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Rolf Todesco: Zur Konstruktion von Text
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Text 4
Konstruktion 6
Textkonstruktion 7
Hypertext. 8
Der Hypertexter als Text-Konstrukteur. 9
Die vermeintliche Hypertext-Paradoxie 11
Das externe Gedächtnis. 12
Eigenzust ände 14
und deren Beschreibung 14
Die systemische Funktion von Text 16
Koh ärenz 18
Hypertext als (individuelles) Paradigma. 20
Operationelle Schliessung 21
Text versus Sprache und Denken. 22
Und schliesslich doch noch Kommunikation 24
im (Hyper)leser 25
und zwischen Menschen 26
Hyperkommunikation 26
3
Rolf Todesco: Zur Konstruktion von Text
Das Sprachspiel 28
Literaturverzeichnis 29
Inhaltsverzeichnis 4
Es ist üblich, aber gleichwohl historisierend naiv, Text als
Vergegenständlichung einer nicht-gegenständlichen Sprache aufzufassen, und
so zu tun, als ob „Sprache“ sehr viel mit Bewusstsein und Geist, aber nur ganz
wenig mit konstruierten, materiellen Strukturen zu tun hätte.
Dass wir beim Konstruieren von Texten „sprachlich denken“, sagt weder etwas
dar über aus, was Text ist, noch darüber, was Denken und Bewusstsein sein
soll. Dass wir aber den Handlungszusammenhang, den wir mit materiellen Text-
Konstruktionen begründen, Sprache nennen, sagt etwas darüber aus, dass wir
„Sprache“ mindestens in bestimmten Hinsichten auch konstruktiv und nicht nur
funktional verstehen. Ich zeige im folgenden anhand der Diskussion von
Hypertext , dass die im intuitiv geprägten Ausdruck „Konstruktivismus“
gemeinten Konstruktionen materielle Texte sind - und nicht irgendwelche
geistige Konstruktionen in den Köpfen der Beobachter, die die Texte deutend 1
Text
Text heisst jede durch eine Grammatik (Chomskygenerator) generierte Menge
von Zeichenketten, unabhängig davon, wozu wir sie verwenden. Abstrakt, als
Texte sind sich ein Computerprogramm und
ein Liebesbrief gleich. Wenn Text nicht
mentalistisch abgehoben, eine „(schriftlich
fixierte) im Wortlaut festgelegte Folge von
Aussagen “ (Microsoft 1995
1 Es geht mir hier darum, anhand von Hypertext eine Sichtweisen auf den Konstruktivismus zu
öffnen. Was die konstruktivistische Auffassung von Hypertext auf die Realisierung von
Hypertext für Auswirkungen hat, habe ich an anderen Orten dargestellt (Todesco 1995a, 1996,
1997, 1998)
Inhaltsverzeichnis 5
(DudenLexiRom)), sondern ein von Menschen intentional hergestelltes Produkt
ist, kann man nicht nur nach seiner Verwendung oder Wirkung, sondern auch
nach seiner Gegenstandsbedeutung (Holzkamp 1976:25ff) fragen. Die
Gegenstandsbedeutung von Text ist nicht eine irgendwie geartete inhaltliche
Bedeutung , die mittels Text übermittelt werden soll, sondern die Bedeutung des
gegenst ändlichen Textes selbst, also seine gegenständliche Funktion im
übergeordneten Prozess.
Wer Text produziert, mag zwar einen von Menschen interpretierbaren Verweis
intendieren, aber er konstruiert einen materiellen Gegenstand, also etwa eine
pixelm ässig geordnete Graphitkonstruk-
tion (Zeichenkörper) die häufig auf
einem Textträger, beispielsweise auf
Zeitungspapier oder auf einer
Karteikarte aufgetragen ist. Im
Alltagsverst ändnis, wo von
immaterieller Information die Rede ist, wird die Materialität von Text oft mit der
Materialit ät des Textträgers verwechselt und Text im übersinnlichen Bereich
des Immateriellen angesiedelt.
Ich hoffe, man wird mir vorderhand nachsehen, dass ich von materiellen
Gegenst änden spreche, wie wenn diese wirklich existieren würden ich will
sp äter darauf zurückkommen.
Konstruktive (Er-)Klärungen beschreiben Strukturen und Funktionsweisen,
„Funktionen haben keinerlei Erklärungswert“ (Maturana 1985, S. 191) Wir
k önnen Text als Artefakt auffassen, ohne uns dafür zu interessieren, was der
Text für wen bedeuten soll. Als Artefakt fungiert Text als Menge von Schaltern,
mit welcher wir die Signale - etwa am Graphitpixelmuster gebrochenes Licht,
die ins Auge des geneigten Lesers kommen sollen - steuern (Todesco 1995,
685ff). Natürlich gilt das auch für die dissipativen Strukturen am
Inhaltsverzeichnis 6
Computerbildschirm die leuchtenden Zeichen sind so materiell wie
Graphitkonstruktionen 2
Konstruktion
„Konstruktion“ heisst sowohl der Prozess, in welchem Artefakte zu einem
Artefakt höherer Ordnung zusammengefügt werden, als auch das Produkt, das
aus diesem Prozess hervorgegangen ist. Anschauliche Beispiele sind
Konstruktionen aus Stahlträger wie etwa der Eifelturm. Die innerste
Formgebung , etwa das Herstellen eines Bleches oder eines Stahlelementes,
das beim Konstruieren verwendet wird, heisst nicht konstruieren. Konstruieren
ist konventionellerweise mit der technischen Zeichnung verbunden, die Form
der elementaren Konstruktionselemente wird auf technischen Zeichnungen
impliziert. Natürlich ist auch die Form von Blechen oder von Profilen konstruktiv
bestimmt , sie wird über Konstruktionszeichnungen von Blech- oder
Profilproduktionsmaschinen definiert (Todesco 1992, S. 197)
Auf die wichtige Frage nach der Ästhetik von Konstruktionen kann ich hier nicht
eingehen. Nur so viel: Architektur heisst ihrem Wesen nach, die Konstruktion
lesbar zu machen. Um Häuser zu bauen, in denen man wohnen kann, braucht
2 "Dissipativ" heisst eine Struktur, die wie etwa die Struktur einer Kerzenflamme - oder eben
Zeichenk örper am Bildschirm - nur durch Aufnahme von Energie erhalten bleibt.
Graphitzeichen sind in dieser Terminologie konservative Strukturen, die sich - von Entropie
abgesehen - nur unter Energiezufuhr auflösen.
Lochkarten sind ein Beispiel für konservative Textstrukturen, die ohne Trägermaterial
auskommen , weil die Materialität des Textes selbst für die vorgesehene Verwendung stabil
genug ist
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es keine Architektur. Gut genug wissen wir, wie häufig gut gemeinte Architektur
(auch typographische) dem praktischen Anliegen schadet.
Textkonstruktion
Jede Konstruktion unterliegt handwerklichen oder technologischen
Bestimmungen. Die Konstruktionsbestimmungen für Text heissen Grammatik.
Die Grammatik, also die Menge der Produktionsregeln und die Beschränkungen
der Semantik, definieren die Syntax einer Sprache, indem sie festlegen, welche
Sprachhandlungen und vermittelt welche Zeichenkörper des Alphabets in einem
Text wie verwendet werden können. Die Grammatik bestimmt, welche
Pixelmuster als Text-Konstruktionen zulässig sind. Textkonstruktionen bestehen
aus Wörtern, die ihrerseits Konstruktionen sind, die aus den Zeichenkörpern
des Alphabets bestehen. Die Buchstaben können ihrerseits Konstruktionen sein
oder als Elemente der Textkonstruktion fungieren, die - wie etwa im Bleisatz
offensichtlich ist - durch Konstruktionen produziert werden.
Texte sind Konstruktionen, die einerseits als Komplexe in übergeordnete
Konstruktionen wie Bücher oder Bibliotheken aufgenommen werden können, so
wie etwa ein Motor in ein Auto, die aber auch fruchtbar zerlegt werden können,
weil man einzelne Teile davon in anderen Zusammenhängen verwenden kann.
Wenn man bereits existierende Texte oder Textteile materiell in anderen
Zusammenh ängen verwenden will, hat man zwei Möglichkeiten. Man kann
verweisen oder „linken“, worauf ich später eingehen will, oder man kann
zitieren. Wenn man zitiert, verhält man sich wie jeder Produzent von Artefakten,
das heisst man kopiert. Beim Kopieren wird die Textkopie materiell neu
hergestellt , was übrigens auch in der Massenproduktion etwa von Büchern gilt.
Wenn ich einen Buchtext zehntausendmal verkaufen will, muss ich nicht nur
das Trägermaterial „Buch“, sondern auch den Text zehntausendmal physisch
Inhaltsverzeichnis 8
herstellen , wie automatisiert und einfach mir das auch immer gelingt. Alle
Produzenten , die Artefakte in grösseren Mengen oder seriell herstellen, streben
danach , ihre Produkte mit möglichst wenig menschlicher Arbeitskraft
herzustellen. Die Ablösung der schreibenden Mönche durch den Buchdruck ist
Vorbild für alle, die die Manufaktur aufheben wollen. Gleichwohl bleibt wahr,
dass jedes Buch - und was hier wichtig ist, jeder einzelne materielle Buchstabe
- hergestellt werden muss.
Die Produktions- (oder Konstruktions-)regeln von hinreichend grossen
Sprachen bewirken, dass wir zwar mit endlich vielen Zeichen unendlich viele
Texte erzeugen können, dass aber bestimmte Zeichenketten, bestimmte Wörter
und bestimmte Wortgruppen sehr häufig vorkommen. Deshalb kann man jeden
Text auch als Kombination von typischen und von spezifischen Textelementen
auffassen.
Hypertext
Hypertexte sind Textgrundlagen, die im Wissen konstruiert werden, dass der
Leser selbst entscheidet, was er wann und in welcher Reihenfolge lesen will,
also Grundlagen für (Hypertext)-Texte, die jeweils erst im Lesen selbst
entstehen. In der nicht reflektierten Praxis, wo wir Text zur „Übertragung von
Informationen“ produzieren, ohne uns darum zu kümmern, was Text oder
Information ist, steht der Ausdruck Hypertext zunächst nicht für eine bestimmte
Art von Text, sondern für die - durch das WWW populär gewordene -
M öglichkeit, innerhalb von und zwischen verschiedenen Texten umher zu
surfen. Ein Hypertext ist in diesem Sinne ein Konglomerat von durch Hyperlinks
verbundenen Textteilen auf einem Computer-(Verbund) Hyperlinks sind
Maschinenfunktionen , die programmierlogisch als „go to“ bezeichnet werden
und dem Hyperleser die Möglichkeit bieten, am Bildschirm einen Textteil durch
Arbeit zitieren:
Rolf Todesco, 2000, Hypertext oder Was heisst Konstruktion im konstruktivistischen Diskurs?, München, GRIN Verlag GmbH
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