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Ä'DV.LQG³DOV$EVWUDNWLRQDOV6\PERO± Eine Einleitung
'LH*HVFKLFKWHGHV%HJULIIVÄ.LQG³IKUWXQVUegelmäßig zu vielfältigen kritischen Diskursen in der Kultur- und Literaturgeschichte. Das Kind ist bis heute ein Mythos, ein Symbol oder eine Metapher. Jedes System, jede Human- oder Sozialwissenschaft, allen voran die Erziehungswissenschaft, aber auch die Kultur-, Literatur- oder Religionswissenschaft versuchen den Begriff ÄKind³ aus ihrer jeweiligen Perspektive zu verstehen und zu abstrahieren. Diese Vielfalt an Erkenntnissen UXQGXPGHQ%HJULIIÄ.LQG³führt heute dazu, dass eine Begriffsverwirrung entstanden ist 1 . Zwischen den abstrakten %HJULIIHQÄdas .LQG³ ÄGLH .LQGHU³ Ä.LQGKHLW³ und Ä.LQGHUZHOWHQ³ existieren heute in der Kultur- und Literaturgeschichte vielfältige Kindheitsbilder, d.h. Vorstellungen vom Kind an sich, wie es im Allgemeinen ist, wie es sich typischerweise verhält (Homogenität) oder zu sein hat, um ÄNLQGOLFK³ zu sein oder wie vielfältig und widersprüchlich Kinder sind (Heterogenität) oder wie Kindheit erfolgreich verläuft oder verlaufen sollte. Die Psychologie beschreibt gar, wie Kinder sich persönlich in Phasen entwickeln, Piaget ist hier als repräsentativ zu nennen. Nicht selten wird in der Pädagogik darüber gestritten, was kindgerecht sei. Was ÄHUZDFKVHQHQJHUHFKW³ LVW LVW GDJHJHQ HKHU VHOWHQ HLQH )UDJH (V EOHLEW IHVW]XKDOWHQ 'LH Menschheit ist für die Phase der Kindheit, für Kinder an sich, sensibilisiert. Die Darstellung Kindheit ist daher auch häufig ein Motiv der persönlichen, oft gar der kollektiven Erinnerung. Schriftsteller, wie z.B. Martin Walser versuchen zu verdeutlichen, wie Kindheit historisch verlief. 0DUWLQ :DOVHU YHUNQSIW LQ GHU 5HGH ÄÜber Deutschland UHGHQ³ 2 persönliche emotionale Erinnerungen an seine unschuldige, unwissende Kindheit, in der er die NS-Zeit erlebte, mit Reflexionen über das nationale Selbstverständnis. Kindheitserlebnisse wie z.B. dargestellt durch die Figur des Oscars in G. Grass: Ä'LH Blechtrommel³ 3 , finden wir in der Literatur häufig. In diesen Fällen der Nachkriegsliteratur haben wir es jeweils mit konkreten Kindern bzw. konkreten, persönlichen Kindheiten zu tun. 'LHVHV 7KHVHQSDSLHU ZLUG ]HLJHQ 'LH =HLW GHU $XINOlUXQJ NHQQW GLHVH ÄSHUV|QOLFKH .LQGKHLW³ in der Regel HKHU QLFKW GLH Ä(SRFKH GHU (U]LHKXQJ³ QHLJWH GD]X .LQGHU ]X pädagogisieren, zu objektivieren und damit reale, individuelle Kinder zu abstrahieren. Das Kind ist noch heute Sohn, ist Tochter, ist Zentrum von Familie, ist gleichzeitig Medium nicht nur familiärer, sondern vor allem auch institutioneller, vor allem schulischer
1 vgl. Richter, 1987: S. 19
2 vgl. Walser, 1998
3 vgl. Grass, 1959
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Erziehung und Bildung, die auch heute noch abstrahiert durchgeführt wird, in dem allgemein JHVDJW ZLUG ÄZDV .LQGHU EUDXFKHQ³ (LQH ÄSHUV|QOLFKH NRQNUHWH (U]LHKXQJ³ ILQGHQ ZLU heute aber auch, in der Reformpädagogik, in der Kinder als Persönlichkeiten gesehen werden und je nach Persönlichkeit individuell KiQGHU ÄJHI|UGHUW³ ZHUGHQ 'LHVH 5HIRUPSlGDJRJLN brachte vor allem Ellen Key ins Rollen und wurde von Reformpädagogen, wie z.B. Maria Montesorri, umgesetzt.
Die Literatur- und Kulturgeschichte vergegenwärtigt uns heute, das können wir sagen, aufgrund von vielfältigen Erziehungsvorstellungen heterogener Kindheitsbilder. Diese heterogenen Kindheitsbilder haben Auswirkungen auf die Literatur. Kinder werden heute in der Literatur wild und schamlos dargestellt, aber auch unschuldig, verträumt und liebenswürdig präsentiert. Das Kind kann weiterhin als gerissen oder frech porträtiert werden, als frei und autonom, aber auch als behütet und von der Mutter beschützt. Das Kind lebt in einer Vorphase, in einer BildungsphaseDOVÄ6FKOHU³ YRUGHPÄ(UQVWGHV/HEHQV³wie z.B. im Kinderbuchklassiker Ä'DVIOLHJHQGH.ODVVHQ]LPPHU³ von Erich Kästner 4 . Kinder werden dabei aber gleichzeitig als eine eigenständige Generation oder mit einem eigenständigen Profil wahrgenommen, QLFKW QXU DOV Ä6FKOHU³ DXFK ]% DOV Ä.ULHJVNLQGHU³ 5 oder Ä6WUDHQNLQGHU³ 6 . In der Justiz gelten Kinder unter 14 Jahren als unmündig, in der *HVHOOVFKDIW JHOWHQ VLH DOV ÄQDLY³ RGHU ÄYHUDQWZRUWXQJVORV³. Die Übernahme von Verantwortung gilt als Zeichen, ins Erwachsenenalter einzutreten. Eine spezielle Ä(UZDFKVHQKHLW³H[LVWLHUWLP*HJHQVDW]]XUÄ.LQGKHLW³ nicht.
Es bleibt daher festzuhalten, dass das Kind heute als Symbol oder Metapher vielfältig je nach Wissenschaft und Perspektive gedeutet werden kann und in jeder Perspektive vielfältige Hypothesen hervorruft. Der %HJULII Ä.LQG³ erschließt sich daher lediglich im Kontext der jeweiligen Perspektive der Literatur oder Wissenschaft.
Kindheit ist in der Neuzeit und damit vor allem in der Zeit der Aufklärung konstruiert und GDPLW TXDVL ÄHUIXQGHQ³ worden, um einen Kontrast zum Erwachsenen sozial zu gestalten, darauf verweist v.a. Philippe Ariès 7 . Lloyd de Mause betont dagegen, Kindheit hätte es im Mittelalter, z.B. in der Malerei, bereits gegeben. 8 Es gäbe in der Neuzeit eine höhere
4 vgl. Kästner, 2006
5 vgl. Stargardt, 2008
6 vgl. Seidel, 1996
7 vgl. Ariès, 1984: S. 92, vgl. auch: Richter, 1987: S. 18, vgl. auch: Baader, 1996: S. 20
8 vgl. de Mause, 1977: S. 18ff
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Sensibilität für die Kindheit. 9 Neil Postman verweist auf Ariès, wenn er betont, dass Kindheit im 21. Jhd. durch Medien, durch einen Überfluss an Informationen, die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern aufheben, wieder verschwindet. 10
Dieses Thesenpapier wird sich auf die Symbolkraft des Kindes aus der Perspektive der Epoche der Aufklärung konzentrieren und der These nachgehen, dass das Kind in Zeit der $XINOlUXQJÄSlGDJRJLVLHUW³ZXUGHGRFKXPGLHVH3lGDJRJLVLHUXQJGHV.LQGHV]XYHUVWHKHQ ist es zunächst notwendig die Symbolkraft des Kindes im Christentum zu betrachten, denn das Christentum hat viele Aufklärer, z.B. Gellert, auf den das Thesenpapier zu sprechen kommen wird, beeinflusst.
Das Kind als Symbol in der Bibel: Kinderopfer, Kinderkult und Kinderschutz
In der Genesis wird das Kind, ohne es Kind zu nennen, vom Sohn des Vaters zum potentiellen Opfer; Abraham soll seinen Sohn Isaak als Opfer darlegen, d.h. ihn für Gott verbrennen. Gott stellt Abraham auf die Probe 11 ; Wie groß ist die Bindung des Vaters an seinen Sohn? Abraham verbrennt seinen Sohn nicht, weil Gott ihn schließlich daran hindert. Unabhängig vom Ausgang dieser Dramatik wird hier die Liebe des Vaters zum Sohn auf die Probe gestellt. Isaak ist hierbei v.a. Opfer. Mose wird als Kind ebenfalls zum Opfer vor Gefahren, wird aber dadurch beschützt, dass es auf dem Nil ausgesetzt wird. 12 Im Evangelium wird das Kind zum Kult erhoben. In der Figur des Jesusknaben, in der Geburt Jesu, durch die unbefleckte Empfängnis wird das Kind im Christentum transzendent, d.h. es wird göttlich und wird daher von den drei Heiligen aus Morgenland angebetet. 13 Das
.LQGLVWÄUHLQ³ÄIUHL YRQ6QGH³XQGGDKHUÄXQVFKXOGLJ³.LQGHUV\PEROLVLHUHQGDKHUÄGLH +DOWXQJGHVXQEHIDQJHQHQ(PSIDQJHQV³ 14 . Das wird v.a. auch dadurch deutlich, dass Jesus sagt, das Himmelreich gehöre den Kindern. 15
In der Flucht vor König Herodes, der alle Knaben im Land ermorden will, da er seine Vormachstellung gegenüber Jesus, dem Ä.|QLJGHU-XGHQ³LQ*HIDKUVLHKWJHZLQQWGDV.LQG in der Figur des Jesusknaben einerseits an Schutzbedürftigkeit durch die heilige Mutter
9 vgl. Richter, 1987: S. 18, vgl. auch: Baader, 1996: S. 20
10 vgl. Postman, 1983: S. 13ff, v.a. S. 15
11 vgl. Genesis, Kapitel 22ff
12 vgl. Lurker, 1991: S. 378
13 vgl. Baader, S. 61
14 vgl. Mohr, 1992: S. 159
15 Matthäus, Kap. 18., Vers 3ff
Arbeit zitieren:
Udo Lihs, 2008, Das abstrakte, pädagogisierte Kind in der Literatur der Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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