Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Begriff der „politischen“ Sprache 3
2.1. Umfang und Gliederung des politischen Lexikons nach Dieckmann 4
2.2. Einteilung des politischen Vokabulars nach Klein 5
3. Das Ideologievokabular 6
3.1. Symbolwörter/ Schlagwörter 8
3.2. Klassifizierung der Symbolwörter 10
3.2.1. Differenzierung durch Evaluation 10
3.2.2. Differenzierung durch Gebrauch 10
4. Der Kampf um Wörter 11
4.1. Bezeichnungskonkurrenz / Nominationskonzept 11
4.2. Deskriptive Bedeutungskonkurrenz 14
4.3. Deontische Bedeutungskonkurrenz 14
4.4. Sprachthematisierungen als Indikatoren semantischer Konkurrenz 15
5. Einige sprachliche Veränderungen und Neuerungen im Russischen 17
6. Textanalyse 18
7. Zusammenfassung 20
8. Literaturverzeichnis 21
2
1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, was man unter dem politischen Lexikon einer Sprache zu verstehen hat. Um diese Frage zu beantworten, wird nach einer kurzen Erläuterung des Begriffes der „politischen“ Sprache ein Blick auf die möglichen Gliederungen des politischen Lexikons geworfen. Danach wird näher auf das Ideologievokabular, sein Kernbestand - Symbolwörter und ihre Klassifizierung eingegangen. Die folgenden Kapitel sollen aufzeigen, wie wichtig es Politikern ist, „Begriffe zu besetzen“ um bestimmte Wörter zu parteispezifischen Markenzeichen zu machen und warum Politiker in unserer sich ständig verändernden Welt neue Schlagwörter benutzen müssen. Anschließend soll eine Video-Ansprache des Präsidenten Medvedev an Internet-Nutzer auf Nominationssektoren untersucht werden.
2. Der Begriff der „politischen“ Sprache
Die Frage danach, was man unter „politischer Sprache“ zu verstehen habe, das heißt welche (funktional-)stilistischen Merkmale und welche Bereiche des Wortschatzes kennzeichnend für die Sprache der Politik seien, ist in der Linguistik ein sehr diskutiertes Thema. Mehrere Forscher haben die Sprache in der Politik untersucht und Vorschläge gemacht, wie man das politische Lexikon und seine interne Gliederung beschreiben kann. Allen Versuchen gemeinsam ist der Hinweis auf die Schwierigkeit, das politische Lexikon von der Alltagssprache als auch von den Fachsprachen anderer Sachgebiete deutlich abzugrenzen, weil die Politik kein Sachgebiet mit einem klar abgrenzbaren Fachlexikon ist, denn „der Politiker verwendet zur Förderung seiner politischen Zwecke nicht eine Serie politischer Begriffe, sondern die deutsche (englische, französische, russische) Sprache mit einem mehr oder weniger starken Einschlag politischen Wortgutes“,- schreibt Dieckmann 1 . Das heißt, dass selbst Wörter, die heute niemand dem politischen Lexikon zurechnen würde, unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen „politisch“ werden können . Hinzu kommt, dass das politische Lexikon gleichzeitig auch von Fachwörtern anderer Sachgebiete durchdrungen ist. Girnth schreibt, dass es somit „nicht nur zwischen der Alltagssprache und dem Lexikon der Politik, sondern zwischen dem Fachlexikon der Politik und den Fachlexika der einzelnen Sachgebiete große Abgrenzungsschwierigkeiten bestehen“ 2 . Dies zeigt, dass das politische Lexikon sich durch eine prinzipielle Offenheit
1 Dieckmann, Walther: Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache.
Carl Winter-Universitätsverlag, Heidelberg, 1969, S.47
2 Girnth, Heiko: Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse
öffentlich-politischer Kommunikation. Niemeyer Verlag, Tübingen, 2002, S.47
3
auszeichnet. Außerdem „ist der Grad der Durchdringung zahlreicher Lebens- und Sachbereiche durch die Politik von dem jeweiligen Herrschaftssystem bzw. von den jeweiligen historischen und sozio-kulturellen Gegebenheiten abhängig“ 3 . Daher müssen Art und Umfang des politischen Lexikons einer Sprachgemeinschaft immer wieder neu bestimmt werden. Es muss auch bedacht werden, dass das politische Lexikon einer bestimmten Sprache sich vom politischen Lexikon eines bestimmten Systems unterscheidet. 4 Somit ist das politische Lexikon der Bundesrepublik Deutschland keinesfalls mit dem politischen Lexikon der deutschen Sprache identisch. Das ist nur eine Teilmenge des politischen Lexikons der deutschen Sprache, weil es Wörter gibt, mit denen auf Referenzobjekte Bezug genommen wird, die in keinem der deutschsprachigen Länder eine Funktion im politischen Organisationsgefüge haben (z.B. Kongress, Unterhaus, Oberhaus) 5 . Es ist also deutlich, dass der Kommunikationsbereich Politik sich sehr schwer abgrenzen lässt, damit ihm eine feste Teilmenge an Wörtern zugeordnet werden könnte. Vielleicht sollte man den Ausdruck `politikspezifische Lexik` verwenden, den die Vorstellung vermeiden soll, dass es ein festes Repertoire an Wörtern für politische Kommunikation gibt, sondern vielmehr ausdrücken, dass es bestimmte Wörter gibt, die typisch sind für den Verwendungskontext Politik.
2.1. Umfang und Gliederung des politischen Lexikons nach Dieckmann
Ein wichtiger und in der Forschung immer wieder zitierter Vorschlag zur Gliederung des politischen Lexikons stammt von Dieckmann. Er nimmt eine grobe Einteilung des politischen Wortschatzes in Ideologiesprache, Institutionssprache und die Fachsprache(n) der verwalteten Sachgebiete vor. Unter Ideologiesprache fasst Dieckmann „Bezeichnung für politische Doktrin und Miranda“ 6 bzw. Anti-Miranda, d.h. die zentralen politischen Symbole, die Bewunderung/Loyalität für die eigene Seite bzw. Verachtung/Ablehnung der Seite des Gegners um Ausdruck bringen. Im Kapitel 3 wird auf die Merkmale der Ideologiesprache ausführlich eingegangen. Die Institutionssprache besteht nach Dieckmann „aus den Bezeichnungen für die einzelnen Institutionen und Organisationen eines Gemeinwesens, ihre interne Gliederung, die Aufgaben, die sie erfüllen und die Prozesse, in denen sie funktionieren“ 7 . Die Institutionssprache kann weiter unterteilt werden in Organisationssprache (z.B. die Bezeichnung für staatliche
Institutionen (Parlament, Bundesrat), ihre Gliederungen (Fraktion, Parteivorstand), ihre
3 Girnth, S.48
4 Dieckmann, S.47
5 Girnth, S.48
6 Dieckmann, S.50
7 Dieckmann, S.50
4
Aufgaben (Verfassungsschutz, Finanzpolitik) und Amtsbezeichnungen (Minister, Fraktionsglied, Bundeskanzler)) und Verfahrenssprache (Bezeichnungen, die das formale Funktionieren der
entsprechenden Institutionen betreffen, wie etwa Abstimmung, Legislaturperiode u.ä.). Die Fachsprache des verwalteten Sachgebietes setzt sich nach Dieckmann zusammen „aus den politikeigenen Sprachformen, die sich mit der staatlichen Verwaltung der verschiedenen Sachgebiete ergeben“ 8 . Sie verfügt über alle definitorischen Merkmale einer Fachsprache (Eindeutigkeit, Variationsarmut, Sachlichkeit usw.). Hierzu gehören die verschiedenen und speziellen Wortschatzeinheiten der Wirtschaftspolitik, der Kulturpolitik, der Sozialpolitik usw. Bestimmte Fachsprachliche Begriffe können aber unter Umständen auch in die Nähe des Ideologievokabulars rücken, wenn sie außerhalb der Institutionen in einem öffentlich-politischen Zusammenhang verwendet werden. (vgl. soziale Marktwirtschaft, Volksaktie). Die folgende Abbildung 9 verdeutlicht die Gliederung Dieckmanns:
Institutionssprache
Organisations-Verfahrenssprache
Sprache
2.2. Einteilung des politischen Vokabulars nach Klein
Josef Klein geht von einem „Mischcharakter“ der Sprache in der Politik aus und schlägt - indem er Dieckmanns Modell um das sogenannte „Interaktionsvokabular“ erweitert - folgende Einteilung des politischen Vokabulars in vier Hauptgruppen vor 10 : 1. Institutionsvokabular
Hierher gehören Benennungen staatlicher Organisationen, politischer Institutionen und deren weitere Untergliederungen (Bundesstaat, Bundestag, Fraktion usw.), Bezeichnungen für staatliche bzw. politische Rollen oder Funktionen (Mandat, Senator,
8 Ebd.: 50
9 Alle Abbildungen stammen aus dem Buch von Girnth
10 Klein, Josef(Hrsg): Politische Semantik. Bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur politischen
Sprachverwendung, Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen, 1989, S.4-11
5
Mitglied des Abgeordnetenhauses), Bezeichnung für kodifizierte Normierungen politisch-institutionellen Handelns (Grundgesetz, Parteistatut, Charta der Vereinten Nationen) sowie politikspezifische Bezeichnungen für Handlungen, Prozesse, Zustände (konstruktives Misstrauensvotum, Öffentliche Anhörung, Immunität). 2. Ressortvokabular
Zu diesem Bereich zählen Übernahmen aus den Fachsprachen der jeweiligen Sachgebiete (wie Wirtschaft, Finanzen, Umwelt usw.) sowie „semi-fachsprachliche
Bezeichnungen“ 11 , die sich durch eine gewisse Plakativität auszeichnen und z.B. nicht in Gesetzestexten und streng formalisierter Amtssprache zur Anwendung kommen (Landesschlussgesetzt, Konjunktur, Fristenlösung, Giftmüll). 3. Allgemeines Interaktionsvokabular
Klein fasst unter diesem Oberbegriff die „allgemeinsprachlichen Bezeichnungen für menschliche Interaktion und ihre verschiedenen Aspekte“ 12 . Konkret versteht er darunter Vokabular, das weder fach- noch ideologiesprachlich gefärbt ist, wie z.B. Bezeichnungen sprachlicher Handlungen (appellieren, informieren, begrüßen) und Interaktionen (debattieren, verhandeln, diskutieren) und andere „neutrale“ Wörter, die innerhalb der politischen Kommunikation von mehr oder weniger zentraler Bedeutung sind (Plan, Kompromiss, Krise, Führungsanspruch, verhindern, beteiligen). 4. Ideologievokabular
Dieser Bereich des politischen Wortschatzes „umfasst die Wörter, in denen politische Gruppierungen ihre Deutungen und Bewertungen der politisch-sozialen Welt, ihre Prinzipien und Prioritäten formulieren“ 13 .
Im einzelnen werden angeführt: Lexeme, mit denen grundlegende soziale Beziehungen Familie, Nation, und Formationen bezeichnet werden (Gemeinschaft,
kapitalistische/sozialistische/klassenlose Gesellschaft), Benennungen, die die für richtig erachteten Prinzipien der Organisationen es politischen Lebens betreffen ( Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit) sowie Benennungsmuster für grundlegende Werte und Handlungsorientierungen (Menschenrechte, Solidarität, Recht, Fleiß, Klassenbewusstsein, Frieden).
Aus Kleins Einteilung geht deutlich hervor, dass die Aufstellung einer Wortklasse „Ideologievokabular“ nur auf einer meist über den Bereich einer Einzelsprache hinausgehenden- vergleichenden Grundlage vorgenommen werden kann. Wie Klein
11 Klein, S.6-7
12 Klein, S.7
13 Ebd.: S.7
6
zutreffend feststellt, zeigt sich die ideologische Färbung dabei häufig nicht an den einzelnen Wörtern, sondern an der unterschiedlichen Auswahl aus dem potentiell verwendbaren Vokabular. Werden identische Bezeichnungen verwendet, zeigt sich die Unterschiedlichkeit der Ideologien in der Unterschiedlichkeit der Bedeutung, des Rangs,(Welchen Stellenwert nimmt der Begriff in der ideologiespezifischen Werteskala ein?) sowie der Referenzbereiche der jeweiligen Begriffe im ideologischen Wertesystem (Auf welche außersprachlichen/gesellschaftlichen Bereiche bezieht sich der entsprechende Begriff; also etwa: meint Freiheit ‚Abwesenheit von wirtschaftlichen Abhängigkeiten‘ oder ‚(weitgehende) unternehmerisch Ungebundenheit an staatliche Restriktionen‘?). Zu berücksichtigen sind bei dieser Analyse ideologischen Vokabulars stets auch die fließenden Grenzen zwischen Ideologie- und Institutionssprache und die Tatsache, dass politische Auseinandersetzungen (ideologischer und nichtideologischer Art) zu einem Großteil mittels Lexemen der „allgemeinen Interaktionssprache“ (z.B. unverantwortliches Handeln, Affäre, verschlafen) geführt werden 14 . Die folgende Abbildung fasst den Gliederungsvorschlag Kleins in 4 Teilbereiche noch einmal zusammen:
Anschließend muss man hinzufügen, dass den Überlegungen zur Zusammensetzung politikspezifischer Lexik eine Vorstellung vom Kommunikationsbereich Politik zugrundeliegt, die zwei wesentliche Teilbereiche voneinander abgrenzt: x den eher von politischen Experten an politische Experten gerichteten, institutionsspezifischen und institutionsinternen Bereich - also Wörter in der politischen Fachwelt;
x die Sphäre öffentlicher politischer Kommunikation, in der politische Experten sich vor allem an politische Laien richten, um für ihre Position zu werben; mithin Wörter in der politischen Auseinandersetzung.
14 Ebd.: S.11
7
Arbeit zitieren:
Ada Gorskih, 2009, Lexikon und Nomination, München, GRIN Verlag GmbH
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