Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - 1 -
2. Kurze Begriffsklärung - 3 -
3. Die Evolution des Geistes - 4 -
3.1. Spezialisierte Systeme versus Mehrzweckintelligenz - 4 -
3.2. Urmenschen und Affen - 6 -
3.3. Vom gemeinsamen Vorfahren zu Homo sapiens - 8 -
3.4. Homo sapiens und kognitive Fluidität - 10 -
4. Die Organisation des menschlichen Gehirns - 13 -
4.1. Der mentale Unterbau - 13 -
4.2. Wissenserwerb und ontologische Kategorien. - 15 -
4.3. Die Erkenntnissysteme des Gehirns - 17 -
4.4. Intuitives Wissen - 19 -
4.5. Animismus und intuitiver Theismus - 21 -
5. Warum sind Religionen, wie sie sind? - 23 -
5.1. Die gute religiöse Idee - 23 -
5.2. Das Rezept religiöser Vorstellungen - 25 -
5.3. Die Attraktivität religiöser Vorstellungen - 27 -
5.4. False positives - 29 -
5.5. Bedürfnisse und Schlussfolgerungen - 33 -
5.6. Moral und Religion - 35 -
6. Zusammenfassung und Fazit - 39 -
7. Quellenverzeichnis ................................................................................................. - 41 -
1. Einleitung
Praktisch überall auf der Welt gibt es Religionen in vielfältigen Formen. Paradoxerweise scheint es gerade am Anfang des neuen Jahrtausends, „eines Zeitalters beispielloser wissenschaftlicher und technologischer Aufgeklärtheit“ 1 , zu einer erneuten Blütezeit
irrationaler Glaubensüberzeugungen zu kommen. Fragt man jedoch nach dem Grund der Existenz von Religionen, so wird man mit den unterschiedlichsten Ansichten konfrontiert: sie erklären die Welt, spenden Trost, sichern die gesellschaftliche Ordnung oder liefern ein moralisches Leitbild. All diese Ansichten sind jedoch falsch und können das Warum nicht in hinreichender Weise erklären. Wenn die ehemals unergründlichen Rätsel der Welt nach und
nach von den Naturwissenschaften gelöst werden, warum wenden sich Gläubige dann nicht von ihrer Religion ab, zumal sich nicht der geringste Beweis für ihre Glaubensinhalte finden lässt? Wenn Religion Trost spendet, warum haben dann gläubige Menschen meist mehr Angst vor dem Tod als Atheisten? 2 Wenn Religion die Moral einer Gesellschaft garantiert, warum sind dann Länder mit hohem Atheismusanteil die sozialsten und wohltätigsten? 3 Vielleicht
deshalb, wie David Hume seinerzeit argumentierte, weil Religion „nicht einmal eine Form des Wissens, sondern eher eine komplexe Art des Gefühls [ist]“ 4 . Volkstümliche Erklärungen für die Existenz von Religionen sind wohl eben aus diesem Grund post-hoc-Rationalisierungen, weil den Menschen entgegen ihren eigenen Überzeugungen überhaupt nicht klar ist, warum sie eigentlich glauben. Sie tun es einfach. Vielleicht wurzelt die „bemerkenswerte
Hartnäckigkeit der Religion in etwas viel Tieferem, Einfacherem“ 5 als beispielsweise Verdrängung, wie Freud sie beschrieb, oder psychischer Abhängigkeit und ängstlicher Selbsttäuschung, wie Nietzsche glaubte.
Aus darwinistischer Sicht stellt sich die Frage, welchen Nutzen Religiosität einem Organismus bringen könnte. Ein Grundprinzip der Evolutionstheorie besagt, dass alles, was
heute existiert, nur deshalb existiert, weil es sich einst aufgrund eines Selektionsvorteils behaupten konnte. Demnach müsste auch Religiosität eine Funktion erfüllen und per se irgendeinen Vorteil innehaben, der religiösen Menschen die Weitergabe ihrer Gene erleichtert. Da die natürliche Selektion auf der Basis von Individuen arbeitet, ist es jedoch fraglich, worin der individuelle Selektionsvorteil von Religiosität bestehen sollte.
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„The question gains urgency from standard Darwinian considerations of economy. Religion is
so wasteful, so extravagant; and Darwinian selection habitually targets and eliminates waste.” 6
Manche Wissenschaftler wie der Archäologe Colin Renfrew verweisen auf eine positive Gruppenselektion durch Religion. Demnach stärke Religion den Zusammenhalt und die
Loyalität innerhalb einer Gruppe und verschaffe ihr so einen Vorteil gegenüber anderen Gruppen. 7 Obwohl diese Theorie in der Fachwelt nur wenig Unterstützung findet, ist sie allein deshalb erwähnenswert, weil sie zumindest eine evolutionäre Erklärung für das Phänomen Religion zu finden sucht. In Viruses oft the Mind liefert Richard Dawkins eine etwas abstraktere darwinistische Erklärung für Glaubensüberzeugungen. Religiöse Ideen seien
analog zu Viren nichts anderes als parasitäre Replikatoren, die sich in einer für sie angenehmen Umwelt, den menschlichen Gehirnen bzw. dem menschlichen Geist, durch Kommunikation schlicht um ihrer selbst Willen vermehrten. 8 Dieses Mem-Konzept liefert durchaus eine Erklärung für die Beharrlichkeit von religiösen Ideen, jedoch erst, nachdem sie etabliert sind. Schließlich gibt es zu jeder Zeit Vorstellungen jeglicher Art im Überfluss, nicht nur im gesamten menschlichen Kommunikationsraum, sondern auch im Kopf jedes einzelnen Menschen. Damit aber eine Idee Bestand haben kann, muss sie zuerst aufgrund irgendeiner intrinsischen Eigenschaft positiv selektiert werden.
In der vorliegenden Arbeit soll deshalb der Frage nach dem Ursprung dieser positiven Selektion von religiösen Ideen nachgegangen werden. Warum sind Menschen eigentlich
empfänglich für Vorstellungen von übernatürlichen Akteuren? Welche mentalen Prozesse verleihen diesen Vorstellungen Überzeugungskraft und wodurch zeichnet sich eine religiöse Idee überhaupt aus? Ob Religiosität nun einen individuellen oder kollektiven Selektions-vorteil im Sinne eines größeren Überlebens- und Fortpflanzungserfolgs hat, ist für diese Arbeit irrelevant. Hier wird vielmehr argumentiert werden, dass nicht jedes Verhalten einen Selektionsvorteil haben muss. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Motten begehen Massensuizid, wenn sie sich kollektiv in die Flamme einer Kerze stürzen. Solch ein Verhalten hätte durch die natürliche Selektion ausgemerzt werden müssen. Der Grund für den tödlichen Sturzflug liegt in der Orientierung von Motten an natürlichen Lichtquellen wie Mond und Sternen. Aufgrund der riesigen Entfernung dieser Lichtquellen trifft deren Licht parallel auf
die Augen der Motten und behält einen konstanten Einfallwinkel. Nähert sich eine Motte jedoch einer Flamme, so ändert sich der Einfallwinkel aufgrund der Nähe dieser Lichtquelle ständig, so dass die Motte ihre Flugbahn kontinuierlich anpasst und schließlich auf einer
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spiralförmigen Bahn in den Tod fliegt. 9 Mottenselbstmord ist also ein unerwünschtes Nebenprodukt eines evolutionär entwickelten Orientierungssystems, das im Normalfall zuverlässig funktioniert.
Im Grunde verläuft die Argumentationslinie in dieser Arbeit ähnlich diesem Beispiel. Statt zu prüfen, welchen Selektionsvorteil Religion haben könnte, wird vielmehr der Frage nachge-
gangen, welche psychischen Dispositionen sich entwicklungsgeschichtlich zu bestimmten Zwecken herausgebildet und etabliert haben und wie sich aus diesen geistigen Veranlagungen Glaubensüberzeugungen als Nebenprodukt evolutionärer Entwicklungen ableiten lassen. Dazu greift diese Arbeit auf den Wissensfundus verschiedener Disziplinen zurück, wie Evolutionsbiologie und -psychologie, Anthropologie, kognitive Psychologie und Archäo-
logie, Neurologie und Entwicklungspsychologie. Der erste Teil konzentriert sich auf Erkenntnisse der kognitiven Archäologie, vor allem auf Steven Mithens Theorie der kognitiven Fluidität, um so ein Bild der Architektur unseres Geistes zu zeichnen. Mit diesem Wissen als Grundlage ausgestattet sollen im zweiten Teil bestimmte Aspekte der Funktionsweise unseres Geistes, die für die Aneignung religiöser Vorstellungen relevant sind,
erläutert werden. Der dritte Teil widmet sich schließlich religiösen Vorstellungen und geht der Frage nach, welcher Art sie sind und wie sie Bedeutung erlangen.
2. Kurze Begriffsklärung
Der im Titel verwendete Begriff der Religiosität ist nicht gleichzusetzen mit Religion.
Letztere bezeichnet einerseits institutionalisierte, schriftbasierte Glaubenssysteme wie das Christentum oder den Islam, aber auch schriftlose, animistische Stammesreligionen mit Dämonen, Geistern und Ahnen. Glaubensüberzeugungen sind höchst unterschiedlich. Vielerorts gibt es nicht einmal eine offizielle Religion, dafür aber eine Vielzahl religiöser Vorstellungen. Es spielt hier absolut keine Rolle, ob Religionen institutionalisiert sind oder
animistisch, ob sie von einer Milliarde Menschen akzeptiert werden oder nur von einigen Tausenden, ob sie einen Gott, dutzende oder überhaupt keinen postulieren. Wenn es eine Idee zur Religion gebracht hat, befindet sie sich bereits jenseits der Selektionsschwelle, deren Mechanismus hier analysiert werden soll. Aus diesem Grund bedeutet Religiosität nicht, einer bestimmten Konfession anzugehören, an einen bestimmten Gott wie Allah oder an eine Seele
zu glauben. Vielmehr handelt es sich hierbei um den unbestimmten Glauben an übernatürliche Akteure, die sich rationaler Erklärungen entziehen. Wenn jemand einen konkreten Gott akzeptiert, handelt es sich um Religion. Damit es jedoch soweit kommen kann, bedarf es
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zuerst einer Neigung, die Existenz unbestimmter übernatürlicher Akteure
im Allgemeinen
als plausibel zu erachten. Diese Neigung soll hier als Religiosität bezeichnet werden. Der Begriff
evolutionäres Nebenprodukt
bedeutet, dass religiöse Vorstellungen und Verhaltensweisen zu keiner Zeit in der Entwicklungsgeschichte unserer Vorfahren eine Anpassungsstrategie an etwaige Selektionsdrücke darstellten. Sie sind vielmehr Neben-
produkte von Adaptionsleistungen des Gehirns an ganz andere Probleme. Der Begriff normale psychische Dispositionen bezieht sich auf geistige Veranlagungen, die als vorläufiges Endprodukt der natürlichen Selektion heute in einem normal funktionierenden menschlichen Gehirn anzutreffen sind und allen Mitgliedern der Spezies Mensch zu eigen sind - Männern wie Frauen, Kindern wie Erwachsenen, Aborigines wie Europäern. Es soll
gezeigt werden, dass sich die Erklärung für das potentielle Zustandekommen religiöser Überzeugungen und Verhaltensweisen sowie deren spezifische Charakteristika aus diesen universellen menschlichen Veranlagungen herleiten lässt. Religiöse Vorstellungen sind demnach nicht willkürlich, sondern nehmen als Nebenprodukt normaler, unter Selektionsdruck entstandener psychischer Dispositionen ganz bestimmte Formen an, die auf der ganzen Welt verbreitet sind und unabhängig voneinander entstanden.
3. Die Evolution des Geistes
3.1. Spezialisierte Systeme versus Mehrzweckintelligenz
Das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise sind im Laufe einer Evolutionsgeschichte
entstanden und waren dabei stets einem durch Selektionsdrücke hervorgerufenen Wandel unterworfen. Durch diese Selektionsmechanismen wurde das Gehirn wie jeder andere Teil unseres Körpers derartig geformt, dass es Lösungen zu bestimmten Problemen lieferte, die über einen sehr langen Zeitraum die Lebensbedingungen unserer Vorfahren bestimmten. Hierbei liegt die Betonung auf Vorfahren, da der moderne Mensch nur einen winzigen Bruchteil in der Evolutionsgeschichte der Spezies Homo einnimmt und deswegen auch heute noch mit dem genetischen Material ausgestattet ist, dass sich unter vormodernen Lebensumständen als erfolgreich erwiesen hat. „Das ist wichtig, weil die Spuren dieser entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit in vielen Eigentümlichkeiten unseres Verhaltens und, was das Wichtigste ist, in den Organisationsweisen unseres Geistes erkennbar sind.“ 10 Die Anpassungsprobleme unserer Vorfahren waren dabei vielgestaltig. Ist diese Frucht giftig? Handelt es sich hier um einen potenziellen Paarungspartner? War dieses Rascheln ein Raubtier oder nur der Wind? Ist das ein Freund oder Feind? Woher bekomme ich Nahrung?
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Um diese Probleme ökonomisch zu lösen, dass heißt mit möglichst wenig Zeitaufwand und unter möglichst geringer Ressourcenverschwendung wie z.B. Energie oder zerebraler Speicherkapazität, hat sich das menschliche Gehirn nach Ansicht vieler Evolutionspsychologen als eine Ansammlung spezialisierter Systeme entwickelt und nicht als eine generalistische Mehrzweckintelligenz. Diese spezialisierten Systeme werden als Module,
kognitive Domänen oder neuronale Netzwerke bezeichnet und lassen sich unter dem Oberbegriff Intelligenzen subsummieren. Sie übernehmen verschiedene Aufgaben wie Spracherwerb, Werkzeuggebrauch oder soziale Interaktion. 11 Erst Evolutionspsychologen haben festgestellt, dass diese Module bereits von Geburt an in jedem Menschen vorhanden sind. Ihr besonderes Merkmal:
„These modules have a critically important feature […]: they are ´content rich`. In other
words, the modules not only provide sets of rules for solving problems, but they provide much
of the information that one needs to do so. This knowledge reflects the structure of the real
world - or at least that of the Pleistocene in which the mind evolved.” 12
Manche Module arbeiten sofort nach der Geburt, wie beispielsweise das für Augenkontakt mit der Mutter. Andere, wie das für Spracherwerb, nehmen ihre Arbeit erst später auf. Der Vorteil der evolutionspsychologischen Herangehensweise besteht darin, dass durch die Formulierung eines evolutionären Kontexts Vorhersagen getroffen werden können, welche Module aufgrund diverser Anpassungsprobleme vorhanden sein sollten, um ihre Existenz
anschließend durch Experimente zu bestätigen. Obwohl ein spezialisierter modularer Geist Lösungen für spezielle Probleme bietet, bleibt doch ein Problem, das sich durch dieses Modell nicht erklären lässt. Abstraktes Denken, Phantasie, mentale Konzepte, Kreativität und auch Religion sind kein Teil der realen Umwelt und erst recht kein Problem unserer Vorfahren, das einer Anpassung bedurfte. Wie können also einzelne, isolierte Module zu
derartigen Vorstellungen führen?
Steven Mithen begegnet dieser Frage, indem er die Entwicklungsgeschichte unseres Geistes vom gemeinsamen Vorfahr bis zum modernen Menschen rekonstruiert. Dabei werden archäologische Funde wie Knochen und Werkzeuge benutzt, um Rückschlüsse auf die jeweiligen Lebensumstände und geistigen Fähigkeiten unserer Vorfahren zu ziehen. Das
Problem der isolierten und zweckgebundenen Module löst Mithen, indem er den menschlichen Geist in seiner Entwicklung begreift - von einfacher modularer zu komplexer fluider Struktur. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass bereits Kleinkinder in drei kognitiven Domänen über intuitives Wissen verfügen: intuitive Psychologie, intuitive Biologie und intuitive Physik. Mithen begreift dieses intuitive modulare Wissen als
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Folgeerscheinung von sozialer, naturkundlicher sowie technischer Intelligenz. So bestand der Geist unserer entfernten Vorfahren wie der von vielen Tieren heute einst lediglich aus einer allgemeinen Intelligenz. Nach und nach bildeten sich jedoch spezialisierte Intelligenzen heraus, die komplexere Verhaltensmuster zuließen, jedoch relativ isoliert und randständig blieben. So waren die Besitzer eines derartigen Geistes ebenso wie heutige Schimpansen
beispielsweise nicht in der Lage, ihr technisches Wissen mit ihrem naturkundlichen zu vereinen, um ein Werkzeug zur Jagd herzustellen. Heute zeichnet sich unser Geist dadurch aus, dass Wissen aus verschiedenen Domänen aller Intelligenzen beliebig in andere integriert werden kann und so ganz neue Denkprozesse ermöglicht werden. 13 Die nächsten drei Abschnitte sollen diese Entwicklung von modular isoliertem zu fluidem Geist verständlicher
machen. Dazu wird zunächst ein Blick auf die geistigen Fähigkeiten unserer nächsten Verwandten, der Schimpansen, geworfen, da bisher keine Fossilien des gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch entdeckt wurden, die Rückschlüsse auf sein Verhalten zulassen würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit teilen Schimpansen aber viele Merkmale mit unserem gemeinsamen Urahn, wie Gehirngröße und Anatomie. 14
3.2. Urmenschen und Affen
Schimpansen benutzen Werkzeuge wie Zweige zum Fangen von Insekten oder Steine zum Knacken von Nüssen. Das deutet zunächst auf eine technische Intelligenz hin, scheint jedoch vielmehr ein Kulturprodukt zu sein. Manche Schimpansengruppen beherrschen diese Technik, andere jedoch nicht. Wäre technische Intelligenz vorhanden, so wäre dieses Verhalten früher oder später von allen Gruppen entdeckt worden. So spricht vieles dafür, dass irgendwann ein Individuum einer Gruppe zufällig den Gebrauch eines Werkzeugs entdeckt hat und andere dieses Verhalten imitieren, ohne Ziel und Zweck ihrer Handlung zu erkennen. Die Herstellung eines Werkzeugs durch Verwendung eines anderen Werkzeugs ist Schimpansen
völlig fremd. Zudem scheint es ihnen ziemliche Schwierigkeiten zu bereiten, vermeintlich einfache Techniken wie den Einsatz eines Steines zum Zerschmettern einer Nuss zu lernen. „They do not fully acquire the skill before adulthood und require four years of practice before
any net benefits are achieved. Juveniles seem to spend a lot of time hitting hammers directly
against anvils without putting a nut between them, or bringing nuts to anvils without
hammers.” 15
Dies alles spricht lediglich für eine allgemeine Intelligenz, die sich durch Versuch und Irrtum sowie assoziatives Lernen auszeichnet. Die naturkundliche Intelligenz dagegen, also die
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kognitiven Prozesse zur Informationsbeschaffung und -verarbeitung von Ressourcen wie Pflanzen, Tieren und Rohstoffen, scheint etwas weiter entwickelt zu sein, wenn auch immer noch rudimentär. Zwar verfügen Schimpansen über „kognitive Geländekarten“ 16 , anhand derer sie Futterstellen wiederfinden. Allerdings sind sie äußerst unflexibel, wenn sich Veränderungen ergeben und nicht in der Lage, Theorien über die Verteilung neuer, noch nicht
entdeckter Futterstellen zu entwickeln. Sie scheinen ähnlich wie Vögel lediglich bestimmte Orte zu erinnern, die sie zufällig entdeckten. Auch ihr Jagdverhalten lässt auf instinktgesteuerte Entscheidungen schließen und nicht auf das Ergebnis einer flexiblen Informationsverarbeitung. 17 Da Schimpansen in Gruppen leben, sehen sie sich auch speziellen Problemen ihres sozialen Milieus ausgesetzt. Sie konkurrieren um Paarungspartner, Nahrung und Status
innerhalb der Gruppe, gleichzeitig kooperieren sie aber auch. So formen junge Schimpansen temporäre Allianzen mit anderen Männchen, um das Alpha-Männchen zu entthronen und sichern sich die Unterstützung der Weibchen, indem sie Fellpflege betreiben oder mit dem Nachwuchs spielen. Die soziale Intelligenz von Schimpansen nimmt so ausgeprägte Züge an, dass es sogar einen ganzen Katalog zu diesem Thema gibt, den St. Andrews-Katalog der
taktischen Täuschungen unter Primaten 18 .
„The two centrepieces of social intelligence are the possession of extensive social knowledge
about other individuals, in terms of knowing who allies and friends are, and the ability to infer
the mental states of those individuals. When we watch chimpanzees engage in deception of
others, we can be confident that both are working together smoothly.” 19
Allerdings darf man die Theory of Mind von Schimpansen, also die Fähigkeit, die Bewusstseinsvorgänge anderer nachzuvollziehen, nicht überschätzen. In Experimenten konnte nachgewiesen werden, dass diese Theorie des Geistes nur bei ausschließlich sozialen Interaktionen und nur bei Interaktionen mit Mitgliedern der eigenen Spezies funktioniert. So unterrichten Mütter ihren Nachwuchs nicht im Nussknacken, weil sich ihr Wissen um die geistige Verfassung ihrer Kinder nicht auf den Werkzeuggebrauch übertragen lässt, sondern allein der sozialen Domäne überlassen bleibt. Bei speziesübergreifenden Experimenten mit Menschen versagen Schimpansen manchmal auf ganzer Linie, sogar Hunde scheinen hier teilweise ein besseres Sozialverständnis zu besitzen. 20
Wenn sich also die geistigen Fähigkeiten von Schimpansen in etwa auf unseren gemeinsamen Vorfahren übertragen lassen, so lässt sich festhalten, dass er ohne Zweifel ein cleveres Tier war, seine Cleverness aber aus einer allgemeinen Intelligenz bezog, die Lernen durch Versuch
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Thomas Kresin, 2009, Religion und Evolution - Religiosität als evolutionäres Nebenprodukt normaler psychischer Dispositionen, München, GRIN Verlag GmbH
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