Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 3
2. DAS SCHULDMOTIV 4
3. GESCHÄFTSBEZIEHUNGEN. 5
4. INNERE FLUCHT 6
5. DER PROZESS 7
6. DIE VERDRÄNGUNG. 8
7. DIE VERHAFTUNG 9
8. DIE SCHULDFRAGE. 10
9. VATER UND GERICHT 11
10. DIE TÜRHÜTERPARABEL. 12
11. HEIRATSVERSUCHE. 13
12. DIE HELFERINNEN 15
13. DIE TÜRHÜTERPARABEL. 15
14. PHYSISCHE AUSWIRKUNGEN. 16
15. DER DIREKTOR-STELLVERTRETER. 17
16. AUSBREITUNG DES PROZESSES. 18
17. DAS PRÜGLERKAPITEL 18
18. AUSSICHTSLOSIGKEIT 19
19. DAS TODESURTEIL. 19
20. DIE JAGDGÖTTIN. 20
BIBLIOGRAFIE. 21
Anmerkung
Die Quellenangaben zu den Werken Kafkas sind folgendermaßen abgekürzt:
B Franz Kafka. „Brief an den Vater“
P Franz Kafka „Der Prozeß“
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1. Einleitung
Meine Arbeit möchte zwei schriftliche Niederlegungen Franz Kafkas, den „Brief an den Vater“ aus dem Jahr 1919, und den Roman „Der Prozeß“ von 1914 aufeinander beziehen. Die Frage, die dieses Vorhaben aufwirft, ist, ob dies überhaupt legitim ist: Das eine ist ein privater Brief, der nie zur Veröffentlichung bestimmt war, das andere ist ein wenn auch nur Fragment gebliebenes Kunstwerk. Wollte man eine biografische Interpretation stark machen, könnte man aus dem „Brief an den Vater“ selbst eine Aussage heranziehen: „Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte“ (B51). Diese Aussage muss jedoch differenziert betrachtet werden. Zum einen könnte aus ihr der Schluss einer nur autobiografischen Äußerung des gesamten literarischen Werks gezogen werden, die allerdings verschlüsselt wäre. Zum anderen, aus diesem Schluss rückwirkend, würde eine tendenzielle Nivellierung von autobiografischen Äußerungen in Form von Tagebüchern und Briefen und dem künstlerischen Werke vollzogen. Alles wäre dann in irgendeiner Weise autobiografisch. Das ließe sich auch ins Gegenteil umwenden. So diagnostiziert Frank Schirrmacher, gestützt von Äußerungen Kafkas selbst, ein nicht gelebtes, unauthentisches Leben, wo für ein kaum noch vorhandenes, im Grunde nur noch fiktives Ich alles zur Literatur wird, auch das Leben selbst (siehe Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Literaturbeilage, 11.12.90, S. L1). Aus dieser Sicht wäre der „Brief an den Vater“ auch als Kunstwerk zu betrachten. Ich möchte keinen dieser beiden extremen Standpunkte einnehmen. Sicher ist es so - und das wird sich auch in dieser Arbeit zeigen -, dass gerade bei Kafka in hohem Maße die eigene Person mit in das Werk einfließt. Schließlich trägt der Protagonist ja auch die Initiale des Namens Kafka. Nur eröffnet ein Kunstwerk durch seine Gestaltung einen dies übersteigenden Horizont. Der andere Standpunkt, dass der „Brief an den Vater“ auch nur fiktiv, künstlerisch zu verstehen sei, führt meiner Ansicht nach auch in die Irre. Tatsächlich kann es so sein, dass der Künstler einen anderen Blick auf die Welt wirft: „Er sieht anderes und mehr als die anderen“, wie Kafka schreibt (Kafka, zitiert nach: Frank Schirrmacher, FAZ, S. L1). Gerade daraus geht aber auch hervor, dass der Künstler nicht eine fiktive Welt im Blick hat, sondern versucht, die Realität zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen. Das hat Kafka sowohl im „Brief an den Vater“ als auch im „Prozeß“ zum Ziel. Von daher besteht eine Wesensgleichheit der beiden Schriften. Im diesem weiteren Sinn, als eine Beschäftigung mit Lebenswirklichkeit und deren Strukturen, und darüber hinaus im unmittelbaren Bezug können beide Schriften als eine Auseinandersetzung mit seinem Vater verstanden werden. Das hat Kafka im oben angeführten Zitat auch selbst so formuliert. Im „Brief“ geschieht das jedoch in einer anderen Weise. Vor seinem inneren Auge hat hier Kafka in ganz konkreter Weise seinen
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Vater, ein innerer Dialog findet statt. Auch im „Prozeß“ geschieht ein solcher, löst sich jedoch vom Schreibenden und gewinnt als Kunstwerk Autonomie. Was im „Brief“ in Form von Analyse und Beschreibung abläuft, ist im „Prozeß“ in einen gestalteten, künstlerischen Raum ein-gebunden. Verblüffend ist tatsächlich, dass zahlreiche zentrale Motive und Elemente, die der„Brief“ aufnimmt, sich auch im „Prozeß“ auffinden lassen. Möglich ist es, dass Kafka sie in den fünf Jahren später entstandenen „Brief“ direkt aus dem Roman übernommen hat. Allerdings sind dies Inhalte, die wiederholt im Werk von Kafka und in seiner geistigen Ausei-nandersetzung auftauchen. Sie müssen deshalb nicht notwendigerweise in direkter Verbindung mit dem Roman stehen. Deutlich wird, dass Kafka große Themen in Werk und Leben begleiten, die sowohl in den „Prozeß“ als auch in den „Brief an den Vater“ einfließen. Eben weil sich dies so darstellt, ist eine aufeinander bezogene Lektüre dieser Schriften in hohem Maße Gewinn bringend. Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, die starken Bezüge und Parallelitäten herauszustellen. Dennoch möchte sie dem künstlerischen Werk und der biografischen Äußerung ihre Eigenständigkeit belassen Sie blendet nur übereinander, ohne zu eindeutig zu vermischen. Diese Vorgehensweise wird - so hoffe ich - Leben und Werk Franz Kafkas gerecht. Die zum Vorschein kommenden einzelnen Motive und Aspekte bilden schließlich das Grundmaterial für eine vertiefte Bearbeitung, die in einem weitere Schritt erfolgen müsste. Diese Arbeit ist also nur eine Sichtung und reiht die Motive und Elemente nebeneinander auf.
2. Das Schuldmotiv
Die Gemeinsamkeit im „Brief“ und im „Prozeß“, die sofort ins Auge fällt, ist das Motiv der Schuld. Sowohl für den „Brief“ als auch für den „Prozess“ stellt diese das Leitmotiv dar. In ihrem Wirkungsfeld entfaltet sich die Atmosphäre von Demütigung, Angst und Ungewissheit. Diese Schuld stellt das Machtmittel in der ins Unendliche ausgeprägten Hierarchie des Romans dar, so wie auch in der Familienstruktur im „Brief“ „Machtverhältnisse“ (B39) dominierend sind. Kafka versucht in beiden Schriften, dieser nur schwebenden Schuld habhaft zu werden.
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3. Geschäftsbeziehungen
Der Bankbeamte K. wird offensichtlich vollkommen unvorbereitet in den Prozess verwickelt. Er führt ein Leben, das fast überdurchschnittlich normal ist. Geregelt und erfolgreich geht er seiner Arbeit als Prokurist nach. Abends führt ihn sein Weg auch schon einmal in eine Stammtischrunde. Und in einer geschäftsmäßigen Regelmäßigkeit trifft er sich einmal in der Woche mit seiner Geliebten. Das von mir als fast überdurchschnittlich normal bezeichnete Leben K.’s ist ein nur von geschäftsmäßigen Beziehungen bestimmtes. K. wohnt als Junggeselle in einer Pension. Mit ihren Bewohnern scheint ihn kaum etwas zu verbinden, jedenfalls nicht bis zur Verhaftung, die dazu führt, dass K. Kontakt zu Fräulein Bürstner aufnimmt. Von seinem „privaten“ Umfeld erfahren wir in den vollendeten Kapiteln kaum etwas. Nur im Kapitel mit seinem Onkel rückt die familiäre Situation ins Blickfeld. In den unvollendet gebliebenen Kapiteln ist der private Bereich in sehr viel größerem Maße thematisiert. Vielleicht nicht zufällig blieben sie deshalb unvollendet, denn ihre Auslassung stützt das Konzept des Romans. Ich möchte dennoch kurz auf einige Passagen eingehen, denn sie verraten einige Ausgangspunkte für die Konzeption des Romans.
Der einzige Freund K’s ist offensichtlich der Staatsanwalt Hasterer. Aber auch diese Freundschaft hat ihren Ausgangs- und Endpunkt im Geschäft. K. lernt ihn durch einen „Advokaten in der Bank“ (P20) kennen, knüpft tatsächlich auch Freundschaft zu ihm, insgeheim bestimmend für ihn ist jedoch auch hierbei seine Karriere in der Bank. So wird seine Stellung dort durch diese Freundschaft günstig beeinflusst. Wohl nicht zufällig ist es, dass K. in dem Moment seiner Verhaftung sich gleich mit dieser Bekanntschaft aus der Affäre ziehen möchte, doch im gegen ihn laufenden Prozess ist diese machtlos.
Auch das Verhältnis zur Familie, zur Verwandtschaft ist nicht sehr eng. Seine Mutter hat er schon drei Jahre lang nicht mehr gesehen. Er verdächtigt sich sogar der „Rührseligkeit“ (P199) in dem Vorhaben eines Besuches. Mit diesem abwertenden Wort wehrt er sich offensichtlich gegen eine emotionale Bindung an die Mutter. So bekennt er auch, dass er die „Zärtlichkeit der Mutter [...] immer eher abgelehnt als hervorgelockt hatte“ (P206). Auch dem Vater gesteht K. im Roman Einfluss zu. Von dem Verhältnis zu ihm wird gesagt, dass „er die Fürsorge des eigenen Vaters, der sehr jung gestorben war, niemals erfahren hatte“ (P206). K’s Vormund wird der Onkel und dieser vertritt damit die Familie.
Geschäftsmäßigkeit im direkten Sinn des Wortes ist auch in K’s Verhältnis zur Tänzerin Elsa zu finden. Denn aus der Regelmäßigkeit seiner Besuche kann angenommen werden, dass er sie für die Nächte bezahlt. K. ist also bis in sein innerstes Bankbeamter, seine Beziehungen
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gestalten sich nur auf der Grundlage des Geschäftes, das heißt des Geldes. Seine Bestechungsversuche, für die er allerdings immer Ausreden parat hat, sind auch unter diesem Aspekt zu betrachten. Ein anderer Hintergrund fehlt K. völlig. Im Domkapitel des „Prozesses“ wird erwähnt, dass K. einmal „Mitglied des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler“ gewesen war. Nicht jedoch, wie sofort hinzugefügt wird, aus Kunstinteresse, sondern nur aus „geschäftlichen Gründen“ (P170). Dieses Kapitel kann auch als Thematisierung von K.’s Verhältnis zur Religion, oder allgemeiner, zu einer metaphysischen Ebene aufgefasst werden. K. will sich darauf nicht einlassen: „Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht hierzubleiben.“ (P178). Dem Geistlichen weiß er schließlich nichts anderes zu erwidern als: „Ich bin hierhergekommen, um einem Italiener den Dom zu zeigen.“ (P179), wegen eines geschäftlichen Auftrags also offensichtlich. Der Geistliche weist ihn aber zurecht: „Laß das Nebensächliche.“ (P179). Das für den Geistlichen Unwichtige stellt die Hauptsache für K. dar. Durch den Prozess wird sich dies allerdings ändern.
4. Innere Flucht
Kann für eine solche Beamtenexistenz auch im „Brief“ eine Parallele gefunden werden? Ich glaube, wenn auch ein wenig versteckt, ja. Der „Brief“ geht den vergeblichen Bemühungen Kafkas nach, Autonomie zu gewinnen. Kafka analysiert, wie die verquere Beziehung zu seinem Vater zu einer innerlichen Abhängigkeit von ihm geführt hat. Diese lässt seine Ausbruchversuche aus dem Kreis der Familie hin zu einer erwachsenen, nicht nur äußerlich unabhängigen Existenz immer wieder scheitern. Eine innere Kraft bindet ihn. Dass Kafka „oft beherrschende Gefühl der Nichtigkeit“ (B11) neben einem als übermächtig empfundenen Vater resultiert daraus und verfolgt Kafka und seinen Romanhelden auf Schritt und Tritt. Schon als Kind mobilisierte er Kräfte, um diesem unglückseligen Einfluss zu entrinnen. Kafka schreibt zu dieser Autonomiebewegung: „Das nächste äußere Ereignis dieser ganzen Erziehung war, daß ich alles floh, was nur in der Ferne an Dich erinnerte.“ (B31f.). Das betrifft den Bereich des väterlichen Geschäftes, wo er den Vater als einen über das Personal „Tyrannei“ (B33) ausübenden Menschen erlebte. Aber auch im intimeren Bereich der Familie ist der Eindruck, den der Vater auf das Kind ausübt, nicht vertraulicher. Neben Familie und väterlichem Geschäft muss Kafka als dritten Bereich auch die Religion fliehen: „Ebensowenig Rettung vor Dir fand ich im Judentum.“ (B44). Meine These ist nun die, dass die Fluchtbewegungen, die Kafka im „Brief“ beschreibt, eine innere Befindlichkeit erzeugen, die ein bedeutsames Ele-
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Bernhard Paha, 1991, Gemeinsame Lektüre von Franz Kafkas „Prozeß“ und „Brief an den Vater“, München, GRIN Verlag GmbH
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Franz Kafka: Die Verwandlung / Brief an den Vater. Interpretationen
Joachim Pfeiffer, Klaus-Michael Bogdal, Clemens Kammler
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