Über vierzig Jahre später wird die 68er-Revolte immer noch unterschiedlich interpretiert und kontrovers diskutiert. Besonders einer der Protagonisten polarisiert nach wie vor. Er war marxistischer Soziologe und kämpfte für die Befreiung aller Menschen von Krieg, Ausbeutung und Angst. Mit Aktionismus wollte er für Aufklärung sorgen und dadurch die seiner Meinung nach medial hervorgerufene „gesellschaftliche Bewusstlosigkeit“ aufheben. Sein Ziel war die permanente Weltrevolution und ein demokratischer Sozialismus. Von den Einen wird er als gewalttätiger Polit-Rowdy und gefährlicher Demagoge beschimpft, die Anderen verehren ihn, den grundgütigen, nach Wahrheit und Gerechtigkeit strebenden Menschen, als großen politischen Rhetoriker und Theoretiker. Jedenfalls ziert er das Cover der meisten Bücher über die 68er und in jeder Dokumentation über diese Zeit ist seine markante Stimme zu hören. Die Rede ist vom „Herz der Revolte“, von der Personifizierung der Studentenbewegung: Rudi Dutschke. In diesem Essay möchte ich in zwei Schritten beleuchten, wie und warum dieser Mann zum dem Mythos wurde, der uns heute noch präsent ist. Zunächst gilt es, die Verwandlung vom jungen in der Deutschen Demokratischen Republik [DDR] lebenden Christen zum antiautoritären Sozialisten und westdeutschen Studentenführer zu erklären. Im zweiten Schritt möchte ich zeigen, dass die Mythologisierung des - wie Michaela Karl ihn nennt - „Revolutionärs ohne Revolution“ nicht ausschließlich mit seinen Leistungen zusammenhängt. Dutschke hatte nie beabsichtigt, zum Mythos zu werden. Er wollte im Gegenteil immer genau das vermeiden. Es müssen demnach eine Reihe anderer Faktoren eine Rolle gespielt haben.
Alfred Willi Rudolf Dutschke wurde am 7. März 1940 50 Kilometer südlich von Berlin im Dorf Schönefeld als einer von vier Söhnen in eine protestantische Bauernfamilie hineingeboren. Das Rebellische wird ihm nicht gerade in die Wiege gelegt. Der Glaube seiner tief religiösen Mutter geht auf ihn über. Er wurde Mitglied der Jungen Gemeinde und ging regelmäßig zum Gottesdienst. Doch dann erlebte er als Dreizehnjähriger sein erstes politisierendes Ereignis: den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der jungen DDR, bei dem 34 Demonstranten von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen wurden. Auslöser war eine Arbeitsnormerhöhung, die faktisch einer Lohnkürzung gleichkam. 1956 wird Dutschke das zweite Mal vom real existierenden Sozialismus enttäuscht. Diesmal forderten ungarische
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Aufständische nationale Unabhängigkeit und Demokratie. Auch dieses Aufbegehren wurde von sowjetischen Streitkräften mit hohem Blutzoll niedergeschlagen. Das Vertrauen des jungen Dutschke in den „Marxismus-Leninismus“ war nun schwer erschüttert. Sein Leben lang wird er versuchen, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Warum sind die Arbeiter und Bauern im Arbeiter- und Bauernstaat so machtlos? Weshalb führte die russische Revolution in den Stalinismus und wieso hatte der „reale“ Sozialismus kaum etwas mit dem von Marx erträumten zu tun? Noch überwog aber sein sportliches Interesse. Dutschke war begeisterter Leichtathlet und wollte Sportjournalist werden. Da er sich jedoch aus christlicher Überzeugung nicht „freiwillig“ zum Dienst in der Nationalen Volksarmee melden wollte, hielt er 1958 auf einer Schulversammlung eine Rede, in der er sich zum „wahren“ Sozialismus, aber nicht zum „real existierenden“ Sozialismus bekannte und sich gegen Militarismus und Wiederbewaffnung aussprach. Daraufhin wird wegen „ungesellschaftlichen Verhaltens“ aus seinem „guten“ Abitur ein „ausreichendes“, wodurch die sportjournalistische Karriere nun blockiert war. Auch nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann, die er mit „sehr gut“ abschloss, wurde er von der Sporthochschule ohne Begründung abgelehnt. Kurz vor dem Mauerbau zieht er deshalb nach Westberlin, machte das Westabitur und schrieb sich - weil Sportjournalismus an der Freien Universität nicht angeboten wurde - für Soziologie ein.
Dutschke musste nun in der „schlechteren Hälfte“ Deutschlands leben, war aber auch unheimlich enttäuscht vom Sozialismus in der „besseren Hälfte“. Später wird er vermerken, dass er den Marxismus-Leninismus als „Beherrschungsinstanz“ hinter sich lies, nicht aber die Ideen der christlichen Liebe und sozialen Gerechtigkeit sowie die Idee von Freiheit und Gleichheit. Er stürzt sich in sein Studium und liest wie ein Besessener, oft 10 bis 12 Stunden am Tag. Dutschkes Ziel war es, zum reinen unverstümmelten Marxismus zurückzufinden. Besonders intensiv setzte er sich mit Georg Lukács, Ernst Bloch, Herbert Marcuse und eben auch dem Stalinismus auseinander. Letzterer ist seiner Meinung nach Anti-Kommunismus und hat deshalb der Sache des Sozialismus/Kommunismus schwer geschadet, weil er die Begriffe (bis heute) kompromittiert. Durch seine Lebenserfahrung unterscheidet sich der „Abhauer“ Dutschke von den meisten Linken in der Bundesrepublik Deutschland [BRD] - er ist auf dem linken Auge nicht blind. Seine Konzeption von einem christlich motivierten, antiautoritären und deshalb basisdemokratischen Sozialismus
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entwickelt er daher in erster Linie nicht antithetisch zum Kapitalismus, sondern zum real existierenden Sozialismus. Dutschke hielt es für entscheidend, dass der Kampf für Demokratie und Sozialismus in Westeuropa mit dem Kampf für Menschenrechte und Freiheit in den Ländern östlich der BRD verbunden wird. Als christlichhoffnungsvoller Optimist widersprach er der Ausweglosigkeit bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und wollte die Theorie so schnell wie möglich in Praxis umsetzen. In diesen ersten Jahren in Westberlin legte er den theoretischen Grundstein für seine spätere Rolle als revolutionärer Aktivist. 1962 war Dutschke an der Gründung der avantgardistisch-revolutionären Künstlergruppe „Subversive Aktion“ beteiligt, die durch provokative Aktionen die von den Medien manipulierte Bevölkerung über die wahren gesellschaftlichen Zustände aufklären wollte. Drei Jahre später tritt er in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund [SDS] ein und wurde rasch zu dessen Sprachrohr. In den folgenden Jahren beteiligt sich Dutschke an einer Vielzahl von Demonstrationen gegen die Hochschulreform, die Notstandsgesetze, die große Koalition und den Krieg in Vietnam und marschiert dabei häufig in der ersten Reihe. Gleichzeitig stilisierten die Medien den jungen Soziologen zum Bürgerschreck und ernannten den „roten Rudi“ zum Studentenführer. Bis 1968 erweiterte Dutschke sein Interesse von der Sowjetunion und dem geteilten Deutschland auf den internationalen Zusammenhang, besonders auf Lateinamerika, Algerien und Vietnam. Der Prager Frühling führte aber dazu, dass er wieder auf sein Lebensthema fokussiert. Er hoffte auf eine Revolution in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik [CSSR], denn ein „real existierender“ demokratischer Sozialismus würde dem blinden Anti-Kommunismus in den kapitalistischen Ländern das letzte Element an Wahrheit nehmen. Die Herrschenden könnten das Bewusstsein der Massen dann nicht mehr mit dem Hinweis auf die dogmatisch-terroristische Herrschaft in sozialistischen Ländern verfälschen. Doch am 21. August 1968 rücken die Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR ein. Dutschkes Hoffnung wurde enttäuscht. Bitter beschimpft er die Verantwortlichen in seinem Tagebuch als Hunde, Barbaren und Verräter. Für seinen engagierten Kampf gegen die Springer-Presse musste Dutschke „bezahlen“. Den wiederholten Aufrufen der Bild-Zeitung, den „Terror der Jungroten“ zu stoppen und nicht alles der Polizei zu überlassen, folgte am 11. April 1968 der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann und schoss den „Studentenführer“ auf offener Straße mehrfach an. Nachdem sich der schwer angeschlagene Revolutionär vom
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Arbeit zitieren:
Paul Thierbach, 2009, Wie Rudi Dutschke zum Mythos wurde, München, GRIN Verlag GmbH
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