Gliederung
1. Einleitung 3
2. Die politische Landschaft in Polen 4
2.1 vor der Wahl 2007 4
2.2 Der Ratifizierungsprozess im Pressespiegel 7
3. Außerparteiliche Machtfaktoren: 15
Die Haltung der katholischen Kirche und das
Ph änomen Radio Maryja
4. Zusammenfassung 17
5. Literatur 18
2
1. Einleitung
Die Republik Polen steckt derzeit europapolitisch in einer Sackgasse. Einerseits hat der polnische Präsident Lech Kaczynski den Vertrag von Lissabon ausgehandelt, andererseits will er das Ratifizierungsgesetz jetzt nicht mehr unterschreiben. Wie aber kam es zu dieser Situation? Um diese Frage zu klären werden wir uns in den folgenden Kapiteln die Parteien- und Presselandschaft in Polen einmal näher ansehen. Es soll die Frage geklärt werden, inwiefern das Verhalten Lech Kaczynskis parteipolitische Hintergründe hat. Auch die unterschiedlichen außenpolitischen Prioritäten des Premierministers Donald Tusk und des Präsidenten werden näher beleuchtet.
Auch der Einfluss der Polnischen Katholischen Kirche, vor Allem des Priesters und Medienunternehmers Tadeusz Rydzyk, wird kritisch betrachtet. Hierbei wird hinterfragt, wie groß dieser Einfluss tatsächlich ist.
Die Quellenlage ist in Bezug auf die wissenschaftliche Ausarbeitung dieses Themas sehr dürftig. So hat sich bisher lediglich Ireneusz Paweł Karolewski in einem Aufsatz mit dem Verfassungsdiskurs näher befasst. Es ist daher unumgänglich auf die Programme der einzelnen Parteien und auf die polnische Tagespresse zurückzugreifen. Besondere Beachtung finden die Artikel aus den Onlinearchiven der zwei auflagenstärksten Tageszeitungen Polens, der Gazeta Wyborcza 1 (GaW) und der Rzeczpospolita 2 (Rz). Ferner betrachten wir auch die Publikationen des nicht nur in Kirchenkreisen umstrittenen Senders Radio Maryja 3 , dessen Sendungen als Podcast im Internet verfügbar sind.
Die verwendeten Artikel wurden vom Autor selbst ausgewählt und - soweit erforderlich - übersetzt.
1 www.wyborcza.pl
2 www.rzeczpospolita.pl
3 www.radiomaryja.pl
3
2. Die politische Landschaft in Polen
Um die Schwierigkeiten während des Ratifizierungsprozesses der EU-Verträge zu verstehen, ist es erforderlich, die politische Landschaft in Polen zu kennen. Dabei beschränken wir uns auf die Parteien, die im Sejm, dem polnischen Parlament, vertreten waren bzw. derzeit vertreten sind, und wir betrachten deren Ambitionen in Bezug auf die europäische Union. Auch die Nicht-parteilichen Machtfaktoren werden in diesem Kapitel genannt. 2.1 Die politische Landschaft vor der Wahl 2007
Nach den Wahlen im Jahre 2005 ging die Partei „Prawo i Sprawiedliwość“ (Recht und Gerechtigkeit) aus den Wahlergebnissen mit als stärkste Fraktion hervor. Ihr gehören sowohl der derzeit amtierende Präsident, Lech Kaczyński, als auch dessen Zwillingsbruder Jarosław, der ehemalige Premierminister, an. Diese Partei ist dem national-konservativen Spektrum zuzuordnen. Die PiS ist innenpolitisch gegen Abtreibungen, Homosexualität und Legalisierung von leichten Drogen und steht für eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Außenpolitisch haben sich die Kaczyński-Brüder zwar für den EU-Beitritt Polens ausgesprochen, diesen jedoch an harte Bedingungen geknüpft.
Betrachtet man das Wahlprogramm zur Wahl 2007, so fällt einem auf, dass im wirtschaftlichen Teil mehrfach von EU-Fördergeldern gesprochen wird. So heißt es in der Einleitung des wirtschaftspolitischen Teils beispielsweise: „ Die Chancen, die Polen durch die Möglichkeit von EU-Fördermitteln zu profitieren gegeben werden, darf man nicht vergeuden“. 4 Ferner heißt es, dass die Regierung Jarosław Kaczyńskis es erreicht habe, dass Polen in den Jahren 2007 bis 2013 der größte Profiteur von EU-Geldern werde. 5 Polen würde in diesem Zeitraum bis zu 70 Milliarden Euro erhalten, eine Unterstützung, die zu großen Teilen der Landwirtschaft zugute kommen würde. Dies ist ein nicht unwichtiger Punkt, da die PiS einen großen Teil ihrer Wählerschaft aus dem ländlichen Raum rekrutiert.
Auch die Modernisierung der Infrastruktur soll nach dem Willen der PiS zu großen Teilen von EU-Fördergeldern gefördert werden.
Betrachtet man lediglich den wirtschaftlichen Teil, so müsste man annehmen, dass die Regierung Jarosław Kaczyńskis in der Europäischen Union lediglich massive Vorteile für Polen gesehen hat. Warum also sollte die Kaczyński-Regierung den EU-Vertrag nicht ratifizieren? Auf diese Frage gibt
4 s. Wahlprogramm der PiS, Warschau 2007, S. 21
5 s. Wahlprogramm PiS, S. 23
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das Wahlprogramm keine explizite Antwort. Zu finden sind lediglich Hinweise, die darauf schließen lassen, dass die PiS mit den Ängsten der Bevölkerung spielt. So wirbt sie in dem Wahlprogramm von 2007 beispielsweise damit, dass sie sich stets gegen Regressansprüche aus Deutschland wehren wird. Im außenpolitischen Teil des Programms ist sogar die Rede davon, dass „ das Potenzial der revisionistischen Bedrohung es nötig macht, über die Fortführung der jahrelangen Politik der guten Nachbarschaft nachzudenken“. 6 Dies zeugt von einer durchaus aggressiven Form der Außenpolitik. Zum Verfassungsvertrag steht im Wahlprogramm, dass die PiS „für Polen ungünstige Vorschriften nivelliert“ 7 habe und dank dessen die Gewichtung der polnischen Stimme erhalten geblieben sei. Um welche Vorschriften es sich genau handelt wird nicht näher gesagt.
Aber wo genau steht die PiS nun? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. In ihrer Dissertation vom Juni 2005 geht die Politikwissenschaftlerin Anna Niewiadomska-Frieling davon aus, dass die PiS die EU als lockeres Bündnis souveräner Staaten ansieht. 8 Eine der wichtigsten fünf Fragen ist demzufolge die „Durchsetzung polnischer Interessen im Prozess der Integration in die EU, die wir als ein starkes Bündnis solidarischer nationaler Staaten, die ihren Wohlstand und ihre Unabhängigkeit stärken, sehen möchten.“ 9 Dies mag ein Grund dafür sein, dass die Regierung Kaczyński die EU-Grundrechtecharta nicht ratifizieren wollte. Durch eine Anerkennung der Charta wäre nämlich ein rechtlich verbindlicher Status geschaffen worden, dem der polnische Staat sich hätte beugen müssen.
Die zweitstärkste Fraktion mit 28,9 Prozent bildete die Partei des jetzigen Premierministers Donald Tusk, die Platforma Obywatelska (Bürgerplattform). Sie ist eher der politischen Mitte zuzuordnen. Innen- wie Außenpolitisch tritt diese Partei wesentlich moderater auf als die PiS. So vertritt sie beispielsweise nicht die starren Ansichten bezüglich der Homosexualität und steht auch nicht für die Todesstrafe.
Vergleicht man die Wahlprogramme der PO mit denen der PiS, so fällt einem auf, dass der Ton weitaus moderater ausfällt. Anders als die PiS vertritt die Bürgerplattform weder im Programm von 2005, noch in dem von 2007 die Ansicht, dass Polen sich irgendwelcher Ansprüche ( vor Allem von deutscher Seite) erwehren müsse. Vielmehr ist man in der PO der Ansicht, dass „die Europäische Union unsere Waffe sein sollte, und nicht ein durch einen großen Teil der politischen Klasse Polens
6 s. Parteiprogramm PiS 2007, S. 50
7 s. Parteiprogramm PiS 2007, S. 53
8 vgl. Anna Niewiadomska-Frieling, POLITISCHE PARTEIEN POLENS NACH 1989, Zusammenhang zwischen den cleavage-Positionen und den EU Positionen der polnischen Parteien in den Parlamentswahlen 1997 und 2001, Berlin 2005, S. 188
9 Parteiprogramm der PiS 2001, zit. nach ebd.
5
bekämpfter Fremdkörper, der gut ist solange er etwas gibt, und schlecht wenn er etwas erwartet“. 10 Die Platforma Obywatelska geht demnach davon aus, dass eine stabile Europäische Union im Interesse Polens liegt.Sie muss demzufolge effektiv arbeiten können, wofür ein gewisser stabiler institutioneller Rahmen gegeben sein muss, aber auch eine kontinuierliche Verlässlichkeit der Bündnispartner. Letztere stand unter der Regierung J. Kaczynskis immer öfter zur Debatte. Bezüglich des Verfassungsvertrages hat sich die Position der Bürgerplattform leicht verändert. Auch die PO kritisierte das für Polen ungünstigere neue Entscheidungssystem, akzeptierte aber gleichzeitig die Verfassungsvereinbarungen bezüglich der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. 11 Der Slogan „Nizza oder Tod“ wird von der Partei nicht mehr verwendet, dennoch plädiert sie für die Beibehaltung der in Nizza vereinbarten Abstimmungsregeln. Die Liga Polskich Rodzin (Liga Polnischer Familien) zählt zum rechten Spektrum. Sie ist stark an die Kirche gebunden und gilt als Ultranationalistisch. Sie bedient sich antisemitischer Propaganda und ist mit der NPD vergleichbar. Sie war bis 2007 mit 7,4 Prozent der Stimmen im polnischen
Abb 1: Brief an den Präsidenten
10 s. Zasadnicze cele naprawy Państwa - III Krajowa Konwencja Platformy Obywatelskiej RP Warschau, 21. Mai 2006, S. 12 Zu erhalten unter: http://www.platforma.org/program/ (Stand 08.08.2008)
11 Vgl. Karolewski, Ireneusz Pawel; „Verfassungsdiskurs in Polen“, S. 92, In: Franzke, Jochen (Hrsg); Europa in der Denkpause“, Brandenburg 2005, S. 88-93
12 s. Karolewski, Verfassungsdiskurs, S. 89
13 Es macht für die LPR kaum einen Unterschied, ob man von der EU-Verfassung oder vom Vertrag von Lissabon spricht.
14 Nationale Aktion: Schreib einen Brief an den Präsidenten zur Verteidigung Polens, zu finden unter: http://www.lpr.pl/?sr=!czytaj&id=6480&dz=kraj&x=9&pocz=0&gr=
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Arbeit zitieren:
Michael Breska, 2008, Der lange Weg nach Westen?, München, GRIN Verlag GmbH
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