SHORT CUTS -
STRATEGIEN EINES FILMS OHNE HAUPTFIGUR
Inhalt
Einleitung 2
1. Das klassische Modell mit Hauptfigur 2
2. Das Figurenmosaik in Short Cuts 4
3. Einheit von Zeit und Ort 5
4. Einheit der Handlung - Vernetzung der Figuren 6
Schluss 10
Bibliographie 12
Appendix: Besetzungsliste von Short Cuts 13
Einleitung
Diese Arbeit soll am Beispiel von Robert Altmans Short Cuts die wichtigsten Probleme aufzeigen, die ein Film ohne Hauptfigur mit sich bringt und Strategien zur Lösung dieser Probleme in Short Cuts untersuchen. Als Vergleichsbasis soll dazu zuerst das gängige Modell des klassischen Hollywood dargestellt werden, also Filme mit Hauptfigur. In einem nächsten Schritt werde ich die Figurenkonstellation in Short Cuts diesem Modell gegenüberstellen und die Schwierigkeiten eines Films ohne Hauptfigur diskutieren. Der Hauptteil der Arbeit untersucht die Strategien, die Altman zur Lösung dieser Probleme anwendet. Dabei geht es hauptsächlich um Vereinheitlichung auf den Ebenen Zeit, Raum und Handlung. Die Einheit der Handlung wird, wie ich zeigen werde, hauptsächlich durch die Vernetzung der Figuren erreicht. Bei der Untersuchung dieses Figurenmosaiks werde ich zwei Arten von Verbindung unterscheiden: kohäsive und kohärente Verbindungen. Diese beiden Begriffe sind der Textlinguistik entnommen, es scheint mir aber sinnvoll zu sein, diese auch auf filmische Narration anzuwenden. Die beiden Begriffe sollen hier folgendermassen definiert sein: Kohäsion schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher oder gleicher Elemente auf der Oberflächenstruktur. Beim schriftlichen Text wären dies Mittel wie Wortwiederholung, Synonyme oder Pronomen. Im Film sind wiederkehrende Figuren oder Orte kohäsive Elemente. Kohärenz schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher Elemente in der Tiefenstruktur. Im Text wie im Film entspricht dies der wiederholten Referenz auf ein Thema, logischen Verknüpfungen und Kausalität.
1. Das klassische Modell mit Hauptfigur
Im klassischen Hollywoodfilm dominiert die Hauptfigur den Plot und damit den Film, da der Film seinerseit den Plot ins Zentrum stellt. Der Held oder Antiheld (oft ist er männlich) ist die Figur, die am meisten und längsten auf der Leinwand präsent ist. Diese Präsenz ist meist auch qualitativ stärker als jene anderer Figuren, da sie meist mit einem Star besetzt ist. Die Hauptfigur sorgt also als wiederkehrendes Element für die Kohäsion der filmischen Erzählung. Der Held schafft aber auch Kohärenz, indem der Grundkonflikt des Protagonisten gleichzeitig der Grundkonflikt des Filmplots ist. Dieser Grundkonflikt kann die verschiedensten Formen annehmen. So kann der Held vor einer bestimmten Aufgabe stehen, zum Beispiel Marty McFly in Back to the Future, der, wie der Titel schon sagt, zurück in die Zukunft kommen und vorher noch seine dortige Existenz sicherstellen muss. Oft muss der Held auch eine bestimmte Frage beantworten oder einem Zweifel nachgehen, wie die Protagonistin von Hitchcocks Suspicion, die glaubt, ihr Ehemann wolle sie umbringen. Auch die Beseitigung eines schweren Mangels oder das Durchlaufen einer persönlichen Krise sind wichtige, vielgesehene Grundkonflikte.
Am Anfang eines klassischen Hollywoodfilms steht die Exposition eines Grundkonflikts, am Ende dessen Lösung. Dazwischen entwickelt sich der Filmplot, immer motiviert durch den Grundkonflikt des Helden und die Probleme, die sich auf dem Weg zur Lösung des Konflikts ergeben. Mit anderen Worten: Die Kausalität des Plots entspricht der psychologischen Kausalität der Hauptfigur. "Character-centered - i.e., personal or psychological - causality is the armature of the classical story" (Bordwell, Staiger & Thompson 6). Gleichzeitig entwickelt sich aber auch der Charakter des Protagonisten; meist wird er durch die Lösung des Konflikts auf irgend eine Art und Weise geläutert - die Heldin in Hitchcocks Rebecca zum Beispiel gewinnt an Selbstvertrauen und festigt die Beziehung zu ihrem Ehemann.
Es ist allerdings problematisch zu sagen, dass die Hauptfigur durch ihren Grundkonflikt den Plot bestimmt. Die Ausgangslage beim Produktionsprozess eines Films ist eher dahingehend, dass der Plot durch seinen Grundkonflikt die Hauptfigur bestimmt. Der Drehbuchschreiber Blacker insistiert auf dem Primat des Plots im Film und definiert den Begriff "character" (welcher meiner Verwendung des Begriffs "Figur" entspricht) folgendermassen: "a representation of a person exhibiting certain personality traits selected for a dramatic purpose" (Blacker 35). Die Züge einer Figur, auch der Hauptfigur, werden also nach Blacker beim Schreiben eines Scripts durch deren Funktion im Plot bestimmt. Gleichzeitig muss die Hauptfigur aber auch eine psychologisch stimmige Figur sein. Diese beiden Anforderungen an die Hauptfigur können sich auch widersprechen, und insofern kann eine Hauptfigur auch den Plot bestimmen. Da es hier aber nicht um die Entstehungsgeschichte von Filmen geht, sondern um das fertige Werk, scheint es mir ohnehin angebracht von einer gegenseitigen Bedingung und Beeinflussung von Plot und Hauptfigur zu sprechen. Für diese Arbeit ist die Tatsache am wichtigsten, dass der Plot im Film hauptsächlich aus den Handlungen der Hauptfigur besteht, dass der Plot an ihr festgemacht ist. Die Hauptfigur im klassischen Hollywood schafft aber nicht nur im Plot, sondern auch in der Figurenkonstellation Einheit. Der Protagonist ist oft die am besten ausgestaltete Figur und macht auch häufig als einziger eine grössere Entwicklung durch.1 Alle anderen Figuren definieren sich durch ihre Beziehung zur Hauptfigur. Der Antagonist zum Beispiel, nach Blacker die zweitwichtigste Figur eines Films, definiert sich dadurch, dass er gegen die Hauptfigur agiert. Die meisten anderen Figuren eines klassischen Hollywoodfilms lassen sich dem Protagonisten oder dem Antagonisten zuordnen. Daraus ist zu schliessen, dass diese Filme eine zentripetale Figurenkonstellation haben.
2. Das Figurenmosaik in Short Cuts
[...]
1 Blacker nennt die Entwicklung der Hauptfigur durch die Lösung des Grundkonflikts als Maxime. Ausserdem spricht er von drei obligatorischen Figuren für jedes Script: Protagonist, Antagonist und eine Figur, durch deren Aktionen auf den Höhepunkt der Handlung hingearbeitet werden kann. Diese Figuren sollten einen gut ausgestalteten Charakter haben, alle anderen Figuren können Typen bleiben (35-42).
Quote paper:
Mag. Markus Widmer, 1997, "Short Cuts" - Strategien eines Films ohne Hauptfigur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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