O. EINLEITUNG
Wer liest und schreibt muss Geduld aufbringen. Vor allem wenn es um die Lektüre eines großen Denkers geht, mit seiner ozeanischen Tiefe. Der Gedanke begleitet mich, dass Studium, Forschen und Schreiben immer auch eine kosmologische Tat ist, eine Hervorbringung, eine Geburtswehe sondergleichen, eine Selbstverwünschung und Verzauberung ins Reich der Gedankenwelt. Gerade wenn es um einen „als den gebildetsten und universalen christlichen“ 1 Denker wie Hans Urs von Balthasar (1905-1998) geht. Gerade dieser Vorgang des Schreibens, der Auseinandersetzung und Sinnierens beförderte mich auf eine eigentümliche Weise in die Einübung in die Welt des Wissens, in die Tiefe des Geheimnisses der theologischen Erkenntnis.
Alles beginnt wie immer mit einer Reise und dem damit verbundenen Aufbruch. Ich möchte bei dieser These versuchen aufzuzeigen, wo mögliche Grundlinien dessen sind, was Hans Urs von Balthasar unter Sophia-Weisheit versteht. Natürlich wird es mir nicht möglich sein das Ganze Werk von Balthasar studieren und analisieren zu können. Das würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb beschränke ich mich auf einige wenige Texte um aufzuzeigen, wo Hans Urs von Balthasar implizit oder explizit von Sophia-Weisheit spricht, oder was er darunter versteht. Zum Abschluss möchte ich einen Zugang eröffnen, in dem sich ihre Relevanz auch für unsere Zeit und Welt erweist.
Theologie in ihrer Verwurzelung ist trinitarisch begründet, die aus der Urquelle schöpft, von der absoluten Wahrheit (vgl. 1 Petr. 1). Gott ist das Absolute, Vollkommenste, das jenseitige Eine und absolut Transzendente, wo sich Wahrheit, Gutheit und Schönheit treffen. 2 Die christliche Theologie geht in erster Linie nach dem Abstieg Gottes in die Welt nach. 3 Konkret ereignet es sich an der Menschwerdung des Wortes Gottes und im Kreuz Jesu Christi. Die Möglichkeitsbedingungen für die Inkarnation und Kreuz ist Gottes Trinität, als das Mysterium der drei, die eine Person sind, und des Einen, der drei ist: der Vater,
1 E. BAUER, Hans Urs von Balthasar. Sein philosophisches Werk, in: Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, 285.
2 GREGOR VON NYSSA lehrt die Unsichtbarkeit der göttlichen Natur. D. h. wir sind nicht im Stande Gott zu erkennen und das Nicht Begreifen seines Wesens. Es geht Gregor nicht darum, dass wir Nicht-Sehen, sondern vielmehr um „das Sehen im Nichtsehen“.
3 Schöpfungs- und Erlösungslehre werden von der Erwählungslehre umgriffen. HANS URS VON BALTHASAR schreibt dazu: „Barths Erwählungslehre, diese geniale Überwindung Calvins, zog mich mächtig und bleibend an, sie konvergierte mit Sichten Origenes und deshalb auch mit der Karsamstagstheologie Adriennes“, in: UA, 85.
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der Sohn und der Heilige Geist. Gemäß Jeanne Hersch ist die Trinität kein Bild, das wir uns machen können. Sie kann uns nur helfen, durch unsere eigene Freiheit uns der transzendenten Geschichtlichkeit des einen ewigen Gottes verstehend zu nähern und den absoluten Abstand zu erleben. 4 Sein ist also Liebe, innere Mannigfaltigkeit, Leben. Dieses Sein will nicht nur Bei-sich-sein, sondern das Sein sucht das Gespräch und die Begegnung. In diesem Innern Gottes kann etwas geschehen. Damit etwas geschehen kann, muss Gott, da er der Einer ist, zugleich eine Mehrzahl sein.
Im Widerspruch zu Wittgenstein „wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, bin ich eher der Meinung, wovon man nicht sprechen kann, eben zu sprechen, einzutauchen, in die Welt der Spekulation und Fragen zu stellen. Es fällt mir zu. Hans Urs von Balthasar fordert mich, auf seine Art und Weise, heraus. Er appelliert an meine intellektuelle Kreativität. „Das Forderndste ist auch das Schönste. Das Schwerste erweist sich, weil es die Liebe ist, als ‚leichte Bürde’, sanftes Joch.“ 5
Hans Urs von Balthasar hat versucht, das Bindende zu vereinen, um so wieder vom Zentrum aus, neu über die Frage der Theologie nachzudenken, und um eine Antwort zu geben, was denn der Mensch eigentlich ist und welche Aufgabe ihm im Heilsplan Gottes zu kommt. Theologie, als Letztes ist nicht Selbstverwirklichung oder die Behauptung nach einer naiven Identitätssuche, nicht: „Ich bin, der ich bin“, sondern: „Ich werde sein, der ich bin“. Dies ist der Grundsatz der frühkirchlichen Lehre, und worum es dabei geht, versuchte Hans Urs von Balthasar auf seine Art und Weise zu leben. Schon Goethe sagte, dass wir nichts zu sein müssen, sondern es werden sollen.
Zum Schluss bleibt mir nichts anders übrig als Dank meinem Direktor der Thesis Professor Azzolino Chiappini zu sagen. In diesen Dank mit eingeschlossen sind auch Professor Wolfgang Müller (Luzern), Dr. Iso Baumer (Fribourg) für die wertvollen Informationen, und Hugo Furrer (Bern) für das Lektorat. Die vorliegende Lizenzarbeit widme ich Hans Urs von Balthasar, der mir durch das Studium die Augen für die Herrlichkeit geöffnet hat, zu der wir alle berufen sind.
4 Vgl. JEANNE HERRSCH, Das philosophische Staunen, 74-75.
5 HANS URS VON BALTHASAR, WChr.
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INHALTSVERZEICHNIS
0. Einleitung 2
1. Die Gestalt Hans Urs von Balthasar 5
1.1. Einführung 5
1.2. Zugang zu Hans Urs von Balthasar 6
1.3. Herkunft 8
1.4. Immatrikulation in Zürich 8
1.5. Dissertation 9
1.6. Balthasars Berufung 9
1.7. Philosophische und Theologische Studien 10
1.7.1. Eintritt in die Gesellschaft Jesu 10
1.7.2. Erich Pryzwara 10
1.7.3. Henri de Lubac 11
1.8. Priesterweihe und Arbeitsfeld 14
1.9. Wendepunkt Basel 14
1.9.1. Begegnung mit Adrienne von Speyr 14
1.9.2. Bruch mit der „geistigen Heimat“ 16
1.10. Blick auf die Offenbarung 16
1.11. Ausschau 17
2. Die Gestalt Sergij N. Bulgakov 20
2.1. Einführung 20
2.2. Herkunft 21
2.3. Studienzeit in Moskau 21
2.4. Priesterweihe 22
2.5. Ausschau 24
Exkurs : Trinität in der russischen theologischen Philosophie 25
1. Einführung 25
2. Trinitätslehre 25
3. Einheit von Philosophie und Theologie 28
3. Sophia-Weisheit 29
3.1. Einführung 29
3.1.1. Zum Begriff Sophia-Weisheit 30
3.2. Grundlagen der Sophialehre 30
1
3.3. Relationsgeschehen 31
3.3.1. La lumière sans déclin 32 3.3.2. Du Verbe incarné 32 3.3.3. L’agneau de Dieu 33 3.3.4. La Sagesse de Dieu 34
3.4. Schöpfung als Konsequenz der kreativen Liebe Gottes 34 3.5. Personales Geschehen 35 3.6. Ausschau vom Gesehenen 36
4. Hans Urs von Balthasar und die Weisheit 38 4.1. Einführung 38
4.2. Die Liebe und das Streben nach Weisheit 38
4.3. Weisheit im Alten Testament 39 4.3.1. Hiob 39 4.3.2. Sprichwörter 39
4.3.3. Hellenistisches Judentum 40
4.4. Weisheit im Neuen Testament 40 4.4.1. Weisheit bei Paulus 41 4.5. Kirchenväter 42 4.6. Ausschau 43
4.7. Spuren der Weisheit in Herrlichkeit 44 4.7.1. Einführung 44 4.7.2. Aufbau der Trilogie 45 4.7.3. Ausschau 48
4.8. Weisheit in Mysterium Paschale 51
4.8.1. Kenosis des Gottmenschen 52
4.9. Bedeutung der Glaubenserfahrung in Hans Urs von Balthasar 53 4.9.1. Einführung 53
4.9.2. Gestalt in Theodramatik 54
4.9.3. Gehorsam bei von Balthasar 54 4.9.4. Rolle des Glaubens 55
4.10. Theologie und Heiligkeit 58 4.11. Johanneisches Prinzip 62 4.11.1. Logos aus Ausleger 63
4.11.2. Logos wird Fleisch (sarx) 64
2
4.11.3. Gott als sein eigener Exeget 67
4.12. Paulinische Theologie in Bezug zur Weisheit 69
4.13. Ignatianische Prägung 71
4.12. Ausschau 73
5. Schluss 77
6. Abkürzungen und zitierte Literatur 84
7. Literaturverzeichnis 85
3
Darstellung der Sofia - die göttliche Weisheit, ende XVI. Jahrhundert.
(Gallerie Tret’jakov)
4
1. Die Gestalt Hans Urs von Balthasar 6
1.1. Einführung
Wer ist dieser geniale Denker, der aus einer alten Luzerner Patrizierfamilie stammt, von dem gesagt wird, er habe eine ozeanische Tiefe? Ist Hans Urs von Balthasar ein „Reaktionärer“, ein „Papsttheologe“ oder sogar ein „Häretiker“? Ist er Philosoph, Theologe oder ein Ästhet? Es ist schwierig diese Gestalt einzuordnen. Brauchen wir ihn einzuordnen, oder sollten wir uns nicht eher um sein Anliegen bemühen? Was für ein Leben führte er? Von was fühlte er sich so hingerissen? Anlässlich des 10. Todesjahres organisierte die von-Balthasar-Stiftung im Jahre 1998 an der Universität Fribourg ein internationales Symposion zum Thema: „Wer ist die Kirche“. Ich möchte dabei die zentrale Aussage von Yves Tourenne wiedergeben, welcher gesagt hatte, dass „die Mitte des Christentums weder die Kundgabe Gottes als solche, noch die
Bejahung seiner Gnade und seiner Liebe, ja nicht einmal die Bejahung eines Heils
durch einen Retter sei: all das gibt es auch außerhalb des Christentums. Sie ist
7 Offenbarung und Bejahung, dass die Gnade wesentlich gestalthaft ist.“
Mit dieser Aussage kommen zwei zentrale Ausdrücke zur Geltung. „Gnade“ und „Gestalt“. Gnade ist der Begriff von der immer freien Gabe von Gott her. Sie misst sich an nichts und wird auch durch nichts begrenzt. Gestalt ist eine Form, eine bestimmte Einheit, eine Vielfalt von Aspekten, Elementen oder Gliedern. Die Form lässt sich sehen, und so heisst auch der Titel des ersten Bandes der „Herrlichkeit“. Eine theologische Ästhetik „Schau der Gestalt“. Die Gestalt zeigt sich, liefert und „sagt“ sich aus, ja sie verstrahlt das Innerlichste ihrer selbst. In der „Herrlichkeit“ selbst spricht von Balthasar davon, dass das Christentum die Bestätigung dafür ist, dass die Gnade eine Gestalt hat, noch mehr, eine Gestalt ist.
6 Vgl. HANS URS VON BALTHASAR, Bibliographie 1925-2005, neu bearbeitet und ergänzt von CORNELIA CAPOL und CLAUDIA MÜLLER, 2005. Eine regelmäßig aktualisierte Gesamtübersicht über die Sekundärliteratur und weiteren wissenschaftlichen Arbeiten bietet das Balthasar-Archiv unter http://mypage.bluewin.ch/HUvB.S.Lit/.
7 vgl. Im Einsatz Gottes Leben für die Welt, in: Wer ist die Kirche?, 158. (original fr. „Le centre du christianisme, ce n’est ni la manifestation de Dieu comme telle, ni même l’affirmation de sa grâce ou de son amour, ni même ancore l’affirmation d’un salut par un sauveur; tout cela existe en dehors du christianisme. C’est la Révélation et l’affirmation que la grâce a essentiellement une figure”, 70).
5
1.2. Zugang zu Hans Urs von Balthasar
Zum 100. Jahrestag der Geburt von Hans Urs von Balthasar (=HUvB) fanden 2005 weltweit rund 20 Veranstaltungen statt 8 . Berichterstattungen, Themenhefte und weitere Publikationen 9 sollten die Aufmerksamkeit auf den großen Basler Theologen lenken 10 . Papst Benedikt XVI. erwähnt in seiner Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Tagung an der Lateran Universität in Rom nicht nur seine freundschaftliche Beziehung zu HUvB, sondern ist überzeugt, „dass sein theologisches Gedankengut bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat und nach wie vor in vielen Menschen den Wunsch weckt, an der Hand eines so kundigen Führers immer tiefer in das Geheimnis des Glaubens einzudringen.“ 11
Karl J. Wallner 12 definiert HUvB nicht nur als genialen Theologen, sondern als ein Phänomen, im Sinne Schelers, der die Sache zum Leuchten, zum Strahlen bringt. Bauer meint sogar, dass es nicht vermessen sei, „Balthasar als den gebildetsten Theologen und universalsten christlichen Denker unseres
8 Die genaue Dokumentation ist zusehen unter der Hans Urs von Balthasar-Stiftung: www.balthasar-stiftung.org.
9 Erwähnt seien: Dokumentation des internationalen Symposiums in Lugano (La missione teologica di Hans Urs von Balthasar: Atti del Simposio internazionale di Teologia in occasione del centesimo anniversario della nascita di Hans Urs von Balthasar, Lugano 2-4 marzo 2005 [Collana Balthasariana; 1], 2005. Den Sammelband von MAGNUS STRIET - JAN-HEINER TÜCK „Die Kunst Gottes verstehen. Hans Urs von Balthasars theologische Provokation“, 2005. Die Festschrift für Karl Kardinal Lehmann zum 70. Geburtstag „Logik der Liebe und Herrlichkeit Gottes“, Herausgeber WALTER KARDINAL KASPER, 2006. Die Schriftreihe der Theologischen Hochschule Chur „Hans Urs von Balthasar - ein grosser Churer Diözesan“, 2006, welche von seinem Neffen PETER HENRICI herausgegeben wurde. Und zum Schluss: die Publikation „Letzte Haltungen. Hans Urs von Balthasars „Apokalypse der deutschen Seele“ - neu gelesen“, 2006, Herausgeber BARBARA HALLENSLEBEN - GUIDO VERGAUWEN. Die Communio-Ausgaben welche die Person Hans Urs von Balthasar im Mittelpunkt haben, sei vor allem die französische XXX, 2 März/April 2005 und deutsche Ausgabe vom März/April 2005 erwähnt. In der Zeitschrift Gregorianum der Päpstlichen Universität Gregoriana (2005) widmen sich folgende Autoren der Person von Balthasar: BERNARD SESBOUÉ: Comment sortir de la néo-scolastique?: la genèse de deux pensées, 257-275: VINZENT HOLZER: Les implications métaphysico-religieuses d’une dramatique trinitaire chez Hans Urs von Balthasar, 308-329: KARL H. NEUFELD: Ausdrückliche Auseinandersetzung: zu offenen Fragen zwischen Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar, 368-377: JOHN R. SACHS: The Holy Spirit and Christian form, 378-396.
10 Am 26. Juni 2005 wurde in Luzern posthum der Augustin-Bea-Preis an HANS URS VON BALTHASAR durch den Vizepräsidenten der Österreichischen Bischofskonferenz Bischof DR. EGON KAPELLARI übergeben.
11 Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Konferenz anlässlich des 100. Geburtstag des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar, 6. Oktober 2005, www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/messages/pont-messages/2005/document. vgl. PETER HENRICI (Hrsg.) Hans Urs von Balthasar - ein großer Churer Diözesan, 131.
12 Vortrag gehalten an der Wiener Katholischen Akademie am 24.10.1995 aus Anlass des 90. Geburtstags von Hans Urs von Balthasar, in: Schriften der Wiener Katholischen Akademie, Nr. 25, 1998.
6
Jahrhunderts zu bezeichnen“. 13 Können wir HUvB also mit einem Thomas von Aquin gleichsetzen, welcher die Theologie der Nachwelt nach wie vor sehr stark beeinflusst? Wie findet der Leser Zugang zu einem solchen komplexen Werk? Im wahrsten Sinn können wir von einer Symphonie sprechen. Es ist nicht nur eine theologische, sondern auch eine philosophische und literarische Symphonie, die überwältigend, und bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. HUvB wollte sozusagen eine universale Theologie betreiben. Deshalb ist unsere Arbeit hier auch nur ein Versuch einer Annäherung an das Denken HUvB. Was bewegte ihn? Welche Begegnungen prägten sein Denken? Es ist ein Vortasten, ein Begreifen von dem, was unser Autor lebte, erfuhr und weitergab. HUvB selbst hat fünfmal in seinem Leben sich zu seinem Werk geäussert. 14 Wichtig ist auch die Schrift „Unser Auftrag“ 15 , das zugleich als sein Vermächtnis angesehen werden kann 16 . Der deutsche Theologe Herbert Vorgrimler sagt es treffend, wer ein Porträt von HUvB zu skizzieren versucht, kommt um diese gemachten Selbstaussagen nicht herum. Im Rechenschaftsbericht von 1965 spricht HUvB von Besinnung und Umkehr. Es ist ein Schlüsselwort, der „Auftrag“, der ins Zentrum des ganzen Denkens HUvB rückt. Darin erkennt er seinen ganz persönlichen Auftrag, beauftragt oder gesendet zu sein. Auftrag verlangt ein ‚Jemand’. Jemand der sendet. 17 Wir haben zu Beginn von der Gestalt gesprochen. Es ist genau diese Gestalt Christi, diese Schönheit, von der HUvB mehrmals spricht, in der das Wahre, das Gute und das Eine zusammenfliesst. Christus ist deshalb - nach HUvB - die Mitte aller Schönheit, wo wir den Glanz und der Herrlichkeit des Seins begegnen können. Was schön ist, erweckt in uns Anteilnahme, es reisst uns mit, erweckt uns und deshalb muss es auch liebenswürdig sein. Ein weiterer Schlüsselbegriff ist die Disponibilität, die Bereitschaft, so wie es bei Ignatius indiferencia und Gehorsam heisst. Hier
13 EMMANUEL BAUER, Hans Urs von Balthasar (1905-1988). Sein philosophisches Werk, in: Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, 285.
14 Vgl. HANS URS VON BALTHASAR, Mein Werk - Durchblicke. Neue ergänzte Auflage: Zu seinem Werk, Freiburg 2000.
15 Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1984.
16 In diesem Buch beschreibt HANS URS VON BALTHASAR u. a. seine Motivation: „zu verhindern, dass nach meinem Tod der Versuch unternommen wird, mein Werk von dem Adriennes von Speyr zu trennen.“ In ZW schreibt HUvB: „Adrienne von Speyr war es, die … den Grund zum meisten legte, was seit 1940 von mir veröffentlicht wurde. Ihr Werk und das meine sind weder psychologisch noch philologisch zu trennen.“, 76.
17 Vgl. ZW, 20. „Christus erwählt und beruft uns; dass wir ihn wählen, ist nur antwortender Gehorsam.“
7
kommt eine grundlegende Frage ins Spiel: Nämlich die der Haltung des Menschen gegenüber Gott. Beginnen wir unsere Reise.
1.3. Herkunft
Hans Urs von Balthasar wurde am 12. August 1905 in Luzern in einer alten katholischen Patrizierfamilie geboren. Sein Interesse zur Literatur und Musik war bei ihm schon sehr früh entwickelt. Er besuchte von 1916 bis 1923 die Gymnasien der Benediktiner in Engelberg und der Jesuiten in Feldkirch (A). Da er sich in Engelberg wie in Feldkirch gelangweilt fühlte, entschied er sich für die Fernmaturität, welche er in Zürich mit Erfolg abschloss.
1.4. Immatrikulation in Zürich
Im Sommersemester 1924 18 immatrikulierte sich HUvB an der Universität Zürich für das Fach Germanistik. Dabei folgten Aufenthalte in Berlin und Wien, wo er Persönlichkeiten wie den Religionsphilosophen Romano Guardini,
Psychoanalytiker Rudolf Allers und den Musiker Hans Eibl kennen lernte. Lassen wir HUvB selbst sprechen:
„Seit meiner Geburt in einer selbstverständlich katholischen Familie - nur mein
Grossvater mütterlicherseits war Protestant; er war Offizier gewesen und stand ganz
am Rand des Familienlebens, wir machten zuweilen in seinem verrauchten Zimmer
voller Waffen einen scheuen Besuch - wuchs ich in einem ebenso
selbstverständlichen Glauben, den nie ein Zweifel anfocht, auf; ich erinnere mich an
stille und ergriffene Frühmessen allein im Chor der Luzerner Franziskanerkirche oder
an Zehnuhrmessen in der für mich überwältigend herrlichen Jesuitenkirche. Ich las
früh und viel, aber nichts Religiöses. Meine Mutter ging täglich den steilen Weg von
unserem Haus hinab zur Messe, ihrem Gebet und ihrem frühen und schmerzlichen
Sterben verdanke ich ohne Zweifel meine späte und (während grossen Exerzitien für
Laien) urplötzliche Berufung auf den Weg des hl. Ignatius. Der Hauptinhalt meiner
Jahre vor dem Gymnasium war Musik; seit den ersten umwerfenden musikalischen
Eindrücken: der Es-dur-Messe von Schubert (etwa fünfjährig) und der Pathétique
von Tschaikowsky (etwa achtjährig) verbrachte ich endlose Stunden am Klavier; im
Kolleg Engelberg kam das Mitwirken in Orchestermessen und Opern hinzu, aber als
ich mit Freunden für die letzten zweieinhalb Gymnasialjahre nach Feldkirch
hinüberwechselte, war die dortige „Musikabteilung“ so lärmig, dass einem die Lust
am Spielen verging. (…) Meine Frömmigkeit bis zu diesem Zeitpunkt kann ich
schwer beschreiben. Unangefochtener Glaube, Verehrung Marias, aber ein sicher
18 E. GUERRIERO, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie, 32.
8
ganz unzureichendes Gebet: Predigten und Religionsstunden langweilten mich fast
durchgehend.“ 19
1.5. Dissertation zur Geschichte des eschatologischen Problems 1928 reichte HUvB (mit 23 Jahren!) seine Dissertation zum Thema „Die Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur“ ein. Darin versuchte er, das, was er vor sich liegen sah, auf dessen letzte Konsequenz hin zu bedenken. Es ging ihm dabei um das Offenlegen der „Seele“ eines Hölderlin, Goethe oder Rilke. Er studiert die Vergangenheit und Gegenwart und kommt immer wieder auf denselben Punkt zu sprechen, der das Herzstück balthasarschen Denkens ist: nämlich das Geheimnis des menschgewordenen Gottes. Dabei stiess er Schranken und Grenzen auf, denn er gab sich nicht mit der damaligen sogenannten neoscholastischen Theologie zu frieden, die er als ein Schmachten wie in einer Wüste verstand. „Das ganze Studium im Orden hindurch ein verbissenes Ringen mit der
Trostlosigkeit der Theologie, dem, was die Menschen aus der Herrlichkeit der
Offenbarung gemacht haben: ich konnte diese Gestalt des Wortes Gottes nicht
ertragen, hätte mit der Wut eines Samson um mich hauen können, mit seiner Kraft
den ganzen Tempel einreissen wollen und mich selber darunter begraben; aber es
war das Durchsetzenwollen meiner Pläne, das Leben aus meiner unendlichen
Indignation heraus, dass es so war. Ich sagte das alles fast niemandem. Przywara
verstand alles, auch ohne Worte, sonst war niemand da, der hätte verstehen können.
Ich schrieb die ‚Apokalypse’ mit jener Verbissenheit, die gewaltsam, koste es, was es
wolle, eine Welt in den Grundlagen umzubauen sich vornimmt. Es hat wirklich den
Eingriff von Basel gebraucht, und vor allem die alles lösende Güte des Johannes, um
auch in mir die Rabiatheit des Willens in wirkliche Indifferenz überzuführen.“ 20 Das dreibändige Werk Apokalypse der deutschen Seele - Studie zu einer Lehre von letzten Haltungen entstand in den Jahren 1937 bis 1939.
1.6. Balthasars Berufung
Von seinen Exerzitien, die er im Sommer 1927 machte, erzählt er dreißig Jahren später von seiner gemachten Erfahrung.
„Noch heute (...) könnte ich auf dem verlorenen Waldweg im Schwarzwald unweit
19 UA, 30f.
20 Zitiert aus PETER. HENRICI, Erster Blick auf Hans Urs von Balthasar, 25 in: Lehmann, K./Kasper W. (Hg.), Gestalt und Werk.
9
von Basel den Baum wiederfinden, unter dem ich wie vom Blitz getroffen wurde. Ich
war damals Student der Germanistik und folgte einem Exerzitienkurs von
Laienstudenten. In diesen Kreisen wurde es als ein Unglück betrachtet, wenn einer
sich absetzte, um Theologie zu studieren. Doch es war weder die Theologie noch
das Priestertum, was damals blitzartig vor meinen Geist trat; es war einzig und allein
dies: Du hast nichts zu wählen, du bist gerufen; du wirst nicht dienen, man wird sich
deiner bedienen; du hast keine Pläne zu machen, du bist nur ein kleines Steinchen in
einem Mosaik, das längst bereitsteht. Ich brauche nur ‚alles zu verlassen und
nachzufolgen’, ohne Pläne zu machen, ohne Wünsche und Einsichten: Ich brauche
nur dazustehen und zu warten und zuzusehen, wozu man mich brauchen würde.
Und so geschah es; und wenn mir der Gedanke aufstieg, dass der Liebe Gott mir
einen sicheren Ort angewiesen und mich mit einer klar umrissenen Sendung begabt
hatte, so stellte ich doch fest, das Er frei war, das Ganze in einem Augenblick, trotz
der Ansicht und Angewöhnung des Werkzeugs, das ich war, über den Haufen zu
werden. Bemerkenswert bleibt dabei allein, dass mir dieses Lebensgesetz, das uns
zerbricht und im Zerbrechen heilt (wie das Bein des hl. Ignatius) schon ganz zu
Beginn als eine Art unsichtbares Lebensthema erschien. Es wird wohl für den
ungeduldigen Rabbiner Saul nicht anders gewesen sein.“ 21
1.7. Philosophische und Theologische Studien
1.7.1. Eintritt in die Gesellschaft Jesu
1929 trat HUvB in die Oberdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Es folgte das zweijährige Noviziat in Feldkirch (A).
1.7.2. Erich Przywara
Am Berchmanskolleg in Pullach absolvierte er das zweijährige Philosophiestudium und lernte dabei seinen Mentor Erich Przywara kennen. Przywara führte HUvB in seine Analogia entis ein, welche das Verhältnis von Gott und Welt, Schöpfer und Schöpfung anschaut. Diese Sichtweise wird für HUvB maßgebend. Im Lageplan zu seinen Büchern schreibt HUvB 1955, „dass das eigene Werk nur in der Verbundenheit mit andern das ist, was es ist. (...) das Werk dessen, dem ich in den Jahren meiner theologischen Ausbildung verpflichtet war und weit darüber blieb, so stark, dass eine große Anzahl Hauptthemen auf seine Hinweise zurückgehen: Erich Przywara“ 22 . Nachdem sein Freund Karl Barth die Lehre Przywara ablehnte und sie zur Analogia fidei
21 Warum ich Priester bin, in: E. GUERRIERO, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie, 400f.
22 ZW, 19.
10
umwandelt, stellen wir auch bei HUvB eine denkerische Verschiebung fest. Nicht mehr nur das Verhältnis zwischen Gott und Welt stand im Mittelpunkt, sondern das Miteinander der unendlichen, göttlichen Freiheit mit der endlichen, geschöpflichen Freiheit. Somit ist der Weg gebannt, den Begriff der Geschichte in das Reden von Gott und Welt einzufügen.
1.7.3. Henri de Lubac (=HdL)
Von 1933 bis 1937 folgte das Theologiestudium in Lyon. In dieser Zeit lernte er seinen Mitbruder Henri de Lubac kennen, welcher ihn fortan begleitete und ihn nicht nur in die Kirchenväter, sondern auch in die „Nouvelle théologie“ (=NT) 23 einführte. Die Begegnung mit HdL wurde für HUvB zu einer unsagbaren, sprudelnden Quelle für Ideen 24 , und zugleich Vorbild christlichen Lebens. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Satz des Philosophen aus Aix-en-Provence: „La méthode d’immance considère le surnaturel … comme indispensable en même temps qu’inaccessible à l’homme“. 25 Gemäß HdL, selbst von Pierre Rousselot und Joseph Maréchal beeinflusst, welche die NT prägten, können wir deren Grundanliegen in folgende Punkte zusammenfassen. Das erste Anliegen galt der Überwindung des so genannten „Extrinsezismus“, d. h. von der alten scholastischen Lehre von Natur und Gnade, das zweite die Überwindung der Lehre von der doppelten Prädestination und das dritte die Rückkehr zu den Kirchenvätern. Zur Überwindung des „Extrinsezismus“ wollten die Vertreter der NT zur alten augustinischen und thomistischen Lehre von der tendentia naturalis in visionem beatificam zurückkehren. Hier geht es um eine erneute Sichtweise einer theologischen Anthropologie, worauf der Mensch nach dem Willen Gottes auf die Begegnung mit dem gnädigen Gott angelegt ist. Es geht um die ureigenste Sehnsucht des Menschen nach Vollendung. Aber auch um die
23 Die « Nouvelle théologie » wird für die Bezeichnung der Erneuerung der katholischen Theologie gebraucht, welche von den Vertretern immer wieder abgewiesen wurde. Das Neue der NT ist die Rückkehr zur Theologie der Kirchenväter. Die Kirchenväter von Ost und West, welche zu deren spirituellen Lehrern wurden, hatten die Begabung in einen klaren Dialog mit den Religionen und den damaligen philosophischen Strömungen zu stellen. Ausgehend von der Auslegung der Bibel und den ganz persönlichen Glaubenserfahrungen, versuchten sie auf die verschiedenen Auseinandersetzungen und Disputen Lösungsansätze zu vermitteln. Die Patristik war die Zeit der grossen und wichtigen dogmatischen Entscheidungen, Gottes trinitarisches Wesen zu definieren.
24 Vgl. JACQUES SERVAS SJ, Balthasar et l’Orient chrétien in: RTLu VIII (3/2003) 541-557.
25 M. BLONDEL, Lettres sur les exigences de la pensée contemporaine en matière d’apologétique, in : Les premiers écrits de Maurice Blondel, vol. 2, 1956, 42. « Die Immanenzmethode betrachtet das Übernatürliche... als für den Menschen unerlässlich wie zugleich unerreichbar. »
11
Erfahrung der Grenzen, an die der Mensch stößt, wenn er dieser Erfahrung nachgeht. Die endgültige Erfüllung dieser Sehnsucht kann allein nur von Gott her kommen. HUvB entfaltet die Gnadentheologie in SC. Zweitens stellt sich die Frage nach der Rolle der Kirche im Heilsplan Gottes. HdL fasst seine Gedanken in Catholicisme (1938) zusammen. Dieses Buch wird nicht nur für HUvB, sondern für all seine Freunde zu einem „Grundbuch“. Dazu HUvB:
„Der Sinn der Kunst Jesu Christi ist es doch, die Welt zu erlösen, ihr gesamthaft den
Weg zum Vater zu öffnen: Kirche ist nur Mittel, ein Strahlen, das vom Gottmenschen
in alle Räume hinausdringt … Dies Pathos war es, das uns junge Theologen … in
26 Lyon um den älteren Freund und Meister Henri de Lubac scharte.“
Als letzter Punkt sind die Kirchenväter zu nennen. HdL führte den jungen HUvB in den Alexandriner Origenes ein, welcher er als eine hervorragende Gestalt innerhalb der griechischen Vätertheologie ansieht, und der wie kein anderer Denker in der Kirche „unsichtbar-allgegenwärtig“ 27 geblieben ist. „Und so kam’s, dass ich Origenes fand und staunend in ihm den überlegensten Geist
der ersten Jahrhunderte erkannte, der die ganze christliche Theologie im Besten wie
im Schlimmen gestempelt hat.“ 28
„Origenes und seine Bedeutung für die Geschichte des christlichen Denkens zu
überschätzen, ist kaum möglich. Ihn an die Seite von Augustinus und Thomas
stellen, heißt, ihm den Platz einräumen, der ihm in dieser Geschichte zukommt.“ 29 Baumer in seinem Artikel Die Relevanz der orthodoxen Theologie für die Theologie von Hans Urs von Balthasar erinnert dabei an die Tatsache, „dass Balthasar sie wohl alle (!), zuerst die griechischen, dann die lateinischen, ab Frühling 1935 während seines Theologie-Studiums in Lyon in der Originalsprache gelesen hat“. 30 Es ist also HdL zu verdanken, dass HUvB sein ganzes Leben lang patristisch gearbeitet hat, und sich von deren Sichtweise inspirieren ließ, um so die Erneuerung der katholischen Theologie
26 ZW, 42.
27 HUvB, Origenes, 12. Löser stellt übrigens die These auf, dass für HUvB Orgenes die Schlüsselfigur der gesamten griechischen Vätertheologie sei und er selbst in dessen Geist seine theologische Arbeit vollziehen wollte, vgl. Im Geiste des Origenes, 83.
28 MW, 10. Die erste Auflage von Origenes. Geist und Feuer erschien bereits 1938 im Otto Müller Verlag Salzburg. Origenes selbst war überzeugt, dass der Logos, der „im Anfang bei Gott war“, auch „die lebendige Weisheit und der Sohn Gottes“ ist (vgl. Contra Celsum 3,81 (GCS 1, 271-272) Dr. Übersetzung: Origenes, Gegen Celsus, 1. Teil, 296. Vgl. Jeremiahomilien 20,1 (GCS 3, 16) (Dt. Übersetzung: Origenes, Die griechisch erhaltenen Jeremiahomilien, 217).
29 HUvB, Origenes, 12.
30 in: Logik der Liebe und Herrlichkeit Gottes. Hans Urs von Balthasar im Gespräch mit WALTER KARDINAL KASPER, 2006, 230. Anm. 6.
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voranzutreiben. Es waren aber auch die Kirchenväter, welche HUvB zur orthodoxen Welt führten. Für seine ganze Arbeit rund um die Kirchenväter, speziell für Origenes, Gregor von Nyssa und Maximus Confessor wurde ihm am 28. März 1965 vom Archimandriten Dr. Stylianos Charkianakis im Namen des Ökumenischen Patriarchen das „Goldene Kreuz vom heiligen Berg Athos“ verliehen. Sein ganzes kompetentes Werk über die Kirchenväter hat bis heute einen seinen bleibenden Wert innerhalb der patristischen Forschung. 31 Iso Baumer bemängelt grundsätzlich, dass es noch keine Aufarbeitung des Engagements von HUvB für die orthodoxe Theologie gibt. Zusammengefasst können wir jedoch festhalten, dass HUvB versucht, einzelne Denker in ihrer ganzen Gestalt zu erfassen, zu verstehen und zu deuten, und so begreift er auch geschichtliche Epochen als Zeitgestalten, deren Gehalt sich in ihrer exponiertesten Vertretern ausdrückt und wo er versucht sie in ihrer Eigenart zu erfassen: 32 Ein Origenes in seiner Sorge um das universale Heil, die in die Liebe zum Wort-Logos eingebetete betrachten werden muss 33 ; Augustinus, der in seinen abwehrenden Schriften oft als dramatisch-religiöse Existenz gesehen wird, dabei aber immer als „Mensch der Kirche“ gesehen werden muss 34 ; in Irenäus erscheint die Methode katholischer Theologie, die sich vor allem darum bemüht, die Geheimnisse des Glaubens zu vermitteln. Darüber hinaus entdeckt er in Irenäus, dass in dessen Höllentheologie der Descensus ad inferos das Zentrum des Mysteriums Paschale bildet 35 ; Maximus - mit dem er sich sehr ausführlich beschäftigt hat, um aus einem scheinbar locker verbundenen Schriftmaterial eine Gestalt entstehen zu lassen - und dessen Christologie sowie seiner positiven Wertung der natürlichen Welt, die neben der Heiligen Schrift als
31 Vgl. W. Löser, Im Geiste des Orgenes, der auf den bleibenden wissenschaftlichen Ertrag der patristischen Forschungen Balthasars bezüglich Origenes, Athenagoras von Athen, Irenäus, Gregor von Nyssa, Evagrius Ponticus u.a. hinweist, 56.
32 Vgl. Gedanke in Löser, Im Geiste des Origenes, 11.
33 Vgl. E. Guerriero, Hans Urs von Balthasar, 80.
34 Vgl. Hans Urs von Balthasar, Aurelius Augustinus, besonders die Einführung von Balthasar 26f. Ebenso Löser, Im Geiste Origenes, 134.
35 Vgl. Löser, Im Geiste Origenes, 73, sowie Guerriero, 50. Die Übersetzung Irenäus, Geduld des Reifens, erschien erstmals 1943 in der Reihe Sammlung Klosterberg. Diese Reihe war von der Intention getragen, die Klassiker des abendländischen Denkens im Hinblick auf einen geistigen Wiederaufbau Europas nach der Krise des Nationalsozialismus einem interessierten Publikum zugänglich zu machen.
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ebenbürtige Quelle der Weisheit erscheint und der für HUvB die Bilanz der griechischen Patristik darstellt 36 .
1.8. Priesterweihe und Arbeitsfeld
Kardinal Faulhaber weihte HUvB 1936 in München zum Priester. Dort arbeitete er zuvor als Mitarbeiter bei der Redaktion „Stimmen der Zeit“. Den Lehrstuhl für Dogmatik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom schlug er aus, sondern entschied sich die Studentenseelsorge in Basel anzutreten, wo bis anhin sein Verwandter Rudolf Walter von Moos SJ tätig war 37 .
1.9. Wendepunkt Basel
Die Studentenseelsorge Basel anzutreten bedeutete für HUvB eine Weichenstellung. Er erhält einen viel größeren Spielraum, seine Schwerpunkte festsetzen zu können, im Gegensatz zu einem Lehrstuhl, welcher durch wöchentliche Vorlesungen und Traktatsystem definiert gewesen wäre. Wichtig für ihn war eine lebendige und geistliche Theologie (davon stammt der Begriff einer knienden Theologie!). Die nun kommenden Jahre in Basel bestanden für HUvB vor allem aus akademisch und studentisch geprägte Aktivitäten. Durch die Begleitung junger Menschen gründete er u. a. die Studentische Schulungsgemeinschaft (SG) und die Akademische Arbeitsgemeinschaft (AAG) welche zu einem tragenden Netz seiner Zeit wurde. Auch sein langjähriges Engagement bei der Renaissance 38 , wo er zeitlebens Altherr war, soll noch erwähnt werden. Hier lernt der junge Jesuit Karl Barth und Adrienne von Speyr kennen. Wir wollen uns hier jedoch nur auf Adrienne von Speyr konzentrieren.
1.9.1. Begegnung mit Adrienne von Speyr (=AvS)
1940 lernt HUvB die reformierte Ärztin Adrienne von Speyr kennen, denn er sollte sie bei ihrer Konversion begleiten. Am 1. November 1940 wurde von Speyr in die Katholische Kirche aufgenommen. Durch die ersten Kontakte entwickelte sich dann mit dem Laufe der Zeit eine tiefe freundschaftliche Beziehung, die bis zum
36 Vgl. HUvB, Kosmische Liturgie, 10.
37 Vgl. DR. ISO BAUMER, Hans Urs von Balthasar und die kirchliche Bücherzensur, in: ZKth 129 (2007) 207-235, 212.
38 Vgl. CHRISTOPH BAUMER, Die „Renaissance“, 1998. Vor allem die Seiten 189-191.
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Tode Adrienne von Speyrs am 17. September 1967 andauerte. 39 Doch was machte diese spannende Beziehung aus? Es sind vor allem die mystischen Erfahrungen AvS. So hat HUvB hinsichtlich der Erfahrungen AvS einen Begriff von Mystik geprägt, der bei der Beschäftigung mit diesen Zeugnissen nicht außer Acht gelassen werden darf. Die gemachten Erfahrungen AvS betrachtet HUvB als ein Ja gegenüber Gott. 40 Dieses Ja ist umgriffen von der Antwort auf das „primäre Wort Gottes“ 41 . Somit sind die Erfahrungen AvS nicht nur Privatoffenbarungen, sondern mitgeteilte „Charismatik“, einen Dienst an und in der Kirche verstanden werden kann. In diesem Sinne ist also „Mystik“ Geschenk und Auftrag. Die Bereitschaft zu diesem Dienst ist für HUvB Abbild des christologischen Gehorsams, womit die Selbstreflexion als damit unvereinbar und die völlige Verfügung als Bedingung dieser Mystik erst in der rechten Weise gesehen werden kann. 42 So unterstreicht HUvB das Echtheitskriterium dieser Mystik 43 , welches in der Qualität des Vermittelten liegt. Wir können uns hier nicht bis ins Detail begeben. Es würde schlicht weg den Platz sprängen. Wie wir bereits in der Fußnote 39 auf die gegenseitige Befruchtung HUvB und AvS hingewiesen haben, lassen wir nun HUvB selbst sprechen:
39 Vom 12. - 13. September 2002 fand an der Katholischen Akademie in Freiburg i. B. ein Symposion über „Adrienne von Speyr und ihre Spirituelle Theologie“ statt. Untersucht wurde der Einfluss ADRIENNE VON SPEYRs auf HANS URS VON BALTHASAR. Wir kommen nicht darum herum zu sagen, dass die Person ADRIENNE VON SPEYR den Lebensweg VON BALTHASARs massgebend mit-beeinflusst hat. So weist Balthasars Neffe PETER HENRICI auf die Verbundenheit Balthasars mit den von ihm herausgegebenen Schriften von Speyr hin: „Auch sie stammen, materiell gesehen, aus der Feder Balthasars. Er hat die französischen Diktate Adriennes auf Deutsch mitstenographiert und sie zur Veröffentlichung bereitgemacht.“ Zitat von M. KARGER in der Tagespost (12. Juli 2005) anlässlich einer Tagung der Katholischen Akademie in München zum hundertsten Geburtstag Balthasars. Vgl. Literatur zur Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit Balthasars und Adriennes die „Selbstrechenschaft“: H. U. VON BALTHASAR, Unser Auftrag. Bericht und Weisung, Freiburg 2004; B. ALBRECHT, Eine Theologische des Katholischen. Einführung in das Werk Adrienne von Speyrs. Bd. 1: Durchblick in Texten, Einsiedeln 1972; Bd. 2: Darstellung, Einsiedeln 1973; J. SERVAIS, Per una valutazione dell’influsso di Adrienne von Speyr su Hans Urs von Balthasar, in: RTLu 6 (2001), 67-89.
40 HUvB spricht vom „theologischen Ort“ dieser Erfahrung, vgl. Erster Blick, 50.
41 HUvB, Erster Blick, 50.
42 „Dort, wo Wort Gottes nicht nur mit dem exegetischen und theologischen Verstand, sondern mit dem Herzen, der ganzen Existenz gehört, wo der Selbsterschliessung des Herzens Gottes in Feuer und Nacht standgehalten wird: dort ereignet sich was - nicht im vagen religionsgeschichtlichen und -philosophischen, sondern im katholisch-kirchlichen Sinn - Mystik genannt zu werden“, HUvB, Erster Blick, 78.
43 Diese Erfahrungen sind in den Nachlassbänden Kreuz und Hölle wiedergegeben. Bei den dreibändigen Schriften von Erde und Himmel werden über den Alltag, die Rede, ihrer Begabung und über ihre Einsichten in bestimmte Festgeheimnisse des liturgischen Jahres berichtet.
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Arbeit zitieren:
Daniel M. Bühlmann, 2008, Weisheit in Hans Urs von Balthasar, München, GRIN Verlag GmbH
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