Gliederung
0 Einleitung 3
1 Creator - Wirklichkeit 5
2 Narrative Strukturen 6
2.1.1 Die Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene 8
2.1.2 Die Präsenz des Erzählers auf der Erzählerebene. 9
2.2 Der Zeitbezug zwischen Erzähler und Res 11
2.2.1 Die Vergangenheitserzählung. 11
2.3 Der Standpunkt des Erzählers in der Narratio 15
2.4 Die zeitliche Relation zwischen Erzählvorgang und erzähltem Vorgang. 20
2.5 Die Wiedergabe der Rede 22
2.6 Zur Strategie von Selektion und Sukzession. 24
2.7 Die Abgrenzungsstrategie 26
2.7.1 Zu Texteingang und Textausgang 26
3 Zur Textart. 31
3.1 Kriminalgeschichte oder Detektivgeschichte. 31
4 Fazit 34
2
0 Einleitung
Mit den Ergebnissen der Marburger Arbeitsgruppe „Narrativik“ bietet sich ein verläßliches Instrumentarium zur Analyse narrativer Texte. Die Beschreibungskategorien dieses Modells sind, um den Ausführungen Gerd Driehorsts zu folgen, „in Hinblick auf eine Standardisierung des Beschreibungsinventars kategorial und elementar definiert.“1 Wegen ihrer Eindeutigkeit verhindert diese Narrativik eine Vermischung verschiedener narrativer Untersuchungsmerkmale, und ermöglicht so eine Analyse auf der Grundlage der Betrachtung von Detailaspekten und der Trennung verschiedener Dimensionen eines Textes sowie die Beurteilung und Charakterisierung des Textes in seiner Gesamtheit. Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht Regula Venskes „Daß man dran glauben mußte...“ auf dieses Modell hin zu überprüfen, um schließlich zu einer Gesamtaussage über diesen fiktionalen Text zu gelangen.
Ein fiktionaler Text, ebenso wie ein nicht- fiktionaler Text, stellt die Verschriftlichung eines Kommunikationsprozesses dar. Nach dem Bühlerschen Organon- Modell als Kommunikations- und Funktionenmodell besteht jede Kommunikation aus den drei Elementen Gegenstand, Sender und Empfänger mit den zugehörigen Funktionen und Funktionsträgern.2
Bezogen auf fiktional narrative Texte erhalten die Elemente dieser Trias die Bedeutungen Res3, Narrator4 und Rezipient. Bei Res und Narrator handelt es sich um vom Creator geschaffene Elemente: die Res als objektiv vorgestelltes, vorsprachliches Geschehen und der Narrator als textimmanente Erzählerfigur, der die Res von seinem subjektiven Standpunkt aus widerspiegelt und versprachlicht.
Basierend auf diesen Ausführungen sollen in der vorliegenden Arbeit diese Komponenten untersucht werden, wobei die Vermittlerinstanz die Priorität hat, da der Narrator initiatorisch, im Sinne von Ursprung jeder Erzählung, den Ausgangspunkt aller Überlegungen bildet.
1 G. Driehorst (1994, S. 77). 2 Vgl. hierzu R. Hannes (1989, S. 26). 3 Vgl. hierzu Freudenberg (1992, S.107) 4 Vgl. ebd.
3
Die Res ist jedoch ebenfalls von entscheidender Wichtigkeit, da bei ihrem Fehlen keine Erzählung zustande kommen könnte, aber auch weil die Trennung von Form und Inhalt sich nicht als sinnvoll erweisen würde.
Schließlich handelt es sich beim Bühlerschen Organon- Modell um ein flexibles Modell, bei dem einzelne Komponenten betont werden können, das vollständige Entfallen von Komponenten jedoch nicht möglich ist.5
Dementsprechend wird exhaustiv die Narratorfigur untersucht sowie die Res und ihre Strukturen, um schließlich die gemachten Erkenntnisse in einen Gesamtzusammenhang bringen zu können.
Die dritte Komponente der Trias, der Rezipient, wird hier nicht als Gliederungspunkt untersucht, denn schließlich stellt diese Arbeit mit ihren inhaltlichen Aussagen eben diese Komponente dar: die Beurteilung durch den Rezipienten.
Die wichtigsten zu beantwortenden Fragen sind: Wie sind die Bereiche Narrator und Res zu charakterisieren? und Wie kommt die Narratio im Zusammenspiel von Res und Narrator zustande?
Um diese Aspekte erhellen zu können, werde ich nach einer kurzen Vorstellung der Autorin zunächst die narrativen Strukturen, inbegriffen die Figur des Erzählers und dessen Strategie des Erzählens, untersuchen. Diese Analyse wird an gegebener Stelle um die Untersuchung der Res- Strukturen erweitert.
Abschließend wird diese Kurzgeschichte noch als Textart zu beurteilen und so in den Gesamtkontext des Seminars einzugliedern sein dessen Ursprungsort diese Hausarbeit ist. Da das Seminar die Untersuchung von Kriminalgeschichten als Grundlage hatte, gilt es an dieser Stelle zu fragen, ob es sich bei der vorliegenden Geschichte um eine Kriminal-, bzw. Detektivgeschichte handelt oder nicht. Sollte diese Klassifizierung nicht zutreffend sein, so muß geklärt werden, um welche Art von Kurzgeschichte es sich demzufolge handelt. Im schließenden, zusammenfassenden Fazit werden die Ergebnisse auf ihre Tauglichkeit bezüglich der von mir aufgeworfenen Fragen zu überprüfen sein und in ihrer Gesamtheit beurteilt werden.
5 Vgl. hierzu die Ausführungen zum Prinzip der Prädominanz bei R. Hannes (1989, S.28).
4
1 Creator - Wirklichkeit6
Regula Venske wurde am 12.06. 1955 in Minden/ Westfalen geboren.
Sie studierte zunächst Jura und anschließend Literaturwissenschaften und Anglistik. Nach dem ersten Staatsexamen lehrte sie von 1982 bis 1986 an der Universität Hamburg, der FU Berlin und als Lektorin an der University of London.
1987 promovierte sie zum Doktor phil. und ließ sich als freie Autorin und Journalistin in Hamburg nieder.
Entgegen meiner im Seminar geäußerten Erkenntnisgewinnung handelt es sich bei Regula Venske sehr wohl um eine etablierte deutsche Kriminalautorin.
Ihre ersten drei Kriminalromane „Schief gewickelt“, „Kommt ein Mann die Treppe rauf“ und Rent a Russian“ faßte sie unter dem Zyklus- Titel „Windel- Schnuller- Milchzahn“- Trilogie zusammen. Für „Rent a Russian“ wurde sie mit dem Deutschen Krimi- Preis 1996 ausgezeichnet. KRIMINALROMANE: 1991 Schief gewickelt 1993 Kommt ein Mann die Treppe rauf 1995 Rent a Russian 1998 Double für eine Leiche 1998 Die Hexen von Övelgönne 1998 Der geklaute Heilige
6 Vgl. Internetseite ourworld.compuserve, Internetseite gewi.kfunigraz
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ANDERE BÜCHER:
1987 (mit Inge Stephan und Sigrid Weigel) Frauenliteratur ohne Tradition? : 9 Autorinnenporträts
1988 Mannsbilder - Männerbilder : Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen
1988 Ach Fanny: Vom jüdischen Mädchen zur preussischen Schriftstellerin: Fanny Lewald 1991 Das Verschwinden des Mannes in der weiblichen Schreibmaschine : Männerbilder in der Literatur von Frauen
1993 Pursuit of happiness oder die Verfolgung des Glücks 1997 Die alphabetische Autorin 1997 Warum heiraten
2 Narrative Strukturen
Aufgrund der narrativen Texten zugrunde liegenden triadischen Struktur von Res, Narrator und Rezipient sind drei verschiedene Konzeptionen von Narrativik denkbar. Dies kann einerseits eine Narrativik sein, die die Strukturen der Res und deren Untersuchung in den Mittelpunkt stellt, eine Narrativik die rezipientenorientiert ist oder wie im vorliegenden Fall kann die Narrativik die Rolle der Vermittlerinstanz favorisieren.7 Das Entscheidende der erzählerorientierten Narrativik ist nicht das Geschehen sondern die Art und Weise wie die Res vermittelt wird. Das bedeutet, daß der Erzähler durch sein Eingreifen die Handlung nach seinen subjektiven Maßstäben abbildet. Auch wenn wir es immer nur mit den bereits vorliegenden Texten als Endprodukt zu tun haben und somit einer Realisierung von Res und Narrator, so muß doch davon ausgegangen werden, daß das Geschehen in seiner vorsprachlichen Wirklichkeit auf verschiedene Arten präsentiert werden könnte. Eben dieses konkret vorliegende Eingreifen des Narrators in die Darstellung und Präsentation der 7 Vgl. zu den Vor- und Nachteilen der geschehens- bzw. rezipientenorientierten Narrativik und der Dringlichkeit, der erzählerorientierten Narrativik den Vorzug zu geben B. Rossbach (1995, S. 30ff.).
6
Handlung gilt es in der erzählerorientierten Narrativik zu analysieren. Ausgehend von den zentralen Kategorien Erzählertyp und Erzählerstandpunkt werden die übrigen Untersuchungsparameter wie Zeitbezug, Zeitbehandlung, Redewiedergabe, Selektions- und Sukzessionsstrategie sowie Abgrenzungsstrategie zugeordnet.
2.1 Die Konzeption des Erzählers
Die Frage, die der Typisierung der den Narrator beschreibenden Merkmalen vorausgeht ist: „Wie kann der Erzähler als textimmanente Komponente (vs. textexterner Autor), als heuristisches Prinzip, definiert werden, und in welchen möglichen Manifestationen bildet er sich im Text ab?“8
Von dieser Fragestellung ausgehend kommt man zu der logischen Einsicht, daß der Erzähler, ob in fiktiver oder nicht- fiktiver Form, eingebunden in Raum und Zeit ist. So ist es möglich, den Erzähler als Person/Zeit/Ort- System zu konzipieren. Da jede textliche Äußerung zugleich eine Äußerung des Narrators darstellt, steht auch hinter „jeder narrativen Aussage [...] verdeckt, teilverdeckt oder offen nachweisbar der Ursprung des Textes, die Erzähler- ORIGO: ICH (erzähle) etwas JETZT HIER, lateinisch im Sinne einer übereinzelsprachlichen Nomenklatur: EGO/NUNC/HIC.“9
Indem die konkrete Textanalyse alle Merkmale des Narrators zusammenträgt bildet sie sein Profil nach.
Um eine erste Klassifizierung des Narrators vornehmen zu können, geht man von der Annahme aus, daß ein Text ontologisch aus zwei Ebenen besteht: der Erzählerebene und der Handlungsebene, sprich der Narrator- Ebene und der Res- Ebene.10 Die Präsenz bzw. die Nicht- Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene bestimmt über das Merkmal Ich- oder Er- Erzählung, wohingegen diese Präsenz auf der Erzählerebene über das Merkmal Auktorialität entscheidet.
8Ebd. S. 35.
9Ebd. S. 36.
10 Vgl. hierzu G. Driehorst (1995, S. 79).
7
2.1.1 Die Präsenz des Erzählers auf der Handlungsebene
Die Art der Präsenz des Narrators auf der Ebene der Res entscheidet über die Klassifizierung der Erzählung als Ich- Erzählung oder Er- Erzählung. Um diese Form der Narratio bestimmen zu können, ist es wichtig zu entscheiden ob das EGO des Narrators als handelnde Figur im Rahmen der Narratio erscheint und ob es somit „Teil der versprachlichten Vorgänge in ihren Figuren-, Raum- und Zeitkonstellationen ist“11. Sollten diese Verhältnisse der Fall sein, so handelt es um eine Ich- Erzählung.
Dies ist im Fall von Regula Venskes Narrator nicht realisiert. Hier handelt es sich beim EGO des Erzählers nicht um ein handelndes Subjekt der Res sondern vielmehr um einen Erzähler, der über andere berichtet. Liegt die Konstellation vor, daß der Erzähler nicht an der Handlung teil hat, sondern lediglich „über andere und anderes außerhalb seiner selbst“12 berichtet, so handelt es sich um eine Er- Erzählung.
Deiktische Parameter hierfür bilden bereits die in der Narratio auf die handelnden Figuren angewandten Personal- und Possessivpronomen. Entscheidendes Kriterium ist hier die Verwendung der 1.Person Singular, sofern es sich nicht um Redewiedergabe handelt. Wird das „ich“ in der Erzählung angewandt so liegt auch gleichzeitig eine Ich- Erzählung vor, kann diese Personalform nicht ausgemacht werden, handelt es sich um eine Er- Erzählung13. Erwähnenswert im Hinblick auf „Daß man dran glauben mußte...“ scheint mir die Tatsache, daß trotz des häufigen Perspektivwechsels14 jeweils zu Beginn einer neuen Perspektive deutlich wird, daß es sich durchgängig um eine er- erzählte Geschichte handelt. Die Anfänge der Perspektiven, „Und er war einer von ihnen...“15, „Seine ganze elfjährige Inbrunst,...“16, „Er war nur wegen...“17, „Lange hatte sie ...“18, „Er hatte es getan...“19 machen deutlich, daß der Erzähler nicht auch zugleich handelndes Subjekt der Handlungsebene ist.
11 R. Hannes (1989, S. 36). 12 Ebd. S. 37.
13Umgekehrt kann jedoch nicht bei Verwendung der dritten Person Singular oder Plural folgernd von einer Er- Erzählung ausgegangen werden. 14 Vgl. hierzu Kapitel 2.3. dieser Arbeit, S. 15 Venske (1997, S. 291). 16 Ebd. S. 293. 17 Ebd. S. 295. 18 Ebd. S. 297. 19 Ebd. S. 299.
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Arbeit zitieren:
Kerstin Eidam, 1999, Narrative Strukturen in Regula Venskes: ´Daß man dran glauben mußte...´, München, GRIN Verlag GmbH
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