INHALTSVERZEICHNIS
A. Einleitung
1. Einführung und Fragestellung 3
B. Hauptteil
2. Systemtheoretische Grundlagen 5
2.1. System und Umwelt 5
2.2. Dynamische Systeme: Anreiz, Intervention und Steuerung 6
2.3. Umweltkomplexität und Ausdifferenzierung 8
3. Die DDR als System: Ursachen 9
3.1. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als Stabilitätsproduzenten 9
3.2. Das politische Subsystem: „Demokratischer Zentralismus“ 12
3.3. Das wirtschaftliche Subsystem: Zentralverwaltungswirtschaft 14
3.4. Das gesellschaftliche Subsystem: die „sozialistische Gesellschaft“ 16
3.5. Das „System DDR“ und das Prinzip der Nachhaltigkeit 17
4. Das „Zeitfenster der Transformation“ von 1989/90: Auslöser 21
4.1. Die DDR als „Kind des Kalten Krieges“? 21
4.2. Der Fall der Mauer aus Sicht des „rationalen Revolutionärs“ 22
4.3. Die „Resonanzkatastrophe“ im Supersystem der Politik 25
C. Schluss
5. Bilanz und Ausblick 27
D. Anhang
6. Verzeichnis der verwendeten Literatur 28
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1. Einführung und Fragestellung
„Erst vor dem Hintergrund der Krisen und Konflikte, die die DDR nach 1945 zu bestehen hatte, wird aber auch die Leistung deutlich, die eine politische Führung vollbracht hat, die ohne demokratische Legitimation durch die Bevölkerung eine Gesellschaft und einen Staat gestaltet hat, die sich heute einer bemerkenswerten Stabilität erfreuen.“ 1 Diese Einschätzung der Stabilität der DDR (und der „Leistung“ der politischen Führung) veröffentlichte Gert-Joachim Glaeßner noch 1989. Nicht einmal ein Jahr später befand sich die DDR in einer tiefen Krise und die „erfolgreiche“ politische Führung war ausgewechselt worden: am 18.10.1989 erfolgte der Übergang von Honecker zu Krenz, am 7. November tritt die Regierung unter Willy Stoph zurück, das Amt des Ministerpräsidenten übernahm am 13. November 1989 Hans Modrow. Am 12. April 1990 wird Lothar de Maizière (CDU), durch die erste (und letzte) frei gewählte Volkskammer der DDR zu seinem Nachfolger bestimmt.. Am 3. Oktober 1990 schließlich war die DDR als eigener Staat aufgelöst und mit Westdeutschland wiedervereinigt. Eineinhalb Jahre nach der Prognose von Glaeßner existierte also die „bemerkenswert stabile“ DDR nicht mehr 2 .
Mit dieser Fehleinschätzung stand Glaeßner aber nicht alleine. Vor den Ereignissen 1989 finden sich viele wissenschaftliche Beiträge, die sowohl der DDR als auch den Ostblock insgesamt eine hohe Lebenserwartung prognostizieren 3 . Dabei wurde die hohe Stabilität der DDR mit einer Lebensdauer von 40 Jahren hervorgehoben, vor allem im Vergleich mit den anderen Staaten in der (gesamt)deutschen Geschichte: erreichte doch nur das Kaiserreich mit 47 Jahren eine höhere Lebensdauer, während die Weimarer Republik nur 14 Jahre und das „tausendjährige Reich“ der nationalsozialistischen Herrschaft nur 12 Jahre währte. Die Geschichte hat aber gezeigt, das eine lange Existenz alleine noch nichts über die weitere Überlebensfähigkeit eines politischen Systems aussagt. Die DDR brach trotz der von vielen Autoren hervorgehobenen Stabilität überraschend zusammen. Aus diesem Grund ist eine rückblickende Untersuchung interessant im Hinblick auf die Fragestellung: war die DDR stabil? Welche Ursachen für den Zusammenbruch gab es und welche Auslöser? Diese Fragestellungen werden den weiteren Fortgang unserer
1 Glaeßner 1989, S.31.
2 Ein chronologische Darstellung der Geschehnisse in der Zeit vom 3. August 1989 bis zum 4. Juni 1990 findet sich bei Spittmann/Helwig 1990.
3 Eine Ausnahme bildet die Systemtheorie, die aus grundsätzlichen Überlegungen den Zusammenbruch kommunistischer Systeme voraussagte, allerdings konnte auch sie das Zeitfenster nicht näher bestimmen. Siehe hierzu Kollmorgen in Kollmorgen/Reißig/Weiß 1996, S. 289.
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Untersuchung leiten. Diese Arbeit beschäftigt sich dabei ausdrücklich nicht mit dem Verlauf des Transformationsprozesses, sondern nur mit der Tatsache, dass es zu einer Transformation gekommen ist.
Nach der Fragestellung müssen wir uns der Methode zuwenden, mit der wir an dieses Problem herantreten wollen. Der Bereich der Politikwissenschaft, der sich mit Phänomen des Wandels und Zusammenbruchs von politischen Systemen beschäftigt, die sogenannte Transformationsforschung, hat trotz seiner relativ kurzen bisherigen Lebenszeit eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen hervorgebracht 4 .
In dieser Arbeit wird das Problem der Stabilität sowie der Ursachen und Auslöser des Zusammenbruches von systemtheoretischer Perspektive betrachtet. Das ist vor allem aus zwei Gründen sinnvoll: erstens hat die Systemtheorie als „Supertheorie“ 5 eine strukturierende Funktion und erleichtert vergleichende und allgemeine Betrachtungen, damit also Ansatzpunkte für weiterführende Betrachtungen 6 . Zweitens bietet die Systemtheorie durch ihre Eigenschaft als Metatheorie im besonderen Maße die Möglichkeit, verschiedene theoretische Ansätze zu integrieren und zur Erklärung heranzuziehen. Im Rahmen dieser Arbeit wird das vor allem bei den Überlegungen zum Fall der Mauer in Kapitel 4.2. eine Rolle spielen.
Wir wollen im folgenden so vorgehen, dass wir in einem ersten Schritt grundlegende systemtheoretische Begriffe klären (Kapitel 2), bevor wir darauf aufbauend im dritten Kapitel ein (vereinfachtes) Modell des „Systems DDR“ entwerfen. Im Rahmen dieses Kapitels werden wir auch die Ursachen des Zusammenbruchs der DDR in Form struktureller Defizite analysieren. Anschließend werden wir im vierten Kapitel die konkreten Auslöser des Transformationsprozesses in unser Modell einarbeiten, um damit den Zeitpunkt des Zusammenbruches zu erklären und die Auslöser in ein Verhältnis zu den Ursachen zu setzen. Diese Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten.
Diese Arbeit wird dabei die These vertreten und wissenschaftlich zu belegen versuchen, dass die DDR strukturelle Defizite hatte, die das Ressourcenpotential so nachhaltig erschöpft haben, dass das Eintreten in eine Transformationsphase zwangsläufig erfolgte.
4 Für einen Überblick über die gängigen Paradigmen siehe Kollmorgen in Kollmorgen/Reißig/Weiß 1996 (S. 287 bis 294) oder Merkel 1996 (S. 23 bis 137).
5 Siehe Luhmann 1987, Seite 19. Gebräuchlicher ist der Begriff der Metatheorie, der im folgenden verwendet wird.
6 Auf weiterführende Fragestellungen geht der Ausblick in Kapitel 5 ein.
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2. Systemtheoretische Grundlagen
Diese Arbeit stellt nicht die Frage, ob es Systeme überhaupt gibt. Wir setzen vielmehr voraus, dass es Systeme gibt 7 und dass die DDR ein solches ist. Die Diskussionen über den ontologischen Status von Systemen werden wir im folgenden ebenfalls vernachlässigen. Systeme sind für uns nicht nur heuristische Elemente, sondern ein analytisches Instrument: ein „System DDR“ existiert nicht nur, sondern gewinnt durch Selbstreferentialität Bedeutung zur Erklärung von Handlungen und Ereignissen. Systemtheorie beschränkt sich damit nicht auf die Beschreibung von Phänomen 8 .
2.1. System und Umwelt
Ausgangspunkt eines Systems ist immer die Welt, zu verstehen als die Gesamtheit aller Elemente und aller möglichen Relationen. Durch Selektion bestimmter Elemente und einer bestimmten Relationierung dieser entsteht ein System, dass von einer Umwelt umgeben ist. Die Umwelt umfasst nicht den „Rest“ an Elementen und Relationen, sondern nur die für das System relevanten 9 .
Wie ist das nun in unserem Fall zu verstehen? Wir sehen das „System DDR“ als identisch mit dem Staat DDR an. Es ist ganz offensichtlich, dass die DDR weniger ist als die Welt in dem Sinne, dass sie weniger Elemente (in unserem Fall Kommunikationsprozesse) umfasst. Auch sind in der DDR nicht alle möglichen Relationen realisiert, sondern nur ganz bestimmte: es gibt beispielsweise nicht eine Relation zwischen dem Arbeitskollektiv X und der Parteigruppe Y. Diese Selektion von Relationen nennt man Ordnung und ein System bildet immer eine spezifische Ordnung aus.
Wir haben also nun ein System DDR in Abgrenzung zu seiner Umwelt. An dieser Stelle ist es sinnvoll, eine Unterscheidung nach Willke einzuführen, die den Begriff der Umwelt weiter differenziert. Er unterscheidet zwischen Innen- und Außenwelt. Der Begriff Innenwelt umfasst alle Beziehungen des Systems mit seinen Mitgliedern 10 . Das erscheint insofern seltsam, als man intuitiv ein Systemelement in unserem Falle mit einem Bürger der DDR gleichsetzen würde 11 . Aus systemtheoretischer Perspektive ist diese vereinfachte Betrachtung aber falsch: Elemente sind immer Kommunikationsprozesse und
7 So auch Luhmann 1987, S. 30.
8 Eine andere Ansicht vertritt beispielsweise Sandschneider 1995, S 104.
9 Die Relevanz wird dabei durch den „Code“ zugewiesen, genauer gesagt wird die systemspezifische Umwelt durch den Code konstruiert (Krieger 1996, S. 22-23).
10 Siehe Willke 1993, S. 59 bis 61.
11 Diese Ansicht findet sich leider auch bei wissenschaftlichen Arbeiten, so zum Beispiel bei Pollack in der Zeitschrift für Soziologie 19, S. 292 bis 307.
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das bedeutet, dass ein Bürger durch die gesellschaftliche Differenzierung von Rollen Mitglied mehrerer Elemente sein kann.
Die Außenwelt wiederum setzt sich aus den übrigen nicht-systemischen Relationen zusammen 12 . In unserem Fall umfasst die Außenwelt der DDR beispielsweise die Systeme der BRD und der Sowjetunion, relevante Ereignisse wie Weltmarktpreise und Konflikte, sowie supranationale Organisationen wie den Warschauer Pakt (WP) oder den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Wenn im folgenden von Umwelt die Rede ist, so ist damit die Außenwelt gemeint, die für unsere Betrachtungen von Bedeutung ist. Wie gesehen, sind als Elemente von Systemen Kommunikationsprozesse zu verstehen. Das ist in zweierlei Hinsicht erläuterungsbedürftig. Zuerst, der Begriff der sozialen Handlung, der oft als grundlegend für soziale Systeme und ihre Analyse angesehen wird, ist Teilmenge der Kommunikation. Dort, wo soziales Handeln vorliegt, findet auch Kommunikation statt 13 . Zweitens ist die Analyse des Systems DDR im Rahmen dieser Arbeit nur durch relativ grob aggregierte Kommunikationsprozesse möglich. So wird beispielsweise die SED als ein Kommunikationsprozess verstanden, obwohl es kein Element des Systems darstellt.
2.2. Dynamische Systeme: Anreiz, Intervention und Steuerung
Nachdem die Begriffe System und Umwelt nun im ausreichenden Maße geklärt sind, betrachten wir Systeme in ihrer Umwelt und fortschreitender Zeit. Da System und Umwelt durch eine Grenze voneinander getrennt sind, entwickeln sie sich auch unabhängig voneinander. Eine Änderung der Umweltbedingungen beinhaltet beispielsweise nicht zeitgleich (oder überhaupt) eine entsprechende Änderung des Systems. Neben dieser Geschlossenheit (auf die noch einzugehen sein wird), sind Systeme aber auch immer gegenüber ihrer Umwelt offen. Diese Offenheit von System gegenüber ihrer Umwelt zeigt sich in der Aufnahme von Information und Energie 14 . Dieser „Input“ der Umwelt in das System an Information oder Energie wird als Anreiz verstanden. Wie einleitend erwähnt, beinhaltet die Umwelt auch andere Systeme, in unserem Fall beispielsweise die Sowjetunion (UdSSR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Andere Systeme können insofern Anreize ausüben, als sie ihre Umweltbedingungen ändern und damit indirekt auch die Umweltbedingungen des Systems DDR verändern können. Die Gewährung eines „swings“ im innerdeutschen Handel ist eine Umweltänderung der BRD (in ihrer Umwelt), die auf die DDR als positiver Anreiz aus der „DDR-Umwelt“ wirkt.
12 Siehe Willke 1993, S. 61 bis 62.
13 Zum Zusammenhang zwischen Handlung und Kommunikation siehe Luhmann 1987, S. 227.
14 Diese Aufnahme ist allerdings nicht umfassend, sondern wird durch die Systemgrenze gesteuert.
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Ein Anreiz, der die Funktionalität des Systems begünstigt (beispielsweise die Funktion „Produktion von Gütern“), heißt eufunktional, ein negativer Anreiz dysfunktional. Anreize, die sich nicht auf die Funktionalität des Systems auswirken, nennt man non-funktional. 15 Neben diesem indirekten Einfluss anderer Systeme aus der Umwelt gibt es auch die Möglichkeit der Intervention 16 . In diesem Fall greift das eine System aus der Umwelt direkt und bewusst in den Ablauf des anderen Systems ein. 17 . Neben dem externen Anreiz und der von außen kommenden Intervention kennt man den Begriff der Steuerung, der eine Selbststeuerung des Systems ist.
Zusätzlich zu den externen Anreizen gibt es interne Anreize. Diese werden von einem Subsystem an das Gesamtsystem oder ein anderes Subsystem abgegeben 18 . Die Bewältigung von Anreizen und das Ausführen von Interventionen oder Steuerung setzt voraus, dass Ressourcen vorhanden sind, um entweder die entstehenden Kosten des Anreizes oder die anfallenden Kosten der anreizneutralisierenden Veränderungen zu bewältigen 19 . Das Ressourcenpotential eines Systems wird verstanden als „die Summe aller in einem System verfügbaren Mittel, Instrumente und Fähigkeiten... die eingesetzt werden können, um die durch die Wirkung eines dysfunktionalen Anreizes entstandenen Kosten zu decken...“ 20
Es ist in der Systemtheorie auch üblich, anstelle von Ressourcen sogenannte Fähigkeiten, zu postulieren 21 . Da jedoch der Begriff der Ressource wesentlich einfacher ist, werden wir ihn im weiteren verwenden (hinzukommt die Tatsache, dass wir eine spätere Definition auf dem Begriff der Ressource aufbauen). Wenn im folgenden von Ressourcen die Rede ist, so sind damit „effektive“ Ressourcen gemeint, die als Ergebnis von Ressourcenpotential und der Fähigkeit, dieses Ressourcenpotential effektiv zu nutzen, verstanden werden.
15 Sandschneider 1995, S. 126.
16 Zum Begriff der „politischen Intervention“ eines Subsystems auf andere siehe Willke 1996.
17 Die Interventionsmöglichkeiten der UdSSR zum Zeitpunkt des Zusammenbruches der DDR waren eher gering ausgeprägt, vor allem durch den fehlenden Willen zur Intervention. Nur für eine historische Gesamtbetrachtung gewinnt dieser Aspekt an Bedeutung.
18 Die Systemtheorie erschwert (vor allem bei prägnanten Darstellungen!) eine Erklärung, ohne vorzugreifen. Für den Begriff des Subsystems siehe 2.3.
19 siehe Sandschneider 1995, S. 125 bis 126.
20 siehe Sandschneider 1995, S. 131.
21 Zum Begriff der Systemfähigkeiten nach Almond/Powell siehe Ehrhart 1998, S. 69.
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Arbeit zitieren:
Markus Roick, 2001, Zehren von der Substanz: Der Weg der DDR in die Krise von 1989/90, München, GRIN Verlag GmbH
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