Im mit dem Ende des Kalten Krieges neu aufgelegten großen Glaubenskrieg zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen hat sich eine neue Front gebildet. Diese verläuft quer zu allen Glaubensrichtungen und durch jede einzelne westliche Gesellschaft. Es sind die so genannten „neuen Atheisten“ die den Kampf gegen die Religion an sich aufgenommen haben, allerdings mit deutlich weniger kriegerischen Mitteln. Die von Jon Worth initiierte „Atheist Bus Campaign“ in Großbritannien, die „Pro-Reli-Kampagne“ in Berlin und der Konflikt um die Sterbehilfe für Eluana Englaro in Italien sind nur aktuelle Hinweise auf die neue Frontlinie. Hinter konkreten Konfliktthemen wie Abtreibung, Sterbehilfe und Gentechnik geht es dabei um eine sehr viel bedeutendere Frage: Brauchen die Menschen die Religion, oder können sie gut auf sie verzichten?
In diesem Essay möchte ich einige Anregungen zur Beantwortung dieser Frage geben. Dazu werde ich mich besonders mit den Gedanken von Jürgen Habermas auseinandersetzen, da dieser sich in letzter Zeit intensiv und kontrovers mit dem Thema beschäftigt hat. Ausgangspunkt ist die umstrittene These dieses eigentlich in der Tradition der Aufklärung stehenden Sozialphilosophen, dass die Religion notwendig ist, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Ich werde dagegen den Standpunkt vertreten, dass die säkulare Gesellschaft aus sich selbst heraus nicht nur ein von allen Gräueln befreites funktionales Äquivalent zur Religion schaffen kann, sondern dabei auch noch die Freiheit gewinnt, über Gut und Böse selbst zu entscheiden.
Zum Ausgangspunkt seiner Argumentation machte Habermas das Theorem des Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde, nach dem der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren kann, nämlich der normativen Selbstbegründung sowie der moralischen Homogenität und Solidarität der Staatsbürger. Zunächst stellt Habermas heraus, dass der demokratische Rechtsstaat keine interne Schwäche aufweist, denn eine Rechtsordnung kann sich selbst aus demokratisch erzeugten Rechtsverfahren legitimieren und das „einigende soziale Band“ zwischen den Bürgern ist der demokratische Prozess selbst. Die Regeln des Zusammenlebens werden von allen Bürgern gemeinsam kommunikativ ausgehandelt. Allerdings können externe Einflüsse das soziale Band zum reißen bringen. Die „politisch unbeherrschte Dynamik von Weltwirtschaft und Weltgesellschaft“ führt zu einem entmutigenden Funktionsverlust der (nationalen)
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demokratischen Meinungs- und Willensbildung. Da Märkte die Steuerungsfunktionen in Lebensbereichen übernehmen, die vorher durch (vor)politische Kommunikation reguliert worden sind, wird die Solidarität vom „staatsbürgerlichen Privatismus“ abgelöst. Habermas zufolge müssen den Bürger deshalb die „Grenzen der Aufklärung“ und der säkularen Vernunft bewusst werden. In der „postsäkularen Gesellschaft“, die sich dadurch auszeichnet, dass sie bis auf weiteres mit dem Fortbestehen von Religionsgemeinschaften rechnet, muss der funktionale Beitrag der Religionen zur Reproduktion erwünschter Einstellungen anerkannt werden, denn sie bieten „ausdifferenzierte Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“. Auch nichtgläubige Bürger können also aus religiösen Überlieferungen lernen. Dazu ist aber eine Freilegung der „religiös verkapselten Bedeutungspotentiale“ notwendig, denn in der gemeinsamen Praxis der Meinungs- und Willensbildung aller Staatsbürger können nur rational verständliche Argumente gelten. Habermas weist darauf hin, dass sich auch die „religiös unmusikalischen“ Mitbürger kooperativ an der Übersetzungsarbeit beteiligen müssen, damit die Belastung nicht asymmetrisch verteilt ist. Als Beispiel für eine gelungene Übersetzung wird die Ableitung der allgemeinen Menschenwürde aus der Gottesebenbildlichkeit angeführt. Letztlich schlägt Habermas einen komplementären Lernprozess vor. Die religiösen Bürger müssen sich dabei den Herausforderungen der Moderne stellen, namentlich der Tatsache des weltanschaulichen Pluralismus, dem Wissensmonopol der Wissenschaften und der Durchsetzung positiven Rechts und weltlicher Moral. Den säkularen Bürgern müssen im Gegenzug die Grenzen der säkularen Vernunft bewusst werden und sie dürfen den Beiträgen ihrer religiösen Mitbürger nicht von vornherein einen Gehalt absprechen. Die Religion tritt bei Habermas nicht nur als die Vernunft zähmende Kraft auf, sondern sogar als Schrittmacher auf dem Weg zu Demokratie und Menschenrechten. Er erteilt der Aufklärung damit eine vorzeitige Absage und ruft die „postsäkulare Gesellschaft“ aus, obwohl es noch nie eine säkulare gegeben hat.
Ich möchte nun einige Einwände gegen die habermassche „Dialektik der Säkularisierung“ anführen. Zunächst könnte man einfach feststellen, dass Gott mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht existiert. Denn es zeugt nicht gerade von
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rationalem Denken, wenn man die Existenz der unwahrscheinlichen Welt, in der wir leben, mit der Schöpferkraft eines noch unwahrscheinlicheren allmächtigen und gutmütigen Gottes erklärt. Einmal völlig abgesehen von dem Problem der Theodizee, die diese Idee mit sich bringt, haben die Naturwissenschaften bereits sehr viel voraussetzungsärmere Theorien hervorgebracht, welche die Entstehung unserer Welt sehr gut Schritt für Schritt und nicht durch ein unbegreifliches Wunder erklären können. Warum sich dennoch überall auf dieser Erde die verschiedensten Religionen herausgebildet haben, wurde von Philosophen, Ethnologen, Psychoanalytikern und Religionssoziologen auch schon überzeugend erläutert. Doch die Strategie der Existenzverleugnung eines Gottes bringt uns hier nicht weiter. (1) Schon Voltaire sagte sinngemäß, dass die Menschen einen Gott erfinden müssten, wenn es keinen gäbe. Der berühmte Aufklärer spielt damit auf die positiven und seiner Meinung nach unverzichtbaren Funktionen der Religion für die Gesellschaft an. Die Religionssoziologie kennt zum Beispiel die Internalisierungsfunktion (Bereitstellung eines wesentlichen Teils der Identität eines Individuums), die Integrationsfunktion (Bereitstellung eines für alle verbindlichen ultimativen Wertekatalogs) und die Legitimitätsfunktion (Rechtfertigung des Bestehenden durch Sakralisierung). Würde man allerdings den Versuch unternehmen, den Begriff „Religion“ funktional zu definieren, wäre die Abgrenzung zu weltlichen Ideologien kaum möglich. Auch Jean-Jacques Rousseau erkannte das und wollte eine von Dogmen, Ritualen und dem „nutzlosen Glauben“ befreites und durch gesellschaftliche Normen ergänztes Christentum schaffen. Seine „Zivilreligion“ sollte der Republik dienen, nicht die Republik der Religion. Es ist jedenfalls durchaus möglich, ein weltliches funktionales Äquivalent zur Religion zu schaffen. Das sollte auch nicht verwundern. Schließlich ist die Religion allem Anschein nach selbst nur ein menschliches Konstrukt.
(2) Die Forderung, religiöse Normen in säkulare Pendants zu übersetzten, hat Habermas wohl nicht auf Praktikabilität geprüft. Das ethische System zum Beispiel, welches die Bibel vorschlägt, würde heute jeder zivilisierte Mensch ablehnen. Der weltbekannte Atheist und Evolutionsbiologe Richard Dawkins bezeichnet den Gott des Alten Testaments zurecht als ungerechten, rachsüchtigen, blutrünstigen, frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen, Kinder und Völker mordenden, launisch-böshaften Tyrann.
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Arbeit zitieren:
Paul Thierbach, 2009, Dialektik der Säkularisierung und postsäkulare Gesellschaft?, München, GRIN Verlag GmbH
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