„Menschliche Wahrnehmung ist nicht nur selektiv, sondern auch
ergänzend - das Ergebnis meiner Wahrnehmung ist ein Produkt aus
dem, was 'da' ist und dem Reim, den ich mir darauf mache.“
[Friedemann Schulz von Thun, „Miteinander Reden 1“, 1981, Seite 176]
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0. INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 4
2. SELBSTBILD UND FREMDBILD 6
2.1 Definition 6
2.2 Im Kontext bei Riefenstahl 7
2.3 Eine These zum Selbstbild Riefenstahls 9
3. HINTERGRÜNDE 10
3.1 Leni Riefenstahl - ein Leben ist nicht genug 10
3.2 Leni Riefenstahl - vom Superstar des Nationalsozialismus’ zur Diva non grata’ 14
3.2.1 Das Leben vor dem Krieg. 15
3.2.2 Das Leben während des Krieges 15
3.2.3 Das Leben nach dem Krieg 16
4. ANALYSE 16
4.1 Die Facetten der Riefenstahl 16
4.2 Riefenstahl 18
4.2.1 die Frau - der Mann - der Wolf im Schafspelz? 18
4.2.2 Penthesilea und Junta 20
4.2.3 aktiv oder passiv? 22
4.2.4 die Visionärin 24
4.2.5 eine Stilfrage 25
4.2.6 als erste komme ich Egoman, eitel und selbstsüchtig 27
4.2.7 mein Wille geschehe. 29
4.2.8 um der Schönheit Willen 30
4.2.9 als Symbolfigur 31
4.2.10 das Genie 33
5. FAZIT 34
6. QUELLEN 37
7. ANHANG 39
Fragebogen des FAZ-Magazins vom 25. März 1994 39
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1. EINLEITUNG
Wer oder was ist Leni Riefenstahl? Es gibt nur wenige Erdenbürger, die über einen so langen Zeitraum die Menschen und ihre Meinungen auf der ganzen Welt immer wieder polarisieren. Und die zudem solange leben, dass sie immer wieder neuen Gesprächsstoff liefern. Wer oder was ist Riefenstahl also heutzutage? Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Vielleicht kann man sie auch nie beantworten. Aber man kann es probieren. Und das will ich mit dieser Arbeit machen. Die nachfolgenden Seiten sind als ein Versuch anzusehen, sich dem Mythos Leni Riefenstahl, genauer gesagt der Wahrnehmung dieses Mythos, zu nähern. Die zentrale Frage, die sich mir während dieser Arbeit stellte, war, wie sieht sich Leni Riefenstahl und wie wird sie von anderen gesehen?
Während des Seminars ist mir oft aufgefallen, dass beinahe jeder Vortrag über Leni Riefenstahl bzw. ihr Werk Widersprüche oder Unklarheiten enthielt. Ganz schnell veränderte sich das Bild zu ihren Ungunsten oder ihren Gunsten. Je nach dem welche Quelle zitiert wurde. Was zurück blieb, war eine Ahnung von ihr, keine Gewissheit und vor allem keine Klarheit.
Beschäftigt man sich intensiver mit ihr und ihrem Leben, stellt man schnell fest, dass eine objektive Herangehensweise an ihre Person nur sehr schwer möglich ist. „Den einen gilt Leni Riefenstahl als geniale Filmschaffende, den anderen als Künstlerin, die sich durch ihre Arbeiten für Hitler auf einen Pakt mit dem Bösen eingelassen hat.“ [siehe Trimborn (2002); S. 11] Dies sind nur zwei Seiten von ihr. So zahlreich, wie die Berufe die sie ausübte, so zahlreich sind die Meinungen, die es in der Öffentlichkeit über sie gibt. Eine der großen Fragen ist, ob man Werk und
Person der Riefenstahl getrennt voneinander betrachten darf oder nicht. Ob man bei ihr Kunst von Politik separiert bewerten darf oder nicht.
Sie kann es. Besonders faszinierend ist die Konsequenz, mit der sie sich seit Jahrzehnten der Öffentlichkeit präsentiert. Welches Bild sie von sich zeichnet. Ergänzend dazu versuchen Autoren, die sich mit ihr beschäftigen, dieses Bild zu vervollständigen, zu relativieren, zu analysieren ja sogar und manchmal ganz besonders zu kritisieren. Sie sammeln Fakten, enthüllen, „denunzieren“. Mit fast allen Fremdbetrachtungen stimmt sie nicht überein. „Die alte Dame mit den blondierten locken bebte vor Zorn. Fünfzig Prozent der Presseberichte seien falsch, bellte sie vom Podium herab. Nein, neunzig Prozent! Überhaupt alles, was die Zeitungen über sie schrieben sei falsch.“ [Kinkel „Die Scheinwerferin“ (2002); S. 7]
Wer hat nun Recht? Sie oder die, die über sie schreiben? Welches Bild ist das Richtige? Gibt es überhaupt das eine wahre Bild der Riefenstahl? Das alles war für mich der Grund, mir die Frage zu stellen, wie ähnlich beziehungsweise wie voneinander abweichend Selbstbild und Fremdbild der Leni Riefenstahl sind.
Entsprechend des Rahmens dieser Arbeit ist es jedoch nicht möglich eine
vollständige und umfassende Analyse des Selbst- und Fremdbildes ihrer Person zu machen. Dazu müssten zusätzlich noch Artikel, Reportagen und vieles mehr ausgewertet werden. Deshalb stützt sich diese Arbeit hauptsächlich auf ihre Memoiren und die Bücher von Rainer Rother, Jürgen Trimborn und Lutz Kinkel und erhebt damit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
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Also, wer oder was ist Leni Riefenstahl? „Welche Rolle spielte sie im »Dritten Reich«? Was ist Mythos, was war Realität? War sie eine »Führerbraut ohne Geschlechtsverkehr« (Rudolf Augstein)? Ein »Genie des Films« (Jean Cocteau)? Eine von Männern verfolgte Unschuld (Alice Schwarzer)? Oder vielleicht eine [Kinkel „Die Einsiedlerin auf einem fernen Planeten namens Kunst?“
Scheinwerferin“ (2002); S. 9] Oder ist sie vielleicht ‚einfach nur’ eine Künstlerin, deren größtes Werk ihr eigenes Leben und dessen Geschichte ist?
2. SELBSTBILD UND FREMDBILD
2.1 Definition
Bevor ich zu Leni Riefenstahl komme, möchte ich einen kurzen Exkurs zu dem Thema Selbstbild und Fremdbild machen. Selbstbild und Fremdbild sind im Prinzip zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die eine Seite - das Selbstbild - steht für das Bild, welches eine Person von sich selbst hat. Wie sie sich versteht. Es spiegelt ihre eigene Wahrnehmung wieder. Das Fremdbild hingegen bezeichnet das Bild, das andere Menschen von dieser Person haben. Wie sie sie sehen und verstehen. Wie sie das, was diese Person an verbalen und nonverbalen Signalen aussendet, interpretieren und in Bezug zu ihrer eigenen Realität setzen. Je mehr Selbstbild und Fremdbild mit einander übereinstimmen, desto harmonischer wirkt dieser Mensch auf seine Umwelt.
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2.2 Im Kontext bei Riefenstahl
Bezogen auf die Wahrnehmung Leni Riefenstahls stelle ich die These auf, dass das Irritationsmoment, das man unweigerlich verspürt, wenn man sich intensiver mit ihr beschäftigt, ein Resultat ist. Ein Resultat der Diskrepanz zwischen dem Bild, das sie selber diktiert und dem Bild, welches es in der Öffentlichkeit außerdem noch gibt. Kurz gesagt ihr Selbstbild und das Fremdbild, das in Sekundärliteratur bzw. Presse vermittelt wird, stimmen nicht überein. Oder anders - es gibt absichtliche und unabsichtliche Lücken, die dem Rezipienten ein Gefühl des Ungeklärten geben und so die Diskussion um sie nicht enden lassen. „Außerdem haben auch Riefenstahls Rechtfertigungen, die jede Selbstreflexion vermissen ließen und nachteilige Fakten verschwiegen oder verharmlosten, ganz wesentlich zur andauernden Kritik beigetragen.“ [Rother „LR Verführung d. Talents“ (2000); S. 135]
Eine ihrer Methoden, um das von ihr gewünschte Bild zu erzielen, ist ihre Kunst des Weglassens oder Beschönigens um der Stilisierung der eigenen Person Willens. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Darstellung ihrer Tanzkritiken in den Memoiren. Glaubt man den Memoiren wurde sie „über Nacht aus dem Dunkel des Nichts in das Licht der Öffentlichkeit gehoben“ [Riefenstahl „Memoiren“ (2000); S. 62] und das ohne jeden Vorbehalt. Liest man ergänzend dazu Trimborn erfährt man ergänzend, dass die „Riefenstahl, die auch schon zuvor nicht zur Selbstkritik neigte, im Rausch des Erfolges zunehmend nur noch die Kritiken wahrnahm, die ihr schmeichelten und sie als große Künstlerin feierten.“ [nach Trimborn „Riefenstahl“ (2002); S. 54] Auf den nachfolgenden Seiten druckt er den zweiten Teil der auch bei Riefenstahl zitierten Kritik von Franz Hildebrandt des „Berliner Tageblatt“ ab, der mit den Worten endet „Und es bleibt also nicht Zorn über diesen Anblick, sondern eine leise Trauer, daß solche äußere Vollkommenheit nicht gesegnet ist mit der Gnade des Blutes, der Herrlichkeit des Genius, der Fackel des Dämons.“ [Trimborn
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„Riefenstahl“ (2002); S. 56] Diesen Teil verschweigt Riefenstahl jedoch gänzlich. Die einzige Kritik, die sie von anderen über sich in ihren Memoiren zulässt, ist die, die sich von ihr widerlegen, bagatellisieren oder entschulden lässt. So erzählt sie z.B. freimütig und fast humoristisch von ihrem Besuch 1939 in Paris, bei dem sie „ohne Wissen in einer peinlich-komischen Situation mitspielte“ [Riefenstahl „Memoiren“ (2000); S. 335] als ihr die Pariser Filmstudios gezeigt w urden. Dort spielte sich folgendes ab. In der letzten zu besichtigenden Halle unterbrachen die dort beschäftigten Arbeiter ihre Tätigkeit und begannen die ‚Internationale’ zu singen. Wie sie dachte ihr zu Ehren. Dazu kommentiert sie: „Erst als sich der Direktor bei mir für diesen Vorfall entschuldigte. fing ich langsam an zu begreifen, daß dies alles andere als eine Huldigung für mich war. Ich hatte bis dahin weder die «Internationale» gehört noch die geballte Faust als kommunistisches Symbol erlebt. Heute mag das unglaubhaft klingen, aber damals, vor fast einem halben Jahrhundert, war meine politische Unwissenheit kaum entschuldbar.“ [Riefenstahl „Memoiren“ (2000); S. 336]
Das erste Beispiel zeigt, dass die auf Fakten basierende ‚Richtigkeit’ ihres Fremdbild durch die reale Existenz von Beweisen, die für sie lediglich Behauptungen bzw. Lügen sind, sehr wohl untermauert werden kann. Über die Jahre hinweg hat sich eine Fremdwahrnehmung der Person Riefenstahl heraus kristallisiert, die sich kritisch mit der Überprüfung ihrer Aussagen beschäftigt und das von ihr kommunizierte Bild sehr skeptisch hinterfragt.
Zusammengefasst heißt dass, das im Falle Riefenstahl die Harmonie zwischen Selbstbild und Fremdbild fehlt. Der Grund für den in der Einführung bereits erwähnten ‚faden Nachgeschmack’. Zudem „lassen sich über die Jahre hinweg in der Rezeption zwei Phasen unterscheiden, in denen zwei durchaus unterschiedliche Riefenstahl-»Figuren« entworfen wurden, zwei stabile Konstruktionen ihres Bildes.
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Arbeit zitieren:
Anne Bender, 2003, Selbst- und Fremdbild der Leni Riefenstahl - Eine Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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