Das Domitianbild bei Tacitus
Verfasser: Michael Mößlein
Inhaltsverzeichnis
A: Einführung 3
B: Hauptteil 3
I. Grundlagen für Tacitus‘ Domitianbild 3
1. Das „Domitian-Erlebnis“ 3
2. Grundlagen von Tacitus‘ Geschichtsverständnis 5
III. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Frühwerk „Agricola“ 7
1. Der Charakterentwurf Domitians 7
2. Zum Werk und seiner Wirkung 9
III. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Spätwerken „Historien“ und „Annalen“ 10
1. Die „Historien“ 10
2. Die „Annalen“ 12
C: Schlussbemerkungen 12
D: Quellenverzeichnis 14
A: Einführung
„ ... quod praecipuum munus annalium reor, ne virtutes sileantur utque pravis dictis factisque ex posteritate et infamia metus sit“ (Ann. III, 65,1). Diese Worte aus den „Annalen“ des Tacitus sind mehr als nur die Einleitung zum Alterswerk des römischen Historikers. Sie sind gleichzeitig das Leitmotiv, das Tacitus über sein Gesamtwerk stellt. Dabei ist der Schriftsteller dem Gesetz der großen antiken Geschichtsschreibung folgend hinter seinem Werk zurückgetreten. Dennoch ist sein Geschichtswerk aufs stärkste erfüllt von persönlicher Anteilnahme und jeder Leser erkennt, mit welch verhaltener Leidenschaft Tacitus die Geschichte seines Volkes erlebt hat.1
„Die Historiographie bedeutet für ihn nicht (...) eine Flucht in die Historie nach dem Scheitern in der Politik (...), sondern Tacitus wird auf der Höhe seines politischen Lebens zum Geschichtsschreiber.“2 Tacitus wartete nicht ohne Grund bis ins reife Mannesalter hinein, bis er seine ersten Schriftwerke verfasste. Während der Herrschaft des Domitian (81 bis 96 n. Chr.) war freie Meinungsäußerung nicht möglich.3 Gleichzeitig liegt eventuell gerade in diesem „Domitian-Erlebnis“ der eigentliche Grund für Tacitus, das Geschehene zu beschreiben, es festzuhalten, damit es der Nachwelt nicht verloren gehe und der Gegenwart als Mahnung diene. Rudolf Till sieht im Erleben der domitianischen Herrschaft jedenfalls den Auslöser dafür, dass sich Tacitus der Historiographie zuwendet.4 Richard Reitzenstein geht in der Bewertung der Auswirkungen von Domitians Herrschaft auf Tacitus noch weiter:
„Er [Tacitus] kann den Blick nicht mehr auf die Gegenwart wenden, kann von dem Grauen der Vergangenheit nicht mehr los, weil er die Angst empfindet, daß es wiederkehrt, wiederkehren muß! Denn es liegt in dem Wesen dieses Staates begründet. Das glaubt er als Historiker erkannt zu haben.“5 Domitian nimmt also im Geschichtswerk Tacitus‘ eine zentrale Position ein. Tacitus, in seinem innersten Herzen Anhänger der alten Republik6, will am Beispiel des Domitian die Dekadenz der gegenwärtigen Kaiserzeit entblößen und ihr die hohen Werte der Vorfahren gegenüberstellen.
I. Grundlagen für Tacitus‘ Domitianbild
1. Das „Domitian-Erlebnis“
Wie in der Einführung beschrieben, hatte Kaiser Domitian auf Tacitus großen Einfluss. Der Schriftsteller war etwa 25 Jahre alt, als Domitian zur Regierung kam, etwa 40, als der Kaiser ermordet wurde. Mit dem Niedergang der flavischen Herrschaft schien eine neue Epoche anzubrechen. Für Tacitus war da- mit die Gelegenheit geschaffen worden, sein Erleben dieser 15 Jahre der Alleinherrschaft – sein „Domitian- Erlebnis“ -, das nach Tacitus‘ Aussage den Ausgangspunkt seiner Geschichtsschreibung darstellt7, als Historiker und Politiker (literarisch) zu verarbeiten, Zeugnis und Rechenschaft abzulegen.8 Strittig ist in der historischen Beurteilung jedoch in wie weit Tacitus selbst unter der Regierung Domitians zu leiden hatte. Tacitus äußert sich im „Agricola“ recht drastisch zur Herrschaft des letzten Flaviers, unter dem „omni bona arte in exilium acta, ne quid usquam honestum occurreret“ (Agr. 2,2). Im leidvoll zurückblickenden Vergleich der jüngsten Vergangenheit mit den vorausgegangenen Epochen republikanischer Politik schreibt Tacitus:
„ ... et sicut vetus aetas vidit, quid ultimum in libertate esset, ita nos, quid in servitute, adempto per in- quisitiones etiam loquendi audiendique commercio.“ (Agr. 2,3) Hier wird deutlich, dass es Tacitus weniger darauf ankommt, persönliche Unfreiheit oder am eigenen Leib erlittenes Unrecht, als vielmehr die geistigen Einschränkungen, das heißt die radikale Einschränkung der freien Meinungsäußerung und die geistige Versklavung eines ganzen Volkes, zu beklagen. Denn Tacitus zog sich während der Herrschaft Kaiser Domitians nicht zurück, sondern begleitete in dieser Zeit politische Ämter. Die Gunst aller drei flavischen Kaiser (Vespasian, Titus und Domitian) lässt ihn rasch die übliche Ämterlaufbahn bis zur Praetur und dem Priestertum der Quindecimviri durchlaufen. 9 Nichts deutet darauf hin, dass Tacitus vom Senat irgendwelchen persönlichen Repressalien ausge- liefert gewesen war. Im Gegenteil, auf Antrag Domitians wurden Tacitus vom Senat die Triumphalornamente verliehen und eine Ehrenstatue bewilligt. „Es war die höchste Auszeichnung, die einem Mann seines Standes und Ranges zuteil werden konnte, sie war im Lauf der Zeit durch häufigen Gebrauch freilich auch so abgenützt, daß ihr sonderlichen Wert niemand mehr beimaß.“10 Tacitus gibt es selbst in den „Historien“ zu, unter Domitian und schon zuvor unter Vespasian und Titus in seiner politischen Karriere nicht behindert worden zu sein: „ ... dignitatem nostram a Vespasiano inchoatam, a Tito auctam, a Domitiano longius provectam non abnuerim“ (Hist. I, 1,3).
Dennoch ist es sicherlich nicht verkehrt, wenn Erich Heller feststellt, dass die Historiographie des Tacitus überdeutlich hervortreten lasse, was der äußere Lebensgang des Schreibers nicht verrät: „das Leiden am Regime Domitians.“11 Wenn Tacitus auch nicht direkt unter Domitians Tyrannei litt, so doch an dessen Herrschaft. Und wenn Tacitus dieses Gefühl der Unfreiheit und Einschränkung spürte, dann verstand er es als kein subjektives, sondern als eine geistige Einschränkung des gesamten römischen Vol- kes, das in seiner Gegenwart vom Verfall und Verlust seiner ursprünglichen Werte geprägt war. „Beides, der Verfall der Geschichtsschreibung und der Verfall des geschichtlichen Handelns hatte nach Tacitus ein und dieselbe Ursache: dem vergangenen Zeitalter, d. h. sowohl dem tyrannischen Kaiser als auch seiner versklavten Umwelt, waren die richtigen Maßstäbe abhanden gekommen.“12 Unter diesem Aspekt ist darauf hinzuweisen, dass das „Domitian-Erlebnis“ mehr als nur das persönliche Empfinden der kaiserlichen Amtsgewalt durch Domitian bedeutet. Es steht gleichzeitig für das Be- finden des ganzen römischen Volkes13, das sich einer Umwälzungsphase ausgesetzt sieht: Auf der Basis allgemeiner Dekadenz wird ein Selbstfindungsprozess durchlaufen, werden alte Werte in Verklärung der Vergangenheit gepriesen und gegenwärtige verdammt. Kaiser Domitian ist lediglich ein Teil dieses Gebildes aus gegenseitiger Verachtung, Gewalt und Unmoral – freilich ein bedeutender, da er als Kaiser die Spitze des Staates und nach eigenem Machtverständnis das römische Volk in seiner Gesamtheit repräsentierte. Zum eigentlichen „Domitian-Erlebnis“ gehört für Tacitus auch die Erkenntnis, dass sich mit dem gewaltsamen Entfernen des Tyrannen nicht automatisch die Situation im Staat verbessert hat. „Die Ermordung Domitians löste im Senat einen Sturm der Freude und Genugtuung aus. In Akklamationen, die von leidenschaftlicher Gehässigkeit getragen sind, wird der tote Tyrann mit Schimpf und Schande überhäuft; die damnatio memoriae wird beschlossen, Medaillons und Bilder werden entfernt. (...) Eine wilde Jagd auf delatores setzt ein, einer verklagt den anderen, und die schrankenlose Wut über die Ankläger der flavischen Zeit führt zu einem Zustand, der den Konsul Fronto zu der Äußerung veranlaßt, es sei zwar schlimm, einen Kaiser zu haben, unter dem niemand etwas tun dürfe, schlimmer aber sei es, wenn alle alles tun könnten (Dio 68,I,3).“14 Stefan Borzsák zog daraus den Schluss, dass Tacitus durch dieses Erlebnis einerseits misstrauischer, andererseits scharfblickender in der Beurteilung der Wirklichkeiten der traianischen Gegenwart wie auch der früheren Jahrzehnte des Principates wurde.15 Dennoch genoss der Geschichtsschreiber die neue Freiheit für sich und für das ganze Volk16. Er empfindet große Freude daran, in öffentlicher Rede seine Meinung äußern zu dürfen, ohne die Furcht vor Repressalien – eine Tendenz, der Tacitus im zweiten Kapitel des „Agricola“ deutlichen Ausdruck verleiht.
2. Grundlagen von Tacitus‘ Geschichtsverständnis
[...]
1 Vgl. Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 2.
2 Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 2.
3 Vgl. Tacitus, Gespräch über die Redner, hg. v. H. Volkmer, S. 121.
4 Vgl. Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 3.
5 R. Reitzenstein, Aufsätze, S. 126.
6 Vgl. Tacitus, Historien, hg. v. Joseph Borst, S. 562.
7 Vgl. K. Willmer, Das Domitianbild des Tacitus, S. 17.
8 Vgl. H. Nesselhauf, Tacitus und Domitian, S. 223.
9 Vgl. R. Reitzenstein, Aufsätze, S. 125.
10 H. Nesselhauf, Tacitus und Domitian, S. 233.
11 Tacitus, Annalen, hg. v. E. Heller, S. 979.
12 Tacitus, Annalen, hg. v. E. Heller, S. 980.
13 In wie weit beim Begriff „das römische Volk“ überhaupt von einem einheitlichen corpus gesprochen werden kann, sei hier unberücksichtigt.
14 A. Brießmann, Tacitus und das flavische Geschichtsbild, S. 104.
15 Vgl. S. Borzsák, P. C. Tacitus, S. 486.
16 Herbert Nesselhauf widerspricht der Meinung, dass mit dem Regierungswechsel von Domitian zu Nerva-Traian ein Systemwechsel stattgefunden habe: „Es fällt nicht schwer, wohin man auch immer blicken mag, das Gegenteil nachzuweisen, am deutlichsten ist die Kontinuität aber in der Reichspolitik. Traian übernahm das Erbe Domitians in Bausch und Bogen und fuhr dort weiter, wo Domitian aufgehört hatte (...), auch dessen Propaganda [machte er sich] zunutze und betrieb sie in derselben Art weiter.“ (H. Nesselhauf, Tacitus und Domitian, S. 242)
17 Vgl. R. Häussler, Tacitus und das historische Bewusstsein, S. 245.
Arbeit zitieren:
Michael Mößlein, 2000, Das Domitianbild bei Tacitus, München, GRIN Verlag GmbH
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