A. Krause: Die Diagnostische Situation
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 4
2. SITUATION UND DIAGNOSTISCHE SITUATION 4
2.1. Das Konzept der Situation 4
2.2. Die (psychologisch) diagnostische Situation DS 5
3. INVARIANTEN DIAGNOSTISCHER SITUATIONEN 6
3.1. Asymmetrische Selbstenthüllung 6
3.2. Vertraulichkeit ( Dyadische Anonymität) 9
3.3. Wissen, beobachtet zu werden 9
4. "UNSICHERHEITSFAKTOR" DIAGNOSTIKER 10
5. SITUATIONSEXTERNE FAKTOREN 11
5.1. Teilsystem Soziale Rahmenbedingungen 11
5.2. Teilsystem Laiensystem 12
5.3. Teilsystem Professionelle Systeme 13
6. LITERATUR 14
7. ANHANG 1: THESENBLATT 15
8. ANHANG 2: PRÄSENTATIONSMATERIAL 17
Anmerkung : Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven,
Adjektiven und Pronomen bis heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, wurde nach
'alter' Konvention - jedoch im vollen Bewußtsein um diese Problematik - jeweils die männliche Form gewählt.
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A. Krause: Die Diagnostische Situation
1. Einleitung
Alles Verhalten ist immer Verhalten in einer konkreten Situation. Trotz dieser unbestreitbaren Tatsache hatten die Persönlichkeitsforschung klassischer Prägung und auch die Einstel-lungsforschung die situative Bedingtheit von Verhalten zumeist unterbewertet. Erst Ende der Siebziger Jahre entwickelte sich der Forschungszweig Interaktionspsychologie, die "… als herausragendes Beispiel der '(Wieder-)Entdeckung der Situation' in der Persönlichkeitsforschung" (Silbernagel, 1982, S.248) gefeiert wurde. Auch Soziologie und Soziolinguistik schenken der Situation resp. äußeren Bedingungen, unter denen ein bestimmtes Verhalten auftritt, vermehrt Aufmerksamkeit.
2. Situation und Diagnostische Situation
Was gemeint ist, wenn wir sagen, jemand sei in einer Situation S, verstehen wir intuitiv. Hingegen fehlt es bei einer Definition des Situationskonzepts an terminologischer Einheitlichkeit, so zB "…am Konsens darüber […] welchen Referenzbereich Situationen abstecken" (Silbernagel, 1982, S.248).
2.1. Das Konzept der Situation
Als Beispiel für die Vielzahl von Definitionen seien hier nur zwei genannt:
A) Magnusson & Endler (1977): Situation ist derjenige Teil der Ökologie, den ein Individuum wahrnehmen und auf den es unmittelbar reagieren kann.
B) Goffman (1964): A social situation arises whenever two or more individuals find themselves in one another's immediate presence, and it lasts until the next-to-last person leaves.
Grundsätzlich wird aber von Situation nur dann gesprochen, wenn die Person /Personen unmittelbar involviert ist /sind. Unmittelbarkeit bezieht sich dabei auf die gleichzeitige Anwe-
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senheit von sozialen bzw nicht sozialen Objekten, auf die wiederum direkt reagiert werden kann.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen der subjektiven Definition (= Wahrnehmung) einer Situation und der "objektiven" Situation. Die subjektiven Definitionen orientieren sich dabei selektiv an unterschiedlichen Merkmalen innerhalb des komplexen Reizgesamtgefüges, abhängig von ihrer Relevanz, Deutlichkeit, von Vorerfahrungen und vermuteten Folgen.
Fokale Situation vs. Gesamtsituation
Während die Gesamtsituation umfassend zB die Einheit Diagnostische Untersuchungssituation meint, entspricht die fokale Situation (= Stimulus) beispielsweise nur der aktuellen Bearbeitung konkreter Testaufgaben.
2.2. Die (psychologisch) diagnostische Situation DS
"Dies meint eine ausgezeichnete, weil besondere und hinsichtlich ihrer spezifischen Merkmale noch zu charakterisierende Klasse von sozialen Situationen, die sowohl von Alltagssituationen mit "diagnostischer" Zielsetzung" als auch von analogen Situationen wie beispielsweise der medizinisch diagnostischen Situation abgegrenzt werden muß" (Silbernagel, 1982, S.250; zur medizinischen DS: vgl. Lange, 1988).
Der DS werden zwei globale Haupteigenschaften bzw -wirkungen zugeschrieben:
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(1) Man rechnet sie zu den Situationen mit Zwangscharakter, weil der Spielraum angemessenen Verhaltens eng begrenzt ist. Sie verlangen ein hohes Maß an bewußter Kontrolle des eigenen Verhaltens und sind mit emotionalen Belastungen verbunden. Price & Bouffard (1974) konnten zeigen, daß eine Sonderform der DS, das Job-Interview, von 15 Situationen am meisten verhaltenseinengend wirkt.
(2) DS sollen streßinduzierende und angstprovozierende Wirkungen haben. Sie können dabei entweder zur Kategorie interpersonale Streßsituation (hierzu zählen zB das Job-Interview oder ein Vortrag vor Publikum) zählen oder sind gänzlich unbekannte Situationen (wie etwa zB "in ein psychologisches Experiment gehen" oder ein "Beratungsbüro zur Hilfe persönlicher Probleme aufsuchen"). Die DS wird dabei interindividuell unterschiedlich wahrgenommen.
3. Invarianten diagnostischer Situationen
Die DS weist eine Reihe invarianter Charakteristika auf, die im nachfolgenden Abschnitt näher erläutert werden.
3.1. Asymmetrische Selbstenthüllung
Die DS als Rollenbeziehung zwischen Proband und Untersucher hat zum Ziel, für die psychologischen Probleme des einen (= des Laien) mit Hilfe des Expertenwissens des anderen (= des Experten) Lösungen zu finden. Grundsätzlich ist zu sagen, daß in Dyaden mehr enthüllt wird als in Triaden, wobei dies unabhängig ist von Geschlechtszusammensetzung, Bekanntschaftsgrad und generellen Selbstenthüllungstendenzen. - Darüber hinaus müssen aber in der DS auch noch weitere Aspekte in Betracht gezogen werden:
Rollenabhängige Faktoren: Wie in jeder dyadischen Beziehung beeinflussen rollenabhängige Faktoren das beiderseitige Verhalten. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei der der Geschlechterrolle, insbesondere bei gegenschlechtlichen Proband-Untersucher-Beziehungen. Asymmetrische Regelung des Informationsaustausches 1: Vom Pro-banden wird erwartet, daß er Informationen über sich selbst und / oder über seine Bezugspersonen offen und ehrlich kommuniziert, sich also
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Arbeit zitieren:
Mag. Arno Krause, 2001, Die diagnostische Situation, München, GRIN Verlag GmbH
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