Otto-Friedrich-Universität Bamberg WS 2000/01
Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte Proseminar: Das Kloster als mittelalterliche Lebenswelt Student: Michael Mößlein
Hausarbeit zu dem Thema
„Das Kloster Sankt Gallen während des Überfalls der
Michael Mößlein
2
Inhalt
Seite :
Einleitung 3
I. Zur Einordnung der benutzten Quellen und deren Verfasser 3
1. Widukind von Corvey: Rerum gestarum Saxonicarum libri tres 3
2. Ekkehard IV. von Sankt Gallen: Casus sancti Galli 5
II. Der Überfall auf Sankt Gallen im historischen Kontext der Ungarnzüge
unter Einbeziehung der Quellen Widukinds 6
1. Die Ausgangslage der ungarischen Raubzüge 6
2. Die Ungarn in Bayern 8
3. Die ungarischen Raubzüge im Jahr 926 9
4. Das Ende der Ungarnüberfälle 9
III. Der Ungarnüberfall auf Sankt Gallen im Bericht Ekkehards IV. 10
1. Die Frage geschichtlicher Authentizität bei Ekkehard IV. 10
2. Die Vorbereitungen zur Verteidigung und Evakuierung des Klosters 11
3. Die Ungarn im Kloster 13
4. Der Abzug der Ungarn und die Rückkehr der Mönche 15
Zusammenfassung 16
Literaturverzeichnis 18
Abbildungsverzeichnis 21
3
Einleitung
Das Kloster Sankt Gallen, das seine Wurzeln in einer im Jahre 612 inmitten damals unkultivierter Landschaft gegründeten Büßerzelle des irischen Mönchs Gallus hat, war von Anfang an mit einer bewegten Geschichte verbunden und es bedurfte ein Jahrhundert nach der ersten einer zweiten Gründung, um das Kloster am Leben zu erhalten. Doch durch strenge Disziplin und geschicktes wirtschaftliches Agieren erlebte die Abtei in der Folge an Umfang und Einfluss 1 , bevor es im Jahre 926, als ungarische Soldaten das Kloster überfielen, einer neuen großen Gefahr ausgesetzt war, die das kulturelle Leben St. Gallens auszulöschen drohte.
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit diesem einschneidenden Erlebnis, von dem uns in den „Casus sancti Galli“ Ekkehards IV. ein lebendiges und einprägsames Zeugnis überliefert ist. Gleichzeitig soll es vermieden werden, den Ungarn-Einfall in St. Gallen als ein isoliertes Phänomen vorzustellen, sondern im Kontext der weit reichenden, beinahe ein Jahrhundert lang andauernden Raubzüge ungarischer Scharen vor allem im süddeutschen Raum, soll, dem Abschnitt über St. Gallen vorgeschaltet, eine Ein-ordnung und Erklärung im zeithistorischen Rahmen einer von Plünderung und Mord geprägten Epoche versucht werden. Dabei bezieht sich die Arbeit nicht nur auf die Überlieferungen Ekkehards IV., sondern bearbeitet auch - wenngleich thematisch bedingt in geringerem Umfang - Quellen Widukinds von Corvey.
Lediglich angerissen werden kann in diesem Zusammenhang der an sich bedeutende Aspekt, in wie weit die Quellen Ekkehards und Widukinds für heutige Leser überhaupt (noch) historische Authentizität besitzen bzw. in wie weit man bei deren Benutzung Vorsicht walten lassen muss.
I. Zur Einordnung der benutzen Quellen und deren Verfasser
1. Widukind von Corvey: Rerum gestarum Saxonicarum libri tres
Über das Leben Widukinds sind wir nicht gut unterrichtet. Er stammte aus einem vornehmen sächsischen Haus Engerns oder Westfalens 2 , seine Abstammung aus dem Geschlecht des gleichnamigen Sachsenführers kann nur vermutet werden 3 . Geboren wurde Widukind
1 Vgl. Steinen, Wolfram von den: Notker der Dichter und seine geistige Welt. Darstellungsband. Bern 2 1978, S. 17 f.
2 Vgl. Wattenbach, Wilhelm: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. Deutsche Kaiserzeit. Hg. Von Robert Holtzmann. Bd. 1/1. Tübingen 3 1948, S. 26.
3 Vgl. Nass, Klaus: Widukind von Corvey OSB. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 10. Berlin/New York (2. völlig neu bearb. Aufl.) 1999, Sp. 1001; demgegenüber setzt Althoff die Abstammung des Geschichtsschreibers Widukind aus dem Stamm des Sachsenherzogs als erwiesen heraus (vgl. Althoff, G.: Widukind von Corvey. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 9. München/Zürich 1998, Sp. 76).
4
wohl um 925 und trat um 940 ins Kloster Corvey ein 4 , dem er bis zu seinem Tod an einem 3. Februar nach 973 5 angehörte.
Doch seine eigentliche Lebensaufgabe fand der Mönch nicht im Dienst an Gott allein, sondern in seinem Bemühen um die Geschichtsschreibung. Um 967/68 hat Widukind seine „Rerum gestarum Saxonicarum libri tres“ verfasst 6 und damit ein Geschichtswerk geschaffen, das bis heute in seinem Wert umstritten ist. So reicht die Beurteilung Widukinds von der kritischen Einschätzung Frieds, es hier mit einem Historiker zu tun zu haben, der „keine präzisen Geschichtsberichte dar[stellt; d. Verf.]“ 7 , bis hin zum Urteil Brunhölzls, der Widukind den „besten Geschichtsschreiber des frühen Mittelalters überhaupt“ 8 nennt. Gegenstand seiner Historiographie ist die Geschichte des sächsischen Stammes von dessen Ursprung über die Zeit Heinrichs I. und Ottos des Großen bis in den Anfang der 70-er Jahre des 10. Jahrhunderts. Der natürliche Stolz des Autoren auf „seine Sachsen“ 9 trägt dabei die Intention des Werkes, dem als Hauptquelle immer das zu Grunde liegt, was der Autor selbst gehört und gesehen hat. Widukind kennt die Sagen, verwertet die Volkslieder und hat sich über Vergangenheit und Gegenwart viel mündlich berichten lassen. Aus seinem Kloster sei er jedoch nur wenig heraus gekommen, verweist Wattenbach 10 . Vom sächsischen Standpunkt aus die Welt betrachtend sei es „eine laienmäßige, am Kämpfischen und Heldischen Freude empfindende Geschichtsschreibung, die dieser Mönch treibt.“ 11
Neben seinem eingeschränkten Horizont hat man Widukind auch einen fehlenden inneren Zusammenhang seines Werkes vorgehalten, den er zu Gunsten der Beschreibung einzelner Vorgänge aufgegeben habe 12 . Darüber hinaus stellt Brunhölzl allerdings treffend fest, dass Widukind eine ungewöhnliche Selbstständigkeit und Originalität in der Auffassung des Gegenstandes wie in der Darstellung auszeichne 13 . Außerdem sollte man es vermeiden, einen Geschichtsschreiber des 10. Jahrhunderts nach den Maßstäben heutiger Historiographie zu bewerten. Andererseits dürfen wir bei der Betrachtung von Widukinds „Res gestarum Saxonicarum“ nie deren Zweckgebundenheit als verherrlichende Geschichte des säch-
4 Vgl.W. Wattenbach, 1948, S. 26.
5 Vgl. K. Nass, 1999, Sp. 1000.
6 Vgl. G. Althoff, 1998, Sp. 76.
7 Fried, Johannes: Die Königserhebung Heinrichs I. Erinnerung, Mündlichkeit und Traditionsbildung im 10. Jahrhundert. In: Mittelalterforschung nach der Wende 1989 (1989) (= Historische Zeitschrift, Beiheft 20), S. 270. Fried stellt die seiner Meinung nach zweifelhafte Leistung Widukinds als Historiker noch in einen größeren Zusammenhang, wenn er behauptet, „unter den Geschichtsschreibern aus der weiteren Umgebung des sächsischen Hofes verbreitete sich [...] kein exaktes Wissen über die Wirklichkeit, sondern in je unterschiedlichsten Schattierungen das Geschichtsbild eines aus schwersten Bedrohungen siegreich hervorgegangenen Ottos des Großen und der ihm umgebenden Adelsgruppen [...]“ (J. Fried, 1989, S. 271 f.).
8 Brunhölzl, Franz: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Bd. 2. München 1992, S. 417.
9 F. Brunhölzl; 1992, S. 417.
10 Vgl. W. Wattenbach, 1948, S. 417.
11 W. Wattenbach, 1948, S. 30.
12 Vgl. F. Brunhölzl, 1992, S. 422.
13 Vgl. F. Brunhölzl, 1992, S. 422.
5
sischen Ottonenhofes aus den Augen verlieren und so Vorsicht walten lassen, was die Voraussetzung historischer Authentizität für dieses Geschichtswerk betrifft 14 .
2. Ekkehard IV. von Sankt Gallen: Casus sancti Galli
Ebenso wie bei Widukind von Corvey lassen sich bei Ekkehard IV. von St. Gallen die Lebensdaten nicht exakt feststellen. Vermutlich ist seine Geburt in die Zeit um 990, wohl im Umkreis seines späteren Klosters St. Gallen, zu datieren. Als Sterbetag wird ein 21. Oktober nach 1056 vermutet 15 . Weitere Anhaltspunkte zur Herkunft Ekkehards verschweigen uns die Quellen, auch der Zeitpunkt seines Eintritts ins Kloster ist unbekannt 16 . Berühmt wurde Ekkehard IV., der als Dichter, Chronist sowie Gelehrter wirkte und als berühmtester Schüler Notkers III. gilt 17 , durch das unvollendete Chronikwerk „Casus sancti Galli“, das schon Ratpert vor Ekkehard begonnen hatte. Von dem Werk liegen nur noch Kopien vor, die fast alle in St. Gallen aufbewahrt werden 18 . Obwohl sein Geschichtswerk eng mit dem Kloster verbunden ist, hat Ekkehard weniger eine reine Klostergeschichte geschrieben, als vielmehr die Geschichten von den berühmtesten Klosterbrüdern dargestellt. Von einer strengeren Komposition seines Werkes hat er ganz abgesehen und ist bezüglich der Chronologie der Ereignisse oft in arge Verwirrung geraten. Denn für die richtige Folge der Zeiten hat Ekkehard wenig Interesse, es kommt ihm besonders darauf an, „die alten Zeiten in hellen Farben darzustellen, die Gegenwart aber düster zu schildern“, glaubt Manitius zu erkennen 19 . Wie Widukind stützt sich Ekkehard wohl auf die mündliche Klostertradition als Hauptquelle seines Wissens, die sich in vielen Punkten nicht nur als ungenau, sondern auch als gefälscht herausgestellt hat 20 . Und wenn Brunhölzl Ekkehards „Casus s. Galli“ auch - was den Gegenstand und Inhalt angeht - als „anspruchsloses Buch“ einschätzt, so rechnet er das Werk doch zu den „köstlichsten
14
Ausführlichere Informationen zu Leben und Werk Widukinds von Corvey, die hier aus Platzgründen unberücksichtigt bleiben mussten, bietet Beumann, Helmut: Widukind von Korvei. Untersuchungen zur Geschichtsschreibung und Ideengeschichte des 10. Jahrhunderts. Weimar 1950.
15 Vgl. Haefele, Hans F.: Ekkehard IV. v. St. Gallen. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 3. München/Zürich 1986, Sp. 1767 f.
16 Vgl. Haefele, Hans F.: Ekkehard IV. von St. Gallen. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 2. Berlin/New York (2. völlig neu bearb. Aufl.) 1980, Sp. 456.
17 Vgl. H. F. Haefele, 1986, Sp. 1767.
18 Als Haupt- und Leithandschrift gilt seit Ildefons von Arx Cod. 615 der Stiftsbibliothek (B) aus der Zeit gegen oder um 1200. Die übrigen fünf Handschriften sind wesentlich jüngeren Datums (14. bis 16. Jhd.) und gehen oh- ne Ausnahme auf B zurück. Irgendwann nach dem 15. Jhd. Wurde jedoch Handschrift B auf ein handlicheres Format zurecht geschnitten; die dadurch bedingten Textverluste konnten nur z. T. mit Hilfe der Abschriften C und D (deren Schreiber offensichtlich noch das unversehrte Exemplar B vor sich hatten) wieder wett gemacht werden (vgl. Ekkehard IV.: Casus sancti Galli. Hg. von Hans F. Haefele. Darmstadt 1980 (= FSGA 10), S. 11).
19 Manitius, Max: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Bd. 2. München 1923 (unv. Nachdruck 1976), S. 568.
20 Vgl. M. Manitius, 1976, S. 568.
Arbeit zitieren:
Michael Mößlein, 2001, Das Kloster Sankt Gallen während des Überfalls der Ungarn im Jahre 926 im zeithistorischen Kontext der Ungarnzüge, München, GRIN Verlag GmbH
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