuständen. Er erfuhr dabei oft rauschhafte Begeisterung als eine nicht-alltägliche andere Erfahrung und erlebte auf diese Weise eine mehr oder weniger starke Entgrenzung ichverhafteter Gebundenheit (vgl. Legnaro 1982: 93). So zeigen neuere Untersuchungen, dass Menschen tatsächlich ein solches Stimulierungs- und Rauschbedürfnis haben. Der „Wunsch nach Veränderung von Antrieb und Stimmung, von Steigerung und Erlebnisfähigkeit und des Erfahrungshorizonts ist weit verbreitet. Menschen haben demnach das Bedürfnis, die ‚gewöhnlichen’ Wahrnehmungsmuster zu überschreiten, bis hin zum Erlebnis eines ekstatischen Rausches. Der Rausch kann die Funktion haben, vorübergehend von Belastungen des Alltags zu befreien und für Entspannung zu sorgen“ (Hurrelmann 1996: 1).
Bei den Drogen Alkohol und Hanf, um deren kultur- und sozialgeschichtliche Bedeutung es in diesem Beitrag geht, handelt es sich um „psychoaktive Substanzen“, die zu einer Antriebs- und Stimmungsveränderung beitragen.
Der Terminus „psychoaktive Substanz“ ist im Bereich der Suchtforschung noch relativ neu und wird benutzt, da er die Wirkungsweise von Drogen einschließt und weitgehend wertneutral ist. Psychoaktive Substanzen werden nach ihren Wirkungsmustern in drei Gruppen eingeteilt: So gehört der Alkohol zum Beispiel zur Gruppe der „Sedativa“, denen man eine betäubende und entspannende Wirkung zuschreibt. Das Koffein, ebenfalls ein altes und in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenkendes Genussmittel, gehört dagegen zur Gruppe der „Stimulanzien“, die eine aufputschende und aktivierende Wirkung zeigen. Zur dritten und letzten Gruppe der „Halluzinogene“ gehört u. a. das Psilocybin. Es handelt sich hierbei um eine Substanz, die Sinnestäuschungen hervorrufen kann. Cannabis lässt sich keiner der erwähnten Gruppen eindeutig zuordnen, da die Droge Elemente aller drei Wirkungsgruppen enthält, so dass Ihr Konsum zu beruhigenden, aufputschenden und zugleich halluzinogenen Effekten führt (vgl. Alsen-Hinrichs 1993).
Welche Bedeutung der Hanf in der orientalischen und auch abendländischen Welt hat, wird im Folgenden in Bezug auf unterschiedliche geschichtliche Epochen näher erklärt.
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2. Die Kulturelle Bedeutung des Hanfs im Orient und Okzident
Cannabis ist der botanische Name der Hanfpflanze, der als Sammelbegriff für alle Drogen benutzt wird, die aus den Pflanzenteilen und dem Harz des indischen Hanfs hergestellt werden. Herkunftsländer sind Persien, Indien und China, in denen die Nutzung der Pflanze schon seit Jahrtausenden bekannt ist. Aus der Hanfpflanze wurden Nahrungsmittel, Kleidung, Fischnetze, Lampenöle und Medikamente hergestellt. Der Genuss dieser Droge erfüllte vielfach auch religiöse Funktionen, denn er sollte spirituelle Bewusstseinszustände fördern und die Konzentration beim Lesen sakraler Texte erhöhen (vgl. Scheerer 1989). Auf letztere Aussage werden wir später noch einmal näher zurückkommen, wenn es um das psychopharmakologische Wirkungsspektrum der Droge geht.
Das Wort „Hanf“ stammt ursprünglich aus dem Indoeuropäischen und leitet sich vom althochdeutschen „hanaf“ bzw. vom altenglischen „hamp“ ab. Botanisch gehört die Pflanze (wie auch der Hopfen) zur Familie der Cannabaceae, welche wiederum eine Unterabteilung der Moraceae (Maulbeergewächse) bilden. Cannabis gliedert sich in unterschiedliche morphologische Gruppen, wozu „Cannabis sativa“, „Cannabis indica“ und „Cannabis ruderalis“ gehören. Diese Zu-ordnungen wurden gemacht, um die komplexen Wirkungen und Nutzungsmöglichkeiten der Pflanze zu kennzeichnen. Zum Beispiel handelt es sich bei „Cannabis sativa“ um eine äußerst faserhaltige Pflanze, die schon früh zur Herstellung von Seilen und Kleidung genutzt wurde. Dabei gilt „Cannabis indica“ als die rauschwirksamste Pflanze. Einen recht hohen Gehalt an THC (Tetrahydrocannabinol) weisen vor allem weibliche Pflanzen bzw. deren Blütenspitzen auf. Sie werden „Mäschelhanf“ genannt und zur Gewinnung von Haschisch (Harz der Pflanze) und Marihuana (getrocknete Blätter und Blüten der Pflanze) genutzt (vgl. Reier 1982; Rätsch 1998).
Hanf ist seit der neolithischen Revolution bekannt und erscheint in Quellenüberlieferungen als eine der weltweit ältesten und am häufigsten angebauten Nutzpflanzen überhaupt (vgl. Herer 1993). Der Geschichtsschreiber Herodot berichtet über seinen Gebrauch bei den Skythen im 5./4. Jahrhundert vor unserer Zeit. Diese sollen sich durch das Erhitzen des Hanfs in ihren Dampfbädern berauscht haben (vgl. Jettmar 1982: 530ff.).
Cannabissamen, dessen Alter auf 5000 bis 6000 Jahre geschätzt wird, fand man nicht nur in den Ruinen des Totenorakels von Ephedra, sondern auch in einem 5000 Jahre alten Grab bei Eisenberg in Thüringen (vgl. Bröckers et al. 2004). Auch die vielseitigen medizinischen Quali-
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täten der Pflanze wurden schon früh entdeckt. So hatte Hanf einen festen Platz in der pharaonischen, assyrischen, antiken, islamischen und auch mittelalterlichen Medizin. Besonders in den asiatischen Heilkünsten genießt die Pflanze bis heute ein hohes Ansehen. Von Asien verbreitete sich der Hanf nach Mesopotamien aus und fand Eingang in den arabischen Kulturkreis. In der orientalischen Welt schrieb man ihm schon von alters her heilende Kräfte zu, so dass er dort eine große Bedeutung als Medizinal- und Rauschpflanze hatte (vgl. dazu auch Cranach 1982: 480ff.).
Zahlreiche angesehene arabische Ärzte gingen in ihren Aufzeichnungen auf die Verwendung des Hanfs als Droge ein; so auch der berühmte arabische Arzt Avicenna. Er erwähnt die Pflanze in seiner 1000 n. Chr. entstandenen Schrift „Canon medicinae“, was positive Auswirkungen auf die Anwendung des Hanfs als Medizinaldroge in den orientalischen Heilkünsten gehabt haben soll.
2.1 Hanfgebrauch im Mittelalter und in der Neuzeit
Auch im frühen Europa des Mittelalters genoss der Hanf als Heilmittel ein recht hohes Ansehen. Inwieweit dabei die Schriften Avicennas eine Rolle spielten, die auch bei vielen Ärzten der westlichen Welt angesehen waren, ist aus heutiger geschichtlicher Sicht schwer zu sagen. Mittelalterliche Kräutersammler in der abendländischen Welt unterschieden zwischen „gedüngtem“ (kultiviertem) Hanf, der beispielsweise gegen Husten und Gelbsucht eingesetzt wurde, und „minderwertigem“ Hanf als probatem Mittel gegen Gichtknoten, Geschwülste und „harte“ Tumore. Vom Hanfanbau berichten Ende des 8. Jahrhunderts das „Capitulare des villis“ und das „Breviarium Karls des Großen“. Um 1150 geht auch die deutsche Äbtissin Hildegard von Bingen in ihrer Heilmittel- und Naturlehre „Physica“ auf den Hanf ein. Sie beschreibt ihn als eine Pflanze, der weder sehr warm noch sehr kalt ist und empfiehlt seinen Samen als heilsame Kost, der leicht verdaulich und daher für den Magen gut sein soll, wobei er die schlechten Säfte mindert und die guten stärkt (vgl. Herer 1997). Dem Konsum von Cannabis als Droge begegnete man in der abendländischen Welt jedoch schon früh mit Skepsis und Ablehnung. Anders sah es dagegen mit dem Alkohol aus, der als Heil-, Genuss- und Nahrungsmittel schon früh in der okzidentalen Kultur akzeptiert war. Seine Wirkung konnte man besser einschätzen als die des Hanfes (vgl. Austin 1982; Spode 2001). Gegenüber dem Konsum von Hanf als Droge bestanden vor allem seit dem Mittelalter in der der westlichen Welt viele Vorurteile. So kann seine negative kulturelle Stellung auf sein
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psychomimetisches Wirkungsspektrum zurückgeführt werden, das nicht in das Schema rational-nüchtern denkender Gemüter passte. Daher macht es Sinn, im Folgen noch einmal kurz auf sein psychopharmakologisches Wirkungsspektrum einzugehen. In Bezug auf meine These, dass man in der Geschichte des Okzidents dem Hanf- bzw. Cannabiskonsum eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, möchte ich den Karikaturisten Walter Moers zu Wort kommen lassen. Dieser stellt zwar die Wirkung des Cannabis vollkommen überzogen dar, kennzeichnet aber einen spezifischen Bewusstseinszustand, der beim Konsum dieser Droge erzeugt wird und in der nüchtern-rationalen Welt des Okzidents nicht gerade auf Gegenliebe stößt:
„Unter Haschischeinfluss dehnt sich das Raum-Zeit-Kontinuum um 500 Prozent aus, d.h., man kann bei konsequentem Haschischkonsum 400 Jahre alt werden, mehr als bei jeder anderen Droge“ (Moers 1995: 34). Moers spielt mit seiner Aussage auf die veränderte Raum-Zeit-Wahrnehmung an, die den meisten Cannabiskonsumenten bekannt ist. Damit einher gehen eine Veränderung der Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit und eine gewisse Lethargie. Cannabiskonsumenten sind auf bestimmte Weise kontaktoffen, zeigen aber - im Gegensatz zu Alkoholkonsumenten - eher ein meditatives bzw. nach innen gerichtetes Verhalten. Akustische Geräusche werden unter Cannabiseinfluss viel extremer wahrgenommen als im nüchternen Zustand, wohingegen der Gehörsinn unter Alkohol eher abgeschwächt ist. Beim übermäßigen Cannabiskonsum können aber auch innere Unruhe und Antriebsverlust in Erscheinung treten. Bei höheren Dosen überwiegt die dämpfende Wirkung. Dies ist besonders beim Konsum indischer und asiatischer Cannabissorten der Fall, da sie durchschnittlich einen hohen THC-Gehalt aufweisen, was man inzwischen aber auch von manchen „hochgezüchteten“ europäischen Cannabispflanzen sagen kann. Die akuten Folgen eines übermäßigen Konsums können in entsprechenden psychosomatischen Fehlhandlungen liegen. Im Zuge solcher Reaktionen kann es unter Umständen zu Angst- und Panikzuständen und sogar „Horrortrips“ kommen. Auch sog. „Flashbacks", also das Wiederauftreten von Rauschzuständen ohne erneute Drogenzufuhr, sind möglich. Dauerkonsumenten erleben oftmals eine Schwächung ihrer Konzentrations- und Leistungsfähigkeit und eine schwindende Motivation zum Lernen und Arbeiten. Eine körperliche Abhängigkeit von Cannabis konnte bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden, allerdings wurde eine Toleranzbildung (im Sinne einer verminderten Wirkung bei gleich bleibender Dosierung) beobachtet. Erwiesen ist jedoch, dass es bei
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Dauerkonsum der Droge zu einer starken psychischen Gewöhnung bzw. Abhängigkeit kommen kann (Alsen-Hinrichs 1993). Betont werden muss in diesem Zusammenhang aber auch, dass das seelische Befinden der Konsumenten von ihrer sozialen Umwelt beeinflusst wird. Aber auch die kulturelle Stellung und Akzeptanz der Droge beeinflussen, wenn auch nur mittelbar, ihre psychopharmakologische und psychomimetische Wirkung. Das Leistungs- und Zweckdenken und auch der naturwissenschaftliche Fortschritt ließen sich in der westlichen Welt schlecht mit einer Droge in Verbindung bringen, die die Herrschenden als „anarchisch“ oder „mystisch“ einstuften. „Rausch“ und „Ekstase“ wurden hier schon früh als Symptome der Flucht und Selbstaufgabe betrachtet.
In seinem Beitrag „Über einige ethnosoziologische Aspekte des Drogenkonsums in der Alten und Neuen Welt“ machte der Soziologe René König in den achtziger Jahren darauf aufmerksam, dass der, der die andere Welt gesehen hat, zu oft an der Rückkehr in die profane Welt zerbricht (vgl. König 1982: 27). Bezogen auf den Konsum von Hanf könnte man auch sagen, dass die rauschhafte Ich-Entgrenzung im Okzident schnell auf die rationalen Grenzen der profanen Welt stieß, woraus allzu oft erschreckende Ernüchterung resultierte. Die orientalischen Kulturen standen Rausch und Ekstase dagegen generell unbefangener gegenüber, da das Denken und Handeln der Menschen dort nicht vom rational-nüchternen Denken durchdrungen war. Soweit der Konsum von Hanf erlaubt war, musste man auch weniger Angst vor äußeren Sanktionen haben und konnte den Rausch im Sinne einer selbsttranszendenten Erfahrung auch nachhaltig positiv erleben (vgl. Bröckers 2002). Rudolf Gelpke betont in diesem Zusammenhang, dass die westliche Zivilisation der mystischen Seinshaltung der Ekstatiker und Berauschten kein Verständnis entgegenbringt, die Gefährlichkeit des Rausches zuweilen übertreibt und nur das Leistungs- und Zweckdenken sowie den naturwissenschaftlichen Fortschritt anerkennt. Dies lässt sich auf viele Epochen der abendländischen Kultur übertragen, wo bis heute große Teile der Gesellschaft dem Konsum von Cannabis noch immer äußerst skeptisch bis negativ gegenüberstehen. Dagegen gehörte der Rausch im Orient schon früh zum Ideal der mystischen Weltüberwindung, ließen sich mit ihm doch die Grenzen von Raum und Zeit sinnlich überschreiten. Zudem hatte er eine stärkere Beziehung zur schöpferischen Phantasie, Meditation und Inspiration, was
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ebenfalls für seinen stärkeren Konsum im orientalischen Kulturkreis spricht (Gelpke 1982: 135ff.).
Hanf fungierte im Orient zudem als Mittel der subkulturellen Kohäsion, da man Arbeit nicht als individuelle Verrichtung betrachtete, sondern als ein kollektives Unternehmen, bei dem Gemeinschaftsrituale eine zentrale Rolle spielten. Die Droge wurde daher auch als „Energizer“ und „Euphorikum“ eingesetzt, da man davon ausging, dass sie die menschliche Leistungsfähigkeit steigert und die atmosphärische Teilhabe fördert. Als soziales Integrationsmedium stand sie damit im Zentrum einer alltäglichen identitätsstiftenden Praxis, die konformes Verhalten förderte und die Überlebenskultur der Unterschichten stärkte (vgl. Tanner 2001).
Dennoch gab es in der Geschichte des Orients auch immer wieder Tendenzen, den Konsum von Hanf zu verbieten, da sein arbeitsbezogener Gebrauch in den Augen der Herrschenden Ausdruck eines niederen sozialen Status war, was sich auch auf seine gesellschaftliche Bedeutung und Anerkennung auswirkte. In diesem Sinne betrachtete man seinen Konsum nicht als Folge des sozialen Elends der unteren Schichten, sondern als dessen Ursache. Die Menschen rauchten in den Augen der Herrschenden nicht Cannabis, weil sie arm waren, sondern sie wurden arm, weil sie zu viel rauchten. Die tiefer liegenden Ursachen eines solchen Handelns klammerte man dabei jedoch aus (vgl. Spode 1993).
Einige religiöse Herrscher im mittelalterlichen Orient gingen sogar mit drakonischen Mitteln gegen den Konsum von Hanf vor. So kam es u. a. Mitte des 13. Jahrhunderts in Ägypten zu einem lang andauernden Krieg gegen den angeblichen Hanfmissbrauch der Bevölkerung. In Kairo, so berichten die Quellen, wurden Hanfanpflanzungen vollkommen zerstört, wobei sich die Herrschenden nicht scheuten, Haschischkonsumenten zu foltern oder sogar zu ermorden. Doch selbst solch Maßnahmen, die örtlich und zeitlich begrenzt waren und sich nicht auf den gesamten Orient beziehen lassen, konnten den Siegeszug des Hanfs im Morgenland nicht aufhalten (vgl. dazu u. a. v. Cranach 1982; Herer 1997)
Ganz anders stellt sich der Umgang mit Hanf im mittelalterlichen Europa dar, denn hier hatte vor allem der Klerus arge Bedenken gegen seinen Gebrauch. Im 12. Jahrhundert in Spanien und im 13. Jahrhundert in Frankreich ging die Inquisition energisch gegen Hanfkonsumenten vor. Einzig das Trinken von Alkohol blieb bis zu einer gewissen Grenze legal. Wer aber - aus
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Dr. Burkhard Kastenbutt, 2010, Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident, München, GRIN Verlag GmbH
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