A. Krause: Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung. 3
Summary 3
1. Der Begriff 'Rolle' 4
2. Rollenspiel 5
3. Rollenspiel und Realitätsnähe 9
4. Role-taking 10
5. Rolleninterpretation 11
6. Rollenübernahme aus behavioristischer Perspektive. 12
7. Rollenübernahme psychoanalytisch erklärt Identifikation 13
8. Identifikation und Massenmedien 15
9. Familiale Rollen 17
10. Geschlechterrolle. 17
Literatur 22
Thema Nr.45
Welche Rollen werden von Kindern übernommen? Untersuchungen zur Popularität von Spiel-
inhalten TV-Serien, Masters u.a. Figuren aber auch von klassischen Rollen: Vater-Mutter-
Kind usw
Anmerkung : Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven, Adjektiven
und Pronomen bis heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, wurde nach 'alter' Konvention - jedoch
im vollen Bewußtsein um diese Problematik - jeweils die männliche Form gewählt.
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A. Krause: Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel
1. Der Begriff 'Rolle'
Die Rolle ist als Konzept oder Konstrukt zu verstehen und soll die geordneten Verhaltensmuster im menschlichen Zusammenleben erklären. Ohne soziale Rollen (oder Verhaltens-ordnungen) wäre das Leben in der Tat zu kompliziert und unberechenbar [vgl. Oerter, 1977, S.32].
Nach Piaget beginnt das Kind im Stadium des symbolischen und vorbegrifflichen Denkens also bereits im Alter von 1;6 zwischen Symbol und dem damit symbolisierten Gegenstand zu unterscheiden. Damit wird das Sich-in-eine-Rolle-versetzen erst möglich [vgl. Kern, 1991,S.174; sowie Oerter, 1987, S.420].
Unter Rolle "…als Element des Interaktionsgefüges" [Enke, 1973, S.146] kann man ganz allgemein "…die strukturierte Gesamtheit aller Erwartungen verstehen, die sich auf die Aufgabe, das Benehmen, die Gesinnung, Werte und Wechselbeziehungen einer Person, die eine spezifische Gruppenposition innehat und in der Gruppe eine bestimmte Funktion (Tätigkeit, Aufgabe, Obliegenheit) erfüllen muß" [Sbandi, 1973; zit.n. Kern, 1991, S.266]. Soziale Rollen werden also als das Verhalten verstanden, das man von einem Individuum in einer Position erwartet. Dieses erwartete Verhalten wird durch soziale Normen weitgehend vorgeschrieben. Durch die Erfüllung dieser Erwartungen und die aktive Übernahme spezifischer Rollen erhält das Individuum eine bestimmte Position im sozialen Beziehungssystem. Durch Positionen werden Personen aufgrund sozial relevanter und anerkannter Merkmale kategorisiert, was soziales Handeln vereinfacht. Dabei hängen die von jedem einzelnen übernommenen Rollen mit familieninternen, sozialen und kulturellen Bedingungen zusammen [vgl. Kern, 1991, S.266].
Fast jede Rolle besitzt - quasi zur äußeren Kennzeichnung - gewisse "Insignien", bezeichnet als Rollenvorgabe [zB der weiße Mantel des Arztes, die Pfeife des alten Mannes (?!)]. Und gerade diese Rollenvorgaben werden vom Kind schon früh erkannt, früher als beispielsweise die eigentliche Rollenfunktion [vgl. Benesch, 1987, S.307]. Und obwohl im Rollenbegriff eindeutig eine gewisse Generalisierung steckt, bleiben doch erhebliche Freiräume für individuelle Auffassungen - also eigene Rollenkonzepte.
Rollen sind ein wichtiger Bestandteil der sozialen Identität [i.e. soziales Selbst, lookingglass-self (letzteres deshalb, weil sich der Mensch in diesem Selbst gleichsam durch die
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Brille der anderen sieht)]. Soziale Identität als Widerspiegelung der Bezugsgruppenzugehörigkeit des Menschen entsteht nämlich einerseits in der Bewußtmachung [Vergegenwärtigung], daß wir von anderen wahrgenommen werden [inklusive ihrer Urteile über uns] und andererseits durch ein 'Selbst-Bewußtsein' als Reaktion auf diese Urteile der Umwelt.
2. Rollenspiel
Unter Rollenspiel [i.e. soziodramatisches Spiel] versteht man eine kurzfristige, freiwillig akzeptierte und probeweise Übernahme einer Rolle, ohne daß die zugeordnete Position tatsächlich eingenommen worden ist. Im Rollenspiel ist es möglich, andere Verhaltensweisen wiederzuentdecken, neu zu erlernen oder auch zu verlernen. "Es gewährleistet über kürzere oder längere Zeit die Aufrechterhaltung koordinierten gemeinsamen Handelns" [Oerter, 1987, S.218] und steht in der Chronologie der kindlichen Entwicklung zwischen dem Symbol- oder Fiktionsspiel und dem späteren Regelspiel.
Wie im Abschnitt 4 ausgeführt, beginnen die Kinder im Alter von etwa 4;0 bis 5;0 mit der Rollenübernahme, dem role-taking, was sich natürlich auch im Spiel ausdrückt. Während die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr noch meistens allein oder 'nebeneinander' spielen [Parallelspiel], spielen sie mit zunehmendem Alter mehr und mehr zusammen. Dabei steht zu Beginn das sogenannte assoziierte Spielen im Vordergrund [zB miteinander Ball spielen,…]; erst später folgt das kooperative Spiel mit organisierter Spielhandlung und konkreter Rollenverteilung [zB Familie spielen, Szenische Rollenspiele,…]. Das Kind kann sich in einer Rolle besonders akzentuiert darstellen, es wird zu einer großen mächtigen Person oder zu einem begehrten Partner [zB Vater, Mutter, TV-Serienfigur, Romangestalt,…].
Unbewußtes Motiv für die Rollenübernahme ist vielfach die dann erhöhte Selbstdurchsetzung des Kindes bei Gleichaltrigen. Denn in der Rolle kann es besser seine Ansprüche durchsetzen als in der direkten Kontaktnahme, weil ihm die Rolle ein Recht verleiht; das Recht, mächtig zu sein, oder bewundert zu werden,… Schäfer [1989, S.87] nennt hierzu ein Beispiel: "Rocker kommen in eine Kneipe, tyrannisieren die Gäste, schlagen den Wirt zusammen, der sich weigert, ihnen Freibier zu geben, und drücken ihm ein glühendes Geld-
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stück auf die Haut. Das ist kein Schauerstück aus der Zeitung, sondern Teil eines Spiels von fünf etwa 12-jährigen Kindern. Es ist anzunehmen, daß die Kinder ihr Vorbild zu diesem Spiel aus den Medien gewonnen haben." - Anmerkend soll hinzugefügt werden, daß in diesem Alter ein zusätzlicher Aspekt das Verhalten der Jugendlichen beeinflußt, nämlich der der Profilierung gegen die Norm.
2.1. Rollenspiel und Massenmedien
Auch die Massenmedien machen sich das Bedürfnis des Kindes nach Omnipotenz und Begehrlichkeit zunutze; als Beispiel möge die Sendung 'RTL-Mini-Playback-Show' dienen, in der Kinder zwischen drei und zehn Jahren Popstars nachahmen. Diese Sendung stieß auf derart breite Resonanz in der Öffentlichkeit, daß das Konzept vielerorts, zB in Schulen oder Kindergärten, kritiklos übernommen wurde. Vom Prinzip her ist auch diese Sendung eine Form des Rollenspiels mit den oben angeführten Zielen. Untersuchungen warnen jedoch, daß die Show auch negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes haben kann. Den Kindern würden demnach dressurhaft Klischees ankonditioniert, die einen konstruktiven Aufbau des kindlichen Selbstwertgefühls verhindern [vgl. Wabersky, 1994, S.155f.].
Als positives Beispiel wird in der Literatur immer wieder die populäre TV-Serie ‘Sesame Street’ gerühmt, bei der die Kinder zu aktiven Rezipienten werden und nachgewiesenermaßen zu anderen Aktivitäten animiert werden, wie zB das Nachahmen verbaler Handlungen oder körperlicher Bewegungen, die in der Show vorkommen. Natürlich kommt es da auch zu Identifikationsreaktionen und Rollenübernahmen.
‘Sesame Street’ basiert auf fundamentalen psychologischen Erkenntnissen [vgl. Greenfield, 1987, S.28ff]: Neben spezifischen gestalterischen Elemente ist es vor allem das Piagetsche Prinzip des Wissenserwerbs, welches hier Verwendung findet: Um Neues zu lernen, muß man es mit etwas schon Bekanntem, Vertrautem in Zusammenhang bringen können. Auch behavioristische Einflüsse, wie das Maß an Lernwiederholungen fanden Eingang. - Mit all diesen Elementen gelingt die Um-wandlung des Fernsehens von einem passiven zu einem aktiven Medium. Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, daß Medien wie das Fernsehen lediglich den Anstoß geben können für Aktivität ‘jenseits’ der Sendung; von eminenter Bedeutung sind aber zusätzliche situative Faktoren, wie etwa die Interaktion Eltern-Kind.
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Arbeit zitieren:
Mag. Arno Krause, 2000, Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel, München, GRIN Verlag GmbH
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