Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation 3
3. Fragile Koalitionsregierungen und Reichstagswahlen als Gradmesser 7
4. Von Ebert zu Hindenburg 12
5. Kultur und Medien der „Goldenen Zwanziger“ 16
6. Fazit. 20
7. Bibliographie. 21
2
1. Einleitung
Nach den anfänglichen Krisenjahren der Weimarer Republik bis 1923 schien der junge Staat, bei einer flüchtigen Betrachtung der Jahre zwischen 1924 und 1929, eine konsequente Stabilisierungsphase zu durchlaufen. Die von breiten gesellschaftlichen Kreisen nur dürftig gewürdigten außenpolitischen Erfolge Gustav Stresemanns, dadurch nachlassender internationaler Druck, eine kulturelle Blüte und eine vorangekommene Konsolidierung der innerstaatlichen Verhältnisse lassen diesen Eindruck entstehen. In einer vertieften Auseinandersetzung wird jedoch deutlich, dass diese Erfolge in ihrer Strahlkraft wirtschaftliche, gesellschaftliche und innenpolitische Problematiken überschatteten. Demnach scheint eine Stabilisierungstendenz zwar zuzutreffen, doch geschah sie auf diffuser und angreifbarer Basis und war nur von rudimentär-oberflächlichem Charakter. Demzufolge muss viel mehr von einer „relativen Stabilisierung“ 1 gesprochen werden. Neben Stimmen, die die besagte Zeitspanne als „relative Normalität“ 2 eingerahmt von permanenten Krisen sehen, sprechen deutsche Historiker wie Rudolf Morsey in diesem Zusammenhang auch von einer „Instabilitätsrepublik“, Michael Stürmer nennt die Jahre eine „Geschichte des Versagens“. 3 Im Zuge dieser Arbeit möchte der Autor die besagte „Stabilisierungsfassade“ der Weimarer Republik in ihren mittleren Jahren dekonstruieren, indem er versucht erhebliche republikanische Konsolidierungsdefizite in Wirtschaft, Gesellschaft, Innenpolitik und Kultur aufzuzeigen. Er ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.
2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation
Der verklärte Blick auf die Jahre zwischen 1924 und ´29 entstand vor allem durch die positiven Zwischenstationen in der Außenpolitik hinsichtlich der Reparationsfrage und den avantgardistischen Tendenzen in Kunst und Kultur, die sich in der prägenden Wortschöpfung der „Goldenen Zwanziger“ widerspiegelten. Betrachtet man die wirtschafts- und finanzpolitische Konjunktur jener Jahre nach der vorläufigen Beendigung der innerstaatlichen
1 Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 16), München 2000, S. 72 f.
2 Wolfgang Hardtwig, Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit, in: Wolfgan Hardtwig (Hrsg.),
Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918 - 1939 (Geschichte und Gesellschaft 21), Göttingen
2005.
3 Kolb, Republik, S. 72 f.
3
Aufruhr und Inflation, fällt ein Urteil darüber weit weniger zusagend aus, da zwar eine relative wirtschaftliche Stabilisierung festzustellen ist, sich dieser ökonomische Aufschwung aber sehr gedämpft und äußerst dezent vollzog. 4
Nach der Überwindung der massiven Geldentwertung von 1923, über die Autor Stefan Zweig rückblickend bemerkte, dass „nichts das deutsche Volk so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif gemacht [hat] wie die Inflation“ 5 , galt die doppelte Hauptaufgabe der Regierungskabinette darin, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Hyperinflation zu bereinigen und die Basis für einen wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen. Neben der festen Einführung der zu 40 Prozent durch Gold und Devisen gedeckten Reichsmark im August 1924, einer sparsamen Haushaltsführung und der nun vom Regierungskabinett independenten Reichsbank, 6 bildete die vorerst episodenhafte Klärung der Reparationsproblematik am 16. August 1924 in Form des so genannten Dawes-Plans einen wichtigen Schritt für eine wirtschaftliche und finanzpolitische Entspannung. Doch resultierten aus derselben Initiative sowohl positive als auch negative innerstaatliche Konsequenzen. 7 Nachdem die Reparationszahlungen mit dem Dawes-Plan der ökonomischen Kapazität entsprechend angeglichen wurden und zugleich eine die deutsche Ökonomie akzelerierende internationale Anleihe bewilligt wurde, wirkten die Reparationszahlungen, vorerst jährlichmaximal vereinbarte 2,5 Milliarden Rentenmark, zwar immer noch als große Last, doch animierten einsetzende ausländische Finanzströme Rationalisierungs- und Investitionsvorgänge hinsichtlich einer wirtschaftlichen Konjunktursteigerung. 8
Neben ausländischen vor allem aus den USA stammenden Kapitalinvestitionen verwickelte sich Deutschland daraufhin auch durch die Angewohnheit die Reparationen vornehmlich auf amerikanischer Kreditbasis zu finanzieren in die Vorgänge des dortigen Finanzmarktes. Das rechte Spektrum, das sich in seiner Agitation offensiv gegen die überseeische Subventionsinitiative richtete, und auch die Tatsache, dass die Reparationsproblematik die innenpolitischen Debatten auf Kosten anderer politischer Sachverhalte weiterhin dominierte, problematisierte den Dawes-Plan, der die diplomatischen Beziehungen zu den ehemaligen Gegnern freilich entschärfte und stabilisierte, aber keine Gewährleistung sowohl für eine
4 Ulrich Kluge, Die Weimarer Republik, Paderborn 2006, S. 113 f.
5 Ralf Berhorst, Die Stunde der Spekulanten, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27, S.88-99.
6 Berhorst, Spekulanten, S.88-99.
7 Gerd Meyer, Die Reparationspolitik. Ihre außen- und innenpolitischen Rückwirkungen, in: Karl Dietrich
Bracher/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Die Weimarer Republik. 1918-1933. Politik. Wirtschaft. Gesellschaft
(Bonner Schriften zur Politik und Zeitgeschichte 22), Düsseldorf 1987.
8 Kluge, Weimarer Republik, S. 113 ff.
4
dauerhafte wirtschaftliche Prosperität als auch für eine beständige ökonomische Stabilität war. 9
Im gleichen Moment kam es zwar zu einer Senkung der Arbeitlosenquote von 30 Prozent im dritten Quartal des Jahres 1923 auf 11 Prozent im Jahr 1924, welche in den folgenden Jahren jedoch nicht unter acht Prozent sinken konnte, woraus im gesamten Jahrfünft von 1924 bis 1929 eine hohe Sockelarbeitslosigkeit von 2 Millionen Personen resultierte. 10 Grund waren die durch Rationalisierungs- und Modernisierungsmaßnahmen 11 seitens der Industrie geschaffenen Überkapazitäten, die zwar die Konjunktur zu steigern vermochten, aber auf welche mit „Produktionsdrosselung und Personalabbau sozial verantwortungslos reagiert wurde.“ 12 Im Konjunkturhoch wurde das Personal schrittweise abgebaut, vor allem Büroangestellte aus dem technischen und kaufmännischen Bereich und Freiberufler waren die Leidtragenden der Rationalisierungsfolgen. Während viele Jugendlichen aus den geburtenstarken Vorkriegsjahrgängen unabhängig von ihrem Bildungsgrad mit der verringerten Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen hatten, verlor im vierten Quartal von 1925 in Folge der so genannten „Reinigungskrise“, einem vorübergehenden Konjunkturtief, jeder vierte gewerkschaftlich organisierte Arbeiter temporär seine Anstellung. Das im April 1927 im Reichstag verabschiedete „Arbeitszeitnotgesetz“ und weitere sozialpolitische Abbautendenzen verschärften das Konfliktpotenzial zwischen
Gewerkschaften und Unternehmensverbänden, was wiederum nicht förderlich für das Ansehen der jungen Republik war. 13
Noch bevor die Weltwirtschaftskrise 1929 den unmittelbaren Anfang des Endes einleitete, waren bereits in den Jahren zuvor „nationale Krisensymptome“ in Form einer Marktschwäche und einer Verlahmung der Konjunktur bemerkbar. So kam es zu einer „strukturellen Verlangsamung“ in der Schwerindustrie und aufgrund des Preissturzes von agrarischen Waren zu einem anhaltenden Innovationsstillstand im landwirtschaftlichen Sektor. Im Gegensatz dazu brachten unter anderem die „neuen“ Industriezweige Chemie, Elektrotechnik, Optik, Maschinenbau und Textilverarbeitung eine Konjunktursteigerung und Wachstumsraten. 14 Obschon aber selbst im Jahre 1928 mit einem konjunkturellen Gesamtniveau von 95 Prozent noch nicht jenes des Vorkriegsstandard von 1913 erreicht
9 Ebd.
10 Jost Hermand/Frank Trommler, Die Kultur der Weimarer Republik, München 1978, S. 26 f.
11 Christiane Koch, Arme Zeiten - Heiße Stimmung. Alltag der zwanziger Jahre, in: Die wilden Zwanziger,
Berlin 1986, S. 33 f.
12 Kluge, Weimarer Republik, S. 156.
13 Ebd., S. 207 ff.
14 Ebd., S.199 f.
5
worden war 15 , konnte sich die Weimarer Republik mit ihren Produktionskapazitäten weltweit auf Rang zwei direkt hinter der industriellen Güterproduktion der USA positionieren. Ein fader Beigeschmack dieser Entwicklung war die dazu parallel verlaufende Monopolisierungstendenz, da sich im Jahre 1927 65 Prozent des gesamten Aktienkapitals der Weimarer Republik in der Hand von Konzernen, Kartellen oder Trusts befanden, wie etwa die 1925 gegründete IG Farben im chemischen Bereich oder die sich 1926 zusammengeschlossenen Vereinigten Stahlwerke im Metallgewerbe. 16 Im Bezug auf das konjunkturbedingte allgemeine Konsumverhalten als Indikator für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität ist zu sagen, dass bis 1923 eine Phase des „eingeschränkten Konsums“ feststellbar ist, während sich im Jahrfünft von 1924 bis 1929 eine Phase „vermehrten Konsums“ mit einer leichten Verschiebung von Grundausgaben zu Wohlstandsausgaben zeigte. Grund dieser Entwicklung war neben der Konjunktursteigerung auch „technische Rationalisierungen, Massenproduktionen und neue Formen der Distribution von Massengütern.“ 17
Obwohl 1928 ein konjunktureller Abschwung zu verzeichnen war, 18 schien die Gesamtsituation auf eine weitere Konsolidierung und Stabilisierungsphase entgegen zu gehen. Ein Jahr später sollte aber durch die starke Dependenz zum us-amerikanischen Finanz- und Wirtschaftsmarkt ein verhängnisvoller Absturz folgen. Nach dem enormen Export von nordamerikanischem Kapital während der 20er Jahre Richtung Europa kam es durch den am 24. Oktober 1929 stattfindenden Kurssturz an der New Yorker Wall Street zu einem abrupten Ende dieses vor allem für die Weimarer Republik wichtigen Finanzflusses. Die geborgte Prosperität auf der die deutsche Konjunktur basierte raste talwärts, da es neben dem Wegfall der us-amerikanischen Kredite und dem Abzug der bisher getätigten Kapitalinvestitionen zurück Richtung USA 19 auch zu enormen Verluste durch den zwangsweise eingestellten Exporthandel kam. Mit der ökonomischen Hiobsbotschaft des Schwarzen Freitags wurde es offensichtlich, dass die zweite Phase der Weimarer Republik eine „Zeitspanne einer ökonomischen Scheinblüte auf unsicherer, überwiegend ausländischer Finanzbasis“ 20 war.
15 Ebd., S. 113 f.
16 Ebd., S. 118-123.
17 Kluge, Weimarer Republik, S. 140.
18 Carl-Ludwig Holtfrerich, Im Griff der Depression, in: Geo Epoche, Die Weimarer Republik (2007), Heft 27,
S. 158-161.
19 Holtfrerich, Depression, S. 158-161.
20 Kluge, Weimarer Republik, S. 113 f.
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Arbeit zitieren:
Hubert Feichter, 2008, Die Phase der relativen Stabilisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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