1. Einleitung
„Singen ist das Fundament zur Music in allen Dingen.
Wer die Composition ergreifft, muß in seinen Sätzen singen.
Wer auf Instrumenten spielt, muß des Singens kündig seyn.
Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein.“
(Georg Philipp Telemann)
Wenn man auf der Straße eine Umfrage darüber machen würde, was den jeweiligen Personen als erstes einfällt, wenn sie an ihren Musikunterricht in der Schule denken, würden die Antworten sicherlich mehrheitlich das Singen beinhalten. Und das, obwohl die Rolle bzw. die Bedeutung des Singens im schulischen Musikunterricht in der Geschichte des Musikunterrichts bis heute einem ständigen Wandel unterworfen ist, der von Diskussionen und Neuerungen geprägt wird. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Untersuchung der Rolle des Singens. Hierbei soll deutlich werden, inwiefern die geschichtlichen Hintergründe der Vergangenheit immer wieder die darauf folgenden Vorgehensweisen beim Singen in der Schule beeinflusst und gekennzeichnet haben.
Im Folgenden möchte ich einen Überblick über diese ganzen Veränderungen innerhalb der Geschichte über die aktuellen Rahmenplänen des Musikunterricht bis hin zu einem neuen Konzept des heutigen Musikunterrichts geben und diese erläutern.
2. Begriffsklärung
Zum besseren Verständnis und um Verwechslungen zu vermeiden möchte ich zunächst die Begriffe „erweiterter Musikunterricht“ und „Musikklasse“ näher definieren. Der Begriff „erweiterter Musikunterricht“ signalisiert, dass eine Schule gegenüber dem normalen Musikangebot des Stundenplans ein erweitertes Angebot macht und zwar außerhalb von Arbeitsgemeinschaften. Um welche Form es sich dabei handelt bzw. in welchem Umfang dieses Angebot vorhanden ist, kann von Schule zu Schule verschieden sein. In dieser Arbeit bedeutet „erweiterter Musikunterricht“ die Einrichtung von einer oder mehrerer Musikklassen als Gesangsklasse(n) (auch „Chorklasse“ genannt). Zahlreicher vertreten sind jedoch die so genannten Instrumentalklassen (Bläser-, Streicherklassen, usw.).
Nach Bähr ist die Musikklasse die erfolgreichste Form erweiterten Musikunterrichts. Gründe hierfür wären, dass sie relativ leicht zu organisieren und die Besonderheiten für Eltern, Kollegien und Schulbehörden leicht nachzuvollziehen ist. Wenn man die wenigen
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Forschungsergebnisse (Bastian 2000, Bähr 2001) heranzieht ist es auch das in vielerlei Hinsicht effektivste und erfolgreichste Modell erweiterten Musikunterrichts. Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass erfolgreiche musikalische Lernprozesse in der Schule einen hohen Anteil von Musizierpraxis enthalten müssen. Erweiterter Musikunterricht ist neben quantitativer Ausdehnung von Musik-Lernangeboten immer verbunden mit einer Intensivierung der Bemühungen um musikpraktisches Lernen. Der Begriff „Musikklasse“ ist dadurch definiert, dass alle Schüler einer Klasse ein Instrument erlernen oder vokal ausgebildet werden. Das Besondere daran ist, dass alle Schüler zum gleichen Zeitpunkt und normalerweise ohne Vorkenntnisse damit beginnen. Ein großer Vorteil gegnüber „herkömmlichem Musikunterricht“ ist, dass die vorgeschriebenen Lehrinhalte des Musikunterrichts wie z.B. Musiktheorie usw. folglich sofort praktisch zu nachvollziehen sind. Nach Bähr haben Musikklassen kontinuierlich mindestens zwei Wochenstunden Musik, oft sogar drei oder mehr Stunden, die meistens am Vormittag stattfinden. Am verbreitesten sind solche Musikklassen in den Jahrgangsstufen 5 und 6. Aber auch immer mehr Grundschulen führen diese Form des Klassenmusizierens ein und immer öfter werden Musikklassen in der Mittelstufe weitergeführt In den meisten Fällen entstehen Kooperationen zwischen Schule und Musikschule (vgl. Bähr 2005, S. 160-162).
3. Singen im Musikunterricht - ein historischer Überblick
3.1. Die Anfänge
Das Singen von Liedern und das Lied selbst war seit den Anfängen des Musikunterrichts bis in die 1920-er Jahre der Mittelpunkt des Fachs Musik.
Bis weit ins 18.Jahrhundert ging es im Musikunterricht, der fast ausschließlich im Dienst der Kirche stand, hauptsächlich um die Einübung kirchlicher Choräle, so dass die Schüler für die Gottesdienste vorbereitet waren. Man dachte kaum daran, dass das Singen auch noch andere Zwecke oder Aspekte haben könnte. Bemerkenswert ist, dass in einem von 1735 noch erhaltenen Lehrplan (der hannoverschen Schulordnung) Schreiben und Rechnen nur einen zweitrangigen Platz nach der christlichen Unterweisung, die aus Gesängen, andächtigem Gebet und Bibel-Lesen bestand, einnahm (vgl. Lemmermann 1978, S. 29). Erst im Zeitalter des Rationalismus hatte das Singen vorübergehend seinen hohen Stellenwert in der Schule verloren, bis die Volksschule, ausgehend vom Staat, im beginnenden 19. Jahrhundert dem musikalischen Bereich wieder mehr Bedeutung beimaß und neben dem
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Kirchenlied auch immer mehr das Volkslied förderte. „Pädagogen des 18. und 19. Jahrhunderts schreiben ungezählte Schul-Lieder, die in z. T. penetranter Weise die „Tugend“ besingen und Musik als Disziplinierungsmittel benutzen“ (Lemmermann 1978, S.30). Ein aufschlussreiches Beispiel eines solchen Schul-Liedes ist folgendes : 1. Stille, stille, mäuschenstill, Kinder, weils der Lehrer will! Denn wir Kinder sind noch klein, müssen immer artig sein. 2. Gute Kinder folgen gern, und das Schreien bleibet fern. Darum schweigt nur still, habt acht: Höret was der Lehrer sagt! (vgl. Johann Martin 1845, Nr.48).
Später, als das kirchliche Liedgut gegenüber dem Volkslied und dem patriotischen Lied im Laufe der Zeit in den Hintergrund trat, sollte der Schüler und werdende Staatsbürger mithilfe des Volksgesangs an den Monarchen und die proklamierten Ziele des Staates gebunden werden (vgl. Gundlach 1994, S.251-252).
Obwohl das Singen von mechanisch auswendig gelernten Liedern die Regel gewesen ist, waren durchaus auch positive Bestrebungen in Richtung auf einen eigenständigen Musikunterricht zu verzeichnen. Diese fanden nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848 abrupt ein Ende. Die Liedauswahl wurde von Staat und Kirche streng reglementiert und beinhaltete wieder Kirchenlieder, Volkslieder und patriotische Lieder. Repräsentativ für diese Zeit dürfte der Lehrplan des Erfurter Schulrats und Seminardirektor C. Kehr sein. Dieser bestimmt zwei Wochenstunden zum Einüben neuer Lieder und für jede Klasse die tägliche Singübung. Die Vaterlandslieder sollten mit markigem Rhythmus, kräftigen Ton, großem Chor und aufrichtiger Begeisterung für das Vaterland gesungen werden. Insgesamt gesehen bestand der Unterricht hauptsächlich aus Vorsingen, -spielen und Nachsingen (vgl. Lemmermann 1978, S.31-36).
3.2 Die Kestenbergreform
Die Vorleistungen Hermann Kretzschmars, Musikforscher, Musikpädagoge und Musiker, durch den erstmals auch ästhetische Aspekte des Singens hinzukamen, bereitete der sogenannten Kestenbergreform den Boden.
Neue und vor allem positivere Ansätze für den Musikunterricht, ferner die Betonung des Gemeinschaftserlebnises beim Singen kamen mit der Jugendmusikbewegung (in den 1920er und 1930er Jahren auch Singbewegung genannt) auf, besonders seit deren Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg. Diese verstand sich als Protestbewegung gegen „bürgerliche Musikkultur“
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Arbeit zitieren:
Sandra Wackenhut, 2008, Singen im Musikunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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