I nhaltsverzeichnis
I Angriff in der frühen Neuzeit Seite 4
II Angriff im Zeitalter von König Friedrich II. Seite 5
III Angriff zwischen Französischer Revolution und Freiheitskriegen Seite 7
IV Angriff im Zeitalter des Deutschen Bundes Seite 8
V Angriff nach den Einigungskriegen Seite 11
VI Angriff im I. Weltkrieg Seite 15
VII Übergang zur Reichswehr - Ära Seeckt Seite 17
VIII Die Evolution der Kraftfahrtruppe - Truppenführung 1933 Seite 19
IX Guderian - führen von vorn Seite 21
X Die Wende ´42 - Vom Angriff zur Abwehr Seite 23
XI Kriegsende - Aufbau der Bundeswehr Seite 24
XII Massenvernichtungswaffen und Asymmetrie Seite 24
Zusammenfassung Seite 27
Literatur- und Quellenverzeichnis Seite 30
A
ngriff ist die bewaffnete Aktion zur Durchführung des eigenen Willens und zur Niederwerfung dessen, der sich diesem Willen entgegenstellt, mittels Vernichtung der feindlichen Streitkräfte 1 .
In mehrfacher Hinsicht erhebt auch die Heeresdienstvorschrift 100/100 Truppenführung von Landstreitkräften (TF) 2 - wie ihre Vorgängerinnen - den Angriff prinzipiell über die übrigen Operationsarten 3 . Dies beginnt mit der Festlegung, Angriffe gebe es in allen Operationsarten, während umgekehrt beim Angriff nur verteidigt oder verzögert werde, wenn die Truppe dazu gezwungen sei. Ein weiteres Charakteristikum ist die Tatsache, dass die Verzögerung keine Entscheidung sucht 4 und die Verteidigung bestenfalls zur Entscheidung beiträgt 5 , während der Angriff meist die Entscheidung herbeiführen soll 6 . Mit den Worten des späteren Generals Erich Marcks „bleibt nun dem Angriff nur die reinste Form angemessen; sein Kennzeichen ist es, die Entscheidung unverzüglich und ohne Rücksicht auf das Verhalten des Gegners zu suchen“ 7 . Entscheidendes Kriterium, das den Angriff gegenüber allen Operationsarten und Handlungen heraushebt, ist die Initiative: Das Gesetz des Handelns liegt beim Angreifer, Verteidigung und Verzögerung reagieren lediglich 8 . In keiner Operationsart 9 spielt der Bereich des Psychologischen eine vergleichbare Rolle. Dies galt auch im Zweiten Weltkrieg trotz der Entwicklung der Technik noch. Zwei Beispiele mögen dies belegen: Die an den Flügelenden des Sturzkampfbombers („Stuka“) erstmals nach dem Polenfeldzug angebrachten Sirenen „schreien und dröhnen, und es klingt urweltlich und versetzt alle Menschen und lebende Kreatur in panischen Schrecken“. - Ein Kompanieführer des Infanterie-Regiments Großdeutschland berichtet für den 7. Januar 1942, seine fast aufgeriebene Kompanie habe sich in einem Dorf vor Moskau verschossen gehabt, woraufhin sie aus Verzweiflung zum letzten Mittel gegriffen und den Gegner ohne Munition mit lautem Hurra geworfen habe 10 .
Die Angriffsverfahren sind abhängig unter anderem von waffentechnischen undgelegentlich - von gesellschaftlichen Veränderungen; als Beispiele seien hier die Einführung von Hinterladern bei der Infanterie oder die Schützentaktik im Gefolge der Französischen Revolution genannt. I
Angriff in der frühen Neuzeit
Noch bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges hinein bestimmten mächtige, von Spießen starrende Gevierthaufen oder spanische Tercios die Schlachten, die mit der Wucht und der Masse von mehreren tausend Mann 11 eine Entscheidung erzwangen 12 . Im Gefolge der oranischen Heeresreform veränderte sich während des 17. Jahrhunderts die Taktik: Nach Einführung des Gefechtsdrills in den kleineren und disziplinierten Berufsheeren 13 zogen diese Quadrate sich zur Linie auseinander. Angreifende Heere staffelten sich zehn, später sechs oder - z.B. in Bayern ab 1680 - vier Glieder tief 14 . Selbst dieser flache Aufbau stellte keinen Ausweg aus dem Dilemma der Zeit dar: Die langen Vorderlader verlangten einen komplizierten Ladevorgang im Stehen. Deshalb nahm man seine im Zuflucht Gliederfeuer, bei dem zunächst drei Glieder knieten und das vierte die vorderen überschoss. Anschließend erhob sich das dritte Glied zum Schuss, während das vierte mit dem Nachladen begann, und so fort 15 .
Die Einführung des Bajonetts in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte eine Verbindung der blanken Waffe mit dem Gewehr gebracht 16 . Um die Wende zum 18. Jahrhundert wandelten sich die Fußtruppen aufgrund der technischen Entwicklung von der schweren Infanterie der Pikeniere mit Schutzausrüstung zum Feuerwaffenträger 17 . Bisher war bei einer Feuergeschwindigkeit von einem Schuss in drei Minuten das schwerfällige Luntengewehr überwiegend eine Defensivwaffe gewesen. Nun ermöglichte der Flintstein der Musketiere in Verbindung mit einer Verbesserung des Waffendrills beispielsweise der preußischen Infanterie eine Kadenz von fünf Schuss in zwei Minuten 18 . Die Feuerwirkung wurde auch weiterhin nicht durch gezielten Einzelschuss, sondern durch Massierung erreicht. Hierbei waren verschiedene Formen der Abstimmung möglich: So konnte ein Truppenkörper bis zur Stärke eines Bataillons - hintere Glieder durch die Lücken der Vorderen - auf einen Schlag feuern 19 , die Halbkompanien konnten im rollenden Feuer pelotonweise schießen und sich, diesem Rhythmus angepasst, auch pelotonweise vorwärtsbewegen 20 oder - wie beispielsweise in Österreich - ein sogenanntes Lauffeuer abgeben 21 , das sich von Mann zu Mann fortpflanzte. Die Feuerwirkung war umstritten. Bei einer Reichweite des Infanteriegewehrs von 400 Schritt eröffnete man den Feuerkampf etwa auf 300 Schritt, eine tatsächliche Wirksamkeit war jedoch erst ab etwa 200 Schritt (160 m) gegeben 22 . Entscheidender als durch Feuer scheint die auf diesem Gebiet vorbildliche preußische Armee durch ihre Disziplin, durch ihren Zusammenhalt der Front und ihren im unaufhaltsamen Vorrücken ausgedrückten Siegeswillen gewirkt zu haben: „Den Höhepunkt dieser
12 Papke, S. 120-131
13 ebenda, S. 122-134
14 Regling, S. 33
15 Schwarz, S. 263 ff
16 Frauenholz, S. 71
17 Flemings Lehrbuch „Der vollkommene teutsche Soldat“ forderte 1726: „Ein Grenadier muss nicht weibisch aussehen, sondern furchtbar ... nicht leicht lachen oder freundlich tun“; S. 146
18 Regling, S. 30
19 ebenda, S. 36 f
20 Müller, S. 45-47
21 Abrichtungsreglement, S. 43
22 Frauenholz, S. 80
moralischen Wirkung aber bildete doch der Einbruch mit dem Bajonett oder vielmehr der Wille, diesen Einbruch durchzuführen“ 23 . II
Angriff im Zeitalter von König Friedrich II.
Der preußische König Friedrich II. hat dies ebenso gesehen und mehrfach zum Ausdruck gebracht: In seinem dritten Regierungsjahr urteilte er, „dass man den Feind nicht so sehr durch das chargieren (drillmäßigen Feuerkampf) wegschlägt, als dass man ihn sozusagen verdrängen muss“ 24 . Wenig später schrieb er noch prägnanter: „Und wenn die Infanterie mit Gewehr auf der Schulter angreift, so würde ich dies am meisten vorziehen“ 25 . Ganz besonders kommt seine Skepsis gegenüber dem Wert des Feuers durch das Wort aus den Generalprinzipien zum Ausdruck: „Das Feuer, so die Infanterie macht, ist zur Defensive, und ihr Bajonett dient zur Offensive“. Zugleich forderte der König: „So wenig als möglich schießen und so viel als möglich mit dem Bajonett angreifen“ 26 . Diese Haltung führte dazu, dass in der preußischen Armee zwischen 1753 und 1757 Angriffe vornehmlich ohne zu feuern mit dem Bajonett geübt wurden 27 .
Angriff bedeutete somit unbeirrbar vorgebrachte körperliche Gewalt, direkt, unmittelbar. Dies kommt in der Formulierung des preußischen Infanterie-Reglements von 1743 plastisch zum Ausdruck: „Es muss ein jeder Officier, Unter-Officier und Gemeiner sich die feste Impression machen, dass es in der Action weiter auf nichts ankomme, als wie den Feind zu zwingen, von dem Platz wo er stehet, zu weichen; Deshalb die ganze Gewinnung der Bataille darauf ankommt, dass man nicht sonder Ordre stille stehet, sondern ordentlich und geschlossen gegen den Feind avanciret (vorrückt) und chargiret (den Feuerkampf führt); Und weilen die Stärke der Leute und die gute Ordnung die Preußische Infanterie unüberwindlich machet, so muss den Leuten wohl imprimiret (klargemacht) werden, dass, wann der Feind wider alles Vermuthen stehen bleiben sollte, ihr sicherster und gewissester Vortheil wäre, mit gefällten Bajonets in selbigen hinein zu drängen, alsdann der König davor repondiret (dafür garantiert), dass keiner wieder stechen wird“ 28 .
In diesen Worten wird die überzeugend demonstrierte Bereitschaft, im Takt vorzugehen und zuzustoßen, mit Schlagkraft gleichgesetzt, die den Sieg garantiert. Diese Schlagkraft stützte sich nicht auf Feuer, auch nicht direkt auf den Stahl der Bajonette, sondern primär auf moralische Faktoren: auf im Gleichtakt verstärkte Willenstärke, auf Durchstehvermögen, auf Disziplin, auf Überlegenheitsbewusstsein. „Die hohe Präzision des preußischen Vorgehens, mit oder ohne Feuer, hat sicher den Eindruck auf den Gegner nicht verfehlt und so schon erschütternd auf dessen Moral gewirkt“ 29 .
Als Höhepunkt friderizianischer Führungskunst und gleichzeitig der Lineartaktik gilt die Schlacht bei Leuthen im Dezember 1757, die durch einen Angriff von 35.000 Preußen auf 65.000 Österreicher entschieden wurde. Ungeachtet der zahlenmäßigen Überlegenheit der in Verteidigungsstellung befindlichen Gegner nutzte der preußische König die Gunst des Geländes, das Bewegungen „wie auf den Exerzierplatz“ 30 erlaubte, zur Anwendung der
Feuerkampf der Preußen erfolgte in Bataillons-Salven 31 , ihre Bataillone waren in zwei Treffen mit fünfzig Schritt Abstand in Linie zu etwa zweihundert Rotten aufmarschiert 32 , zwischen den Bataillonen waren in schmalen Lücken die Begleitgeschütze aufgefahren 33 .
Vom Sonderfall Leuthen abgesehen feuerte die Infanterie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sowohl in Österreich als auch in Bayern und Preußen „peloton“-weise, wobei das Bataillon gewöhnlich in acht solcher Halbkompanien unterteilt war und das Feuer nach einem komplizierten System „nach den geraden und ungeraden Zahlen“ von den Flügeln zur Mitte lief 34 .
Die Annäherung erfolgte niemals im Laufen, um die Truppe nicht auseinanderfallen zu lassen, sondern im „starken Schritt“, Tempo nach dem preußischen Reglement von 1743: 75 Schritt pro Minute. Das Feuer wurde auf etwa 300 Schritt Entfernung eröffnet, worauf das Tempo auf 40 bis 45 Schritt bei gleichzeitiger Verkürzung der Schrittlänge reduziert wurde. Hatten sich die gegeneinander vorrückenden Truppen auf etwa 30 Schritt einander genähert, wurde das Gewehr mit aufgepflanzten Bajonett „gefällt“, das heißt: annähernd waagerecht vorgereckt. Hierbei war es in Preußen nicht mehr geladen, während Österreicher und Hannoveraner noch einmal aus der Hüfte zu feuern pflegten 35 .
Die Artillerie wurde zunächst auf die Infanterie aufgeteilt: In Bayern zwei Sechspfünder, in Preußen und Österreich zunächst zwei Dreipfünder, später auch hier allgemein größere Stücke 36 . Eingesetzt wurden die im Mannschaftszug vorwärtsbewegten Infanteriegeschütze in der Linie der Infanteriebataillone, während die Heeres- oder Positionsartillerie gebündelt zu Batterien oder Brigaden außerhalb der Front, meist überhöht aufgestellt wurden 37 .
Die Reiterei war zunächst noch prinzipiell in schwere Schlachtkavallerie und leichte Aufklärungs- und Sicherungskavallerie unterschieden. Unter Führung Österreichs, das 1765 ein Einheitsreglement für die gesamte Kavallerie einführte, vollzog sich auch in den übrigen deutschen Armeen in der Folgezeit eine Angleichung. Noch während des Siebenjährigen Krieges war die Kavallerie auf beiden Seiten meist in Massen auf den Flügeln eingesetzt: Nach dem Vormarsch folgte ein Anlauf in Linie auf etwa 500 Schritt Galopp, die letzten 250 Schritt in Karriere. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts vollzog sich hier bei der Infanterie eine zögernde Auflösung: Neben den Einsatz in Linie trat die Schwarm-Attacke, und jede Schwadron erhielt eine Anzahl Schützen mit gezogenem Karabiner zum „Plänkeln“, verstreutem Einsatz außerhalb der geschlossenen Schwadron 38 .
Das Ende der Lineartaktik ist naturgemäß nicht eindeutig zu fixieren, doch können zwei Eckdaten genannt werden, an die angelehnt der Wandel sich vollzogen hat: Der nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg (1776-83) und die napoleonischen Kriege im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts.
In Nordamerika verwischten sich die Grenzen zwischen dem reglementgemäßen Gefecht in
Infanterie, mangelhaft gedrillt und wenig diszipliniert, errang im zerstreuten Einsatz gegen die Engländer vielbeachtete Erfolge.
Ein Teil der deutschen Armeen nahm die Anregungen auf und formierte in den achtziger Jahren verschiedene Formen leichter Infanterie. So wurden in Preußen 1787 jeder Infanteriekompanie zehn Schützen zugeteilt 39 . Hannover schloss sich an 40 , während Sachsen und Österreich dieser Neuerung ablehnend gegenüberstanden 41 .
Diese Schützen waren abweichend von der Schlachtinfanterie nicht mit Büchsen, sondern mit gezogenen Flinten ausgerüstet, die bei entsprechender Munitionierung den gezielten Schuss erlaubten. Sie wurden im Angriff gewöhnlich als Schwärme den geschlossen eingesetzten Verbänden vorausgeschickt. Dadurch erzwangen sie eine Auflockerung der ihnen nachfolgenden Schlachtinfanterie, die nun nicht mehr in geschlossener Front vorrücken konnte, weil sie andernfalls die eigenen Schützen über den Haufen geschossen hätte: Die geschlossen eingesetzten Verbände rückten staffel- oder echelonweise vor, die Zwischenräume zwischen den Verbänden vergrößerten sich, der Zusammenhang zerfiel 42 .
Dieser Wandel vollzog sich keineswegs abrupt, sondern gegen zähe Widerstände. So äußerte der österreichische Erzherzog Karl noch 1796: „Alles Schießen kostet Leute und entscheidet nichts“ 43 , und sein Landsmann General Melas meinte im Jahre 1800: „Es sind nur wenige Tirailleure (Schützen) notwendig, hinter denen die Truppe geschlossen (en front) vorrücken. Der in Tirailleure aufgelöste Feind hält diesen Anblick nicht aus“ 44 .
Noch bedeutete die Möglichkeit der Schützen, gezieltere Schüsse abzugeben, keine nennenswert gesteigerte Feuerwirkung. Ihr Wert lag hauptsächlich im Stören und Verschleiern. Bereitgehalten wurden die Schützen - beispielsweise in Bayern ab 1804zunächst hinter den in zwei Gliedern aufmarschierten Truppen, um dann für die Phase der Annäherung durch Lücken vor die Front vorgezogen zu werden 45 . Bei Verringerung des Abstands zum Feind hatten die Schützen selbständig das Feuer zu eröffnen, danach wurden sie von der vorrückenden Linie aufgenommen 46 . III
Angriff zwischen Französischer Revolution und Freiheitskriegen Ein entscheidender Anstoß zur Weiterentwicklung der Schützentaktik ging von der Französischen Revolution aus, in deren Gefolge die ungeübten Massen nicht mehr mit der gebotenen Gründlichkeit gedrillt werden konnten. Abweichend vom französischen Reglement von 1791, das vollständig dem preußischen lineartaktischen Vorbild folgte, formierten die Franzosen zwar Linien, schickten ihnen jedoch dichte Schützenschwärme voraus, die die eigentliche Last des Kampfes trugen. Dieses improvisierte Verfahren setzte auf Begeisterung statt Disziplin, schwächte die Einwirkungsmöglichkeiten der Führung und legte „das ganze psychologische Schwergewicht des Kampfes auf den kämpferischen Enthusiasmus“ 47 .
Gleichfalls aus dem revolutionären Frankreich wurde eine weitere taktische Neuerung übernommen, die die Tendenz zur Zusammenballung der Truppen bei größerer Tiefe weiter
etwa fünfzig Rotten breit aufgestellt. Diese Form verband die Vorteile der breiten Aufstellung - den gleichzeitigen Einsatz möglichst vieler Gewehre - mit Stoßkraft durch die Tiefengliederung. Da in der Kolonne jedoch die Mehrzahl der Soldaten nicht zum Schuss kam, war sie im Hinblick auf die Feuerwirkung der Linie weit unterlegen. Umso bemerkenswerter ist das Gewicht, das man trotz dieser Tatsache dem psychologischen Element beimaß. Linien galten zwar als wirksamer, aber nur gegenüber dem moralisch Unterlegenen als zulässig: „Wo der Angriff ... in Linie vollführt werden kann, hat er den Vortheil, dass in dieser Formation eine größere Zahl Kämpfender gleichzeitig zum Gefechte kommt, was beim Angriff gegen einen minder geschlossenen ... Feind, oder von Seite einer tapfern gegen eine moralische schwächere Truppe von entscheidendem Vortheil ist“, schrieb eine österreichische Vorschrift 1838 48 .
Napoleon stellte große Kolonnen bis zur Infanteriemasse einer Division zusammen 49 und eroberte mit dieser taktischen Grundform Europa. Es war daher nur folgerichtig, dass die Angriffskolonne von allen europäischen Armeen - mit Ausnahme der englischenübernommen wurden 50 . Die preußische Armee führte die Kolonne mit dem Infanteriereglement von 1812 ein: „Das Gefecht der Infanterie eröffnen die Füsiliere (Schützen), welche sich hierzu theilweise in eine Tirailleur-Linie auflösen. Sind sie detaschirt (abgesetzt vom Gros eingesetzt), so ersetzt ihre Stelle das dritte Glied des ersten Treffens... Die Füsiliere bilden Colonnen“ 51 . Damit wurde die oben bereits für Bayern erwähnte Gleichsetzung von „drittem Glied“ und Schützeneinsatz auch für Preußen übernommen. IV
Angriff im Zeitalter des Deutschen Bundes
Anders als die Franzosen setzten die Preußen die Schützen nur sehr sparsam ein: Eine Hälfte als Schützenschleier vorneweg, die andere Hälfte als Unterstützungstruppe, „Soutiens“ genannt, geschlossen hinterher, um so den Angriff aus der Tiefe zu nähren 52 . Konkret wurden folgende Vorschriften für den Angriff erlassen: „Wenn eine ... Colonne zum Angriff vorrückt, so marschirt sie jedes Mal im Geschwind-Schritt (Tempo 108). Auf das Commando‚ Gewehr zur Attacke rechts’ ... fällt die Colonne in eine schnellere Marsch Cadence, deren Takt durch die Trommel markiert wird... In einer kurzen Entfernung vom Feind, ungefähr auf 12 Schritte, erfolgt das Commando ‚Fällt das Gewehr!’ ... Der Marsch mit gefälltem Gewehr muss entschlossen und mit stark vorgelegtem Oberleibe geschehen, die Glieder müssen dicht aufgeschlossen seyn, damit die Bajonette des 2ten Gliedes durch die Lücken des 1sten durchstreichen“ 53 . Wenige Jahre später wurde ergänzt: „Fällt das Gewehr, Marsch, Marsch’, worauf die Leute in den Trab fallen und Hurrah! rufen“ 54 .
Die bayrische Infanterievorschrift von 1823 schrieb vor: „War die Compagnie im Ordinärschritt, so muss sie gleich nach dem Fällen des Gewehrs in den Geschwindschritt versetzt werden... Die Spielleute sollen einschlagen. Der Marsch muss entschlossen und mit stark vorgelegtem Oberkörper ausgeführt werden... Die Offiziere tragen den Degen horizontal“ 55 .
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Harry Horstmann, 2010, Truppenführung: Operationsart Angriff, München, GRIN Verlag GmbH
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