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1. Pluralisierung in der frühen Neuzeit
Im Büchermarkt findet man heute Bücher wie ÄGott, eine kleine Geschichte des Großen³ von Manfred Lütz (2007), aber auch Ä'HU *RWWHVZDKQ³ von Richard Dawkins (2007), beide stehen im gleichen Regal. Der Pluralismus der Literatur in der Gesellschaft wird nirgendwo so deutlich, wie auf dem heutigen Büchermarkt. Ist es das, was Gutenberg wollte, als er in der Mitte des 15. Jhd. den Buchdruck durch bewegliche Letter vereinfachte? Die Massenproduktion und ±rezeption von Schriften, um Meinungen effektiver an die Adressaten zu bringen? 1 Ist es das, was Kant wollte, als er von Aufklärung und Mündigkeit 2 sprach? Eine kunterbunte Welt der Literatur für alle voller Disputationen, Widersprüche, voller *HGDQNHQ YROOHU Ä:DKUKHLWen³ XQG JDU YROOHU Ä%XOOVKLW³ 3 ? Ä'LH *HGDQNHQ VLQG IUHL³, ein Gedicht gegen die einseitige Artikulation der kulturellen Hoheitsmeinung, für die Artikulation von jedem Gedanken in einer Gesellschaft wurde bereits 1780 am Ende der frühen Neuzeit auf Flugblättern gedruckt und 1842 als Volkslied durch Hoffmann von Fallersleben vertont. Der Pluralismus der Bekenntnisse, die Toleranz des Menschen über mannigfaltige Standpunkte über das Leben des Menschen. Vielfältige Meinungen von Personen, Gruppen, Vereine und Parteien bestimmen heute nicht nur unsere Politik, sondern vor allem auch die Literatur³ Ausschlaggebend für diese Pluralisierung der literarischen Bekenntnisse in der Gesellschaft sind die vielfältigen, sich widersprechenden Schriften gewesen, die in der frühen Neuzeit entstanden sind und von vielen Menschen, nicht nur von Klerikern, wie im Mittelalter 4 , gelesen wurden, so dass eine Hoheitsmeinung, das Dogma GLH Ä:DKUKHLW³ GHU mittelalterlichen Einheitskirche sich fortan nicht mehr in der Gesellschaft durchsetzen konnte XQGLQGHU=HLWGHU$XINOlUXQJJDUDOVÄXQDXIJHNOlUW³XQGÄXQPQGLJ³JDOW Jaumann betont,
1 Kemper (2004) geht davon aus, dass ohne den massenhaften Einsatz des Buchdrucks Martin Luther seine Adressaten nie hätte erreichen können. Ich frage mich, wie Reformen vor dem Buchdruck verliefen und ob wirklich der Buchdruck daran einen maßgeblichen Anteil hatte oder nicht doch oder auch die Verbreitung seiner Einstellung per Mundpropaganda bzw. nicht doch oder auch durch das freie Geleit des Fürsten Friedrich von Sachsen, worauf Kemper später eingeht.
2 Immanuel Kant: Ä:DVLVW$XINOlUXQJ"³, in: Berlinische Monatsschrift, 1784, Nr. 2, S. 481-494
3 +DUU\*)UDQNIXUWJHKWLQVHLQHP%XFKÄ%XOOVKLW³GDYRQDXVGDVVGLH9LHOIDOWGHU0HLQXQJHQDXIGHP %FKHUPDUNW GD]X IKUW GDVV 0HLQXQJHQ NHLQ 7LHIJDQJ PHKU KDEHQ OHGLJOLFK Ä%O|GVLQQTXDWVFKHQ³ Ä5XPSDODYHUQ³RGHUÄ+HLH-Luft-3URGX]LHUHQ³LVWHLQH)ROJHGHUÄ8Q-.XOWXU³HLQH)ROJHGHV3OXUDOLVPXV"
4 Im Mittelalter wurde ebenfalls Kritik verfasst, Kritik am Klerus, geschrieben für den Klerus. Kritik wurde häufig hinter einem Schreibbefehl-Topos versteckt, hinter der Legitimation, Gott wäre der Auftraggeber gewesen, so z.B. in Mechthilds von Magdeburg Werk Ä'DVIOLHHQGH/LFKWGHU*RWWKHLW³ in der sie Priester und :UGHQWUlJHU DQJUHLIW LQGHP VLH GHUHQ UHOLJL|VHV /HEHQ DOV ÄVQGLJ³ YHUVWHKW XQG GHP HLQ ÄIURPPHV /HEHQ³HQWJHJHQVHW]W(LQ/HEHQPLW*RWWPLW9LVLRQHQXQGLQ(LQLJNHLWPLW*RWWLQGHUÄXQLRP\VWLFD³(LQH mystische Reform der Einheitskirche, gar eine Spaltung löste Mechthild von Magdeburg damit aber im Gegensatz zu Luther nicht aus.
3
die frühe Neuzeit sei bestrebt gewesen, die Scholastik zu kritisieren, sei gar eine Kulturkritik 5 gewesen. Das Argumentieren mit einer kulturellen Hoheitsmeinung, mit den Dogmen der Kirche galt fortan als antiquiert, gilt heute als konservativ. Im Gegensatz zu heute war die frühe Neuzeit hauptsächlich bestrebt, die Antike zu rezipieren, so Jaumann, 6 , die unter der Dogmatik der Kirche in Vergessenheit geraten wurde. 'DPLW LVW GHU %HJULII Ä)UKH 1HX]HLW³HLQ$EJUHQ]XQJVEHJULII]XP0LWWHODOWHUJOHLFK]HLWLJ ein Integrationsbegriff für die Epoche Reformation, für den Humanismus, für den Ä%DURFN³, eine Epoche, zu der auch Gegenreformation oder Konfessionalismus zählt und für die Epoche der Aufklärung; Die Kritik an der Kirche bzw. die Vorliebe für die Anthropologie des Menschen, überhaupt die pluralistische Subjektivierung des Menschen, all das vereint die Epochen der frühen Neuzeit und grenzt sie von der Kulturhoheit der göttlich-objektiven Christenlehre der römischen Einheitskirche, von der Scholastik, ab. Das vereinende Element der frühen Neuzeit ist quasi die Vielfalt der Standpunkte über den Menschen, Kritik an Dogmen ist das Prinzip, Pluralisierung das Ergebnis.
Gedanken über das Leben, über den Menschen wurde daher seit der frühen Neuzeit eher Persönlichkeiten oder kleinen oder großen Interessengruppen Ä5HIRUPDWRUHQ³Ä$XINOlUHU³ Ä+XPDQLVWHQ³ HWF«, sogenannten Ä*OHLFKJHVLQQWHQ³ zugeschrieben, oder eben entsprechenden philosophischen Grundhaltungen bzw. gar ÄsR]LDOHQ 6\VWHPHQ³ XP systemtheoretisch mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu sprechen 7 . Abgrenzung von Fremdbestimmung, Selbstreflexion und Selbstsorge, Ethik und Moral stand in der frühen Neuzeit im Mittelpunkt, häufig gar verbunden mit einer angestrebten Kulturreform. Die eigene Philosophie um den Menschen sollte nicht nur gelesen, sondern quasi gelebt werden.
2. Pluralisierung in den Einzelepochen GHUÄ)UKHn 1HX]HLW³
2.1. 'HU%HJULIIÄ(SRFKH³
Bevor ich damit beginne, welche pluralistischen Tendenzen sich in der frühen Neuzeit sich herausgebildet haben, möchte ich zunächst verdeutlichen, dass insofern über die frühe Neuzeit geredet wird, hauptsächlich von der Zeit von Ä+XPDQLVPXV XQG 5HIRUPDWLRQ ELV ]XU
5 +HUEHUW-DXPDQQÄFrühe Neuzeit³,Q.ODXV:HLPDU+UVJÄReallexikon der deutschen Literaturwissenschaft³1HXEHDUEHLWXQJGHV5HDOOH[LNRQVGHUGHXWVFKHQ/LWHUDWXUJHVFKLFKWH, Berlin u.a, de Gruyter, 3. Auflage, 2007: S. 633
5 ebd.
6 Jaumann, 2007: S. 633
7 ebd.
4
6SlWDXINOlUXQJXQG6WXUPXQG'UDQJRGHUYRQ0DUWLQ/XWKHUXQG*RHWKH³ geredet wird, von Ä1500 bis 1800³ also über Ä -DKUH³ 8 . 'HU %HJULII ÄIUKH 1HX]HLW³ beginnt damit, dass Kirchenkritik geübt wurde, um das Zeitalter vom Mittelalter abzugrenzen, d.h. sie entsprießt mit der öffentlichen Verbreitung der Thesen Luthers, wobei Luther selbst nicht ein neues Zeitalter einläuten wollte, sondern lediglich einen kritischen Dialog über Zustände in der Kirche, beispielsweise über den Ablasshandel führen wollte XQGDQHLQÄQHXHV=HLWDOWHU³JDU DQ HLQH Ä5HIRUPDWLRQ³ GDEHL QLFKW JHGDFKW KDWWH. Der anachronistische Begriff Epoche ist GDKHU QXU HLQH Ä+LOIVNRQVWUXNWLRQ³ um die Vielfalt, den Pluralismus der Literatur, den wir heute vorfinden, historisch zu strukturieren. Wie bei jeder Periodisierung steht dabei ein Aspekt im Vordergrund, von dem ausgegangen wird, insofern er die Literaturlandschaft beeinflusste. 9 In dieser Hausarbeit wird der geistes-, ideen- und mentalitätsgeschichtliche Ansatz verwendet, da gerade die Geisteshaltung, die Position des Menschen, die Selbstsorge, die Frage nach Ethik und Moral oder Fragen nach Mitleid in der frühen Neuzeit eine Rolle spielte, daher wird eher auf den %HJULIIÄ%DURFN³YHU]LFKWHWGD dieser, so Schneider, eher die Stilrichtung im Auge hat. Entsprechend werde ich auch nicht auf literaturtypische, stilistische Veränderungen näher eingehen, wie z.B. nicht auf die Opitzsche Reform der Metrik, die die Dichtung der darauf folgenden Epochen VWLOLVWLVFKYHUlQGHUWH2SLW]IRUGHUWHÄdass in einem regelmäßig gebauten Vers, die vom jeweils gewählten Metrum verlangten Akzente mit den
natürlichen Wortakzenten zusammenfallen sollen³VR%UDXQJDUW 10 .
2.2. Pluralisierungstendenzen in der Zeit der Reformation und im 17.Jhd.
'LH 5HIRUPDWLRQ ODW ÄUHIRUPDWLR³ GW Ä(UQHXHUXQJ³ LVW LQKDOWOLFK DOV NRQIHVVLRQHOOH Neugestaltung der Einheitskirche durch Martin Luther zu verstehen, epochal als die Zeit zwischen 1517 bis zum Ende des 16.Jhd, bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555, so Braungart 11 und Kemper 12 . Walz ist weiterhin etwas ungenauer und schreibt von einer ÄXQEHGHXWHQGHQ (SLVRGH ]ZLVFKHQ 0LWWHODOWHU XQG 1HX]HLW³ 13 Kemper betrachtet Luthers Schriften vor allem unter dem Aspekt ÄUHIRUPDWRULVFKH 9HU|IIHQWOLFKXQJ³ 14 ; Er habe, dank Buchdruck, wie bereits erwähnt, tausende Menschen durch geistliche Bekenntnislieder über das Evangelium erreicht, durch die massenhafte populäre Verbreitung seiner Flugschriften
8 Hans-Georg Kemper, 2004: S. 23
9 Jost Schneider, 1998: darin: Ä.DSLWHO(SRFKHQ³
10 %UDXQJDUW*HRUJÄ%DURFN³, in: Horst Brunner und Rainer Moritz, 2006: S. 47
11 Knape, 2006: S. 332
12 Kemper, 2004: S. 23-40.
13 Walz., 1993: S. 274
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Udo Lihs, 2007, Pluralisierungstendenzen in der Literatur der „Frühen Neuzeit“, München, GRIN Verlag GmbH
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