„Die Ros ist ohn warum;
Sie blühet weil sie blühet,
sie acht nicht ihrer selbst,
fragt nicht ob man sie siehet.“ 1
1. Einführung
Die gegenwärtige „exakte Wissenschaft“ der Theologie steht der Glaubenserfahrung kritisch gegenüber. Kann es deshalb eine exakte Wissenschaft der Theologie im Sinne der Naturwissenschaften geben, oder begeben wir hier uns nicht vielmehr auf dünnem Eis? Diesem Auseinanderklaffen von Theologie und Spiritualität, welches seit dem 12. Jahrhundert angesetzt hat, entgegenzuwirken, war eines der Hauptanliegen Hans Urs von Balthasars. Die „tragische Diastase zu überwinden zwischen einer Wissenschaft von den göttlichen Dingen, die immer mehr um die Kritik der eigenen Begriffe und die strukturierte Organisation der Glaubenswahrheiten in ein kohärentes System bemüht war, und einer Spiritualität, die in Reaktion gegen die vollkommene Rationalisierung der Theologie ihrer Aufmerksamkeit vor allem auf das Gesamt der Probleme konzentrierte, die sich aus der Entwicklung des geistlichen Lebens ergeben“ 2 , so schreibt Jacques Servais in seinem Artikel „Weisheit, Wissen und Freude“. Das Eine schliesst das Andere nicht aus, aber es besteht die Gefahr dass „damit ein „Christus des Glaubens“ gegen einen „historischen Jesus“ ausgespielt wird. 3 Das Zweite Vatikanische Konzil spricht, dass die Heilige Schrift, aber auch alle ausserbiblische Glaubensrede Gotteswort im Menschenwort sei 4 . Die Offenbarung setzt den Glauben voraus, denn ohne Glauben kann der Mensch nicht in die Tiefe der Offenbarung dringen, kann auf das angesprochen werden von Gott nicht antworten. In diese Richtung geht auch der oben zitierte Vers von Angelus Silesius. Um was geht es dabei? Nicht das Wesen der „Rose an sich“ steht hier im Mittelpunkt, sondern die Kritik an den gewöhnlichen Zugang zu den Dingen in unserer Welt. Keine hochgezüchtete Edelrose, wie sie heute fast in jedem Garten stehen, steht hier im Blick, sondern nur eine einfache, schöne und blühende Heckenrose. Wer nämlich einer einfachen Heckenrose in ihrer ganzen, unauffälligen Schönheit begegnet, der spürt, dass er hier nicht nach den „Ursachen“, nennen wir es „Phänomens“, fragen darf. Dieses uns Begegnende birgt seinen Grund in sich,
1 Cher. W. nr. 289, Ohne Warum.
2 J. Servais, Weisheit, Wissen und Freude. Zur Überwindung einer verhängnisvollen Diastase, in: M. Striet/J.-H.
Tück (Hg.) Die Kunst Gottes verstehen, 2005, 320-348, hier 320.
3 Hans Urs von Balthasar, Herrlichkeit I, 167.
4 Vgl. hierzu die Dogmatische Konstitution Dei Verbum.
2
besser noch: es ist von einem Grunde her gehalten, an den kein Fragen heranreicht. So könnten wir die beiden ersten Verse interpretieren. Einen Schritt weiter gehen die beiden letzten. Weil dass wahrhaft Schöne in ihrer exemplarischen Identität mit seinem Grunde ruht, braucht es sich auch nicht um seine individuelle Identität zu sorgen. Die Rose braucht sich vor keinen Spiegel zu stellen, um sich dann über die Anerkennung anderer ihrer Schönheit zu vergewissern. Auch wenn ich sie übersehe oder in einem oberflächlichen Hinblick an ihr vorbeigehe, bleibt ihre Schönheit unangefochten. Wer ist diese unsere Begegnung im Glauben? Was ist das für eine Kraft, die uns berührt und uns aus unserer Starrheit, von theoretischen Denkkonstrukten herausschleudert? Hans Urs von Balthasar kommt in seinem Zweiten Band/1 der „Theodramatik“ auf die soeben interpretierten Verse zu sprechen: „Sie, die kostbare Gestalt, verweist bis in den nicht hinterfragbaren Grund, in den Grund also, der sich in der Gestalt nicht nur verbirgt, sondern im Verborgensein zugleich offenbart“. 5 Es ist eine Person, die Figur oder die Gestalt Jesus von Nazareth 6 . Um diese zweite Hypostase der göttlichen Dreieinigkeit zu verstehen, müssen wir vorher zum Begriff „Gehorsam“ zurückkehren. Gehorsam ist ein immer wieder kehrender Begriff, nicht nur im ganzen Werk Balthasars, sondern auch in seinem Leben feststellbar. Der Gehorsamsakt ist der fulminante Punkt der Kenose der sich in Herrlichkeit und Liebe manifestiert. Denn „der Vater ist der Sendende, der im Sendungsakt die gesamte Existenz Jesu auf Erden begründet, verantwortet und begleitet“. 7 Das Gehorsamsverständnis übernimmt Balthasar von seiner inständigen und lebenslangen Verbundenheit zu Ignatius von Loyola. 8 In diesem Gehorsam wird Jesu Mission konkret, welche die Mission seines Vaters ist. Darin erkennen wir die Fortsetzung des Heilsplanes Gottes. Die theologische Dramatik beginnt, er gehorcht (gleichzusetzen mit dem Kadavergehorsam!) Gott und niemand anders (vgl. Versuchung der Wüste durch den Satan).
5 TD, 20f.
6 Vgl. Eph 1,9: „…und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt
hat“.
7 TD, 140.
8 Sein langjähriger Freud Balthasar Jacques Servais behandelt dieses Thema sehr ausführlich in seinem Aufsatz
Théologie des Exercies spirituel. Im ersten Teil des Aufsatzes behandelt Servais die Rolle Ignatius im Leben
Hans Urs von Balthasar. Im Mittelpunkt steht der Satz der ignatianischen Exerzitien, dass der Mensch erschaffen
sei Gott zu loben und ihm zu dienen und so seine Seele zu retten. Der ignatianische Mensch sei ein Mensch, der
sein Heil will indem er den Willen Gottes erfüllt. Im Dasein und Sosein, welches umgeben ist von der potentia
oboedentialis und der Analogie electionis.
3
2. Aufbau Herrlichkeit I - Schau der Gestalt Aufbau des Ersten Bandes von Herrlichkeit:
I. Allgemeine Einführung in die Schönheit der Gestalt; II. Subjektive Evidenz (vom Glaubenden gesehen); III. Objektive Evidenz (die Gestalt wird als absoluter Massstab für sämtliche
2.1. Die Bedeutung der „Gestalt“ in Herrlichkeit
Was versteht Balthasar unter der Gestalt? Das Schöne ist für ihn eine Gestalt, dass von innen her leuchtet und strahlt. „Die sichtbare Gestalt ‚verweist’ nicht nur auf ein unsichtbares Tiefengeheimnis, sie ist dessen Erscheinung, sie offenbart es.“ Und zu letzt „liegt der Gehalt nicht hinter der Gestalt, sondern in ihr.“ 9 Urbild versteht Balthasar weder im platonischen, noch im ante rem der mittelalterlichen Philosophie, sondern wie es Jacques Dupuis, im seinem Buch Vers une théologie chrétienne du pluralisme religieux formuliert hat, als universale concretrum et personale. Glaube, pistis und Wissen, gnosis ergänzen sich gemäss Balthasar. Es ist ein „Gesamtakt des Menschen“, von dem nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament ausgeht. Diese Verbindung führt nicht zu einer Schwächung des Glaubens, sondern das Gegenteil tritt in Kraft 10 , es wird zu einer lebendigen Glaubensschau. 11 Die Wahrhaftigkeit der Gestalt, welches in unserem Fall Christus ist, kann in den konkreten Zeichen, welche er auf Erden begangen hat, erkannt werden. So kommt Balthasar zum Schluss, dass sein „Menschsein das Ergebnis seines Sendungsauftrages“ ist. 12 Dieses „Erkennen Gottes seiner Offenbarung in Christus“ führt also „tiefer in den Glauben“ hinein und nicht hinaus. 13 Es bleibt nicht nur ein Zeichen, sondern das Zeichen, wie gesagt, wird Gestalt, es ist die absolute Schönheit. Diese Schönheit strahlt und trifft uns ins Herz hinein, welches uns nicht mehr Gleichgültig lässt. Jesus, so wie der Prolog des Hebräerbriefes spricht, ist die Herrlichkeit, Doxa, das Abbild Gottes (vgl. Heb 1, 1-3). Dieser Christus ist also die
9 H 144.
10 Vgl. H 125.
11 Vgl. Hans Urs von Balthasar, Grundfragen der Mystik, 41.
12 Vgl. H 311.
13 H 125.
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Arbeit zitieren:
lic.theol. Daniel M. Bühlmann, 2007, Die Bedeutung der Glaubenserfahrung in Hans Urs von Balthasar, München, GRIN Verlag GmbH
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