Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zu Johan van der Keuken und seine Verbindung zur Fotografie als Basis
seiner filmischen Arbeiten
3. Film als das was wir Wahrnehmen - Die Präsenz der Bilder
4. Resümee
2
1. Einleitung
„Das Foto ist eine Erinnerung. Ich erinnere mich an das, was ich sehe. Aber der Film erinnert sich an nichts. Der Film ereignet sich immer jetzt.“ 1
Dieser Satz steht ganz am Anfang des Buches „Abenteuer eines Augenblicks“ von Johan van der Keuken. Er stammt aus seinem Film Ferien eines Filmemachers. Dieser Satz ist bezeichnend. Er ist bezeichnend dafür, wie Johan van der Keuken arbeitet und denkt. Er beschreibt seine Beziehung zur Fotographie und zum Film und deren Beziehung zueinander. Doch keinesfalls geschieht eine Gleichsetzung. Er ist kein fotografierender Filmemacher oder ein filmender Fotograf. Er ist entweder Fotograf oder Filmemacher und trotzdem existiert in seinem Fall eine untrennbare Verbindung.
Das Bild wird in den Vordergrund gestellt, es ist der kleinste gemeinsame Nenner eines Gesamtkunstwerks, ein Ergebnis verschiedener einzelner, genau durchdachter Konstrukte, in der Fotografie wie im Film.
Diese Arbeit beschäftigt sich bis ins Detail mit diesem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das Bild ist unweigerlich präsent, der Filmemacher Johan van der Keuken nicht mehr unsichtbar. Der objektive Wahrheitsanspruch tritt in den Hintergrund, trotz der Tatsache, dass seine Filme als Dokumentarfilme kategorisiert werden. Durch das Herunterbrechen auf die kleinste Einheit des Filmes wird Wahrheit und Wirklichkeit unter einem anderen, viel persönlicheren Aspekt betrachtet.
„Ich befinde mich als Filmemacher in der Welt des Bildes - eine Welt halbwegs zwischen mir und der Wirklichkeit.“ 2
Seine Verbindung zur Fotografie ist nicht zu leugnen und wichtig um ihn und seine Filme zu verstehen. In Ferien eines Filmemachers bezieht er sich immer wieder auf seine Vergangenheit als Fotograf. Das Medium zwischen ihm und der realen Welt rückt in den Mittelpunkt, schon als Jugendlicher. Durch seinen Großvater zur Fotografie gekommen, hört er nicht mehr auf mit der Kamera zu experimentieren.
Nicht mehr die Gesamtheit dessen was ein Mensch rund um sich sieht, kann eingefangen und erfasst werden, derjenige der hinter der Kamera steht entscheidet, was wir als Rezipienten sehen und was nicht. Ein besonderer Schwerpunkt auf das Sehen und die Bilder wird in seinem Film Hermann Slobbe gelegt. Hier geht es um ein blindes Kind, das selbst den Film
1 Keuken, Johan van der: Abenteuer eines Augenblicks, S. 10
2 Keuken, Johan van der: Abenteuer eines Augenblicks, S. 14
3
nie sehen kann, es geht um die Art und Weise wie dieser Junge Dinge wahrnimmt, wie er seinen ganz eigenen Rahmen setzt, in dem er sich bewegt.
Wenn Johan Van der Keuken die Kamera in die Hand nimmt - und ich spreche ganz bewusst von „in die Hand nehmen“ - entsteht das Bild. Er versteckt sich nicht hinter der Kamera indem er versucht, das Bild möglichst so zu konstruieren, dass man in die „reale Welt eintaucht“. Durch die teils „unsanfte“ Kameraführung, die unkonventionellen Einstellungen, tritt er hinter der Kamera hervor, ohne dass er tatsächlich zu sehen ist. Das Medium der Kamera bildet die Brücke, die Brücke zwischen Fotografie und Film. Das eine starr und in der Vergangenheit behaftet, das andere bewegt und in der Gegenwart zu spüren.
Dies führt mich zum Aspekt der Zeit und des Raums. Zuerst werden die Motive in Beziehung gesetzt, zu einem Bild konstruiert. Es gibt immer einen Rahmen, dem der Filmemacher unterworfen ist, und in diesem kann er agieren. Dies findet unter dem Begriff Kadrage Ausdruck. Hier spielt der Aspekt der Fläche eine große Rolle. Im Bild selbst kann eine Fläche oder ein leerer Raum schon Zeit zum Ausdruck bringen. Das fängt in der Fotografie an und zieht sich auch im Film durch die einzelnen Bewegungsbilder. Im ersten Kapitel stoßen wir dadurch auf andere Künstler, wie Henri Cartier-Bresson, die auch mit Bildrahmen und Fläche auf eine ganz besondere Art und Weise spielen und Johan van der Keuken in seinem Schaffen beeinflusst haben. Der dritte Film, der dieser Arbeit speziell zugrunde liegt ist Lucebert. Hier wird im Film der Gedanke der Fläche, der im zweiten Kapitel im Bereich der Fotografie genauer untersucht wird, auf den Film übertragen.
Was dann kommt, ist die Montage. Die Montage der einzelnen Bewegungsbilder. Wichtig ist, dass wir explizit von Bewegungsbildern sprechen. Darauf werde ich später in dem Kapitel über die Präsenz der Bilder genauer eingehen, da dies einen wichtigen Unterschied zur Fotografie ausmacht.
Wie die einzelnen Bilder miteinander montiert werden, ist die Entscheidung des Filmemachers selbst und spielt eine enorme Rolle. Dadurch kommt der Film zu seiner endgültigen Form, mehr noch dadurch kommt er wahrscheinlich erst zu seinem Inhalt. Das was wir für wahr und real halten, nämlich das einfach Abgefilmte ist das eine, aber der Zusammenschluss zum ganzen ist das andere. Am Schneidetisch entscheidet Johan van der Keuken über die Wirklichkeit.
4
„Erst der Eingriff, den man beim Schnitt vornimmt, gibt die Richtung an - dann werden die Dinge begrenzt“ 3
Die Begrenzung findet also nicht nur im Bild selbst statt. Sie geht weit über diesen Einzelaspekt hinaus. Durch die Montage wird ein inhaltlicher Rahmen gesetzt. Jetzt erst bewegen wir uns aus der oben erwähnten Vergangenheit in die Gegenwart. Mit der Montage erhält der Film seine eigene Zeit, seinen eigenen Inhalt, seinen eigenen Charakter. Was wir wahrnehmen erweitert sich von dem was wir sehen zu dem was wir sehen und was wir nicht sehen. Zur Leere in den Bildern, die hauptsächlich durch Fläche dargestellt werden kann, kommt eine Leere zwischen den Bildern hinzu.
3 Keuken, Johan van der: Abenteuer eines Augenblicks, S. 36
5
Arbeit zitieren:
Ulla Bartel, 2010, Johan van der Keuken - Das Bild als Medium der Rede, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Investigation of Millimetre Wave Generation by Stimulated Brillouin Sc...
Ingenieurwissenschaften - Nachrichtentechnik / Kommunikationstechnik
Doktorarbeit / Dissertation, 195 Seiten
Psychosoziale Betreuung in den 39 Frankfurter Alten- und Pflegeheimen
Eine quantitative Erhebung
Forschungsarbeit, 92 Seiten
Sexual Terrorism in the Easter...
Jura - Europarecht, Völkerrecht, Internationales Privatrecht
Fachbuch, 263 Seiten
IT-Outsourcing: Risiken und Grenzen im asiatischen Wirtschaftsraum
Eine empirische Studie
Informationswissenschaften, Informationsmanagement
Fachbuch, 227 Seiten
Ein polynomialer Alogrithmus zur Erkennung der Isomorphie von Graphen
Informatik - Theoretische Informatik
Doktorarbeit / Dissertation, 66 Seiten
Sündenfall, Zufall, Geburt, Katastrophe und die „alte“ und „neue“ Ordn...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Forschungsarbeit, 28 Seiten
Im Tempel zu den späten Glückseligkeiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Klassiker, 23 Seiten
Ulla Bartel hat einen neuen Text hochgeladen
Quieres Ser Medium?: Una Guia Practica Para Comunicarse Con el Mas All...
Rose Vanden Eynden, Hector Ramirez, Edgar Rojas
Gedenkreden auf Frederick Alexander Mann, Brigitte Knobbe-Keuk, Werner...
Horst Heinrich Jakobs
0 Kommentare