Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Allgemeine Darstellung der Primärliteratur 3
2.1. Friedrich Theodor Vischer: „Ästhetik oder:
Wissenschaft des Schönen“ Kapitel b „die lyrische,
Dichtung “, „1. Ihr Wesen“, Paragraph 884- 888 3
2.2. Emil Staiger: „Grundbegriffe der Poetik“, Kapitel 1
„Lyrischer Stil: Erinnerung“, Abschnitt 1-8 5
3. Vergleich 7
3.1. Vorraussetzungen für Lyrik 7
3.2. Komposition des Gedichts 8
3.3. Was ist lyrisch? S.11
3.4. Empfindungen 15
3.5. Unterschied zur Musik 16
3.6. Erläuterung der verwendeten Beispiele 17
4. Schlussbetrachtung 18
5. Bibliographie 19
2
1. Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit zwei unterschiedlichen Texten zur Lyriktheorie, die in mehreren Punkten verglichen werden sollen. Dabei handelt es sich einerseits um den ersten Punkt „Ihr Wesen“ des Kapitels b „die lyrische Dichtung“ aus Friedrich Theodor Vischers „Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen“ 1 und andererseits um das Kapitel „Lyrischer Stil Erinnerung“ aus Emil Staigers „Grundbegriffe der Poetik“ 2 . Der Vergleich wird zeigen, ob Staiger auf Vischer aufbaut und ihn erweitert, einer gegenteiligen Meinung ist oder etwas ganz Neues aufwirft.
2. Allgemeine Darstellung der Primärliteratur
Einführend sollen nun folgend erst einmal die Texte der Autoren einzeln und allgemein betrachtet werden.
2.1. Friedrich Theodor Vischer: „Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen“, Kapitel b „die lyrische Dichtung“, „1. Ihr Wesen“, Paragraph 884- 888
In dem Abschnitt „Ihr Wesen“ spricht Vischer darüber, was ein lyrisches Gedicht ist und was nicht und wie sich die Gattung Lyrik im Einzelnen von der Gattung Epik unterscheidet. Dabei benutzt er zur Veranschaulichung konkrete Beispiele aus Gedichten, in der Hauptsache von Goethe.
In Paragraph 884 erläutert er einleitend den Zusammenhang von Subjekt und Objekt, wobei die objektive Welt im Subjekt aufgeht. Die Lyrik ist eine Fortführung der Epik, was er durch Beispiele der griechischen Lyrikentwicklung und dieser im Mittelalter erläutert. Damit macht er deutlich, dass die moderne Poesie, hauptsächlich repräsentiert durch das Volkslied, das Entwachsensein einer Bindung zur Vorraussetzung macht. In Paragraph 885 stellt Vischer nun die Empfindung in den Vordergrund. Die Lyrik befindet sich in der Gegenwart, im Moment. Sie steht über der Musik, da sie sich artikuliert und tatsächlich ausspricht. Dabei unterscheidet er zwischen zwei Ausdrucksweisen des lyrischen Subjekts: einerseits der durch epische
1 Vischer, Theodor Friedrich, Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen, München, 2. Auflage, 1923,
S.197-221.
2 Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poetik, Zürich, 6. Auflage, 1963, S. 13-82.
3
„Anschauungsbilder“ 3 , also objektbezogene Metaphern, und andererseits den leiblichen Metaphern, die den eigenen Körper betreffen. So soll das Subjekt auf das Unaussprechliche, nämlich das Gefühl, hinweisen.
In Paragraph 886 widmet sich Vischer dem lyrischen Charakter. Dieser zeichnet sich durch Punktualität, der einzelnen Situation und im punktuellen Berührtsein durch die Situation, und Zufälligkeit, im Augenblick und durch Absichtslosigkeit und die Zufälligkeit der Anregung zum Dichten, aus und wird vom Subjekt umgesetzt. Vom Gesamtbild der lyrischen Äußerungen lässt sich auf die Persönlichkeit eines Volkes und vom Gesamtbild aller Völker auf die Persönlichkeit der Welt schließen. Vischer schildert den Ablauf des Gedichteschreibens und hebt dabei das „punktuelle[...] Zünden der Welt im Subjekte“ 4 hervor. Außerdem glaubt er, dass das Kranke und Pathologische keinen Platz in der Lyrik hat.
In Paragraph 887 nennt Vischer als wesentliche Merkmale des lyrischen Stils Schnelligkeit, Kürze und Einheit, die von einem Refrain unterstützt werden, und so die Stimmung des Gedichts ausmachen. Der lyrische Stil soll unentwickelt und nach innen deutend sein. Dabei ist die Komposition des Gedichts besonders wichtig, da sie die subjektive Ordnung der Stimmungen wiedergibt.
In Paragraph 888 kommt Vischer abschließend zur Wichtigkeit der rhythmischen Form. Dabei sind Segmentierung, Reim und Rhythmus besonders wichtig; sie geben den Ton, die Musikalität, die Stimmung und das Gefühl des Gedichts wieder. 5 Dieser Ausschnitt aus Vischers „Ästhetik“ muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass er versucht die „Hegel´sche Ästhetik“ zu konkretisieren. 6 Während Hegel sich wie Vischer bei Lyrik auf das Aussprechen von Empfindungen und Vereinzelung der Situation und im Subjekt und dessen Vorstellungen bezieht, geht er aber so weit von einer „subjektiven Totalität“ 7 zu sprechen. Dabei spricht das Subjekt die Bestimmtheit der Situation und Stimmung, die zuvor gebildet werden muss, aus, indem es sich mit
3 Vischer, Theodor Friedrich, Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen, München, 2. Auflage, 1923, S.
202 Z. 34.
4 Vischer, Theodor Friedrich, Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen, München, 2. Auflage, 1923, S.
208 Z. 12, 13.
5 Vgl. Vischer, Theodor Friedrich, Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen, München, 2. Auflage, 1923,
S.197-221.
6 Vgl. Vischer, Theodor Friedrich, Die lyrische Dichtung, in: Lyriktheorie Texte vom Barock bis zur
Gegenwart, hrsg. Von Völker, Ludwig, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart,
2000, S. 226 Z. 21-25.
7 Vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Die lyrische Poesie, in: Lyriktheorie Texte vom Barock bis zur
Gegenwart, hrsg. Von Völker, Ludwig, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart,
2000, S. 180 Z. 21,22.
4
sich und seiner Besonderung durch die Bestimmtheit zusammenschließt. 8 In seiner „Ästhetik“ löst Vischer diese Totalitätsidee nun auf und richtet sein Augenmerk mehr auf die Darstellung subjektiver Wahrnehmung durch das Moment der Vereinzelung im lyrischen Gedicht. 9
2.2. Emil Staiger: „Grundbegriffe der Poetik“, Kapitel 1„Lyrischer Stil: Erinnerung“, Abschnitt 1-8
In seinem Kapitel über den lyrischen Stil beschäftigt sich Staiger hauptsächlich mit eben diesem Stil und mit der Angrenzung von Epik und Lyrik. Dabei legt er großen Wert auf die Form des Gedichts und erläutert seine Überlegungen mit zahlreichen konkreten Beispielen, unter Anderem von Goethe, Möricke, Eichendorff und Droste-Hülshoff.
In Abschnitt 1 hebt Staiger einleitend die Wichtigkeit der Lautmalerei und des Reims im Gedicht hervor, indem er sagt, dass aus diesen die Stimmung des Gedichts resultiere. Ein Gedicht braucht kein Gegenüber und eine Analyse zerstört dessen Schönheit. Es ist keine ihm gerecht werdende Übersetzung möglich, da so die spezielle Lautmalerei verändert würde. Doch eine Übersetzung ist auch nicht nötig, da das Gefühl, welches das Gedicht transportiert, auch zu verstehen ist, wenn die Sprache nicht verständlich ist. Inhalt und Form des Gedichtes verschmelzen und dabei wird die Grammatik nebensächlich.
In Abschnitt 2 kommt Staiger ausgehend von Vischers „punktuellem Zünden der Welt“ darauf zu sprechen, dass für ein Gedicht besonders die Kürze und die Eingebung wichtig sind. Es ist nämlich unwillkürlich und erzählt nicht, was seine lyrische Einheit ausmacht. Doch auch bei längeren Gedichten wird diese Einheit durch Wiederholung der Eingebung erhalten. Diese Wiederholung kann durch Metrik, einen Refrain und Reimschema umgesetzt werden. Daraus resultiert dann auch der Stil des Gedichts und dadurch wird das Gefühl, das vom Gedicht transportiert wird, ausgedrückt. In Abschnitt 3 erläutert Staiger, dass Lyrik keinerlei Logik und Grammatik bedarf. Stattdessen sollen bei einem Gedicht eher Parataxen und Satzfragmente benutzt
8 Vgl. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Die lyrische Poesie, in: Lyriktheorie Texte vom Barock bis zur
Gegenwart, hrsg. Von Völker, Ludwig, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart,
2000, S. 171-180.
9 Vgl. Vischer, Theodor Friedrich, Die lyrische Dichtung, in: Lyriktheorie Texte vom Barock bis zur
Gegenwart, hrsg. Von Völker, Ludwig, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart,
2000, S. 226 Z. 21-25.
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werden. Er beschreibt Lyrik als vergänglich, unverbunden und sprunghaft, also gleitend und bloß Accidenz.
In Abschnitt 4 beschreibt Staiger, dass Lyrik keine Erklärung und Rhetorik benötigt. Es muss neu sein und nur die Gelegenheit als solche beschreiben. Der Lyriker ist wie der Leser, der für das Gedicht offen sein muss, nur für sich und hat kein Gegenüber. Eine Gedichtanalyse ist nicht möglich, da Begründungen wertlos sind. In Abschnitt 5 sagt Staiger, dass ein Gedicht keinen Abstand hat, weder einen Abstand zwischen dem Gedicht und dem Dichter noch einen Abstand zwischen dem Gedicht und seinem Hörer. Denn ein Gedicht soll gehört werden und berauschen. Deshalb gefällt es oder es gefällt nicht, aber es kann nicht darüber diskutiert werden. Den fehlenden Abstand zwischen Subjekt und Objekt nennt Staiger Erinnerung. Durch diese entsteht wieder ein „lyrisches Ineinander“ 10 . Die Zeitform des Gedichts ist das Präsens; es ist nur momentan. Außerdem wird Lyrik zwar subjektiv genannt, aber es existiert in ihr weder Innen noch Außen, weder ein konkretes Subjekt noch ein konkretes Objekt. Entgegen Vischer behauptet Staiger demnach, dass das Gefühl kein Subjekt und Objekt braucht und entgegen Hofmannsthal bezeichnet er Lyrik als nicht mystisch, da sie vergänglich ist.
In Abschnitt 6 wendet er sich erneut gegen Vischer, der zwischen objektbezogenen und leiblichen Metaphern unterscheidet, und seiner Meinung nach damit einen Unterschied zwischen Körper und Seele macht. Staiger macht diesen Unterschied nicht, da für ihn die Seele ebenfalls körperlich ist. Weiter erläutert er, dass die Lyrik die Erinnerung braucht und von Liebe handelt, da der Lyriker unfrei vom Gefühl ist. Staiger beschreibt das Selbst des Lyrikers als weich, schmelzend und flüssig. In Abschnitt 7 weist er auf die Wichtigkeit der Kürze des Gedichts und seiner momentanen Stimmung hin. Diese muss gegen den Widerstand der Störung durch Vergegenständlichung erhalten werden. Das Gedicht braucht am Ende einen schwebenden Moment, ein Ende durch das Ausgehen der Sprache, da Gefühle nicht ausgesprochen werden dürfen. Reine Lyrik bestände nur aus Klang, da das Versagen der Sprache der Seele am ähnlichsten ist. Lyrik muss aus der Seele sprechen. In Abschnitt 8 äußert sich Staiger abschließend zu den Grenzen der Lyrik. Sie ist abhängig von der Eingebung des Lyrikers, aus ihr kann nichts gelernt werden und sie
10 Staiger, Emil, Grundbegriffe der Poetik, Zürich, 6. Auflage, 1963, S. 62 Z. 20.
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Arbeit zitieren:
Magistra Artium Frauke Itzerott, 2005, Vergleich der lyriktheoretischen Aufsätze "Ästhetik oder: Wissenschaft des Schönen" von Friedrich Theodor Vischer und "Grundbegriffe der Poetik" von Emil Staiger, München, GRIN Verlag GmbH
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