wird, sondern daß sie auch der Charakterisierung eines bestimmten Minnebegriffes dient, der wiederum dem des Markehofes entgegengestellt wird. Dabei soll die unterschiedliche Minneauffassung in Abhängigkeit von den entsprechenden Personen dargestellt werden. Auch auf den Gegensatz von Natur und Kultur soll in diesem Zusammenhang eingegangen werden sowie auf die in den jeweiligen geographischen Räumen vorherrschenden Wertkonzepte, die eine Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft entstehen lassen. Dazu sollen zunächst sowohl der Markehof und seine Bewohner als auch die Minnegrotte selbst anhand des Textes charakterisiert werden, um dann in einem nächsten Schritt einen Vergleich und eine Wertung vornehmen zu können.
Alle Zitate des Tristantextes stammen aus Gottfried von Strassburg: Tristan. Hrsg. V. Karl Marold. Unveränderter vierter Abdruck nach dem dritten mit einem auf grund von F. Rankes Kollationen verbesserten Apparat besorgt von Werner Schröder. Berlin; New York: 1977
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2. Zentralschauplätze
2.1. La fossiure a la gent amant
In der folgenden Betrachtung soll nicht die Minnegrotte allein den Gegenstand der Betrachtung bilden, sondern es sollen alle Handlungen und geographische Beschreibungen, die sich auf Grotte, Lustort und Wildnis als zugeordnete Schauplätze beziehen, betrachtet werden.
Die nähere Umgebung der Grotte wird an vier Stellen genauer beschrieben. Die Grotte liegt danach in einem wilden Berg: „dâ wiste Tristan lange ê wol, in einem wilden berge ein hol, [...] (16687-8)
Die Grotte führt demnach in die Erde hinab und kennzeichnet so sowohl den Übergang von irdischen zu unterirdischen Gefilden als auch das unsichtbar werden des Paares für Markes Blick. Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen der Befindlichkeit des Paares und der Nähe zum Markehof bzw. zu Marke selbst in der Szene, die die Ankunft Tristan und Isoldes im Land Markes beschreibt: „Nu daz sie Kurnewâle Gevuoren alsô nâhen Daz sî daz lant wol sâhen Des fröuten sî sich alle dô: Si wâren sîn alle frô, wan eine Tristan unde Îsôt, der angest was ez unde ir nôt: der wille w#re der geschehen, sine h#ten niemer lant gesehen.“ (12416 - 12424)
Auch die Lexik, mit der der Lustort beschrieben wird, verweist in den Bereich des heimlichen und verborgenen 1 .
Weitere Beschreibungen der die Höhle umgebenden Landschaft erfolgen in 16761-72, 17071-94 und 17336-46. Dabei fällt auf, daß die Vorstellung des Waldes zurückgedrängt wird und nur noch von Felsen die Rede ist. Betont wird
1 Gruenter, Rainer: „Das wunnecliche tal.“ In: Tristan-Studien. Hrg. von Wolfgang Adam. Heidelberg: 1993, S. 70
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also die Unwegsamkeit dieser Wildnis und die Vorstellung beengender Weglosigkeit. „von disem berge und disem hol sô was ein tageweide wol velse âne gevilde und wüeste unde wilde. Dar enwas dekein gelegenheit an wegen noch stîgen hin geleit;“ (16765 - 16770)
Die Aufgliederung der Landschaft ist klar erkennbar beim Auszug von Tristan und Isolde vom Königshof. Der Weg vom Hof führt über Wald und Heide („über walt und über heide“ [16685]) und um die Minnegrotte breitet sich im Umkreis einer Tagesreise eine Felsenlandschaft („... sô was ein tageweide wol, velse âne gevilde, und wüeste unde wilde“ [16766-16768]). Der Ritt des ersten Tages führt also durch den Bereich zwischen Wildnis und bewohntem Kulturland, und dies um so mehr als daß der Wald zu Markes Jagdgebiet gezählt wird und ein Jagdwald eine Zwischenstellung einnimmt 2 . Die zweite Tagesreise führt dann durch gänzlich unkultiviertes und zivilisationsfeindliches Land. Diese Raumgliederung wiederholt sich später übrigens bei der Entdeckung der Liebenden durch den Jäger des Königs. „der leite in allez hinewart über manic ungeverte, über velse und über herte, über dürre und über gras,“ (17340 - 17343)
Dies entspricht dem Motiv des locus secretus: der Lustort ist umgeben von einer unwegbaren Wildnis als natürliche Barriere, die die Liebenden zwei Tage lang durchqueren müssen, um an ihr Ziel zu gelangen. Der schwierig auffindbare Grottenpfad kann dabei als Pfad zur rechten Minne gedeutet werden, zumal diese Deutung doch von Gottfried selbst angeboten wird: „ouch hât es guote meine, daz diu fossiure als eine
2 vgl. Hahn, Ingrid: Raum und Landschaft in Gottfrieds Tristan. Ein Beitrag zur Werkdeutung. München: 1963, S. 15-16
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in dirre wüesten wilde lac;
daz man dem wol gelîchen mac, daz minne und ir gelegenheit niht ûf die strâze sint geleit noch an dekein gevilde; si lôschet in der wilde. Ze ir klûse ist daz geverte arbeitsam unde herte.“ (17075 - 17084)
Nach Überwindung der Hindernisse erwartet einen der locus amoenus. Piehler sieht offensichtlich einen Zusammenhang zwischen einem locus secretus und dem locus amoenus, wenn er sagt: „ [...] the enclosed garden, park or paradise, the locus amoenus, [is] portrayed as intensly desireable, and situated either very remotely or behind inhibiting physical or psychic barriers. [...]“ 3 Und tatsächlich verändert Gottfried die Darstellung der Waldlebenepisode gegenüber seinen Vorlagen 4 , indem er ihr nicht nur mehr Raum in seiner Beschreibung gibt, sondern in seiner Bearbeitung des Stoffes ein rauhes unwirtliches Klima durch das ideale Klima eines locus amoenus ersetzt. (vgl. 16734 -16764).
Dieser schöne Naturort entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine kultivierte Parklandschaft, die zu einem ritterlichen Anwesen gehören könnte. Der Garten am Hofe Markes und die Parklandschaft der Minnegrotte entsprechen sich, sind aber einander insofern entgegengesetzt, als daß in der Minnegrottenumgebung die Begegnung des Paares im Lichte des frühen Morgens stattfinden kann, während die Begegnung am Hofe nur im Schutze der Dunkelheit möglich gewesen war. „[...] ze Îsôte frôlîche gie: der was des nahtes besnît. Ouch schein der mâne zou der zît Vil liehte und vil klâre.“ (13500 - 13505)
3 Piehler, Paul: The Visionary Landscape. A Study in Medieval Allegory. London : 1971, S. 77
4 beispielsweise Thomas und Eilhart
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Die Grotte ist also nicht mehr bloß Zufluchtsort, „wo die Liebenden Ruhe vor Verfolgung und Muße zu höfischem Liebesspiel finden“ 5 ; die Grotte und ihre Ausstattung dient auch der Darstellung der rechten Minne. Zunächst beschreibt Gottfried die Grotte und ihre Ausstattung, um dann in einem zweiten Schritt jedes Detail zu einem Charakteristikum der Minne umzudeuten. „si was, als ich iezuo dâ las, sinewel, wît, hôch unde ûfreht, snêwîz, alumbe eben und sleht. Diu sinewelle binnen daz ist einvalte an minnen: einvalte zimet der minne wol, diu âne winkel wesen sol. Der winkel, der an minnen ist, daz ist âkust unde list. Diu wîte ist der minnen kraft, wan ir kraft ist unendehaft.“ (16932 - 16942)
In gleicher Weise deutet er die übrigen Charakteristika: die Höhe ist der hohe Mut, die Edelsteine stehen für den Ruhm, der von den Tugenden ausgeht und die weißen ebenen Wände stehen für die Vollkommenheit ohne Argwohn. Der grüne Boden steht hingegen für die Beständigkeit und Treue. Das kristallene Bett, das Symbol der Minne schlechthin, steht für die kristallene Durchsichtigkeit und Lauterkeit wahrer Minne 6 . In dieser idealen Umgebung ordnet Gottfried den idealen Liebenden die idealen Beschäftigungen des höfischen Lebens zu, denen alles zweckgebundene Handeln fremd ist 7 . Dazu zählen, Jagd um des Spaßes willen „si riten under stunden, sô si des geluste, mit dem armbruste birsen in die wilde
5
Kolb, Herbert: „Der Minnen hus. Zur Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tristan.“ In: Euphorion 56 (1962), S. 230
6 Zu einer erschöpfenden Erläuterung vgl. Ranke, Friedrich: Die Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tristan. Berlin: 1925, S. 25
7 Gruenter, Rainer: „Das wunnecliche tal.“ In: Tristan-Studien. Hrg. von Wolfgang Adam. Heidelberg : 1993, S. 127-128
Arbeit zitieren:
MA Sylvia Meyer, 2008, Die Minnegrotte in Gottfrieds Tristan, München, GRIN Verlag GmbH
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