Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Kolonisierung des Kaps. 3
3. Britische Herrschaft, der „Große Treck“ und neue Impulse 7
4. Entwicklungen in Wirtschaft, Stadt und Land bis zur Wende 9
5. Die Wende. 13
6. Der ökonomische Wandel: Urbanisierung und Industrialisierung 17
7. Fazit. 25
8. Bibliographie. 26
2
1. Einleitung
Südafrika, das Land am Kap, hat sich bis heute zur größten Wirtschafts- und Finanzmacht Afrikas entwickelt. Mit einer Bevölkerung von fast 49 Millionen 1 und 40 Prozent der gesamtafrikanischen Industrieproduktion, entspricht sein Bruttoinlandsprodukt 25 Prozent sämtlicher afrikanischer Wirtschaftsleistung. So erbringt etwa nur die südafrikanische Provinz Gauteng mit dem Verwaltungszentrum Johannesburg allein, eine größere Wirtschaftsleitung als jeder andere afrikanische Staat.
In einer solchen wirtschaftlich positiven und prosperierenden Situation befand sich Südafrika aber nicht immer. Lange Zeit konnte sich das Gebiet nicht aus der Rolle einer Kolonialwirtschaft lösen. Die Folge war, dass Südafrika im Vergleich zu anderen Ländern relativ spät industrialisiert wurde.
Der Weg dorthin soll mit der vorliegenden Arbeit nachgezeichnet werden. Zudem werden zentrale Aspekte und Knotenpunkte dieser Entwicklung, ab der Gründung der Kapprovinz bis zu den Anfängen der südafrikanischen Industrialisierung, näher untersucht. Besonders in Anbetracht des Seminartitels „Ohne Urbanisierung keine Industrialisierung“ soll der daraus resultierenden Frage nach dem Gewicht des Urbanisierungsfaktors in der Industrialisierung Südafrikas besonderes Augenmerk geschenkt werden. Der Autor ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.
2. Die Kolonisierung des Kaps
Als die holländische Ostindiengesellschaft am 6. April 1652 mit drei Schiffen unter dem Oberbefehl von Jan van Riebeeck an der afrikanischen Südspitze vor Anker ging, um eine Versorgungsstation in Form eines Forts und einer Nahrungsmittelfarm zu gründen, hatte dieser Schritt vor allem praktische und organisatorische Gründe. Die gegründete Niederlassung sollte dazu dienen Schiffe der holländischen Handelsgesellschaft auf halbem Wege der sechsmonatigen Reise von Holland zur südostasiatischen Niederlassung in Batavia 2 mit Proviant zu versorgen. 3 Weiters konnten Schiffsreparaturen durchgeführt und Kranke zurückgelassen werden. Das Fort sollte die Niederlassung vor möglichen Attacken französischer und britischer Handelskonkurrenten schützen. 4
1 Stand 2008
2 Jakarta, heutige Hauptstadt Indonesiens
3 Helmut Bley/Uta Lehmann-Grube, Sklaverei in Südafrika, 20.09.2006, [http://www.lwg.uni-
hannover.de/wiki/Sklaverei_in_S%C3%BCdafrika], 14.12.2008.
4 Desmond Hobart Houghton, The South African Economy, Kapstadt-London-New York 1964, S. 1-24.
3
In kurzer Zeit bildete sich aus der an einer strategisch wichtigen Position gelegenen Niederlassung die Stadt Kapstadt als erste permanente europäische Ansiedlung im Gebiet Südafrikas. Die holländische Ostindiendiengesellschaft versuchte es in den folgenden Jahrzehnten aber vehement zu vermeiden, dass daraus eine Siedlungskolonie mit autonomen europäischen Siedlern entstand. Über die strikte Beschränkung der Mitarbeiter auf Tätigkeiten der Schiffsversorgung versuchte man dieser Absicht nachzukommen. Ein Siedlungsvorstoß in das Landesinnere sollte aufgrund von möglichen Konflikten mit indigenen Stämmen, wie etwa den von den Europäern Hottentotten genannten Khoikhois, und der daraus anfallenden Kostenintensität ausdrücklich verhindert werden. 5
Das Konzept der Handelsgesellschaft ging aber nicht auf und wurde schnell brüchig. Eine Siedlungstätigkeit begann bereits im Jahre 1657 als neun ehemalige Gesellschaftsangestellte mit ihren Familien als freie „Burgher“ 6 auf mehreren kleineren Farmen angesiedelt wurden, wobei die holländische Handelsorganisation auch weiterhin versuchte sie unter ihrer Aufsicht zu halten. Diese Kontroll-Mechanismen waren aber langfristig zu schwach und die aus der Monopolgesellschaft erwachsenen Zwänge zu stark, um die neu ankommenden Siedler unmittelbar an die Handelsgesellschaft zu binden. Viele suchten ihr Glück am nahe gelegenen Tafelberg und versuchten aus einer autonomen Position heraus der Nachfrage des verhältnismäßig kleinen Kapstädter Marktes nachzukommen. Zumeist war man aufgrund des kleinen Marktes nur darauf ausgerichtet eine geringe Überproduktion zu erwirtschaften, um in wirtschaftlich schlechteren Zeiten ohne Abnehmer auf Subsistenzwirtschaft umstellen zu können. Im Jahre 1688 wuchs die Kolonie um 200 aus Frankreich geflohenen Hugenotten, welche neue Fertigkeiten, wie etwa den Weinanbau, mitbrachten. 7 Aus dem Anwachsen des Stützpunktes und des Siedlungsgebietes erwuchs ein Arbeitskräftemangel. Der in Kapstadt anfallenden und in den neu geschaffenen Farmbetrieben entstandenen Arbeit wurde deshalb vielfach mit einem System der Sklaverei begegnet, die sich im 17. Jahrhundert etablierte.
Obwohl die indigene Bevölkerung der Khoikhoi, die sich unter anderem weigerten mit den Weißen Handel zu treiben, 8 durch den baldigen gewaltsamen Expansionsdrang der Siedler entweder zurückgedrängt wurden oder in ein totales Abhängigkeitsverhältnis gerieten 9 , wodurch neue Arbeitskräfte requiriert werden konnten, war die holländische
5 Bley/Lehmann-Grube, Sklaverei, 14.12.2008.
6 burisch für Bürger
7 M.F. Katzen, White settlers and the origin of a new society. 1652-1778, in: Monica Wilson/Leonard Thompson
(Hrsg.), The Oxford History of South Africa I. South Africa to 1870, Oxford- Kapstadt-New York 1969, S.196.
8 Houghton, Economy, S. 1-24.
9 Stephan Raabe, Die Geschichte Südafrikas von 1652 bis 1978 im Überblick, in: Hanns W. Maul (Hrsg.),
Südafrika. Politik - Gesellschaft - Wirtschaft vor dem Ende der Apartheid, Augsburg 1990, S.14.
4
Ostindiengesellschaft dazu gezwungen Sklaven aus Madagaskar, Ostafrika, Indien und Indonesien zu importieren. 10 Während freie Bürger im Jahre 1672 offiziell nur 53 Sklaven besaßen, kurbelte die aus den zahlreichen landwirtschaftlichen Neugründungen entstandene Nachfrage den Import von Sklaven im Laufe der folgenden Jahrzehnten rasch an. Während die Handelsgesellschaft 1710 noch 440 Sklaven besaß, waren bereits 1711 1,781 Sklaven im Besitz von gerade mal 1,756 Weißen. Bis 1778 war die Zahl der Sklaven und ihrer Herren auf eine Gesamtzahl von 21.000 angewachsen. 11
Obgleich der Bestimmungen der Handelsgesellschaft das Siedlungsgebiet nicht zu erweitern, fanden wagemutige Siedler dafür allerdings hervorragende Bedingungen vor. Da die landwirtschaftlichen Anbau- und Weideflächen in der Tafelbucht um Kapstadt mit der Zeit immer knapper wurden 12 und die dort anfallende Arbeit zum Großteil durch Sklaven abgedeckt wurde, zog es einen zunehmenden Anteil von treckenden „Burghern“, die alsbald damit begannen sich als Buren oder Afrikaaner zu bezeichnen, ins Landesinnere. 13 Scheinbar freies Land war sowohl im Landesinneren als auch in den Küstenregionen in großer Menge vorhanden. Wo die Siedler auf Widerstand stießen, brachten europäische Feuerwaffen den entscheidenden Vorteil. Die Suche nach fruchtbarem Weideland führte die Siedler immer weiter nord- und ostwärts ins Landesinnere. Obwohl abgesehen von den Himmelsrichtungen gewisse Parallelen zur Art der Besiedlung in Nordamerika gegeben waren, gab es einen markanten Unterschied. Während in den nordamerikanischen Häfen permanent steigende Immigrantenwellen ankamen, blieben diese am Kap weitestgehend aus. Aus diesen Entwicklungen heraus verstreute sich die relativ kleine und langsam wachsende Anzahl an weißen südafrikanischer Siedlern über ein weitflächiges Gebiet. Außer in unmittelbarer Nähe zu Kapstadt stellte sich der Ackerbau aufgrund der zu großen Distanzen schnell als unrentabel heraus. Ergiebigere Landwirtschaftszweige in Gebieten fern der Hafenstadt waren die standortgebundene Rinderzucht und Viehhaltung als so genannter „veeboere“ und in einem zweiten Schritt die semi-nomadische Form davon als „trekboere“. 14 Nichtsdestotrotz blieb der Getreideanbau der größte Wirtschaftszweig, womit der stetig steigenden holländischen und internationalen Nachfrage des 17. Jahrhunderts versucht wurde nachzukommen. 15
10 Wikipedia, Kapstadt, 02.03.2008, [http://de.wikipedia.org/wiki/Kapstadt], 16.12.2008.
11 Katzen, White settlers, S.206.
12 Raabe, Geschichte, S.14.
13 Bley/Lehmann-Grube, Sklaverei, 14.12.2008.
14 Houghton, Economy, S. 1-24.
15 Katzen, White settlers, S.206.
5
Nicht einmal ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der Handelsniederlassung schien sich die Kapkolonie bereits in einer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation zu befinden. Während es nur einer sehr geringen Zahl von Europäern gelang Besitz und Wohlstand zu akkumulieren, litt die Landwirtschaft an mangelnden Absatzmöglichkeiten und die ökonomische Entwicklung an der Monopolstellung der Handelskompanie. Die Sklaverei wirkte zwar fördernd für eine immer noch an das Abgabemonopol der holländischen Ostindiengesellschaft gebundene extensive Wirtschaftsform, doch konnte durch die permanente Ausweitung der Siedlungs- und Farmlandsgebiete keine feste Grenze zum Hinterland gezogen werden. Ein weiteres schon seit Beginn der Siedlungstätigkeiten anzutreffendes Problem war der permanente Mangel an weißen Frauen. Schon 1679 transportierte man deshalb holländische Frauen nach Kapstadt, um den männlichen Überschuss auszugleichen. 16 Dieser stetige weiße Frauenmangel beförderte die Zahl der Beziehungen, die mit indigenen Frauen eingegangen wurden. Aus diesen Verbindungen erwuchsen zudem dynamische Folgen, die eine klare Trennung zwischen Europäern, freien Mischlingen, Afrikanern und bereits freigekauften Sklaven erschwerten und damit den vorherrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen der weißen Siedler zuwiderliefen. 17 Bereits seit Anfang des 18. Jahrhunderts machte man sich deshalb Gedanken, „ob nicht die gesamte soziale und ökonomische Struktur der Kolonie verändert werden müsse.“ 18 Eine Idee war etwa ein undurchführbarer Plan, welcher eine breite Wassersenke zwischen der europäischen Kapkolonie und dem übrigen südafrikanischen Gebieten vorsah, um dadurch eine klare ethnische und territoriale Abgrenzung zu erreichen. 19 1717 konnten sich die Kompanieräte in Kapstadt in einer Diskussion über die Zukunft der Kolonie und hinsichtlich der aus der Monopolökonomie und Sklavenwirtschaft resultierenden Probleme zwar dazu durchringen beim Kompaniehauptquartier in Holland über die reine Schiffsversorgung hinaus mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit bei Handelsunternehmungen mit afrikanischen Nachbarländern zu fordern, doch wurde das System der Sklavenwirtschaft auch weiterhin beibehalten. Polemische Argumente der Sklavereibefürworter, wie etwa, dass weiße Arbeitskräfte „zu faul, inkompetent, dem Alkohol ergeben und im übrigen zu teuer seien“ 20 standen dabei folgenden Überlegungen von Dominique de Chavonnes, Garnisonskommandant und Bruder des Gouverneurs, gegenüber. Er betonte, dass die Beschäftigung freier weißer Arbeiter zwar kostspieliger war, doch würden diese effizienter
16 Wikipedia, Buren, 09.03.2003, 16.12.2008, [http://de.wikipedia.org/wiki/Buren], 16.09.2008.
17 Bley/Lehmann-Grube, Sklaverei, 14.12.2008.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd.
6
und „produktiver sein, weil sie auf eigene Rechnung und für eigenes Interesse“ 21 arbeiten würden. Seinem Konzept nach könnte als Folge daraus die Tendenz zur „extensiven Landwirtschaft und Großbetrieben“ überwunden werden. Eine größere Anzahl von erwerbstätigen Handwerkern, Händlern und nachhaltig bewirtschafteten mittelgroßer Farmen würde zur Bildung eines regen Binnenhandels beitragen und damit auch die Attraktivität von Familiengründungen und die Einwanderung europäischer Frauen befördern. Diesem aufgeklärt-kapitalistischen Konzept und den vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Kolonie zum Trotz, entschied man sich aus kurzfristigen Kosteninteressen für die Beibehaltung der Sklaverei. 22
Das Bevölkerungswachstum der weißen Siedler ging auch weiterhin nur sehr langsam voran. 1740 machte die weiße Gesamtbevölkerung der Kapkolonie insgesamt 5,500 Kolonisten, davon 4.000 Buren in und um Kapstadt, 23 aus, von welchen 1,500 Beschäftigte der holländischen Ostindiengesellschaft samt Familien waren. 24
3. Britische Herrschaft, der „Große Treck“ und neue Impulse
Das auch im Handel nach Südostasien tätige Großbritannien unternahm schon während des vierten Englisch-Niederländischen Seekrieges, in welchem um die Kontrolle der gewinnbringenden Handelsseewege gestritten wurde, den Versuch die holländische Kolonie an der Südspitze Afrikas unter seine Kontrolle zu bringen. 25 Im Zuge der niederländischen Besetzung durch französische Revolutionstruppen im ersten Koalitionskrieg 1795, eroberten die Briten nach einer Rebellion von Buren gegen die VOC 26 im September desselben Jahres das Kap. 27 Nachdem das Gebiet ab 1803 in Folge des Friedens von Amiens zwischenzeitlich an die neu gegründete Batavische Republik „als Rechtsnachfolger der 1798 aufgelösten VOC“ 28 abgetreten wurde, annektierte Großbritannien die Kapkolonie schließlich mit der vermeintlichen Begründung, dass es dort bereits 1620 eine britische Siedlung gegeben habe. Mit dem Wiener Kongress wurde der Gebietsgewinn für die Briten offiziell. Die Niederlande erhielten als Kompensation die ehemaligen Österreichischen Niederlande. 29
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Wikipedia, Buren, 16.09.2008.
24 Houghton, Economy, S. 1-24.
25 Raabe, Geschichte, S. 15.
26 Vereenigde Oostindische Compagnie
27 Houghton, Economy, S. 1-24.
28 Wikipedia, Geschichte Südafrikas, 31.10.2003, [http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_S%C3%BCdafrikas],
09.08.2008.
29 Ebd.
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Hubert Feichter, 2008, Wirtschaftliche Entwicklung, Urbanisierung und Industrialisierung in Südafrika, München, GRIN Verlag GmbH
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