Chorsingen heute
Inhalt
1 Vorüberlegungen und Planung 5
1.1 Ausgangspunkt der Arbeit 5
1.2 Lokale und inhaltliche Begrenzungen der Untersuchung. 5
2 Stand der Forschung. 6
2.1 In der Musikwissenschaft. 6
2.2 Forschung zu diesem Thema in anderen Bereichen 7
2.3 Statistiken "Chorsingen" 7
3 Grundfrage der Untersuchung 8
4 Durchführung der Untersuchung 8
5 Der Laienchor 9
5.1 Begriffsdefinition 9
5.2 Der Laienchor und seine Organisationsformen 10
5.3 Der Deutsche Sängerbund als Hauptträger des vereinsgebundenen
Laienchorwesens. 10
5.3.1 Entwicklung der Zielsetzung des DSB 11
5.3.2 Entwicklung des Anteils junger Menschen an der Sängerschaft
des DSB 12
5.3.3 Jugendliche im OSB 12
6 Ergebnisse der Befragung. 13
6.1 Erste Gruppierung der Befragten zu Untergruppen 13
6.2 Geschlechterverhältnis 13
6.3 Mitgliedschaft in Vereinen. 13
6.4 Persönliche Einstellung zum Singen. 14
6.5 Unterschiede in der Einstellung der Geschlechter zum Singen 15
6.6 Beeinflussung der Wahrnehmung durch das Verhältnis zum Singen 15
6.7 Beeinflussung der Eistellung zum Singen durch Musikunterricht 16
6.8 Musikvorlieben der Befragten 18
6.8.1 Frage "Welche Musik hören Sie?" 18
6.9 Musik in den Chören in Wunsch, Vorstellung und Realität 22
6.9.1 "Welche Musik müsste einem Chor gesungen werden, in dem Sie
mitsingen würden?" 22
6.9.2 Können Sie es sich vorstellen, in einem Chor mit zu singen? 24
6.9.3 Das Liedgut von Laienchören in der Vorstellung der Befragten. 25
6.9.4 Liedgut der befragten Chöre 25
7 Der Chor im Bewusstsein und Wissen von jungen Menschen. 26
7.1 Wissen über Chöre 26
7.1.1 Assoziationen mit Laienchor 26
7.1.2 Kenntnis von Chorarten 29
7.1.3 Kenntnis bestimmter Chöre 31
7.1.4 Besuch von Chorkonzerten oder Chorveranstaltungen 31
8 Berührungspunkte zwischen Chören und jungen Menschen 32
8.1 Möglichkeiten des Kontaktes zwischen Chören und Jungen Menschen. 32
2
Chorsingen heute
8.2 Einfluss der Berichterstattung in den Medien "Presse" und "Internet"
auf das Bild von Chören bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen 32
8.2.1 Chöre und Presse. 32
8.2.2 Chöre und Internet. 33
8.2.3 Reichweite der Selbstdarstellung in der Presse. 33
8.3 Möglichkeit der Mitgliederwerbung durch Anzeigen. 34
8.3.1 Anzeigenkampagne des Deutschen Sportbundes 34
8.3.2 Bekanntheitsgrad der Kampagne "Sport ist im Verein am schönsten" 35
8.3.3 Bewertung der Kampagne durch die Befragten 35
9 Außenwirkung der Chöre. 36
9.1 Das Konzert als Darstellungsmöglichkeit der Chöre. 36
9.1.1 Die optische Erscheinung 36
9.1.2 Die Musik 37
9.2 Zusammenarbeit der Chöre mit anderen Organisationen/Gruppen 37
9.3 Altersstruktur der befragten Chöre des OSB 38
9.4 Chorisches Angebot für junge Menschen 39
10 Zusammenfassung der Ergebnisse 40
10.1 Ergebnisse der befragten jungen Menschen 40
10.2 Ergebnisse der befragten Chöre. 40
11 Interpretation der Ergebnisse. 41
11.1 Verhältnis junger Menschen zum Laienchor. 41
11.2 Bereitschaft, in einem Chor mit zu singen 41
11.2.1 Gründe für die Ablehnung aus Sicht der Befragten 42
11.3 Funktion des Singens in Laienchören. 43
11.3.1 Aktivitäten eines Chores (am Beispiel dargestellt) 43
11.4 Singen - Musikalisches oder soziales Ereignis? 46
11.5 Konsequenzen für die Arbeit der Chöre. 46
11.5.1 Projektchöre und ihre Möglichkeiten. 47
11.5.2 Symptom- vs. Ursachenbekämpfung. 49
12 Fazit 51
12.1 Abschließende Betrachtung der Daten 51
12.2 Ausblicke auf die Zukunft. 52
12.3 Persönliche Rückschau 52
Nachtrag : 53
13 Statistische Daten zu Zeitungen. 54
14 Literaturliste. 57
15 Anhang 60
15.1 Fragebogen I 60
15.2 Fragebogen II - Chorfragebogen 68
Die Zitation der Internetquellen in den Fußnoten entspricht nicht dem heutigen Standard, da zum Zeit-
punkt der Erstellung dieser Arbeit im ersten und zweiten Quartal des Jahres 1999 zumindest für die
Universit ät Oldenburg noch kein allgemeiner Standard für das Zitieren von Internetquellen galt. Alle
Daten stammen aus den ersten beiden Quartalen 1999 zum größten Teil existieren die zitierten Sei-
ten nicht mehr, die Daten können aber von den entsprechenden Organisationen sicherlich noch ein-
geholt werden.
3
1 Vorüberlegungen und Planung
1.1 Ausgangspunkt der Arbeit
Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit war eine Anfrage des Ostfriesischen Sän-gerbundes(OSB)an den Fachbereich 2 der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Der OSB fragte, ob sich ein oder mehrere Mitglieder des Fachbereiches mit der Frage, welches Bild in der Öffentlichkeit von Laienchören und ihrer Arbeit besteht, beschäftigen wollten. Hintergrund dieser Anfrage ist der Umstand, dass sich 1998 im OSB eine Arbeitsgruppe gebildet hatte, die sich mit der drohenden Überalterung der Chöre und dem Nachwuchsmangel in weiten Bereichen des OSB befasste. Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe kamen zu der Erkenntnis, dass ohne statistische Daten über die Außenwirkung von Chören keine Strategien zur Steigerung der positiven Außenwirkung entwickeln ließen. Deswegen wurde an die Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und die Universität Lüneburg die schon erwähnte Anfrage gerichtet. Über Herrn Professor Dr. Walter Heimann und den Leiter des Hochschulchores der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, Herrn Manfred Klinkebiel, gelangte die Anfrage an mich. Ich selbst leite seit 1995 einen traditionellen Männerchor auf dem Land, wodurch ich die angesprochenen Probleme der Überalterung und des Nachwuchsmangels kenne. Da ich auch privat seit viele Jahren in Chören singe, habe ich das Angebot, dieses Thema zu einer Examensarbeit auszubauen, gerne angenommen.
1.2 Lokale und inhaltliche Begrenzungen der Untersuchung
Schon Eckhardt musste 1977 feststellen, dass es nicht möglich ist, Aussagen über Laienchöre (in seinem Fall Männerchöre) für ganz Deutschland zu treffen, da zum ersten keine statistischen Materialien zu nicht quantitativen Fragen vorlagen und vorliegen 1 . Aus dem wenigen Material lässt sich aber ablesen, dass die Situation der Laienchöre in den Regionen Deutschlands ganz verschieden ist. Deshalb bezieht sich meine Untersuchung nur auf den Einflussbereich des OSB, das heißt, auf das Gebiet Ostfrieslands, und auf den angrenzenden ammerländischstadtoldenburgischen Raum, in dem ich selbst lebe und musikalisch tätig bin. Bei der untersuchten Gruppe habe ich mich auf die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen beschränkt, wobei der Begriff junge Erwachsene auf die bis
1 Eckhardt, Andreas 1977: Männerchor - Organisation und Chorliteratur nach 1945
5
45jährigen ausgeweitet wurde. Diese Eingrenzung wurde vorgenommen, da der OSB sich nicht nur Gedanken um den Nachwuchs in den Chören macht, sondern auch um das Alter des Nachwuchses. Gemessen an dem Durchschnittsalter der Chöre im OSB erscheint mir ein Alter von 45 Jahren noch jung. (vgl. 9.3)
2 Stand der Forschung
2.1 In der Musikwissenschaft
Der Stand der Forschung zu dem Thema "Das Bild der Laienchöre bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen" lässt sich auf einen kurzen, provokativen Nenner bringen: Es gibt keinen! Abgesehen von einigen wenigen Untersuchungen wie z.B. über die Zukunft spezieller Chorarten in Baden-Württemberg 2 ist dieses Thema bisher nicht Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen oder Forschungsobjekten ge-worden. Es gibt zwar sehr vielfältige und gründliche Arbeiten über das Volkslied und seine Bedeutung, über den Liedbesitz der Deutschen 3 oder das Singen im Allgemeinen. Die Arbeiten, die sich mit Chören befassen, beschäftigen sich aber zumeist mit den intern ablaufenden Prozessen in Chören, mit der historischen Entwicklung bestimmter Chöre oder Chorverbände oder mit soziologischen Untersuchungen des Publikums. Es gibt aber offensichtliche keine größere Arbeit zur Klärung der Frage, wie die Chöre, insbesondere die Laienchöre, in der Öffentlichkeit wahrgenommen und bewertet werden. So hat z.B. Klusen in seiner groß angelegten Untersuchung über den aktiven Liedschatz der Deutschen von 1974 die Thematik "Singen im Chor" nur kurz gestreift. In seinem Werk Singen - Materialien zu einer Theorie 4 geht er auf Chöre nur noch im Rahmen seiner Darstellung von Primär- und Sekundärgruppen ein. Auf diese Termini werde ich mich nicht weiter beziehen, da sie in ihrer Abstraktheit den Rahmen der Diskussion meiner zu Grunde liegenden Frage überschreiten würden. In der abschließenden Schlussbetrachtung werde ich aber noch einmal auf die Funktion des Singens in Laienchören zu sprechen kommen.
2 Vgl. Troge, Thomas Alexander 1988: Gesangvereine - ohne Zukunft? Eine empirische Untersuchung
über die Nachwuchssituation der Gesangvereine am Beispiel des Enzkreises und seiner Umgebung.
3 Klusen, Ernst 1974: Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland. Band I: Der Um-
gang mit dem Lied
4 Klusen, Ernst: Singen. Materialien zu einer Theorie. Regensburg: Gustav Bosse Verlag 1989
6
2.2 Forschung zu diesem Thema in anderen Bereichen
Während die Frage nach der Wahrnehmung von Laienchören, ihrer Position in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen durch die Musikwissenschaft offensichtlich noch nicht gestellt, geschweige denn beantwortet worden zu sein scheint, wird im Bereich des Sports schon länger an diesem Thema gearbeitet. So befinden sich allein im Bestand der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg siebenundzwanzig Werke, die sich explizit mit der Zukunft des Breitensports, seiner Bedeutung für und in der Gesellschaft oder den Beziehungen zwischen Sportverein und Jugend im engeren und im weiteren Sinne beschäftigen. Diese Werke umfassen Arbeiten von den frühen sechziger Jahren bis in die späten neunziger Jahre. Demgegenüber finden sich unter den Suchstichwörtern "Musik" und "Jugend" nur zwei Werke. 5
2.3 Statistiken "Chorsingen"
Um zu erforschen, welches Bild Jugendliche und junge Erwachsene von Chorsingen und Laienchören haben, ist es notwendig, sich einen Überblick über den aktuellen Stand des Laienchorwesens zu verschaffen 6 . Problematisch dabei ist, dass sich das organisierte Laienchorwesen in Deutschland in viele Verbände und Gruppen zersplittert. Beim Statistischen Bundesamt werden nur Statistiken über die Kultur in Deutschland im Allgemeinen geführt. In diesen Statistiken wird nur der Deutsche Sängerbund (im folgenden DSB) mit Mitgliederzahlen geführt. Diese Zahlen werden nicht weiter aufgeschlüsselt. Deshalb beziehe ich mich bei statistischen Angaben in der Regel auf Heribert Allen, der 1995 im Auftrage der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände (ADC) zum ersten Mal eine Statistik über Mitgliederstand, Geschlechterverhältnis, Jugend in den Verbänden etc. und die Entwicklung dieser Items in den letzten Jahrzehnten vorgelegt hat 7 . Allen bemerkt dazu: " Berichte zur Situation der Laienmusikvereine stellen bislang die Lage mit verallgemeinerten Einzelbeobachtungen dar, weil eine allgemeine Statistik fehlt." (Allen: 1995: 10) Dieser Mangel an statistischem Material und an Interpretationen des wenigen vorhandenen ist schon 1993 dem Bundesministerium für Familie und Senioren aufgefallen. In einer
5 Kurz vor Drucklegung dieser Arbeit hat der DSB zusammen mit anderen Partnern eine Stiftung
"Chorfoschung" gegründet, die sich mit der wissenschaftlichen Erforschung des Laienchorwesens
befassen wird.
6 Zur Definition des Begriffs Laienchorwesen vgl. Allen, Heribert 1995: Chorwesen in Deutschland. pp
33 ff.
7 Allen, Heribert: Chorwesen
7
Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Freizeit im Auftrag des Ministeriums 8 wurde festgestellt, dass "... nur für wenige Vereinsbereiche [auch das Chorwesen (Anmerkung von mir)] Langzeitvergleichsdaten vor[liegen]." Meine Untersuchung soll (wie von Allen angeregt) 9 an seine Untersuchung, die sich auf die Beantwortung quantitativ-statistischer Fragen konzentriert, anschließen.
3 Grundfrage der Untersuchung
Die Frage, die dieser Untersuchung zu Grunde liegt, ist, welches Bild junge Menschen von Laienchören haben und wie sich das auf die Nachwuchssituation undentwicklung auswirkt.
Auf der einen Seite steht die Tatsache, dass die Mitgliederzahlen in den Chorverbänden bundesweit von Jahr zu Jahr steigen. Demgegenüber steht die Erfahrung vieler Chöre, dass die Mitgliederzahlen stagnieren oder sinken, und dass das Durchschnittsalter der Singenden immer mehr steigt. Dieses scheinbare Paradox erklärt sich dadurch, dass es durchaus Regionen in Deutschland gibt, in denen die Laienchöre zumindest in Hinblick auf Nachwuchs deutlich weniger Probleme haben, als es in der untersuchten Region Ostfriesland der Fall ist.
4 Durchführung der Untersuchung
Um in dem für die Durchführung dieser Untersuchung relativ kurzen zur Verfügung stehenden Zeitraum eine ausreichende Menge an Rohdaten zu bekommen, wurde das Mittel der Fragebogenbefragung gewählt. Mittels eines elfseitigen Bogens 10 sollten die für die Untersuchung erforderlichen Daten erhoben werden. Diese Daten sollten aus Gründen der Arbeitsökonomie an Schulklassen klassenweise erhoben werden. Um einen möglichst breiten Querschnitt der Zielgruppe zu erreichen, sollten Klassen an gymnasialen Oberstufen, an Abendschulen und an Berufsschulen befragt werden. Diese Idee konnte aber so nicht umgesetzt werden, da die Bezirksregierung Weser-Ems als Obere Schulbehörde um Genehmigung der Umfrage an Schulen ge- 8 DeutscheGesellschaft für Freizeit (Hrsg.): Vereinswesen in Deutschland - Eine Expertise im Auftrag
des BmfFS, 1993 Stuttgart, p 19
9 Allen, p 32
10 Musterbogen im Anhang
8
beten werden muss. Diese Genehmigung oder eine Antwort auf meinen Antrag auf Genehmigung meines Vorhabens stand bis zur Drucklegung dieser Arbeit aus. Deswegen konnte nur an einer Schule in Ostfriesland eine Befragung von Schulklassen durchgeführt werden, da der Schulleiter und der Oberstufenkoordinator mir die Durchführung auf ihre Verantwortung hin gestattet haben. Aus diesem Grund verzichte ich auf die Nennung des Namens der Schule.
Die restlichen Daten wurden in meinem persönlichen Umfeld erhoben, wobei ich versucht habe, trotzdem einen möglichst breiten Querschnitt der Zielgruppe zu erreichen.
Parallel dazu habe ich 100 Chöre des OSB über ihre Struktur, ihr Liedgut und ihre Zusammenarbeit mit anderen Organisationen befragt 11 . Von den 100 Chören haben 39 innerhalb der Datenerhebungsphase geantwortet 12 .
5 Der Laienchor
5.1 Begriffsdefinition
Der Begriff Laienchor ist kein eigenständiger Eintrag im Lexikon 13 der deutschen Sprache, sondern leitet sich ab von den Begriffen Laie und Chor. Ein Chor wird im heutigen Sprachgebrauch lexikalisch beschrieben als die "Gemeinschaft von Sängern im gemeinsamen Vortrag einer Komposition bei mehrfacher Besetzung der Einzelstimme" 14 . Der Begriff Laie wird definiert als "Nichtfachmann" oder "Unkundiger" 15 , wobei der Begriff im umgangssprachlichen Gebrauch auch als Gegensatz zu Profi, also im Sinne von "nicht professionell" verwendet wird. Dennoch bleibt eine Mehrdeutigkeit, denn "nicht professionell" wird sowohl als "auf niedrigem Niveau", als auch als "nicht dem Haupterwerb dienend" interpretiert.
11 Die Befragung erfolgte mittels eines Fragebogens (siehe Anhang.
12 Diese Zahl erhöhte sich nach Abschluss der Datenerhebungsphase auf 42. Allerdings wichen die
Antworten der zusätzlichen Chöre nicht vom Gesamtbild ab, so dass auf die nachträgliche Einarbei-
tung der Daten verzichtet wurde
13 Lexikon: Gesamtheit der Worte und Begriffe einer Sprache, inklusive der dazu gehörenden Informa-
tionen, wie die Phonetik oder die Morphologie. Nicht zu verwechseln mit Lexikon im Sinne von Wör-
terbuch/Nachschlagewerk!
14 zitiert aus: Meyers Taschenlexikon der Musik, Mannheim/Wien/Zürich 1984
15 zitiert aus: Das neue deutsche Wörterbuch für Schule und Beruf, München 1996
9
5.2 Der Laienchor und seine Organisationsformen
Laienchöre im Sinne der Definition kommen in allen Besetzungsarten vor. Allen zufolge haben Laienchöre in Deutschland durchschnittlich 30 aktive Mitglieder 16 , die in der Regel einmal die Woche zwei Stunden proben. Für gewöhnlich handelt es sich bei den Chören um Vereine oder um Gruppen mit vereinsartiger Struktur (Vorstand, Kassenwart etc.). Der Chorleiter/die Chorleiterin ist für die Gestaltung und den Inhalt der musikalischen Arbeit allein verantwortlich 17 .
Es besteht die Möglichkeit für Chöre, sich einem Chorverband anzuschließen. Die Mitgliedschaft in einem solchen Verband ist abhängig von der musikalischen und formalen Ausrichtung des Chores. So kann z.B. ein Chor nur dann Mitglied im Ver-band Deutscher Konzertchöre werden, wenn das Niveau der Musik und die Art der Darbietung einem bestimmten Level entsprechen.
Da der OSB, auf dessen Anregung und mit dessen Unterstützung diese Untersuchung durchgeführt wurde, eine Unterorganisation des Deutschen Sängerbundes ist, werde ich mich im Folgenden mit dem DSB näher befassen.
5.3 Der Deutsche Sängerbund als Hauptträger des vereinsgebundenen
Laienchorwesens
Der Deutsche Sängerbund stellt mit einer Mitgliederzahl von derzeit mehr als 1,8 Millionen die größte Kulturorganisation der Welt dar. Dem DSB gehören derzeit 21577 Chöre, Instrumentalgruppen und andere Organisationen an. (Da diese Gruppen in der Regel Vereine [eingetragene und nicht eingetragene] sind, verwende ich im Weiteren für dem DSB angehörende Gruppen den Begriff Verein.) Von den rund 1,8 Millionen Mitgliedern sind 608011 aktive Sänger, 94242 Personen sind Mitglied von Instrumental- und Tanzgruppen, der Rest sind fördernde, also passive Mitglieder. Diese Mitglieder sind in momentan 21577 Chören und Gruppen, davon 456 Instrumental- und Tanzgruppen organisiert. Der DSB gliedert sich in aktuell 370 Sängerkreise in 26 sogenannte Bünde 18 .
Auch wenn es in Deutschland noch weitere Chorverbände gibt, so ist der DSB doch der wichtigste unter ihnen. Die anderen Chorverbände sind in Bezug auf die Art und Struktur ihrer Mitgliedschöre im Vergleich zu DSB deutlich enger definiert. So sind
16 Allen: Chorwesen p 76
17 siehe: Deutscher Sängerbund: Jahrbuch des Deutschen Sängerbundes 1999, Köln: Eigenverlag, p
50
18 Alle statistischen Angaben: Jahrbuch des Deutschen Sängerbundes 1999; pp 106 ff.
10
z.B. im Allgemeinen Cäcilienverband (AVC) nur die deutschen katholischen Kirchenchöre organisiert. Dieser Chorverband ist deshalb relativ klein. Da des DSB das Ziel hat, "... den Chorgesang als kulturelle Gemeinschaftsaufgabe zu pflegen und zu fördern" 19 , und der DSB auch außer dem Bekenntnis zur Satzung des DSB und zu ihren Zielen keine weiteren Bedingungen an eine Mitgliedschaft knüpft, kann der DSB meines Erachtens nach als Hauptträger des organisierten Lai-enchorwesens 20 in Deutschland angesehen werden.
5.3.1 Entwicklung der Zielsetzung des DSB
Der DSB wurde 1862 in Coburg gegründet. Satzungsgemäßes Ziel war "... die Ausbildung und Veredlung des deutschen Männergesangs" 21 . Seine Aufgabe sah der DSB darin, "durch die dem deutschen Liede innewohnende einigende Kraft [...] die nationale Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme [zu] stärken und an der Einheit und Macht des Vaterlandes mit [zu] arbeiten" 22 . Da zu jener Zeit kein einheitlicher deutscher Nationalstaat existierte, spiegelt dieser Satzungspunkt das Bedürfnis vieler Menschen der damaligen Zeit nach einem geeinten Deutschen Reich wieder. Damit war der DSB im Grunde ein politischer Verband mit deutlichen Zielen. Nach der Reichsgründung in Folge des Deutsch - Französischen Krieges 1870/71 gab es konsequenterweise auch Stimmen innerhalb des DSB, die die satzungsgemäße Selbstauflösung des Verbandes forderten 23 .
Der Deutsche Sängerbund hatte schon damals den Anspruch, "die Interessen der Gesamtheit der deutschen Sänger" 24 zu vertreten. Die Fixierung auf das "deutsche Lied" bzw. auf den "deutschen Chorgesang" wurde erst in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts aufgegeben 25 . Heute ist an der entsprechenden Stelle der aktuellen Satzung nur noch die Rede davon, "den Chorgesang als kulturelle Gemeinschaftsaufgabe zu erhalten und zu fördern" 26 . Trotz aller Änderungen der Ziele und Selbstbestimmungen des DSB und seiner Arbeit ist das Singen als solches nicht der
19
Satzung des DSB, § 2. ebd. pp 28 ff.
20 Zur Definition des Begriffs Laienchorwesen: vgl. Allen, Heribert: Chorwesen in Deutschland. Statistik
Entwicklung Bedeutung, Viersen, 1995, pp 33 ff. Die dort gegeben Definition von Chorwesen kann
m.E. nach problemlos auf den Begriff Laienchorwesen übertragen werden.
21 Satzung des DSB von 1862; zitiert in: Eckhardt, Andreas: Männerchor. Organisation und Chorlitera-
tur nach 1945, pp 20 ff.
22 ebenda.
23 vgl. Kötzschke, Richard: Geschichte des deutschen Männergesangs: hauptsächlich des Vereinswe-
sens, 1926
24 Satzung des DSB von 1862; zitiert in: Eckhardt 1977
25 Satzung des DSB 1975, zitiert in: Eckhardt, p 28
26 Jahrbuch des Deutschen Sängerbundes 1999, p 28
11
zentrale Kern der Arbeit des DSB: Das Singen geschieht (zumindest in der Theorie) nicht um des Singens willen oder aus reiner Freude am Gesang, sondern geschieht, um den Chorgesang als Kulturgut zu pflegen und zu fördern. Damit ist der zentrale Gegenstand der Arbeit des DSB kulturpolitisch definiert. In wie weit sich das auf die Arbeitsweise und die Außenwirkung der im DSB organisierten Chöre niederschlägt, werde ich noch darlegen.
5.3.2 Entwicklung des Anteils junger Menschen an der Sängerschaft des DSB
Obwohl die Mitgliederzahl des DSB sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesteigert hat (sowohl passive, als auch aktive Mitglieder), ist der Anteil Jugendlicher und junger Erwachsener in der gleichen Zeit deutlich gesunken. Waren 1965 noch 24,3% 27 der Mitglieder des DSB Jugendliche und junge Erwachsene, so ist dieser Anteil im Jahr 1999 auf 17,7% 28 zurückgegangen. Berechnet man nur den Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 27 Jahre an den sog. "Erwachsenenchören" (Begriff des DSB), das heißt, an Chören, die ausdrücklich keine Kinder-oder Jugendchöre sind, so ergibt sich ein Wert von rund 3,3%. Die Werte in den einzelnen Landesverbänden und ihren Unterorganisationen liegen zum Teil noch weit darunter. Die Aussage, dass "... Kinder und Jugendliche [...] in Scharen [kommen]" 29 , entspringt wohl mehr einem Wunschdenken denn der Wirklichkeit.
5.3.3 Jugendliche im OSB
Nach Angaben des OSB kommen auf derzeit (1999) 3623 aktive Sänger und Sängerinnen über 27 Jahre in den Erwachsenenchören 36 Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahre, das heißt, weniger als ein Prozent der Mitglieder der Erwachsenenchöre sind unter 27 Jahre alt. Rechnet man die 190 Kinder in Kinderchöre noch mit ein, so ergibt sich ein Wert von rund 5,9%. Heribert Allens Untersuchung zufolge beträgt dieser Wert für den gesamten DSB 15,6% im Jahre 1993 30 . Der OSB liegt damit weit unter dem Durchschnitt.
27 Zahl nach Allen: Chorwesen , p 78
28 Zahl berechnet nach Angaben in: Jahrbuch des Deutschen Sängerbundes 1999
29 Lamprecht, P.: Unendliche Geschichte? , in Lied und Chor 3/1994, p 3; zitiert in: Allen: Chorwesen,
p 11
30 Allen, Heribert: Chorwesen in Deutschland, p 78
12
6 Ergebnisse der Befragung
6.1 Erste Gruppierung der Befragten zu Untergruppen
Erster Arbeitsschritt der Auswertung der Ergebnisse war eine Einteilung der Befragten in zwei Gruppen mit jeweils drei Untergruppen: Neben der Einteilung in die Gruppe der gerne und der nicht gerne Singenden wurden die Befragten danach sortiert, ob sie eine überwiegend positives, überwiegend negatives oder neutrale Einstellung zu Laienchören haben. Dazu habe ich die Antworten, bei denen eine freie Antwort zu geben war, dahingehend ausgewertet, ob sie eher negativ, positiv oder neutral waren. Ausgangspunkt dieser Sortierung war die Annahme, dass die Mitglieder dieser Gruppen ein unterschiedliches Antwortverhalten zeigen würden. Wie ich in den folgenden Kapiteln darlegen werde, war diese Annahme berechtigt.
6.2 Geschlechterverhältnis
Von 116 Befragten Personen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren waren 59 weiblich und 57 männlich.
6.3 Mitgliedschaft in Vereinen
In der Gruppe der Personen, die nicht gerne singen, sind 16 Personen Mitglied in einem oder mehreren Vereinen. Sie sind zwischen einem und fünfzehn Jahren (im Durchschnitt ca. 8,5 Jahre) Mitglied in diesem/n Verein/en. Sie wenden für ihre/n Verein/e zwischen 0,5 und 13 Stunden in der Woche auf; das sind im Durchschnitt ca. 6,5 Stunden/Woche.
In der Gruppe der gerne Singenden sind 30 Personen Mitglied in Vereinen. Die Mitgliedschaftsdauer beträgt zwischen einem und dreißig Jahren (im Durchschnitt 8,9 Jahre). Rechnet man zwei statistische "Ausreißer" (Mitgliedschaftsdauer 27 bzw. 30 Jahre) heraus, so ergibt sich eine durchschnittliche Mitgliedschaftsdauer von ca. 7,5 Jahren. Auf den Wert der in der Woche durchschnittlich für den Verein aufgewendeten Zeit hat diese statistische Bereinigung keinen Einfluss: Der Wert beträgt in beiden Fällen ca. 4,7 Stunden/Woche.
13
Insgesamt beträgt die Dauer der Vereinsmitgliedschaft im Durchschnitt 8,8 Jahre. Es werden im Durchschnitt ca. 5,5 Stunden in der Woche für den Verein aufgewendet.
Da in beiden Gruppen ca. 40% der Befragten angeben, Mitglied in einem oder mehreren Vereinen zu sein, ist es meines Erachtens nach nicht notwendig, bei der Betrachtung dieses Datenpunktes hinsichtlich des Kriteriums "singt gerne/nicht gerne" zu unterscheiden. Die weit verbreitete Ansicht, junge Menschen wären heutzutage nicht mehr bereit, sich in einem Verein zu engagieren, oder sich längerfristig an eine Organisation zu binden, lässt sich zumindest für die Gruppe der befragten Personen in dieser kategorischen Form nicht aufrecht erhalten. Bis auf wenige Ausnahmen (Orchester; Förderverein Kindergarten; CVJM; Fanclubs einiger Bands; sechs Personen singen in einem Chor) beziehen sich die Mitgliedschaften jedoch ausschließlich auf Sportvereine oder Vereine, deren Hauptbetätigungsfeld der Sport oder sportähnliche Beschäftigungen sind. Die eingangs erwähnten Probleme des Laienchorwesens in der ostfriesisch-oldenburgischen Region dürften sich also auch auf andere Bereiche der vereins- oder verbandsorganisierten Tätigkeiten außer dem Sport beziehen. Da mir aber zu dieser Fragestellung keine Daten vorliegen, kann hier nur gemutmaßt werden. Diese Frage sollte in einer weiterführenden Arbeit behandelt werden; in dieser Arbeit werde ich darauf nicht weiter eingehen.
6.4 Persönliche Einstellung zum Singen
Die erste Frage, nach deren Beantwortung die Befragten später sortiert worden sind, ist die Frage, ob der/die Befragte gerne singt. Auf diese Frage antworteten 75 Personen mit ja, 41 mit nein.
Abb. 1: Verhältnis von gerne Singenden zu nicht gerne Singenden
14
Arbeit zitieren:
Thomas Kämpfer, 1999, Chorsingen heute - Eine Untersuchung über das Bild von Laienchören bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Thomas Kämpfer hat einen neuen Text hochgeladen
Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Erscheinungsformen, Verlauf un...
Nina Müller
Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland
Lebensverhältnisse, Werte und ...
Martina Gille, Wolfgang Gaiser, Sabine Sardei-Biermann, Johann de Rijke
Motivierende Gesprächsführung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Sylvie Naar-King, Mariann Suarez
Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
Hans-Christoph Steinhausen
Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und...
Ein Ratgeber für Betroffene un...
Paul Wender, Frank Badura
ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
Symptome, Ursachen, Diagnose u...
Cordula Neuhaus
0 Kommentare