1. Einleitung
Mit Hilfe der hier vorliegenden, von mir persönlich im Rahmen des im Sommersemester EHOHJWHQ 3URVHPLQDUV Ä6R]LDOH *HUHFKWLJNHLW IU .LQGHU³ DQ GHU -RKDQQ :ROIJDQJ Goethe-8QLYHUVLWlW)UDQNIXUWDP0DLQDQJHIHUWLJWHQ+DXVDUEHLWÄ:REOHLEWGLHWürde des .LQGHV"6R]LDOSROLWLNLQ'HXWVFKODQGDPNRQNUHWHQ3DUDGLJPDGHU.LQGHUDUPXW³P|FKWH ich mich konzentrierter mit dem politischen sowie gesellschaftlichen Phänomen der Kinderarmut auseinandersetzen. In Artikel 20 Abs. 1 unseres Grundgesetzes ist koQVWDWLHUW Ä'LH %XQGHVUHSXEOLN 'HXWVFKODQG LVW HLQ GHPRNUDWLVFKHU XQG VR]LDOHU %XQGHVVWDDW³ (LQH DOOJHPHLQJOWLJH 'HILQLWLRQ GHV %HJULIIHV 6R]LDOVWDDW H[LVWLHUW allerdings nicht. Darüber hinaus fehlt auch eine grundlegende Bestimmung dessen, was er sein sollte oder leisten will. Was beinhalten die Begriffe demokratisch und sozial für die Erscheinungsform der Kinderarmut? Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer heutigen Gesellschaft? Nachdem diese einleitenden Fragen geklärt worden sind, folgt eine Bestandsaufnahme zum Thema in Form einer Faktensammlung, um anschließend in medias res das konkrete Problem der Kinderarmut anzugehen. Hierfür erfolgt zunächst eine Begriffsklärung, anschließend werden den Ursachen und den daraus resultierenden Folgen nachgegangen. Weiter wird der Blick auf die Auswirkungen für die Sozialpolitik angesprochen. Welche Perspektiven sind gegeben und lassen sich in der Zukunft noch weiter ausbauen? Abschluss dieser Ausarbeitung bildet ein zusammenfassendes Resümee mit eigener Stellungnahme.
/DXW GHP Ä%HULFKW ]XU /DJH GHU .LQGHU LQ 'HXWVFKODQG³ KHUDXVJHJHEHQ LP 0DL YRQ 8QLFHI LVW ÄMHGHV VHFKVWH .LQG LQ 'HXWVFKODQG >«@ YRQ $UPXW EHWURIIHQ³ 1 Kinder- und Jugendarmut ist somit schon lange nicht mehr nur ein Problem in den Entwicklungsländern der Welt. In Deutschland stieg die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in relativer Armut leben, in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich an. In einem der reichsten Länder der Welt scheint es paradox anzumuten, dass immer mehr Kinder existieren, die in Armut leben bzw. unmittelbar davon betroffen sind. Schon lange scheinen Wohlstandsgesellschaft und Armut keine unvereinbare Gegensätze mehr zu sein. 2 Doch obwohl der deutsche Staat erhebliche Summen für die soziale Sicherung ausgibt, war im Jahr
1 Bericht zur Lage der Kinder, Unicef Mai 2008: http://www.unicef.de/5497.html.
2 vgl.: Eckhardt, T., Arm in Deutschland, 7-12.
2
2005 jeder Zehnte von Armut bedroht. 3 ÄDeutschland gibt für Kinder so viel Geld aus wie kaum ein anderes OECD-Land. Trotzdem zählt es bei der Verwirklichung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Chancengleichheit zu den Schlusslichtern. 4 Armut hat in dem Bewusstsein unserer Gesellschaft daher einen festen Stellenwert eingenommen. Jedoch ist immer noch zu beobachten, dass der eigenen Thematik der Kinderarmut als eigenständige Disziplin noch viel zu wenig Aufmerksamkeit gezollt wird, sie ist vielmehr in den festen Kontext der familienpolitischen Betrachtungen eingebettet. Beschäftigt man sich nun näher mit dem Thema der Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland, so wird deutlich, dass es sich dabei längst um keine Einzelerscheinung mehr handelt. Tatsächlich sieht es so aus, dass gerade Kinder in unserer Gesellschaft, aus unterschiedlichen Beweggründen, in Armut leben, womit nicht nur vordergründig finanzielle und materielle Einschränkungen sowie Entbehrungen gemeint sind. Die Gründe und Auswirkungen der Kinderarmut gestalten sich dabei sehr differenziert und mehrdimensional. Mehr denn je ist in unserem Sozialstaat eine Politik gefordert, die gerade Kinder mit all ihren Bedürfnissen in den Blick nimmt. Hierbei wird die staatliche Politik als Intervention in bereits konstituierte soziale Beziehungen begriffen. 5
2. Problemdarstellung
Ä*DOW GLH $UPXW LP 0LWWHODOWHU DOV KRKHU JHLVWLJHU :HUW XQG DOV ]XJOHLFK JRWWJHZROOWHU =XVWDQG³ 6 , führten die verschiedenen Wirtschaftskrisen und Hungersnöte der vergangenen -DKUKXQGHUWHQ ]X GHP $UPXWVEHJULII GHQ ZLU DOV Ä.ULVH³ EH]HLFKQHQ ÄImmer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter der Armut ihrer Eltern. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks seien zu niedrige Löhne ein entscheidender Grund für die Kinderarmut iQ 'HXWVFKODQG³ 7 Um angemessen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, braucht man Geld. Wie bereits eingangs erwähnt, stellt das Phänomen der Kinderarmut in Deutschland ein immer ernstzunehmendes Problem dar, dass nach schnellen sowie effektiven Handlungsmöglichkeiten sucht. Für diese Entwicklung wird vor allem der demographische Wandel mit seinen daraus resultierenden grundsätzlichen
3 4XHOOHÄ/HEHQVODJHQLQ'HXWVFKODQG'HU$UPXWV- und ReichtumsEHULFKWGHU%XQGHVUHJLHUXQJ³-XOL http://www.bmas.de/portal/26892/property= pdf/dritter_armuts_und_reichtumsbericht_kurzfassung.pdf.
4 OECD Bericht 2009: http://www.welt.de/politik/deutschland/article4441286/Jedes-sechste-deutsche-Kind-lebtin-Armut.html.
5 vgl.: Kaufmann, F.-X., Staatliche Sozialpolitik und Familie, Vorwort.
6 Eckardt, T., Arm in Deutschland, 13.
7 http://www.topnews.de/kinderarmut-in-deutschland-drei-millionen-kinder-betroffen-374285.
3
Strukturveränderungen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Jedoch hat die sozialwissenschaftliche Forschung dieses Thema lange Zeit verdrängt. So wurde der Blick auf die Kinderarmut erst seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre geschärft. 8
Kinder finden gegenwärtig in zunehmendem Maße das Interesse der Öffentlichkeit. Diese neue Aufmerksamkeit für Kinder bietet neuartige Herausforderungen für alle Bereiche der Gesellschafts- und Sozialpolitik und insbesondere für die Familienpolitik. Es wird angestrebt, den gesellschaftlichen Handlungsbedarf für Kinder und die adäquate Gestaltung von Kindheit auf den verschiedenen politischen Ebenen Rechnung zu tragen.
$QJHVLFKWV GHVVHQ GDVV .LQGHUDUPXW LQ 'HXWVFKODQG XQG DOOJHPHLQ LQ ÄUHLFKHQ³ /lQGHUQ längst zu einem brisanten Thema avanciert ist, stellt sich zunehmender die Frage nach der Verwirklichung der Würde des Kindes in einem Sozialstaat, wie es die Bundesrepublik Deutschland sein will. Nach neusten Statistiken leben derzeit in Deutschland rund 5 Millionen Kinder an oder sogar unter der Armutsgrenze ± bei steigender Tendenz. Nach einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums sind bereits jetzt um die 2,4 Millionen Kinder armutsgefährdet. Darüber hinaus leben 5 Millionen Kinder tatsächlich in armen Verhältnissen. 9
ÄNach der Definition des Deutschen Kinderhilfswerks liegt Kinderarmut dann vor, wenn das Einkommen einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als die Hälfte eines PRQDWOLFKHQ'XUFKVFKQLWWVHLQNRPPHQVLQ+|KHYRQUXQG(XUREHWUDJH³ 10
3. Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer Gesellschaft?
Ä6lXJOLQJ YHUKXQJHUW³ ± Schlagzeile in der Tagespresse. Und die große Frage: Wer hat versagt? Die Familie, die Gesellschaft oder doch die Politik? ± Kinder ein glückliches Leben zu ermöglichen und sie zu verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen stellen Grundmaxime in der Kindeserziehung dar. Um diese Ziele adäquat verwirklichen zu können, EHGDUI HV XD GHU ILQDQ]LHOOHQ 8QWHUVWW]XQJ VHLWHQV GHV 6WDDWHV 'HQQ ÄLPPHU PHKU (OWHUQ
8 vgl.: Zander, M. (Hrsg.), Kinderarmut, 7.
9 vgl.: http://politik.germanblogs.de/archive/2009/03/10/kinderarmut-in-deutschland-tendenz-steigt.htm.
10 http://www.topnews.de/kinderarmut-in-deutschland-drei-millionen-kinder-betroffen-374285.
4
N|QQHQVLFKLPZDKUVWHQ6LQQHGHV:RUWHV.LQGHUQLFKWPHKUOHLVWH³ 11
,P *UXQGJHVHW] KHLW HV Ä'LH :UGH GHV 0HQVFKHQ LVW unantastbar. Sie zu achten und zu VFKW]HQ LVW 9HUSIOLFKWXQJ DOOHU VWDDWOLFKHQ *HZDOW³ .LQGHU DOV HLJHQVWlQGLJH Persönlichkeiten finden in diesem Grundgesetzartikel, Absatz eins, keine ausdrückliche namentliche Berücksichtigung. 12 Aber würde man diesen Satz näher ausdifferenzieren, dann
N|QQWH HU ZLH IROJW ODXWHQ Ä'LH :UGH GHV .LQGHV LVW XQDQWDVWEDU³ 'DPLW NRPPW GHQ Kindern qualitativ die gleiche Würde zu, wie allen anderen Menschen auch. Denn es sind die Kinder, die den Reichtum einer Gesellschaft, eines ganzen Landes ausmachen. Auf sie blicken die älteren Generationen hoffnungsvoll in die Zukunft. Allzu oft wird jedoch vergessen, dass gerade die Kinder in unserer Gesellschaft auf Grund ihres Zukunftsauftrages des besonderen Schutzes bedürfen. Nicht selten scheint der Staat der Würde des Kindes zu ZHQLJ$XIPHUNVDPNHLW]X]ROOHQÄ:LUPVVHQZLHGHUHLQNLQGHUIUHXQGOLFKHV/DQGZHUGHQ 'DV )XQGDPHQW IU HLQH *HVHOOVFKDIW GHU 0LWPHQVFKOLFKNHLW LVW GLH )DPLOLH³ SRVWXOLHUWH bereits 1983 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. 13
Die Segmentierung der Gesellschaft, vor allem wie sie bei den Kindern zu beobachten ist, ist erschütternd und nimmt stetig zu. Bereits heute leben 50.000 Kinder in Deutschland in Notunterkünften, in Obdachlosenheimen oder gar auf der Straße. Mehr als eine Millionen Kinder sind in unserem Land Sozialhilfeempfänger. Die Zahlen werden sich noch drastisch erhöhen, wird jetzt nicht von Seiten der Politik entschieden eingegriffen. Dabei ist zu bedenken, dass den besten Schutz von Kindern ein intaktes soziales und familiäres Umfeld gewährleisten kann. Wie kann ein solches funktionierendes Beziehungsgeflecht wiederhergestellt werden?
Heidrun Graupner stellte bereits vor Jahren fest, dass die Kindheit generell mit einem außerordentlichen Armutsrisiko verknüpft ist. Es sind vor allem die Kinder die von Armut EHWURIIHQ VLQG XQG GDUXQWHU ]X OHLGHQ KDEHQ Ä6LH VLQG GLH 9HUOLHUHU GHU 0RGHUQLVLHUXQJVSUHVVHHVJLEWIUVLHNHLQ*HOGNHLQ3ODW]XQGNHLQH=HLW³ 14 Weiter stellt sie offen die Frage, ob der Sozialstaat, so wie ihn das Grundgesetz verlangt, überhaupt existiert. 15
Angesichts dieser erschreckenden Bestandsaufnahme lässt sich zweifellos kritisch
11 http://www.caritas.de/kinderarmut.
12 vgl.: Kösters, W., Politik für die nächste Generation, 86.
13 vgl.: Brüning, N.; Krumrey, H., Kinder ein Luxus?, 21f.
14 Eckardt, T., Arm in Deutschland, 53.
15 Vgl.: Graupner, H., Armut raubt die Zukunft: http://www.sueddeutsche.de/politk/247/415015/text/.
5
hinterfragen, welchen Stellenwert Kindern in unserer heutigen Gesellschaft beimessen wird. Zunehmend werden die Stimmen von denjenigen lauter, die Rechte für Kinder fordern ± im Interesse der Zukunftschancen für Kinder und somit im Interesse für alle Menschen in unserem Sozialstaat.
Die wohl existenziellste Frage in diesen Kontext angesichts einen sozialen Rechtsstaates lautet: Kann aus dem Sozialstaatsprinzip des Artikel 20 Abs. 1 GG, der die rechtliche Grundordnung Deutschlands normiert, in Verbindung mit dem Menschenwürdegebot des Artikel 1 Abs. 1 GG eine Gewährleistungspflicht des Staates für ein menschenwürdiges und somit auch kindgerechtes Existenzminimum abgeleitet werden? 16
4. Kinder in Deutschland Eine Faktensammlung
Bei der Darstellung der Kinderzahlen in Deutschland beziehe ich mich vorwiegend auf eine Statistik aus dem Jahr 2006. Die aktuellen Zahlen bei der Beobachtung von Armut bei Kindern liegen gewiss ein wenig höher. Aus der vorliegenden Statistik ergibt sich folgendes Bild:
In der Bundesrepublik Deutschland leben insgesamt 82 000 000 Menschen. Davon sind 14,4 Millionen Kinder. Diese wachsen in 12,5 Millionen Haushalten auf. 9,25 Millionen leben im so genannten klassischen Familienmodell, d.h. dass Mutter und Vater sind miteinander verheiratet. Von 3,25 Millionen Kindern sind die Elternteile unverheiratet oder alleinerziehend.
Von diesen 14,4 Millionen Kindern sind 3,6 Millionen Einzelkinder. 6,9 Millionen Kinder haben ein Geschwisterkind, 2,7 Millionen Kinder haben 2 Geschwisterkinder. Lediglich 1,15 Millionen Kinder, das entspricht gerade mal 8% der Gesamtkinderzahl, haben drei oder mehrere Geschwister.
2,5 Millionen Kinder sind von der Armut betroffen. 1,6 Millionen Kinder unter 15 Jahren sind Sozialhilfeempfänger. 17 Vor allem Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern sind durch geringeres Einkommen und höhere Ausgaben stärker von Armut gefährdet als der Rest der Bevölkerung. Verdienen beide Elternteile in Vollzeit oder Teilzeit, ist das Armutsrisiko
16 vgl.: Bieritz-Harder, R., Menschenwürdig leben, 168-170.
17 vgl.:
6
Arbeit zitieren:
Ulrike M. S. Röhl, 2009, Wo bleibt die Würde des Kindes? Sozialpolitik in Deutschland am konkreten Paradigma der Kinderarmut , München, GRIN Verlag GmbH
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