Inhaltsverzeichnis
Abstract 3
1. World-Polity-Ansatz 3
2. Iran - Teil der Weltkultur? 5
2.1 Existenz des Nationalstaats. 6
2.2 Form des Nationalstaats 6
2.3 Bildung. 7
2.4 Wissenschaft. 7
2.5 Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit 8
2.6 Wirtschaft. 8
2.7 Umweltschutz 9
2.8 Menschenrechte und das Individuum. 9
3. Fazit 11
4. Quellenverzeichnis. 12
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Abstract
Die Referatsausarbeitung gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Ersterer stellt die theoretischen Grundlagen des neo-institutionalistischen World-Polity-Ansatzes nach John W. Meyer dar und erklärt die ihm zugrunde liegenden Begrifflichkeiten und Kategorien. Im zweiten Teil schließlich wird das Modell auf das empirische Beispiel Iran angewendet. Dieses Beispiel bietet einerseits eine gute Möglichkeit zur Illustration der Theorie und andererseits eine neue Perspektive, die deutlich macht, dass der Ansatz weitaus mehr Faktoren von Diffusion und Homogenisierung im Fokus seiner Betrachtung hat als lediglich das, was tagespolitisch als „Verwestlichung“ gilt. In einem abschließenden Fazit werden noch einmal Stärken und Schwächen des Modells gegenübergestellt.
1. World-Polity-Ansatz
Der World-Polity-Ansatz attestiert der Weltgesellschaft eine global gültige, von westlichen Prinzipien geprägte Weltkultur, die auch als „world polity“ bezeichnet wird. Der Ansatz wurde maßgeblich durch den Soziologen John Meyer entwickelt und entstand aus dem neoinstitutionalistischen Theoriegebäude heraus, welches sich bis dato vor allem organisationssoziologischen Fragestellungen gewidmet hatte. Der Blickpunkt der Neo-Institutionalisten liegt dabei auf der Untersuchung von Strukturähnlichkeiten bei Organisationen, welche mit dem Prozess der Institutionalisierung erklärt werden. Strukturähnlichkeiten - im theoretischen Kontext als Isomorphie bezeichnet - sind demnach Resultate der Einwirkung von Institutionen auf organisationale Akteure. Institutionen sind nach neo-institutionalistischer Lesart definiert als „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“ (Meyer / Boli / Thomas 2005: 18). Institutionalisierung bezeichnet demnach den „Prozeß, durch den bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kognitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“ (ebd.: 18).
Projiziert man mittels des World-Polity-Ansatzes diese Prämisse auf die Ebene einer Weltgesellschaft, so wird man feststellen, dass unzweifelhaft eine der prägendsten Institutionen der Nationalstaat war und noch immer ist. In der Weise, in der die bürokratische Organisation des Staates nach Max Weber die Funktion hat, über rationale Entscheidungen effizient zu arbeiten und dadurch Legitimation gegenüber der Bevölkerung sicher zu stellen (vgl. Weber 1980: 548), so erfüllt Nationalstaatlichkeit eine ähnliche Funktion nach außen. Über die Installation nationalstaatlicher Strukturen - z.B. Behörden und Ministerien, eine
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Verfassung usw. usf. - wird die oben beschriebene „innere Legitimation“ zugleich auch zu einer äußeren Legitimation, indem nach außen hin dargestellt wird, dass man ein erfolgreiches politisches Modell aufgegriffen und installiert hat. Vollendet ist die äußere Legitimation schließlich in dem Moment, in dem führende Nationen und die UN den neuen Nationalstaat anerkennen. Die „Belohnung“ besteht aus politischer Souveränität. Dieses Muster hat über die vergangenen Jahrhunderte dazu beigetragen, dass Nationalstaatlichkeit, wie in der obigen Definition ausgedrückt, kognitive und normative Gültigkeit erlangt hat und als Gesetzmäßigkeit und Selbstverständlichkeit politischer Entscheidungen akzeptiert worden ist - sogar noch zu einer Zeit wie der heutigen, in der Nationalstaatlichkeit eigentlich längst nicht mehr der einzige politisch entscheidende Faktor ist. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke der allgemeinen Zurechnungspraxis, die Institutionen nach ihrer Herausbildung nicht so schnell wieder verlieren, selbst wenn sich die Lage de facto vielleicht schon verändert hat. Dies führt zu einer maßgeblichen Erweiterung des weberschen Ansatzes durch den Neo-Institutionalismus. Bereits in der kurzen Beschreibung der Institution „Nationalstaat“ wurde deutlich, dass das essenzielle Kriterium der Legitimation für Neo-Institutionalisten nicht in dem De-Facto-Vorhandensein von Effizienz und Rationalität liegt, sondern in dessen gelungener Darstellung. Theoretisch könnten die vom neuen Nationalstaat aufgebauten Ministerialbehörden in großem Umfange ineffektiv arbeiten - relevant für Legitimationszwecke ist zunächst allein ihr Vorhandensein, nicht etwa der Output ihrer Funktionsprozesse. In noch größerem Ausmaß wird dies bei der Betrachtung von mit Nationalstaatlichkeit einhergehenden Institutionen deutlich, die insbesondere seit 1945 globale Verbreitung erfahren haben, wie etwa Sozial- oder Rechtsstaatlichkeit und verfassungsmäßig etablierte Grundrechte, Demokratie und Partizipation sowie die von Meyer untersuchte Implementierung von Lehrplänen in nationalen Bildungssystemen. Zahlreiche Staaten der Peripherie haben diese Mythen immer wieder kopiert, verbreitet und sogar argumentativ nach außen vertreten, haben Verfassungen mit Bürgerrechtskatalogen installiert, sie in der Praxis jedoch missachtet oder Wahlen angesetzt, jedoch die Ergebnisse verfälscht. Form und Inhalt sind in diesen Fällen nur lose gekoppelt oder gar voneinander entkoppelt (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 99 ff.), und in vielerlei Fällen scheint diese „Institutionalisierung an der Oberfläche“ zur Legitimation auszureichen. Nicht zuletzt hinsichtlich politischer Organisationen hat der Soziologe Nils Brunsson die Entkopplungsproblematik weiter untersucht und hierauf basierend sein Modell von „talk“ und „action“ entwickelt, wobei auch deutlich wurde, dass dieses Phänomen durchaus nicht nur ein Merkmal der Peripherie, sondern auch der Nationalstaaten des Zentrums ist (vgl. Brunsson
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1989). Falsch wäre allerdings, an diesem Punkt reflexartige Bewertungen vorzunehmen: Entkopplung ist nicht zwingend Ausdruck von Hinterhältigkeit, Heuchelei oder gezieltem, bewusstem Lügen, sondern kann sogar zur politischen Notwendigkeit werden, sobald eine Organisation divergierenden Umwelterfahrungen unterliegt und all diese in irgendeiner Form befriedigen muss.
Auf welche Weise werden nun Mythen wie die oben genannten weltweit verbreitet, auf welche Weise vollzieht sich die globale Institutionalisierung, wie kommt Isomorphie zustande und somit: Wie wird die von westlichen Prinzipien getragene Weltkultur generiert? Die Neo-Institutionalisten Walter W. Powell und Paul J. DiMaggio haben 3 Mechanismen der Institutionalisierung bei Organisationen identifiziert (vgl. Hasse / Krücken 2005: 25 ff.), welche in dieser Form auch auf die „world polity“ übertragbar sind: Zwang, Imitation und normativer Druck. Zwang bezeichnet dabei die sich alternativlos vollziehende Institutionalisierung, die durch Verpflichtung zustande kommt: Insbesondere Gesetze sind hier auf nationaler Ebene typische Wegbereiter, international fallen darunter beispielsweise die Implementierung von Institutionen durch Weltbank-Konditionen für Kredite oder aber etwa die Installation politischer Strukturen durch militärische Gewalt (Irak-Krieg). Imitation beschreibt das freiwillige Kopieren von Institutionen aus eigener Initiative, etwa weil sie sich zuvor anderswo bewährt oder sich dort als vorteilhaft erwiesen haben; Beispiele hierfür wären Privatisierung oder Erlauben freien Handels. Normativer Druck liegt vor, wenn Akteure dem Druck zur Professionalisierung und Qualifizierung ausgesetzt sind, um in verschiedenen Bereichen international bestehen zu können: Der Bologna-Prozess bildet hierfür ein gutes Beispiel, da er ein Beispiel für Fälle bildet, bei denen Staaten dem Druck ausgesetzt sind, gemeinsame Standards zu schaffen, um in den Sektoren Wirtschaft und Wissenschaft sowohl anschluss- als auch konkurrenzfähig zu bleiben. Wichtig bei der Einordnung in all diese drei Kategorien ist jedoch, dass sie analytischer Natur sind - in der Empirie können die beschriebenen Mechanismen durchaus gemeinsam oder vermischt auftreten (vgl. DiMaggio / Powell 1991 a: 67).
2. Iran - Teil der Weltkultur?
Hinsichtlich der Identifizierung einer global institutionalisierten Weltkultur erlaubt der Iran eine besondere Perspektive, die über allgemein grassierende Vorstellungen von Isomorphie westlicher Prinzipien hinausgeht. Der Iran ist seit der Islamischen Revolution in seinen Selbstbeschreibungen darauf bedacht, sich vom Westen möglichst energisch abzugrenzen, sowohl politisch als auch kulturell. Insbesondere unter dem Hardliner-Präsidenten Ahmadinedschad hat diese Politik eine Renaissance erfahren. Vor diesem Hintergrund ist es
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interessant zu beobachten, wie weit dieser Kampf gegen „Verwestlichung“ tatsächlich geht -und ob die islamische Theokratie Iran sich tatsächlich so sehr der „world polity“ entzieht, wie sie es vermutlich postulieren würde.
John Meyer listet in seinem Aufsatz „Der sich wandelnde kulturelle Gehalt des Nationalstaats“ eine Reihe von politisch-gesellschaftlichen Sektoren auf, welche jeweils eigene Mythen und Institutionen der Weltkultur beinhalten (Meyer 2005 a: 146 ff.). Will man nun das Ausmaß der Integration des Irans in eine „world polity“ untersuchen, scheint es angebracht, die wichtigsten einzelnen Kategorien durchzugehen und zu untersuchen, inwieweit sich die für sie jeweils charakteristischen Institutionen im Iran verfestigt haben. Dies werde ich im Folgenden tun.
2.1 Existenz des Nationalstaats
Wie schon im ersten Teil dargelegt, ist die Existenz von Nationalstaatlichkeit Grundvoraussetzung für politische Souveränität. Dieses Kriterium erfüllt der Iran seit über einem Jahrhundert; zwar ist natürlich kein klarer „Startpunkt“ festzumachen, allerdings zeigt die 1906 installierte Selbstbeschreibung des Landes als „konstitutionelle Monarchie“ deutlich die Selbstsicht als souveräner Nationalstaat, welcher auch als solcher vom führenden Ausland mindestens konkludent durch Vertragsschließungen anerkannt wurde, wie beispielsweise ein 1919 zwischen dem Iran und Großbritannien geschlossener Vertrag über die Nutzung iranischer Straßen und Schienen belegt (Fouman.com 2009: „Iran-Britain Treaty Signed Secretly“).
2.2 Form des Nationalstaats
Ein Nationalstaat kann bekanntlich verschiedenste Formen annehmen, nicht nur in der Regierungsform (demokratisch vs. autokratisch), sondern auch in der näheren Ausgestaltung: Man denke nur an Gegensatzpaare wie Präsidentialismus vs. Parlamentarismus, Föderalismus vs. Zentralismus oder Konsens- vs. Mehrheitsdemokratie. Häufig sind auch diese Staatsmodelle Objekte von Institutionalisierung, über mehrere Mechanismen. So lässt sich beispielsweise im Falle Irak festellen, dass über den Mechanismus des Zwangs (US-Militäreinsatz) dort eine parlamentarische Demokratie installiert worden ist. Im Iran rief im Jahre 1906 der damalige Schah Parlamentswahlen aus und installierte damit eine konstitutionelle Monarchie, orientiert am Vorbild Europas, wo zu jener Zeit mehrere konstitionelle Monarchien existierten (u.a. Großbritannien, Deutschland). Im Anschluss an diese Imitation westlicher Institutionen differenzierte sich der Staat weiter aus, so etwa geschehen 1927 mit der Gründung einer Zentralbank (ebd.: „Majlis Approves National
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Banking Bill“). Im Jahre 1980 schließlich differenzierte sich im Anschluss an die Revolution der neue theokratische Staat aus, der sich als „Islamische Republik“ bezeichnete. In dieser betonten Abgrenzung von der Monarchie sehen wir eine weitere Kopie westlicher, bereits im alten Rom verwendeter Institutionen (römische Republik). All diese historischen Tatbestände zeigen auf, dass die iranische Auffassung von Staatlichkeit in hohem Maße von westlichen Prinzipien inspiriert ist - auch, wenn dies vor der Islamischen Revolution wohl in noch deutlicherem Maße der Fall war.
2.3 Bildung
Die weltweit zunehmende politische Wertschätzung von Bildung ist ein wichtiges Merkmal der „world polity“: „Verschiedene Untersuchungen zeigen, daß überall in der Welt und in den verschiedensten Ländern mit zunehmender Häufigkeit standardisierte allgemeine Bildungssysteme entstanden sind“ (Meyer 2005 a: 148 f.). Auch der Iran bildet hier keine Ausnahme, auch in Hinblick auf die Institution „Bildung“ wurde kopiert: Das iranische Schulsystem ist nach französischem Vorbild entworfen, zudem existiert eine achtjährige Schulpflicht. Hier lässt sich neben dem der Imitation auch noch ein anderer Mechanismus ausmachen. Der normative Druck, dem der Iran beständig ausgesetzt ist, zwingt den Staat, Maßnahmen der Qualifizierung und Bildung einzuleiten, um wirtschaftlich, wissenschaftlich und technologisch international bestehen zu können. Trotz alledem ist in dieser Kategorie eine nicht unbeträchtliche Form der Entkopplung zu beobachten: Die Analphabetenquote beträgt bis zu 30 %, zu Zeiten des Schahs lag sie sogar bei 55 % (Elektronisches Handbuch für Lehrkräfte: „Das iranische Schulsystem“).
2.4 Wissenschaft
Eng mit der Bildung in Zusammenhang steht naturgemäß die Wissenschaft, in der sich ähnliche Entwicklungen zeigen. Sehr gut demonstriert dies das Beispiel der Universität von Teheran, welche im Jahre 1934 als Überbau mehrerer bis dato schon existenter Fakultäten gegründet und im Laufe der nächsten Jahrzehnte um immer mehr Fakultäten moderner Fächer erweitert wurde. So folgten in den nächsten 60 Jahren Fakultäten u.a. für Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Moderne Sprachen und Umweltwissenschaft (Universität Teheran 2004: UT Overview). Normativer Druck resultierend aus der Tatsache, dass man aus ökonomischen Gründen nicht mit Spezialistentum hinter anderen Staaten zurückstehen darf, veranlasste die iranischen Wissenschaftspolitiker etwa dazu, Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften einzuführen. An anderen Hochschulen des Landes dürfte es nicht viel anders aussehen.
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2.5 Wohlfahrt, Bevölkerung und Gesundheit
Die Ausbreitung wohlfahrtsstaatlicher Modelle weltweit ist ein weiteres Charakteristikum der Weltkultur, welches wir im Falle des Iran in für die Region überdurchschnittlichem Maße verwirklicht sehen: „Der Iran hat (…) ein ausgebautes Sozialsystem mit insgesamt 28 staatlichen Institutionen, wie Sozialversicherung, Sozialhilfe und ausgebaute Hilfsprogramme“ (Bator 2009: 6). Auch im Bereich der Gesundheitspolitik des Landes scheinen Entkopplungserscheinungen eher die Ausnahme zu sein: „Die Ergebnisse der Gesundheitspolitik haben sich im Verlaufe der vergangenen zwanzig Jahre bedeutend verbessert und liegen gegenwärtig weit über dem Durchschnitt anderer Länder der Region“ (Weltbank 2009: Country Brief - Iran; zitiert in Bator 2009: 6). Als fraglich könnte man an dieser Stelle höchstens die These bewerten, ob jede Form der Wohlfahrtsstaatlichkeit automatisch als „westliches Prinzip“ zu identifizieren sein kann, da die iranische Sozialpolitik sich in vielfacher Weise auf das islamische Äquivalent „christlicher Barmherzigkeit“ bezieht und damit womöglich eher der ur-eigenen Kultur entspringt. Nichtsdestotrotz dürfte zumindest die grundsätzliche Idee, den Staatszielen eine Form des Sozialstaatsprinzips hinzuzufügen, durch den Westen inspiriert und damit ein Resultat von Imitation sein.
2.6 Wirtschaft
Bereits die Einführung wirtschaftswissenschaftlicher Fakultäten an der Teheraner Universität demonstrierte den gesteigerten Erklärungsbedarf für wirtschaftliche Prozesse auch im Iran, welcher sich zwar durch eine planwirtschaftliche Struktur auszeichnet, in dem jedoch westliche Mythen der Privatisierung und Liberalisierung immer mehr an Boden gewinnen, nicht nur seitens der oppositionellen Reformer, welche genau das fordern, sondern sogar seitens des Regimes: Laut dem Iran-Experten Walter Posch stimmen alle politischen Führer vom Großayatollah Ali Khamenei abwärts darin überein, dass Betriebe privatisiert und das Unternehmertum gestärkt werden sollte (DerStandard.at 2009: „Gigantische Teuerung, fehlende Modernisierung“). Ein Beispiel für diese Entwicklung bildet der iranische Automobilkonzern Khodro, an welchem der Staat einen Anteil von „nur“ 40 % hält und der somit ein Privatunternehmen darstellt (ebd.). Auch hier zeigt sich also ein klarer Fall von Imitation, basierend auf den Notwendigkeiten offener und flexibler Handelsbeziehungen nach außen (z. B. Kuwait) sowie den guten Erfahrungen anderer Länder mit eben diesen Institutionen.
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2.7 Umweltschutz
Wie die Klimakonferenz von Kopenhagen gezeigt hat, ist die Forderung nach aktiver Umweltpolitik mittlerweile zu einem der hervorstechendsten Faktoren der Weltkultur geworden - trotz fehlender Ergebnisse ist doch das öffentliche Bewusstsein für diese Problematik weltweit so groß wie nie. Auch Staaten wie der Iran haben darauf reagiert. Dies zeigt sich zum einen beispielsweise in der oben berichteten Gründung einer Fakultät für Umweltwissenschaften im Jahre 1992, welche in klarer Weise demonstriert, wie sogar in der islamischen Theokratie das Bewusstsein für solcherlei Fragen angekommen ist - die Existenz einer Umweltschutzbehörde zeigt dies noch einmal für den politischen Bereich. Ein anderes, aktuelleres Beispiel bildet etwa ein Umweltschutzabkommen zwischen Iran und Katar im Jahre 2009, welches Ölverschmutzungen im Persischen Golf und Luftverschnutzung verhüten soll und die Zusammenarbeit beider Staaten auf vielen weiteren Umweltschutzfeldern regelt (I.R.I.B. 2009: „Umweltschutz-Vertrag zwischen Iran und Katar“). Dies zeigt, dass über Mechanismen wie Imitation, aber womöglich auch Zwang (die durch das gesteigerte öffentliche Bewusstsein gestärkte Erwartungshaltung der Bevölkerung dürfte hier zumindest teilweise einen politischen Druck verursacht haben) eine Institutionalisierung in Gang gesetzt wurde, bei der sogar Entkopplungserscheinungen nicht derart groß ausfallen, wie man vielleicht hätte annehmen können: Dem „talk“ (Einrichtung einer Umweltschutzbehörde) folgte tatsächlich die „action“ (Umweltschutzabkommen).
2.8 Menschenrechte und das Individuum
Ausgehend von der Französischen Revolution und institutionalisiert spätestens seit Beginn des Wirkens der Vereinten Nationen sind Menschenrechte einer der relevantesten Bestandteile der Weltkultur (vgl. Meyer 2005 a: 152 f.). Im Iran bietet sich hinsichtlich dieser Institution ein im erheblichen Maße ambivalentes Bild dar. Dass das Mullah-Regime in Teheran oppositionelle Proteste teils mit äußerster Gewalt niederschlägt, ist insbesondere bei den Protesten nach der Präsidentschaftswahl 2009 über Bilder und Videos in TV und Internet bekannt geworden und muss nicht mehr wissenschaftlich belegt werden. Aus neoinstitutionalistischer Perspektive interessant ist jedoch auch, dass das Regime trotz dieser offenkundigen Ignoranz gegenüber Menschenrechten einen nicht geringen Aufwand betreibt, um nach außen hin dennoch zu demonstrieren, dass man sich demokratisch verhalte und Grund- und Bürgerrechte achte. Zwei Beispiele verdeutlichen dies. Zum einen wurde nach den aufkommenden Zweifeln an der Gültigkeit der Wahl Präsident Ahmadinedschads seitens des Großayatollah Khamenei bekanntgegeben, man lasse den
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Wächterrat die Ergebnisse neu auszählen (vgl. Tagesschau.de 2009: „Wächterrat überprüft Wahlergebnis“). Hier zeigt sich, wie das Regime trotz der Tatsache, dass die Manipulationen tatsächlich vielleicht ganz woanders lagen und auch der Wächterrat nicht unbedingt das ideale demokratische Kontrollorgan darstellt, unter dem Druck stand, demokratische Strukturen zumindest vorzutäuschen. Über den Mechanismus Zwang musste hier also sogar die Theokratie wenigstens demokratischen „talk“ präsentieren.
Zum anderen ist zu beobachten, wie sich Mahmud Ahmadinedschad selbst auf die Institution Menschenrechte bezog, um die eigene außenpolitische Haltung zu legitimieren. So agitierte er 2007 gegen UN-Sanktionen gegen sein Land mit den Worten: „Leider werden Menschenrechte ausgiebig gerade von jenen Mächten verletzt, die sich als deren exklusive Fürsprecher aufspielen. Geheimgefängnisse, Entführungen, Prozesse und geheime Strafen ohne Rechtsgrundlage, das ausführliche Abhören von Telefonaten, das Ausspähen privater Post - all das ist inzwischen gang und gebe“ (zitiert in Sueddeutsche.de 2007: „Ahmadinedschad schließt Einlenken aus“). Dieses Beispiel macht nahezu perfekt deutlich, wie weit die Institutionalisierung dieser Prinzipien mittlerweile gediehen ist: Selbst höchst autoritäre Theokratien wie der Iran nutzen sie nicht nur defensiv, wie im ersten Beispiel gezeigt, sondern sogar offensiv in der Agitation gegen ihre außenpolitischen Gegner, nachdem sie die argumentative Schlagkraft einer solchen Rhetorik realisiert und die Vorteile einer Imitation erkannt haben.
Dennoch: Der in beiden Beispielen beschriebene „talk“ ist in diesem Fall natürlich zweifelsohne vollständig von der innenpolitisch repressiven „action“ entkoppelt.
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3. Fazit
Trotz vielfältiger Entkopplungserscheinungen ist deutlich geworden, wie umfassend sogar ein außenpolitisch isoliertes Land wie der Iran mittlerweile in die „world polity“ integriert ist, die der Ansatz beschreibt. Nahezu alle in Abschnitt 2 verwendeten Kategorien lassen sich auch auf den Iran anwenden und führen dabei zu (nicht normativ) positiven Ergebnissen. Entkopplungserscheinungen belegen damit im Grunde nur noch einmal die Existenz der Weltkultur: Wenn sogar ein derart repressiver Staat wie der Iran keine andere Wahl hat als öffentlich so zu tun, man respektiere, schätze und verteidige die Menschenrechte, dann kann man diese nach der neo-institutionalistischen Definition als institutionalisiert bezeichnen. Ob dies allerdings generellen Anlass zu Optimismus gibt, ist wohl auch innerhalb der Theorie eine Streitfrage.
In der Entkopplungsdiagnose liegt jedoch auch eine ganz eigene Stärke nicht so sehr des Ansatzes, sondern eher der gesamten neo-institutionalistischen Theorie: Sie stellt damit ein wirksames wissenschaftliches Instrument dar, um zu demystifizieren, „Heuchelei“, wie Brunsson es nennt (vgl. Brunsson 1989) zu enttarnen, aber sie unter Umständen eben auch zu erklären, ohne dabei zu moralisieren. Besonders interessant wird dies im Lichte der Erkenntnis, dass so manche Entkopplung auch auftritt, weil einige Institutionen der Weltkultur sich gegenseitig widersprechen, man aber dennoch beide aufgreift, um unterschiedliche Umwelterwartungen zu befriedigen: So dürften westliche Mythen wie Privatisierung und wirtschaftliche Liberalisierung anderen westlichen Mythen wie Wohlfahrtsstaatlichkeit mitunter diametral entgegenstehen.
Ein aus meiner Sicht wesentlicher Schwachpunkt tut sich regelmäßig wieder bei der Lektüre des Hauptwerkes „Weltkultur“ von John W. Meyer auf. Der Untertitel „Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen“ ist denkbar schlecht gewählt, da er implizit sämtliche Entkopplung negiert: Eine Institution, die bloß im „talk“, nicht aber in der „action“ existiert, „durchdringt“ eben nicht, sondern sie liegt gewissermaßen auf der Oberfläche. Diese Kritik mag wie Erbsenzählerei anmuten, jedoch ist sie nichtsdestotrotz nötig. Die unangemessene und falsche Titelwahl ist - so ist es in vielerlei Diskussionen zum Ansatz zu erlebenmaßgeblich schuld an dem häufigen Vorwurf, der Ansatz sei von einer zu idealistischen, manchmal gar als „kulturimperialistisch“ bezeichneten Romantik durchzogen, die bestimmte, knallharte Realitäten wie etwa die Menschenrechtssituation im Iran ignoriere. Schon weil dies, wie in dieser Arbeit gezeigt wurde, eben nicht der Fall ist, ist ein derartiges populärwissenschaftliches Anbiedern über einen Buchtitel bedauerlich wie ärgerlich.
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4. Quellenverzeichnis
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Arbeit zitieren:
Florian Sander, 2010, "World Polity", München, GRIN Verlag GmbH
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