Inhaltsverzeichnis
Textreflexion „Konstruktivistische Medientheorien“ 1
Das Individuum und seine Umwelt. 2
Konstruktivismus und andere Theorien 2
Konstruktivismus im Kontext der Medienwirklichkeit 4
Literatur 5
I
Textreflexion „Konstruktivistische Medientheorien“
Mit dem Text „Konstruktivistische Medientheorien“ erstellt der Autor Stefan Weber einen übersichtlichen Abriss zur Theorie und Entwicklung des Konstruktivismus. Zu Beginn des Textes wird anhand der Vertreter vom Konstruktivismus auf die geschichtliche Entwicklung eingegangen und der Grundgedanke skizziert: Wird die Realität von uns gebildet oder ist sie bereits vorhanden? In diesem Zusammenhang stellt er den Realismus (Theorie des Gegebenen) gegenüber dem Konstruktivismus (Theorie des Erzeugten). Als wichtigste Vertreter werden Wissenschaftler aus den Bereichen Philosophie, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften genannt.
Im nächsten Teil des Textes setzt sich Weber mit den Grundbegriffen und Modellen auseinander. Zu den Grundbegriffen zählt er: „Beobachter, Wirklichkeit versus Realität, Konstruktion“ (Weber 2003, 184) und ergänzt diese weiterführend mit „Autopoiesis, Autokonstitution, strukturelle Kopplung, operationale Geschlossenheit, semantische Selbstreferentialität, Viabilität“ (Weber 2003, 185). Bei den Modellen greift er unter anderem das Erkenntnismodell von Gerhard Roth auf, das aus Körperwelt, Ichwelt und Umwelt besteht, die, von einem als realen gegebenen Gehirn aus, differenziert werden. Abschließend beschäftigt sich Weber mit der theoretischen und empirischen Anwendung in der Medienwissenschaft und differenziert dabei interpersonelle Kommunikation, Journalistik und Massenmedien. (Vgl. Weber 2003, 180-197)
Nach diesem Abstract wird jetzt anhand des Basistheorems vom Konstruktivismus: „Menschen konstruieren ihre Wirklichkeit subjektiv und eigenverantwortlich“ (Merten 1995, 9) der Bereich vom Individuum und seiner Umwelt näher behandelt. Anschließend werden Verbindungen zu anderen Theorien erstellt und Vergleiche gezogen. Am Ende wird der Konstruktivismus im Kontext der Medienwirklichkeit reflektiert. Die daraus entstehenden Fragen werden in dieser Arbeit Antwort finden - oder auch nicht.
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Das Individuum und seine Umwelt
Ist der Konstruktivismus ein Fluch oder ein Segen?
Grundsätzlich hat jeder Mensch die Möglichkeit seine eigene Wirklichkeit zu bilden - diese zu erweitern, ergänzen oder zu verändern. Durch diese Annahme könnten Menschen drei Eigenschaften besitzen: Erstens wären sie frei. Denn mit dem Wissen über die Wirklichkeit bestimmen zu können, kann man sie jederzeit ändern. Damit ergibt sich automatisch die zweite Eigenschaft: Verantwortung. Wenn jemand begriffen hat, dass er seine eigene Wirklichkeit bestimmt - bestimmt er zugleich den Pfad seines Gewissens. (Vgl. Watzlawick 1994, 74f) Als Autohersteller wäre es beispielsweise einfacher und kostensparend, wenn man auf langwierige Sicherheitstests verzichten würde. Erst der ethische Grundgedanke wird den Konstrukteur anspornen, mit größtem Einsatz ein sicheres Auto zu bauen; hängt doch von seiner Verantwortung das Leben andere ab. Die dritte Eigenschaft wäre ein versöhnliches, auf Harmonie ausgerichtetes Verhalten, nach der ständigen Suche des gemeinsamen Konsenses (vgl. Watzlawick 1994, 75). Diese Annahme von Watzlawick entspricht ungefähr der des wahren Konsenses von Habermas: Theoretisch ist es möglich; es lässt sich praktisch kaum finden. Watzlawick ist dieser Umstand bewusst: „Natürlich gibt es solche Menschen sehr, sehr selten. Ich habe in meinem Leben zwei getroffen, die vermutlich an dem Punkt angekommen waren.“ (Watzlawick 1994, 75)
Die Frage, ob der Umstand - wenn jemand begriffen hat, dass er seine eigene Wirklichkeit konstruieren kann - zum Fluch oder ein Segen wird, hängt somit von der Wirklichkeit ab, die er sich zum Zeitpunkt der gestellten Frage konstruiert.
Konstruktivismus und andere Theorien
„Im Scheitern einer Hypothese über die Wirklichkeit erfahren wir, daß diese Hypothese falsch ist.“ (Watzlawick 1991, 34) Diese Aussage Watzlawicks bezieht sich auf die Theorie von Glasersfeld bei der man bestenfalls über die Wirklichkeit das wissen kann, was sie nicht ist. Aus der Sicht der Evolutionstheorie stirbt eine Gattung dann aus, wenn sie sich an die Begebenheit ihrer Wirklichkeit nicht mehr anpassen kann. Damit bezieht sich Glasersfeld auf Darwins Begriff: „survival of the fittest“ und stellt fest, dass nicht der Tüchtigste - wie angenommen - überlebt, sondern derjenige, der sich anpassen kann; „fit“ im Sinne von
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„passen“. (Vgl. Watzlawick 1991, 34f) Das bedeutet: Konstruktionen bleiben so lange erhalten, bis sie nicht mehr passen. Oder anders: Wirklichkeiten verändern sich erst, wenn sie keinem Geltungsanspruch mehr nachkommen. Womit sich eine längst überfällige Frage stellt: Kann man etwas über die wirkliche Wirklichkeit erfahren?
Das Falsifikationsprinzip von Popper beschreibt in diesem Zusammenhang, dass man nur dann über die wirkliche Wirklichkeit etwas erfahren kann, wenn die Methode zur Erforschung dieser Wirklichkeit zusammenbricht - womit gemeint ist, dass die wissenschaftliche Erkenntnissuche stehen bleibt. (Vgl. Girgensohn-Marchand 1992, 88) Um hier nicht in einer Sackgasse zu landen, sollten wir nach der Voraussetzung fragen, die es uns überhaupt ermöglicht, eine Wirklichkeit zu konstruieren.
Ein Aspekt des Konstruktivismus in diesem Kontext ist die Selektivität (vgl. Merten 1995, 8). Erst wenn man in der Lage ist etwas Auszuwählen ist man auch in der Lage etwas zu konstruieren. Das führt weitergehend zu kognitiven Mechanismen (Einstellung, Erwartung, Erinnerung) und zur Kognitionstheorie. Diese beschäftigt sich damit, wie Menschen zu ihren Erkenntnissen kommen - die Erkenntnistheorie hingegen wie man damit umgehen sollte (vgl. Girgensohn-Marchand 1992, 90).
Der Erkenntnistheoretiker Maturana beschreibt den Vorgang des Erkennens als „interne Selbstorganisation des Nervensystems“ und versteht Kognition somit als aktiven Aufbau und nicht als Abbildung einer Welt (vgl. Weber 2003a, 180). Damit ergeben sich zwei weitere Verbindungen: Die erste führt uns zur Theorie „Tabula rasa“. Dabei kommt der Mensch ohne Eindrücke oder Vorstellungen auf die Welt, sondern baut diese erst aktiv auf (vgl. Lexirom: Tabula rasa, 2000). Die zweite Theorie deckt sich mit der Systemtheorie von Luhmann: Ein geschlossenes System, das sich selbst reproduziert. Verfolgen wir die Systemtheorie von Luhmann weiter kommen wir zum binären Code; etwas gehört zu einem System und etwas Anderes nicht (vgl. Weber 2003, 210).
Damit befinden wir uns wieder bei der konstruktivistischen Perspektive der Selektivität. Was zu einem System gehört und was nicht, entscheidet der Beobachter. Womit wir zugleich vor dem Problem einer logisch-mathematischen Paradoxie stehen: „Die Klasse aller Klassen, die sich nicht selbst als Element enthält.“ Wenn mehrere Objekte die gleiche Eigenschaft haben bilden sie eine Klasse. Das bedeutet: Alle Sonnenblumen bilden die Klasse der
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Sonnenblumen. Durch die Konstruktion dieser Klasse werden alle anderen Objekte zu Nicht-Sonnenblumen, da sie die gemeinsame Eigenschaft haben, keine Sonnenblumen zu sein. (Vgl. Watzlawick 2000, 174) Entscheidend hierbei ist, dass eine Sonnenblume nicht gleichzeitig eine Nicht-Sonnenblume sein kann. Am folgenden Beispiel soll gezeigt werden, dass damit eine paradoxe Handlungsaufforderung einhergeht. Ein Briefträger bringt aufgrund seines Berufs allen Nicht-Briefträgern die Post - ebenso sich selbst. Damit gehört er zur Klasse der Briefträger und der Nicht-Briefträger.
Wenn Selektivität die Voraussetzung für den Konstruktivismus ist, dazu aber in Verbindung mit der Systemtheorie von Luhmann (binärer Code) nicht immer die Möglichkeit besteht, ist somit nicht jeder Mensch in der Lage seine eigene subjektive Wirklichkeit zu konstruieren;
das Basistheorem: „Es gibt so viele Wirklichkeiten wie es Menschen gibt“ ist widerlegt. Dass diese Annahme richtig ist lässt sich sehr einfach beweisen, denn: Es ist meine Meinung - meine konstruierte Wirklichkeit.
Konstruktivismus im Kontext der Medienwirklichkeit
Eine andere Art der Selektivität finden wir bei Informationsüberlastung in der Funktion des „gate-keepers“ (vgl. Merten 1995, 8) In unserem Fall sind es Journalisten, die entscheiden, was veröffentlicht wird und was nicht. Eine weitere Aufgabe des Journalisten ist es über die Wirklichkeit zu berichten. „(…) in den journalistischen Beschreibungen der Realität diese sozusagen abzubilden und sie so zu beschreiben, ‚wie sie ist’.“ (Bentele 1993, 157) Ein Problem in diesem Kontext ist, dass die Wirklichkeit sich immer mehr in Richtung der Berichterstattung bewegt und damit ein Ereignis durch eine Berichterstattung entstehen kann (vgl. Weber 1995, 25).
Unterstützung bekommen die Journalisten dabei von den PR-Stellen. Eine Hauptaufgabe der Public Relations ist es, Wirklichkeiten zu konstruieren. Diese Berufsgruppe ist durch die Nachfrage von erfundenem Wissens- und Glaubensstrukturen entstanden (vgl. Merten 1995, 11). „Public Relations antwortet auf dieses neuzeitliche Erfordernis, indem sie sich professionell auf die Konstruktion wünschenswerter (positiv getönter) Images einrichtet.“ (Merten 1995, 11) Mit dieser Annahme ist der Konstruktivismus ein täglicher Begleiter unserer eigenen Wirklichkeit.
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Literatur
x Bentele, Günter/Rühl, Manfred (1993). Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven. München: Ölschläger.
x Girgensohn-Marchand, Bettina (1992). Der Mythos Watzlawick und die Folgen: eine Streitschrift gegen systemisches und konstruktivistisches Denken in pädagogischen Zusammenhängen. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.
x Merten, Klaus (1995). Konstruktivismus als Theorie für die Kommunikationswissenschaft. Eine Einführung. In: Medien Journal 4/1995.
x Microsoft LexiRom 4.0 (2000).
x Watzlawick, Paul/Kreuzer Franz (1991 3 ). Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit. Ein Gespräch über den Konstruktivismus. München: R. Piper.
x Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D. (200010). Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Seattle: Huber.
x Watzlawick, Paul (1994 3 ). Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns. Wien: Picus-Verlag.
x Weber, Stefan (2003). Konstruktivistische Medientheorien. In: Weber, Stefan (Hrsg.). Theorien der Medien. Konstanz: UVK, 180-201.
x Weber, Stefan (2003a). Systemtheorien der Medien. In: Weber, Stefan (Hrsg.). Theorien der Medien. Konstanz: UVK, 202-223.
x Weber, Stefan (1995). The Message Makes the Event. Zur Richtung des Denkens in konstruktivistischen Medientheorien. In: Medien Journal 4/1995.
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Arbeit zitieren:
Christoph Egger, 2006, Konstruktivismus kompakt, München, GRIN Verlag GmbH
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