Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Traditionspsychologisch orientiertes Interpretationsmodell 6
3. Anthropomorphe Wassergeister. 8
4. Theriomorphe Erscheinungen 13
5. Maritimer Raum und Meerwunder. 16
6. Fazit. 21
7. Bibliographie. 22
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1. Einleitung
Es lässt sich wohl schwerlich ein Kulturkreis rund um den Globus finden, welchem jegliche Vorstellung von dämonischen Wesen unbekannt ist, um etwa Nebelhaftes oder Unbegreifliches in der menschlichen Lebenswirklichkeit verständlich zu machen oder die Welt ringsum zu erfassen. 1 Insofern war das Aufkommen dämonischer Vorstellungswelten nach Sigmund Freud der erste menschliche Verdienst in theoretischer Hinsicht. 2 Als ubiquitär-geistige Realitäten und Abbildungsflächen von emotional-menschlichen Elementen wie Erfahrungen, Furcht oder Zuversicht einerseits, kollektiven Wertesystemen, sozialen Gefügen oder jeweiligen Erkenntnisstand andererseits, unterliegen dämonische Wesen einer fortdauernden Modellierung 3 in den Gesellschaften, in welchen sie generiert werden. „Die Unbestimmtheit und Flüchtigkeit ihres Wesens, der Wandlungsreichtum ihrer Gestalt und die Ambivalenz ihres Charakters“ 4 ergeben diffuse Konturen und problematisieren damit ihre Wesenbestimmung. 5 „Dämonen sind Glaubensgestalten und Erzählgestalten zugleich, Phänomene des Volksglaubens, die sich in der Volkserzählung konkretisieren.“ 6 In solchen Vorstellungen spiegelt sich aber nicht nur das Bestreben der Gesellschaft wieder das Unbekannte und die sie umgebende Welt zu erklären, sondern auch das Vorhaben diese durch in bestimmten Milieus entstandenen und dort tradierten Anweisungen zu kontrollieren. Etwa im richtigen Umgang mit den schon in frühen Vorstellungswelten existenten und auf der kulturanthropologischen Animismuskonzeption beruhenden Elementargeistern, die als elementare Versinnbildlichungen in der beseelt gedachten Natur scheinbar Abläufe und Geschehen bestimmten. 7 Das dämonische Wesen nimmt damit eine zentrale Schlüsselfunktion und Mittlerrolle zwischen den Bereichen Natur und Kultur ein. 8
Eine Mittlerrolle nahmen die „Daimones“, das so viel bedeutet wie „Verteiler oder Zuteiler des Schicksals“ 9 , auch in der Systematik antiker griechischer Gelehrter ein, welche sie etwa
1 Leander Petzoldt, Das Universum der Dämonen und die Welt des ausgehenden Mittelalters, in: Ulrich
Müller/Werner Wunderlich (Hrsg.), Dämonen. Monster. Fabelwesen (Mittelaltermythen 2), St. Gallen-
Innsbruck-Konstanz 1999, S. 39.
2 Ebd., S. 41.
3 Leander Petzoldt, Kleines Lexikon der Dämonen und Elementargeister, München ³ 2003, S. 5 f.
4 Ebd.
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Petzoldt, Lexikon, S. 7f.
8 Leander Petzoldt, Dämonenfurcht und Gottvertrauen. Zur Geschichte und Erforschung unserer Volkssagen,
Darmstadt 1989, S. 132f.
9 Werner Wunderlich, Dämonen, Monster, Fabelwesen. Eine kleine Einführung in die Mythen und Typen
phantastischer Geschöpfe, in: Ulrich Müller/Werner Wunderlich (Hrsg.), Dämonen. Monster. Fabelwesen
(Mittelaltermythen 2), St. Gallen-Innsbruck-Konstanz 1999, S. 18 ff.
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wie Plutarch oder Hesiod 10 als Verbindung zwischen den hierarchisch gegliederten Bezugspunkten Gott und Mensch integrierten. Als Geschöpfe mit originär neutraler und unpersönlicher Konnotation agierten sie nicht nur als hyperphysisches Bindeglied zwischen den beiden genannten Polen, sondern wurden in ihrem engen Bezug zu Menschen auch mit Protektions- und diversen weiteren Kompensationsfunktionen in Verbindung gebracht. Auf die Verbreitung von dämonischen Vorstellungswelten in Schrift und Wort, in Form von intellektueller Literatur und Volkserzählung, trifft man aber nicht nur in der Antike, sondern auch im mittelalterlichen Zeitalter, in welchem die wundersamen Wesen undifferenziert neben nicht fiktiven Naturgeschöpfen als Teil des göttlichen Heilsplans betrachtet wurden. Seien es auf Analogiedenken basierende Kreaturen der Scholastik, die im Volksglauben existierende Geschöpfe oder die an Gebäuden und Inneneinrichtung angebrachten und in Bestiarien und Chroniken bildhaft beschriebenen Mischwesen, sie alle belegen die Imaginationskraft jener Zeit. 11
Als kontinuierlich auftretende Problematik erschwerte aber auch in der Neuzeit die im Volksglauben aus Fluktuation und Individualität hervorgerufene Vielfalt von dämonischen Gestalten eine Systematisierung.
Durch verschiedene Klassifizierungssysteme versuchten ab dem 15. Jahrhundert trotz der genannten Problematik Gelehrte die Gestalten in so genannten Dämonologien in einen durchdachten Rahmen zu fassen. Sie koordinierten in diesem Bedeutungsfeld weniger im Volksglauben vorhandene Dämonen, sondern generierten anhand spätantiker Dämonologien fabulöse Gestalten der vorwissenschaftlich-spekulativen Naturphilosophie. 12 In den Werken „Chronologia mystica“ und „Liber octo questionum“ setzte sich beispielsweise Johannes Trithemius, Abt von Sponheim mit verschiedenen für seine Systematik wichtigen dämonologischen Grundsatzfragen wie die von ihm vermuteten Dämonendynastien auseinander. Getragen wurden seine Überlegungen dabei nicht nur von neuplatonischen 13 Gedankengut, sondern auch von der in der Diabolisierungstradition der Spätantike und des Mittelalters stehenden Vorstellung, dass Dämonen die Nachfahren der in Verbindung mit den Menschen getretenen abgestürzten Engeln nach dem Buche Genesis seien. Auf dieser Basis, ersann Trithemius ein Lehrgebäude, nach welchem den jeweiligen „Geschlechtern der Teufel“ ein Element zugewiesen wurde. Neben den feurigen als erstes , den luftigen als zweites, den
10 Ebd.
11 Ebd., S.14-17.
12 Petzoldt, Welt des ausgehenden Mittelalters, S. 51.
13 Sepp Domandl, Paracelsus - die Bedeutung seiner Philosophie für unsere Gegenwart, in: Sepp Domandl
(Hrsg.), Paracelsus und sein dämonengläubiges Jahrhundet (Salzburger Beiträge zur Paracelsusforschung 26),
Wien 1988, S. 68f..
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irdischen als drittes und den unterirdischen als fünftes Teufelsgeschlecht machte er als viertes dämonisches Kollektiv das so genannte „Aquaticum“ aus, welches er wie folgt beschrieb:
„Das viert Geschlecht und Art der Teufel heißt man Aquaticum, das ist darum, daß sie gern um die Wasser wohnen. Ist ein bös und zörnig, unruhig, betrogenes Geschlecht der Teufel, erweckt auf dem Meer allerlei Ungewitter, versenkt die Schiff in die Tiefe, ertränkt viele Menschen […]“ 14
An einer Verständigung der christlichen Glaubensvorstellungen und der antiken Dämonen-und Elementarlehre versuchte sich der am Anfang des 16. Jahrhundert lebende Gelehrte Agrippa von Nettesheim in seiner dämonologischen Systematik, die er in seinem Werk „De occulta Philosophia“ fundierte. Neben einer großen Anzahl von Dämonen, die er in einem bestimmten Umfeld und Milieu platziert, nennt er auch übernatürliche Wesen, die im Bezug zum Wasser stehen. So siedelte er etwa die aus der griechischen Mythologie bekannten Najaden bei Quellen und Potamiden bei Flüssen an, Nymphen im Ambiente von Seen und anderen Binnengewässern. Agrippa geht bei seinen Ausführungen auch auf das physische Erscheinungsbild seines Dämonenspektrums ein 15 und kommt im Bezug auf die Wassergeister zum Schluss, dass diese aus einem Mischverhältnis von Feuer, Luft und ein wenig Wasser bestehen. Im Gegensatz zu den feurigen und luftigen Geistern, die sich in transformatorischer Hinsicht nur durch ihre eigene Imaginationsgabe begrenzen, nehmen „Wassergeister, welche die feuchte Oberfläche der Erde bewohnen, […] in Folge der Weichheit ihres Elements gemeiniglich die Form weiblicher Wesen an, wie die der Najaden […].“
Neben solchen Versuchen das dämonische Spektrum zu koordinieren, treten Wassergeister vor allem in der Vorstellungswelt des Volksglaubens unter anderem als „psychische Realitäten und Projektionen menschlicher Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen“ 16 in Erscheinung. Obwohl die Verbreitung ihrer Sagen keine einheitlichdurchgängige Dichte aufweißt, ist festzustellen, dass in der Oberpfalz, Schlesien und in mittelhochdeutschen Arealen im Vergleich zu anderen Regionen eine erhöhte Zahl von Erzählungen und Schilderungen über Wassergeister zu finden ist. 17
14 Petzoldt, Welt des ausgehenden Mittelalters, S. 45.
15 Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Zur Geister- und Dämonenlehre des Agrippa von Nettesheim, in: Sepp Domandl
(Hrsg.), Paracelsus und sein dämonengläubiges Jahrhundet (Salzburger Beiträge zur Paracelsusforschung 26),
Wien 1988, S. 16-23.
16 Petzoldt, Welt des ausgehenden Mittelalters, S. 51f.
17 Leander Petzoldt, Einführung in die Sagenforschung, Konstanz ³ 2002, S. 126 - 130.
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Wasserdämonen werden im und in direkter Nähe zum Wasser angesiedelt oder stehen damit in etwaigem Konnex. So leben zu den Naturdämonen zu zählende Wassergeister, der Imaginationswelt des Volksglaubens nach, etwa in Brunnen und bei Quellen, in Tümpeln, Weihern und Teichen; in Bächen, Flüssen, Seen, weiteren Binnengewässern und Meeren. Neben dem männlichen und weiblichen Geschlecht, existieren im großen Spektrum der Wassergeister sowohl anthropomorphe als auch theriomorphe bis hin zu teratologischen und zoomorphen Erscheinungsformen. Namen wie Vodyaniye, Brunnemutter, Meerjungfrau, Tritonen, Nöck, Hakelnixe, Kelpies, Wasserfrauen, Brückenmann oder Wassermuhme, um nur einige zu nennen, unterstreichen ihren vielfältigen und polymorphen Ausdruck im Volksglauben, wobei im Bezug zu den jeweiligen Landstrichen sowohl Denotation als auch Konnotation differieren kann. 18 Aufgrund der also auch bei Wassergeistern vorhandenen vielfältigen Erscheinungsformen und der damit verbunden Problematik für eine kategoriale Systematik, möchte der Autor durch seine Auswahl und seine Untersuchungen im Rahmen dieser Seminararbeit vorwiegend einen thematischen Bereich konturieren 19 und deshalb primär dementsprechende Aspekte beleuchten. Er ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.
2. Traditionspsychologisch orientiertes Interpretationsmodell
Naturdämonen gelten zwar als imposante Figuren des Volksglaubens, werfen aber im selben Moment starke Deutungsproblematiken auf; 20 wobei im Zentrum dämonischer Sagen entweder menschliche Akteure, die sich hyperphysische Potenz nutzbar machen, oder „dämonische Wesen, denen übernatürliches Wissen oder ebensolche Kräfte nachgesagt werden“, agieren. 21
Die skandinavischen Folkloristen Carl Wilhelm von Sydow und Albert Nilsson unterstrichen dabei in ihren Überlegungen die Bedeutung von psychologischen und emotionalen Elementen bei der Bildung von Volksglaubensvorstellungen und davon abhängigen Erzählungen. Der involvierte Akteur interpretiert demnach bestimmte Vorkommnisse im Rahmen einer in seinem gesellschaftlichen Umfeld und Milieu generierten und dort dominanten Interessensrichtung. Nilsson fasst diese Konstellation, die unter anderem von Faktoren wie
18 Ebd.
19 Wunderlich, Dämonen, S. 11.
20 Petzoldt, Dämonenfurcht, S. 99.
21 Ebd., S.97.
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Arbeit zitieren:
Hubert Feichter, 2007, Wassergeister und Meerwunder in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Überlieferung, München, GRIN Verlag GmbH
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