Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S e i t e 2
2. Das Cleavage-Modell Seite 3
3. Die Ursprünge und die Entstehung der Parteienlandschaft Seite 6
3.1. Die Konservativen Seite 6
3.2. Die Liberalen Seite 8
3.3. Der politische Katholizismus Seite 10
3.4. Die Sozialdemokraten Seite 12
4. Abschließende Kritik am Cleavage-Modell Seite 15
5. Quellenverzeichnis Seite 17
5.1. Literaturverzeichnis Seite 17
5.2. Webverzeichnis Seite 17
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1. Einleitung
Die soziologische Erklärung des Wahlverhaltens ist nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Parteien von immenser Bedeutung. Sie erhoffen sich durch gewonnene Erkenntnisse bessere Chancen diejenigen Wähler zu mobilisieren, bei denen ein gewisses Wahlpotential vorhanden ist. Zwar schwingt hierbei des Öfteren der Vorwurf der Manipulation mit sich 1 , dennoch ist dies in der Wahlwerbung der Gegenwart gängige Praxis und aus keinem Wahlkampf mehr wegzudenken.
Ein hierbei verwendetes Modell zur Erklärung des Wahlverhaltens ist der makrosoziologische Theorieansatz von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan, welcher auch Cleavage Modell genannt wird. Als die beiden Autoren im Jahr 1967 ihren Aufsatz „Party Systems and Voter Alignments“ veröffentlichten, sollte dies dem Erforschen des Wahlverhaltens ganz neue Türen öffnen. Des Weiteren liefert das Modell für die Entstehung der Parteiensysteme in Westeuropa eine Erklärung.
Im Laufe der Zeit sollen sich, der Theorie zufolge, im Zuge der Nationenbildung (16. bis 19. Jahrhundert) und während der industriellen Revolution (18. bis 19. Jahrhundert) soziale Spannungslinien, die so genannten Cleavages, in den Gesellschaften Westeuropas gebildet haben. Nach Lipset und Rokkan existierten zu dieser Zeit vier große Cleavages: Der erste Konflikt bestand zwischen dem „Zentrum“ und der „Peripherie“, also zentral-nationalen- und den autonomen regionalen Eliten eines Landes. Der zweite Konflikt wurde zwischen der Kirche, ihren Werten und Normvorstellungen und dem Staats, mit seinem Machtanspruch, ausgetragen. Der dritte Konflikt herrschte zwischen der urbanen und der ländlichen Bevölkerung und ihren jeweiligen ökonomischen Interessen. Beim vierten und letzten Konflikt standen sich Kapitaleigner (Kapital) und ihre abhängigen Beschäftigten (Arbeit) gegenüber
Gemäß dem Cleavage-Modell stimmten die Anhänger einer solchen sozialen Großgruppe in weiten Teilen immer für ihre jeweiligen Interessenvertreter. Demnach liefert die Zugehörigkeit zu einer dieser Bevölkerungsgruppe eine Erklärung für das Wahlverhalten. Damit es dazu kam, mussten die sozialen Träger der makrosozialen Gruppen Bündnisse mit den politischen Eliten eingehen, die sich bereit erklärten ihre Interessen zu vertreten. Der Theorie zufolge stellt dies den Ursprung der Parteien dar, die somit die gesellschaftlichen Konflikte zu wirkungsmächtigen Cleavages machten.
Daher soll es im Folgenden auch Aufgabe dieser Hausarbeit sein, die Entstehungsgeschichte der Parteien, wie sie heute in der Bundesrepublik Deutschland vorzufinden sind, näher zu beleuchten und ihre Entwicklung zu beschreiben. Im Speziellen wird hierbei auf die politischen Strömungen des Liberalismus und des Konservatismus, aber auch auf die Herkunft des politischen Katholizismus und der Sozialdemokraten eingegangen. Parteien und politische Richtungen, die erst in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, lassen sich nicht in direkte Beziehung zu der von Lipset und Rokkan entwickelten Theorie setzten und werden deshalb vernachlässigt.
Vor der Entstehungsgeschichte der Parteien soll allerdings erst das Cleavage-Modell näher erklärt werden. Dabei stellt sich die Frage, ob das Modell überhaupt aussagekräftige
1 Dieter Roth, Empirische Wahlforschung, 2. Auflage, Wiesbaden 2008, S. 15
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Erklärungen für das Wahlverhalten liefert und inwieweit es möglich ist, es auf die heutige Gesellschaft der BRD anzuwenden. Auf diese Frage soll daher abschließend auch eine Antwort gefunden werden.
Da sich die gesamte Thematik sehr komplex darstellt, kann es lediglich Aufgabe dieser Hausarbeit sein, einen Überblick bzw. eine Einführung zum Cleavage-Modell und der Entstehung der Parteienlandschaft zu bieten.
2. Das Cleavage-Modell
Cleavages sind „dauerhafte politische Konflikte, die in der Sozialstruktur verankert sind und im Parteiensystem ihren Ausdruck finden.“
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Lipset und Rokkan beschreiben mit ihrem Modell sozialstrukturell entstandene Konflikt- bzw. Spannungslinien, die sich durch die Gesellschaft
unterscheiden Trennungslinien, wie in der
Abbildung dargestellt, für die es jeweils Ursachen gibt. Dabei sind vorrangig die Reformation, die französische Revolution, die industrielle Revolution und die Nationalstaatenbildung nennen. Der erste Konflikt bestand zwischen dem Zentrum und der Peripherie, herrschendenabhängigen Kultur. Hierbei trafen zentralstaatliche Eliten auf Minderheiten ethnischer, sprachlicher oder religiöser Art, die sich der Nationenbildung widersetzten. Der zweite Konflikt war durch gegenseitige Machtansprüche der Kirche und des Staates gekennzeichnet. Die religiöse Gemeinschaft mochte nur ungern ihre, über Jahrhunderte angesammelten, Rechte und Befugnisse an den Staat abtreten, der wiederum darauf bedacht war, den Einfluss der Kirche zu verringern. Von zentraler Bedeutung waren dabei grundlegende Unstimmigkeiten über Normen- und Wertvorstellungen, etwa über die Art der Eheführung oder der Kindererziehung, aber auch bzgl. der Zuständigkeit für das Bildungswesen, welches die Kirche in der Vergangenheit stets für sich beansprucht hatte. Ursächlich für diese Auseinandersetzung waren allen voran die Reformation und die damit verbundene Säkularisierung der Gesellschaft.
Beim dritten Konflikt lassen sich die Ursachen hauptsächlich in der industriellen Revolution finden. Hierbei trafen verschiedene Interessen der urbanen und der ländlichen Bevölkerung
2 Franz U. Pappi, Sozialstruktur, gesellschaftliche Wertorientierung und Wahlabsicht. Ergebnisse eines des deutschen Elektorats 1953 und 1976. In: Politische Vierteljahresschrift, 18. Jg. (1977), S. 195
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aufeinander, wobei es sich vorrangig ökonomische Belange, handelte. Die neue Schicht der städtischen Industrieunternehmer hatte oftmals einen rasanten sozialen Aufstieg durch neuartige Herstellungsmöglichkeiten hinter sich, wohingegen die agrarische Bevölkerung mit diesen raschen wirtschaftlichen Veränderungen nicht Schritt halten konnte. Hinzukamen unterschiedliche kulturelle Ansichten der Stadtbewohner gegenüber dem ländlichen Volk, welches sich häufig durch eher konservative Einstellungen auszeichnete. Die vierte Spannungslinie entstand zwischen den Kapitaleignern und ihren abhängigen Beschäftigen, den Arbeitern, die zunehmend begannen mehr Recht für sich einzufordern und sich Interessenvertreter zu suchen.
Für die vier betrachteten Konfliktlinien sind „drei Elemente konstitutiv, nämlich ein sozialstruktureller-, ein institutioneller- und ein Werteaspekt.“ 3 Der sozialstrukturelle Aspekt ist hierbei von zentraler Bedeutung. Durch eine soziale Spannungslinie, welche sich durch eine relative Stabilität auszeichnet, lässt sich die Bevölkerung recht leicht in klar zu benennende Gruppen einteilen. Dies geschieht beispielsweise durch den Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitaleignern, durch den die Gesellschaft in zwei klar definierte Gruppen geteilt wird. Oftmals ist diese Trennung sogar von einer hohen Stabilität, da sich die Besitzverhältnisse über die Generationen hinweg nicht grundlegend ändern. 4
Der kulturelle Aspekt beschreibt die schwerwiegenden Unterschiede einzelner Gruppen der Bevölkerung über die angestrebte Wirtschaftsform. Besonders charakteristisch ist hierbei der Interessenkonflikt zwischen Arbeitern und Kapitalbesitzern bzgl. der Besitzverhältnisse der Produktionsgüter. Diese Gruppenmitglieder zeichnen sich dabei sowohl durch eine klare Positionierung in punkto ihrer Wertefrage, als auch durch eine eindeutige Eigen- und Fremdwahrnehmung aus. 5 Viele solcher Gruppen, wie z.B. sozialistische Parteien, neigen daher dazu Organisationen zu gründen, in denen die Individuen der Gruppe unter Ihresgleichen sind und sich somit ihre Wertevorstellungen weiter verfestigen und auf andere Mitglieder übertragen. 6 Der kulturelle Aspekt spiegelt sich daher vorrangig in den Konfliktlinien der Kirche und des Staates, sowie des Zentrums und der Peripherie wieder, da diese Spannung hauptsächlich Unterschieden bzgl. der angestrebten Gesellschaftsformen beruht.
Dem institutionellen Aspekt zufolge, benötigen die sozialen Gruppen Möglichkeiten der politischen Artikulation. Dafür müssen entweder neue Organisationen geschaffen werden, die die Interessen ihrer sozialen Träger vertreten oder die einzelnen Gruppen schließen sich bereits bestehenden politischen Eliten an, bei denen sie die größten Schnittmengen bzgl. ihrer Wertvorstellungen sehen.
3 Harald Schoen, Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hg.): Handbuch Wahlforschung. Wiesbaden 2005, S. 147
4 SCHOEN, Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung. In: Falter, Schoen, Handbuch Wahlforschung, S. 148
5 SCHOEN, Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung. In: Falter, Schoen, Handbuch Wahlforschung, S. 148
6 Seymour Martin Lipset und Stein ROKKAN, Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments. An Introduction, in: Seymour Martin LIPSET und Stein ROKKAN (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives. New York, London, Collier-Macmillan 1967, S. 15
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Arbeit zitieren:
Martin Lau, 2009, Die Entstehung der deutschen Parteien nach dem Cleavage-Modell, München, GRIN Verlag GmbH
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