MICHEL BEGER
F ÄLSCHLICHERWEISE WAHR ODER WAHRHAFT FALSCH - PARADOXIEN IM ALLTAG UNSERES DENKENS
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 2
2. „ENTGEGEN DER ERWARTUNG“:
WAS SIND PARADOXIEN? 2
3. PARADOXE FORMEN DES DENKENS: BEISPIELE FÜR
LOGISCHE WIDERSPRÜCHE 5
3.1. Die Bewegung 5
3.2. Der Haufen 7
3.3. Die Gefangenen 9
4. PARADOXIEN ANTHROPOLOGISCHEN DENKENS. 12
5. ZUSAMMENFASSUNG 15
6. LITERATURVERZEICHNIS 17
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MICHEL BEGER
FÄLSCHLICHERWEISE WAHR ODER WAHRHAFT FALSCH - PARADOXIEN IM ALLTAG UNSERES DENKENS
1. EINLEITUNG
Die Suche nach einem passenden Beispiel um in diese Arbeit einzuleiten, stellte sich ausgesprochen schwierig dar. Obwohl genügend davon in der praktischen Erfahrung und dem Alltag vorliegen, genügte keines den Anforderungen, die darauf ausgelegt waren, den „Appetit anzuregen, aber den Braten noch in der Röhre zu lassen“. Schlussendlich entschied ich mich dann doch für die Variante, die durch jene Beispiele charakterisiert ist, die ohnehin solche Arbeiten schon viel zu oft einleiteten. Wenn ein Goethe-Denkmal durch die Bäume schillert; wenn ein Arzt kalte Umschläge wärmstens empfiehlt; wenn eine Mutter ihr Kind unverwandt anstarrt; wenn ein Lokführer keinen Zug verträgt; genau dann handelt es sich um jenen Begriff der „Paradoxie“, der doch schon so vielen Leuten Kopfzerbrechen bereitet hat.
In dieser Arbeit soll der Begriff der „Paradoxie“ ausgeleuchtet und gegen den sehr ähnlichen der „Antinomie“ abgegrenzt werden. Weiterhin wird anhand von drei sehr bekannten Paradoxien - Zenons Paradoxie von Achilles und der Schildkröte, dem Haufenparadox und dem Gefangenendilemma - die Vielfältigkeit derer dargestellt werden um letztlich solche paradoxen Formen auch im Hinblick auf das Denken und Sein des Menschen zu erläutern. Mit dem Titel „Fälschlicherweise wahr oder wahrhaft falsch: Paradoxien im Alltag unseres Denkens“ sind dabei bereits zwei wichtige Felder eröffnet. Zum einen stellt sich die Frage, was Paradoxien sind. Sind sie wahr? Sind sie falsch? Oder sind sie vielleicht beides? Zum anderen soll dargestellt werden, inwiefern Paradoxien in unserem alltäglichen Leben bestehen und welche Bewandtnis diese haben?
2. „ENTGEGEN DER ERWARTUNG“: WAS SIND
PARADOXIEN?
Der etymologische Hintergrund des Wortes paradox stammt aus dem Griechischen. Es spaltet sich dabei in die Teilworte pará und dóxa. Pará heißt so viel wie „an ... vorbei“, „entgegen“ oder „neben“; dóxa wird erwähnt als „Meinung“, „Glaube“ oder „Erwartung“. (vgl. Vollmer 1990, S.49) Paradoxien, auch Paradoxon und in der Mehrzahl Paradoxa genannt, gelten weithin als amüsante Spielchen, die Spaß bereiten und zur Lösung auffordern
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FÄLSCHLICHERWEISE WAHR ODER WAHRHAFT FALSCH - PARADOXIEN IM ALLTAG UNSERES DENKENS sollen. (vgl. Sainsbury 1993, S.7) Doch entgegen dieser Aussage behandeln Paradoxien keine Rätsel oder Scherzfragen, sondern wichtige Probleme über zentrale Fragen des Daseins. Der Londoner Philosoph Richard M. Sainsbury definierte die Paradoxie als „scheinbar unannehmbare Schlussfolgerung, die durch einen scheinbar annehmbaren Gedankengang aus scheinbar annehmbaren Prämissen abgeleitet ist“ (ebd. S.7 f.). Dabei fällt auf, dass aus Scheinbarem Unscheinbares folgt. Sainsbury schließt daraus, dass entweder die Schlussfolgerung „gar nicht wirklich unannehmbar“ (ebd. S.8) ist oder der Gedankengang versteckte Schwachstellen besitzt.
Die italienische Soziologin, Schriftstellerin und Dozentin Elena Esposito versucht das Paradoxon dagegen durch das Auffinden von Gemeinsamkeiten aus bestehenden Paradoxien zu identifizieren. (vgl. Esposito 1991, S.35 ff.) Zunächst erwähnt sie das „Vorhandensein einer Situation der Selbstreferenz“ (ebd.). Dabei wird ein bestimmter Begriff auf seine Bestimmung angewandt, sodass die Aussage von sich selbst spricht. (vgl. ebd. S.36) Das zweite Merkmal besagt, dass Paradoxien zu einer Situation der Unentscheidbarkeit führen. Dieses Merkmal geht auf eine Besonderheit des Paradoxons ein. Es deutet darauf hin, dass immer zwei Werte vorhanden sind, „von denen sich keiner ausschließen lässt […] um zu einer eindeutigen Bestimmung zu gelangen“ (ebd.). Das Problem bei diesem Aspekt ist, dass man davon ausgeht, dass Aussagen immer eindeutig bestimmbar sind. In der Logik ist dieser Fall als „Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten“ bekannt, d.h. eine Aussage steht für das eine Extrem oder für das andere, nicht aber für eine dritte Möglichkeit. (vgl. ebd. S.37 f.)
Zusammenfassend meint Esposito, dass der Selbstbezug zwar ein Merkmal des Paradoxons darstellt, dieses aber noch nicht hinreichend bedingt ist, sodass erst die Situation der Unentscheidbarkeit hergestellt werden muss um von einem Paradoxon sprechen zu können. (vgl. ebd.) Sowohl Sainsbury als auch Esposito stimmen in ihren Ausführungen weitestgehend überein. Worauf jedoch keiner der beiden eingeht, ist die Unterscheidung von Paradoxie und Antinomie. Da die Begriffe „Paradoxie“ und „Antinomie“ heutzutage nur sehr schwach gegeneinander abgegrenzt sind und genau auf diese schillernde und uneinheitliche Art auch benutzt werden, ist es an dieser Stelle notwendig, dies nachzuholen. (vgl. Gruntz-Stoll 1999, S.57) Während man bei einer Paradoxie von einem Sachverhalt spricht, der einer Erwartung zuwiderläuft, so ist die Antinomie ein ebensolcher Widerspruch, doch mit der Besonderheit, dass sich sowohl These als auch
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FÄLSCHLICHERWEISE WAHR ODER WAHRHAFT FALSCH - PARADOXIEN IM ALLTAG UNSERES DENKENS Antithese gleich gut begründen lassen. Eine Antinomie lässt zwar genau wie die Paradoxie erkennen, dass in den Voraussetzungen etwas nicht stimmen kann, macht aber keine Aussage darüber, welche Lösung die Richtige ist, d.h. eine Antinomie ist nicht lösbar bzw. ist schon lösbar, aber in beide Richtungen. Dementsprechend kann gesagt werden, dass eine Antinomie ein echter Widerspruch ist. Im Gegensatz zu Antinomien sind Paradoxien keine echten Widersprüche, sondern erwecken beim Leser oder Zuhörer nur den Schein einer falschen Aussage, der sich aber mit wachsendem Erkenntnisstand verflüchtigen kann. (vgl. Vollmer 1990, S.49; Godzich 1991, S.747; Probst/ Kutschera/ Schröer 1989, S.81 ff.) Bei einer Paradoxie geht es „um eine Differenz oder genauer um einen Gegensatz zwischen Erscheinung und Erklärung, zwischen Schein und Begriff“ (Gruntz-Stoll 1999, S.61) Sowohl die genante Erscheinung als auch die Erklärung haben jeweils einen Anspruch auf Wahrheit, obwohl beide gegensätzlich sind und daher eigentlich nicht zugleich wahr sein können. (vgl. ebd. S.62) Eine Paradoxie lässt sich in soweit auflösen, als dass man Unterscheidungen einführt, die den jeweiligen Begriffen unterschiedliche Kategorien zuweist. Inwieweit eine Paradoxie oder eine Antinomie vorliegt, ist „stark systemabhängig“ (Brendel 1992, S.9). D.h. je nachdem, in welchem Referenzrahmen ein Widerspruch verstanden wird, wird er als Paradoxie oder als Antinomie bezeichnet. Nun zurück zur Paradoxie. Ihren Ursprung hat die Paradoxie in der „Rhetorik der Auseinandersetzung mit der öffentlich anerkannten Meinung“ (Probst/ Kutschera/ Schröer 1989, S.83). Daraus resultiert das paradoxe einer Paradoxie. Sie existiert aufgrund der Ablehnung durch die Öffentlichkeit, gleichwohl ist sie auf deren Anerkennung angewiesen um sich der öffentlichen Meinung entgegenzustellen. Während sie also von der Ablehnung lebt, so lebt sie gleichsam von der Anerkennung. Ein erstes Beispiel, das des Barbiers von Sevilla, soll das bis dahin Dargestellte verdeutlichen. Es soll in Sevilla einen Barbier geben, der die Bewohner rasiert. Er tut das aber nur bei denjenigen, die sich nicht selbst rasieren. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wer rasiert den Barbier? Wenn er sich selbst rasiert, so tut er es gleichzeitig nicht, weil er ja nur die rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Kann es einen solchen Barbier geben, der etwas tut, wenn er es nicht tut? Diese unannehmbare Voraussetzung sorgt dafür, dass die Geschichte nicht wahr sein kann. Es kann also den Barbier oder die Stadt gar nicht geben. (vgl. Sainsbury 1993, S.8)
Ein zweites Beispiel ist das des fehlerhaften Satzes. Man stellt sich vor, man sitzt in einem gemütlichen Sessel und liest die Tageszeitung. Dabei trifft man
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Arbeit zitieren:
Michel Beger, 2009, Fälschlicherweise wahr oder wahrhaft falsch - Paradoxien im Alltag unseres Denkens, München, GRIN Verlag GmbH
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