Die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und Akzeptanz des eigenen Körpers von Menschen mit Behinderungen wirft viele Fragen auf. Fragen, denen sich Rebecca Maskos in ihrem Text „Zwischen Idealisierung und Entwertung“ versucht zu stellen. Wie meistern die Menschen den Übergang von eigenen befremdlichen Gefühlen sich selbst gegenüber bis hin zur Akzeptanz und Annahme? Wie gehen sie damit um, wenn sie feststellen, dass sie einer chronischen Krankheit unterliegen, Opfer eines Unfalls sind und mit möglichen Folgen zu kämpfen haben. Wie stellt sich ihre Sichtweise dar, hinsichtlich einer angeborenen Behinderung, die vor allem von außen einer nicht selten negativen Stigmatisierung unterliegt? Welches sind die Prozesse einer Emanzipation, die es ihnen ermöglicht, die Dogmen einer „Außenwelt“ hinter sich zu lassen, daran zu wachsen und nicht aufzugeben? Die Bildung einer „positiven Identitätsfindung“ ist die Herausforderung, der sich Rebecca Maskos in ihrem Text zumindest theoretisch widmet.
Was den Kern einer Identität eigentlich bildet, war bereits Gegenstand vielschichtiger Debatten von Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Philosophen gleichermaßen. Die resultierende Mehrdeutigkeit dieses Begriffs ermöglicht verschiedene Verwendungsweisen. Zum Einen stellt sie den Zustand der Individualität und Gleichheit dar. Zum Anderen schlägt sie die Brücke zwischen Individuum und Gesellschaft. Für den Psychoanalytiker Werner Bohleber stellt dieser Begriff eine sogenannte Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an den Einzelnen und dessen psychischer Einzigartigkeit dar. Inzwischen erschließt sich Identität für viele aus dem Vergleich mit anderen. Ein besonderes Interesse liegt vor allem auf den Prozess der Identitätsbildung. Diesem Werden von Identitätsbildung liegen verschiedene Vorstellungen zugrunde. Eine Vielzahl von Konzepten vertritt die Auffassung einer krisenhaften Identitätsbildung. Demnach wird die Identität als Produkt eines Konflikts zwischen zwei sich entgegenstehenden Polen angesehen. Diese zwei widerstreitenden Anforderungen an das Subjekt bringen es in einen krisenhaften Zustand, dessen Lösung ihm einen qualitativen Sprung seiner Identität ermöglicht. Eine jener frühen Konzeption stammt vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker und
Entwicklungspsychologen Erik Homburger Erikson (1963). Dreh- und Angelpunkt für sein Konzept der „Ich- Identität“ ist sein „Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung“, womit eine Weiterentwicklung des freudschen Modells der psychosexuellen Phasen stattfinden sollte. Identität entwickelt sich für Erikson immer dann weiter, wenn zwei entgegen gesetzte Aufgaben an das Individuum von ihm in einer individuellen Weise gelöst werden. Im Gegensatz dazu steht jedoch die Auffassung von Renate Höfer und Heiner Keupp. Hier erfolgte eine Loslösung, indem es vordergründig um das Gefühl geht, dass das jeweils gefundene Passungsverhältnis subjektiv stimmig ist. Identitätsarbeit wird somit als Passungsarbeit angesehen. So eine „gelungene Identität“ stellt dann wiederum die Vereinigung dreier Arten einer Synthese dar. Problem nur, dass solcherlei Konzeptionen nicht auf die Identitäten von Menschen mit Behinderungen zu passen scheinen. Wobei hier vor allem die gar nicht erst gestellten Erwartungen eine Schwierigkeit darstellen. Es erfolgt „Schubladendenken“ und die Betroffenen werden auf stereotype Bilder „festgenagelt“. Maskos gibt jedoch zu bedenken, dass „die Idee der krisenhaften Identitätsbildung, das Hin-und Herpendeln zwischen zwei Polen, gerade auf die Identität behinderter Menschen passt.“
2
Sie bezieht sich hierbei auf autobiografische Texte, in denen oft innere Konflikte und wandelnde Identitätsentwürfe von den Betroffenen beschrieben wurden. Maskos hält die beiden Pole Entwertung und Idealisierung zentral für die Identitätsbildung Körperbehinderter. Dies bedeutet nichts anderes, als das jene stereotypischen Erscheinungsformen sich in den Identitätsentwürfen der Betroffenen wiederspiegeln. Forschungsergebnissen zufolge, verläuft die Identitätsbildung Behinderter entsprechend konfliktbehafteter im Vergleich zu Menschen ohne Behinderung. Maskos versucht mithilfe der Schriften des Soziologen Erving Goffman, insbesondere seinen Forschungen zum Thema „Stigma“ ihre Thesen zu verdeutlichen. Nach Goffman resultiert ein Stigma aufgrund einer Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer sozialer Identität. Eine sogenannte „Standardidentität“ kann je nach Gesellschaft und Kultur unterschiedlich definiert sein. Was als normal gilt und was von der Normalität abweicht, das ist Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen Bedeutungskodex. Behinderung ist also nicht etwas grundsätzlich absolutes, sondern bezogen auf die Wert- und Leistungsvorstellungen der Umwelt. Die Zuschreibung von Abnormen ist im Grunde lediglich der Spiegel von dem, was als „normal“ festgelegt wird, sozial wahrgenommen und beurteilt von „normalen“ Menschen. Ausgerechnet der Durchschnitt legt fest, was eine Abweichung ist und was nicht. Solch ein Problem wird spätestens bei psychologischen Tests deutlich (Bsp.: Hamburg- Wechsler Intelligenztest). Aufgrund der zum Teil Mythenbehafteten Vorstellung hinsichtlich der Körper von Behinderten fallen solche Stigmatheorien auf fruchtbaren Boden in Bezug auf behinderte Menschen. Eine Person, der man ein Stigma andichtet, wird gleichzeitig das Recht auf natürlicher Menschlichkeit abgesprochen. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Ein anderes Beispiel bietet der von der Autorin erwähnte, französische Historiker Jean Jaques Stiker. Dieser zeigt innerhalb seiner Analyse über die Traditionslinien des Denkens über behinderte Menschen einen Bedeutungswandel auf. Vom Zorn Gottes und seiner Strafe, hin zum Bild eines Geschenk Gottes. Ihre Präsenz stellte nicht nur eine Abweichung der Norm dar, sondern fundamentale Regeln von Natur und Kultur in Frage. Mythen erzeugen Angst und Aversion, diese wiederum öffneten die Pforten für komplette Isolierung. Ein anderer Pol gegenüber von Aversion bilden Schuldgefühle und Bedauern. Selbstverständlich kann so eine Existenz, solch Leben im bereits zugeschriebenen Leid nur unter schwersten Depressionen ertragen werden. Dazu muss man den Betroffenen auch nicht fragen. Dieses Wissen ist jedem Bürger, der der Norm entspricht oder zumindest gerecht wird, bereits in die Wiege gelegt worden. Behinderung als absolut größte Katastrophe berechtigt eine Art Absicherung von „Glück gehabt“ durch die eigene Normalität. Ein gewisses „Weggucken“ erfährt in diesem Sinne auch nochmal eine andere Bedeutung. Da mit Angst nicht jeder sinnvoll umzugehen weis, ist es doch nur verständlich, dass Otto Normalbürger zwischen Fassungslosigkeit, welche sich in penetrantem „Starren“ wiederspiegelt oder eben lieber beide Augen zu verschließen vor einem Schicksal wie diesem, dass möglicherweise gar nicht so fern ist, wie man es sich für ein gelungenes und erfolgreiches Leben wünscht. Die Angst vor Behinderung übernimmt somit eine Spiegelfunktion für die Angst, man könne selbst zu einem dermaßen offensichtlich Ausgestoßenen werden.
Ein ganz anderes Extrem stellt dann gerade in der heutigen Zeit das „Vorbild“ dar. Wunderwerk Behinderung, trotz einer Einschränkung schafft es der Betroffene, die so oft
3
Arbeit zitieren:
Yvonne Kohl, 2010, Zwischen Idealisierung und Entwertung - Zur Identitätsbildung behinderter Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Yvonne Kohl hat einen neuen Text hochgeladen
Empowerment behinderter Menschen
Theorien, Konzepte, Best-Pract...
Kerstin Schirbort, Michael Schubert, Wolfram Kulig
Freizeit im Leben behinderter Menschen
Theoretische Grundlagen und so...
Reinhard Markowetz, Günther Cloerkes
Bedeutungen von pränataler Diagnostik für Menschen mit Behinderungen
Eine qualitative Studie
Jan Gerdts
0 Kommentare