FACHHOCHSCHULE ERFURT
FACHBEREICH SOZIALWESEN
Soziale Bewegungen
Soziale Bewegungen in der DDR
Carsten Nöthling
1 Einleitung
In der Annahme, wenig Literatur zum Thema „soziale Bewegungen in der DDR“ zu finden, wollte ich im Referat exemplarisch die Offene Arbeit (OA) Erfurt als eine Gruppe sozialer Bewegung beschreiben. Dazu lagen eigene Erfahrungen, ein Aufsatz und andere Texte bereit. In der Recherche wurde ich auf weitere Literatur aufmerksam, die es ermöglichte einen breiteren Überblick über verschiedene Gruppen in der DDR zu geben. Das kollidierte mit der zeitlichen Komponente eines Referats. Ich habe mich dennoch entschieden diese Literatur einzuarbeiten, denn das traf das Thema soziale Bewegungen in der DDR besser. Insgesamt bleibt aus meiner Sicht die Geschichte der Gruppen in der DDR auch mit den vorhandenen Materialien wenig beleuchtet. Dies ist insbesondere dem Publikationsverbot und den über die ganze Epoche der DDR vorhandenen massiven Repressionen 1 gegen Akteurinnen geschuldet. Auffällig war, dass vorhandene Literatur oft unterschiedliche Aussagen zu gleichen Inhalten trifft. So differieren die Aussagen insbesondere aufgrund der Quellen, die einerseits Augenzeugen, Publikationen der Gruppen oder anderer Institutionen sind, andererseits Berichte des Ministeriums für Staatssicherheit, deren Aussagen nicht immer den Tatsachen entsprechen, sondern oft durch die Verfasser tendenziell gefärbt wurden.
Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, etwas mehr Licht in das Dunkel diesen Abschnitts junger (ost)deutscher Geschichte zu bringen und diese aus meiner Sicht wichtige Bewegung in der Diskussion zu behalten. In diesem Referat ist es möglich die damalige Situation zu umschreiben, einen Rahmen zu geben und bestimmte Punkte herauszuheben und anzureißen. Ich beleuchte einerseits das Feld, bzw. die Ausbreitung der verschiedenen Gruppen und Bewegungen und gebe andererseits am Beispiel der OA Erfurt einen tieferen Einblick in Inhalte und Arbeitsweisen. Neben der Rolle der Kirchen hätte es auch einer Erklärung der Rolle des Staates benötigt, auf die ich, wie auf anderes auch, aus Gründen des Umfangs verzichtet habe. Wenn ich in dieser Arbeit von Kirche spreche, so ist darunter in der Hauptsache die Evangelische zu verstehen, die solchen Bewegungen und den
1
Unter Repressionen des Staates können Verbot von Presse- und Meinungsfreiheit, Streikverbot, der Machtanspruch der SED, polizeiliche Zuführungen, zum Kriegsdienst einziehen (damit die Person ihrem Umfeld entzogen und an seinen Aktivitäten gehindert wird), kriminalisieren, Inhaftierungen, Arbeitsentlassungen, Abschiebungen u.v.a.m. gezählt werden.
damit verbundenen Ideen und Aktionen eher offen gegenüber stand. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich damit kategorisch die Initiativen der Katholischen Kirche ausschließen möchte. Festzustellen ist, dass sich die gebotenen Freiräume bei der Katholischen Kirche in kleinen Grenzen hielten. Ich verwende in dieser Arbeit das weibliche Geschlecht und möchte das männliche mit eingeschlossen wissen,
2 Definitionen und Vergleiche
Ingrid Mielenz (in Kreft/Mielenz, 1996, S.490) verbindet sozialpolitische Bewegungen und Gegenbewegungen mit dem Stichwort Selbsthilfe. Menschen setzen sich innerhalb dieser Bewegungen für neue Gestaltungs- und Partizipationsmöglichkeiten ein, um „überkommene, einschränkende, unzulängliche (öffentliche) Angebotsstrukturen“ abzulösen. Mit ähnlichen Strukturen sahen sich die Bürgerinnen der DDR konfrontiert. Ihnen fehlten Grundrechte 2 und gesellschaftspolitische Partizipationsmöglichkeiten. Ich gehe in dieser Aussage verallgemeinernd davon aus, dass diese Strukturen in stärkerer oder schwächerer Form über den gesamten Zeitraum, spätestens aber mit Mauerbau einsetzten und bis zum Ende der Ära der DDR in ähnlicher Weise bestanden oder sich verfestigten. Eine Reaktion von Teilen der Bevölkerung in der DDR war widerständiges Verhalten, dass ich als eine Grundlage für das Entstehen sozialer Bewegungen in der DDR verstehe.
Nach Joachim Raschke (1985, S.76-78) ist soziale Bewegung „ein mobilisierender kollektiver Akteur“, der „kontinuierlich [...] grundlegenderen sozialen Wandel“ anstrebt. Dies trifft für die Gruppen in der DDR insofern zu, als diese stetig in ihren spezifischen Problemfeldern 3 mit dem Ziel der Veränderung arbeiteten, nach demokratischen Grundformen strebten und letztlich durch diese Aktivitäten den Beginn eines gesellschaftspolitischen Wandels herbei führten. Lediglich die Organisations- und Aktionsformen sind im ganzen nicht so variabel, wie Raschke definiert. Dies bleibt den nicht vorhandenen demokratischen Grundstrukturen und der damit verbundenen Zuflucht unter kirchlichem Obdach geschuldet. Rollen
2
Versammlungsrecht, Streikrecht, freie Meinungsäußerung, freie Wahlen etc.
3 Frieden, Ökologie, Menschenrechte etc.
waren lediglich soweit festgeschrieben, wie sie in einem Gruppenprozess entstehen, es sei denn, die Kirche finanzierte einzelnen Gruppen Mitarbeiterinnen. Ein ausgeprägtes Wir-Gefühl entstand allein in der Haltung gegenüber dem Staat, der durch sein repressives Auftreten zur Verstärkung beitrug und natürlich in der gemeinsamen Bewältigung der inhaltlichen Arbeit.
3 soziale Bewegungen in der DDR
Soziale Bewegungen in der DDR müssen immer im Kontext der Staatsmacht (SED), Staatssicherheit und der Kirchen betrachtet werden. Ich möchte meinen, dass soziale Bewegung in der DDR immer gleichzusetzen war, mit oppositionellen Verhalten gegenüber dem Staat. Denn alle Strömungen außerhalb des politischen Leitbildes der SED wurden in irgendeiner Art und Weise sanktioniert. Dies musste automatisch zu einem Verhalten der Akteurinnen führen, die ihre Ideen und Aktivitäten zu schützten suchten. Dafür stellte in der Regel die Kirche Freiraum zur Verfügung. Gerechterweise muss auch darauf hingewiesen werden, dass viele Aktivitäten in voller Absicht außerhalb der Kirchen initiiert worden. Doch die Überlebenschancen waren bis kurz vor 1989 fast gleich Null. Insgesamt waren die beteiligten Menschen die eigentlichen Initiatoren des gesellschaftspolitischen Wandels Ende der achtziger Jahre.
Die Grenzen zwischen den Bewegungen in der DDR sind nicht scharf zu zeichnen. Es ist nicht immer möglich die Bewegungen, ob Friedens-, Öko-, oder Frauen-, voneinander abzugrenzen. Viele Gruppen waren inhaltlich nicht festgelegt. Die Bewegungen einte im groben eine ähnliche Einschätzung der politischen Situation in der DDR und das daraus resultierende oppositionelle Verhalten gegenüber dem Staat. Im Vergleich mit westlichen Bewegungen (E. Neubert in E. Kuhrt, 1999, S.27) war es Aufgabe der DDR-Bewegungen zunächst einmal unter ideologisch hoheitlichen Anspruch der SED den demokratischen Handlungsboden herzustellen, auf dem sich die Gruppen bewegen konnten 4 . Von Jugendbewegung wurde im alternativen Bereich der DDR nicht häufig gesprochen, da dieses Wort eher in Zusammenhang mit der staatlich legitimierten und organisierten Jugendbewegung, der FDJ 5 in Verbindung stand. Eine Studentenbewegung war ebenfalls so gut wie
4
wie bspw. Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit
5
Freie Deutsche Jugend
nicht auszumachen, da studieren in der DDR an bestimmte staatskonforme Verhaltenskodexe, wie bspw. möglichst 3 Jahre Wehrdienst geleistet zu haben, gebunden war. Eine Ausnahme bildeten Teile der kirchlichen Studentengemeinden.
Politische Situation in der DDR
Die Nachkriegsjahre galten dem Aufbau der DDR als sowjetisch besetztes Gebiet (SBZ), in dem vordergründig sowjetische Interessen in der Europapolitik, bzw. in der Politik des kalten Krieges durchgesetzt wurden. In einer tiefgreifenden Aktion wurden erste Anzeichen von gesellschaftspolitischen Partizipationswillen im Aufstand der Werktätigen 1953 von sowjetischen Militärs zerschlagen und damit die Regierung vor ihrem eigenen Volk geschützt. Das dokumentiert auch E. Neubert (in E. Kuhrt, 1999, S.17) und beschreibt ab dieser Zeit den massiven Ausbau des Sicherheitsapparats durch die Regierung der DDR. In einer zweiten Aktion wurden die Menschen durch den Bau der Mauer 1961 zum bleiben gezwungen und quasi mit einer Informationssperre belegt. Nachdem Reisemöglichkeiten und Kontakte ohne größere Probleme nur nach Polen und in die Czechoslowakei, mit etwas größeren Hürden nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien und fast gar nicht in die Sowjetunion, Jugoslawien, wie das westliche Ausland möglich waren, wurde 1981 noch die Grenze nach Polen im Zuge der Solidarnost-Bewegung geschlossen. Einziges Tor zur Welt bildeten das staatspolitisch treue Fernsehen der DDR und das West-Fernsehen, über das sich ein Großteil der Bevölkerung verbotenerweise informierte. Die meisten Menschen in der DDR hatten für sich ein Stillschweigeabkommen mit der Staatsmacht geschlossen und verhielten sich Staatskonform. In der Regel sprachen sie mit „2 Sprachen“, eine offizielle und eine private. Diese Lage entstand aufgrund des mächtigen und repressiven Überbaus der Regierung und dem Infiltrieren der Bevölkerung mit Staatsdienern der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Damit schuf sich der Staat ein weitgehendes Instrument der tiefgreifenden Kontrolle über die Bürgerinnen. Zu den Gruppen der sozialen Bewegung verhielt sich die Bevölkerung ähnlich, da eine Beteiligung mit persönlichen Gefahren durch die Staatsmacht verbunden war, aber auch an Desinteresse und anderer Weltanschauung.
E. Neubert (in E. Kuhrt, 1999, S.18-19) erkennt, dass es entgegen der kritischen Gesellschaftstheorie des Marxismus für die SED als allein regierende Partei keine Widersprüche geben durfte, sondern mit allen Mitteln Harmonie zwischen den
Arbeit zitieren:
Diplomsozialpädagoge Carsten Nöthling, 2003, Soziale Bewegungen in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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