Inhaltsverzeichnis
1. Zu Konzeption und Aufbau der Arbeit 3
2. Patriarchalische Familien in THE GRAPES OF WRATH und HOW
GREEN WAS MY VALLEY 4
2.1. Die Ideologie des Patriarchats 4
2.2. Die Joads - Eine patriarchalische amerikanische Farmerfamilie 6
2.3. Die Morgans - Eine patriarchalische walisische Minenarbeiterfamilie 8
3. Zerfall und Neugestaltung der Familien 12
3.1. Das alte und das neue Familienkonzept in THE GRAPES OF WRATH 12
3.2. Der Zerfall der Familie in HOW GREEN WAS MY VALLEY und seine
Auswirkungen auf die Stellung des Vaters 15
4. Entschärfung des Politischen, Betonung der Familienthematik -
Änderungen im Vergleich zu den Romanvorlagen 19
5. Schlussbetrachtung 23
6. Literaturverzeichnis 25
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1. Zu Konzeption und Aufbau der Arbeit
Die Darstellung der Institution Familie und der Beziehungen zwischen Männern und Frauen nimmt in den Filmen des amerikanischen Regisseurs John Ford einen breiten Raum ein. Dabei gilt Ford vielen als jemand, der die Ideen des Konservativismus und eines männlichen Heldentums hochhält und in dessen Filmen Frauen nur in der Beziehung zu Männern existieren und keine Möglichkeit haben, sich aus ihrer unterdrückten Stellung zu befreien. 1 Auf der anderen Seite finden sich aber auch Stimmen, die die Ansicht vertreten, dass Fords Filme einerseits konservative soziale Verhältnisse und Werte zwar tatsächlich positiv und ihren Verlust als negativ darstellen, zugleich aber dieselben Werte auch kritisch hinterfragen und klarstellen, dass ihr historischer Abbau unerlässlich ist. 2 Gaylyn Studlar hat nachgewiesen, dass das selbst für Fords Beiträge zum häufig als männer-dominiert und misogyn beschriebenen Westerngenre gelten kann. 3 Ford halte zwar am konservativen Gesellschaftssystem und den gängigen weiblichen Rollenstereotypen des Westerns fest. Eben diese stereotype Geschlechterzeichnung werde bei Ford andererseits aber gezielt untergraben und er ordne Verhaltensweisen, die üblicherweise mit einem bestimmten Geschlecht verbundenen würden, auf regulärer Basis Vertretern des jeweils anderen Geschlechts zu. 4 Auf eine genauere Untersuchung von Fords Western muss leider in dieser Hausarbeit verzichtet werden, da dies deren beschränkten Rahmen überschreiten würde. Stattdessen werde ich mich in meiner Arbeit mit zwei Filmen Fords beschäftigen, die nicht dem Westerngenre angehören, nämlich mit THE GRAPES OF WRATH (1940) und HOW GREEN WAS MY VALLEY (1941). 5 Diese beiden Filme (wie auch die jeweiligen Romanvorlagen) sind einander thematisch in vielerlei Hinsicht ähnlich, weswegen ich entschieden habe, sie gemeinsam zu behandeln. In beiden Filmen steht die Desintegration einer Familie im Mittelpunkt, die mit dem Verlust einer Kultur, für die sie repräsentativ ist, einhergeht. Im Zuge des Wandels stellt sich heraus, dass das ursprüngliche patriarchalische System nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Durch dieses gemeinsame Thema ließen sich, wie Tag Gallagher ausführt, die
1 Vgl. etwa Michael Dempsey: John Ford: A Reassessment. In: Film Quarterly 28 (1975), Nr. 4, S. 2-15, hier: S. 7.
2 Vgl. etwa J.A. Place: The Non-Western Films of John Ford. Secaucus, New Jersey 1979, S. 7.
3 Vgl. Gaylyn Studlar: Sacred Duties, Poetic Passions. John Ford and the Issue of Femininity in the Western. In: Gaylyn Studlar & Matthew Bernstein (Hrsg.): John Ford Made Westerns. Filming the Legend in the Sound Era. Bloomington/Indianapolis 2001, S. 43-74.
4 Vgl. ebd., S. 68.
5 Bei der Filmanalyse werde ich jeweils die Originalfassungen verwenden und zusätzlich auf die veröffentlichten Drehbuchfassungen aus John Gassner/Dudley Nichols (Hrsg.): Twenty Best Film Plays. New York 1943. zurückgreifen.
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beiden Filme zusammen mit TOBACCO ROAD (1941) auch zu einer Art sozialkritischer Trilogie Fords zusammenfassen. 6
Ich werde in meiner Hausarbeit insbesondere darauf eingehen, wie die Familien in den beiden Filmen dargestellt werden, und analog zu den Ergebnissen Studlars die These aufstellen, dass die Annahme, Ford präsentiere das Patriarchat als ideale Familien-form und billige Frauen nur in der Beziehung zu Männern eine Daseinsberechtigung zu, auch hier in vielerlei Hinsicht zu kurz greift. Dabei werde ich zunächst darlegen, dass die im Zentrum der Handlung stehenden Familien von ihrer Grundstruktur her patriarchalisch sind und über eine klare Rollenverteilung verfügen. Diese feste Struktur wird aber, wie ich weiterhin zeigen werde, im Laufe der Filmhandlung durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Ursachen in Frage gestellt, was eine Umgestaltung des Familienverständnisses notwendig macht. In diesem Zusammenhang werde ich schildern, wie der Zerfall der Familie jeweils verläuft und inwieweit man sagen kann, dass ein Übergang von der ursprünglich patriarchalischen Familie hin zu einer matriarchalischen stattfindet. Hierbei wird aber auch auf die Frage einzugehen sein, ob die Stellung der Väter als Familienoberhaupt nicht schon zu Beginn des Films weniger eindeutig ist, als es zunächst scheinen könnte. Am Schluss meiner Hausarbeit werde ich dann noch kurz einige Filmszenen herausgreifen, bei denen im Vergleich zu den Romanvorlagen und den über weite Strecken sehr eng an diese angelehnten Drehbüchern markante Änderungen vorgenommen worden sind. Diese bewirken, wie ich zeigen werde, dass die Familienthematik in den Filmen stärker hervortritt und die sozialpolitischen Aussagen und Anklagen der Romanvorlagen abgeschwächt werden.
2. Patriarchalische Familien in THE GRAPES OF WRATH und HOW GREEN WAS MY VALLEY
2.1. Die Ideologie des Patriarchats
Die Familien in THE GRAPES OF WRATH und HOW GREEN WAS MY VALLEY sind von der Ideologie her jeweils patriarchalisch. Vor einer genaueren Analyse der beiden Familien scheint es jedoch sinnvoll, kurz zusammenzufassen, was mit dem Begriff ‚Patriarchat’ eigentlich gemeint ist.
6 Vgl. Tag Gallagher: John Ford. The Man and His Films. Berkeley u.a. 1986, S. 198. - Auch Sarris erklärt, dass man HOW GREEN WAS MY VALLEY fast als Fortsetzung zu THE GRAPES OF WRATH auffassen könnte, vgl. Andrew Sarris: The John Ford Movie Mystery [Cinema One 27]. London 1976, S. 105.
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Gerda Lerner zufolge ist unter dem Patriarchat streng genommen ein historisches Gesellschaftssystem zu verstehen, „in dem das männliche Oberhaupt des Haushalts die absolute rechtliche und ökonomische Macht über die von ihm abhängigen männlichen und weiblichen Familienmitglieder ausübt.“ 7 Diese historische Definition verleitet aber nach Lerners Meinung zu falschen Schlüssen, da der Eindruck vermittelt werde, das Patriarchat habe mit der Bewilligung der Bürgerrechte für Frauen im 19. Jahrhundert aufgehört zu existieren. Tatsächlich aber habe die Dominanz der Männer in anderer Form weiterbestanden. Daher sei es angemessener, mit dem Begriff des Patriarchats die Übertragung des männerdominierten Familienmodells auf die Gesellschaft und die Stützung der Herrschaft der Männer durch Institutionen und Gesetze zu verbinden, die Frauen an der Erlangung gesellschaftlicher Macht hinderten. 8 In diesem Sinne wird die Etablierung des patriarchalischen Gesellschaftssystems häufig in Zusammenhang mit dem Aufstieg des Kapitalismus gebracht, da hierdurch der Besitz von Land und Produktionsgütern zur Voraussetzung für politische Einflussnahme wird, Frauen aber grundsätzlich der Besitz von Eigentum verwehrt wird. 9 Als Rechtfertigung für die Unterordnung der Frauen ist zudem häufig von Verteidigern des Patriarchats das Argument bemüht worden, diese gründe sich auf die biologische Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau. Männer seien für die Herrschaft und den Fortbestand der Gesellschaft vorgesehen, während die wichtigste soziale Aufgabe der Frau in der Ausfüllung der Mutterrolle liege. 10 Um den Frauen ihre untergeordnete Stellung attraktiv zu machen und ihren Wunsch nach mehr Rechten zu unterdrücken, sei, so Lerner, die Mutterfunktion ideologisch nach und nach mit einer immer höheren Bedeutung versehen worden. 11 Damit sei erreicht worden, dass auch Frauen aktiv an der Errichtung und Erhaltung des patriarchalischen Systems teilgenommen hätten. 12
Die Annahme, dass die Familie in ihrer patriarchalischen Gestalt die Frauen daran hindere, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, bzw. umgekehrt die Emanzipation der Frauen die Existenz der Institution Familie bedrohe, hat Carl Degler zufolge seit dem zunehmenden Bemühen der Frauen um Emanzipation seit etwa 1800 dazu geführt, dass ab diesem Zeitpunkt zunehmend ein Spannungsverhältnis zwischen den Interessen der
7 Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats [The Creation of Patriarchy 1986]. Frankfurt a.M./New York 1991, S. 295.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. Mary Murray: The Law of the Father? Patriarchy in the Transition from Feudalism to Capitalism. London/New York 1995, S. 98.
10 Vgl. Lerner, Entstehung des Patriarchats, S. 34f.
11 Vgl. ebd., S. 48.
12 Vgl. ebd., S. 269.
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Frauen und der Institution Familie gesehen worden ist. 13 Das hat zur Folge gehabt, dass trotz beständiger Bemühungen, die patriarchalische Familie und das darauf aufbauende System zu erhalten, diese aufgrund gesellschaftlicher und ökonomischer Umstellungen immer wieder neu in Frage gestellt werden.
2.2. Die Joads - Eine patriarchalische amerikanische Farmerfamilie Im Verlauf der Filmhandlung von THE GRAPES OF WRATH wird wiederholt ausge-
sprochen, dass die Joads sich selbst als hierarchisch strukturierte Familie wahrnehmen, deren Oberhaupt Pa Joad ist. 14 Diese Stellung kommt ihm ursprünglich zu, weil er als Farmer eigenes Land besitzt und durch den Verkauf der dort erwirtschafteten Ernte lange in der Lage gewesen ist, seine Familie allein zu versorgen. Dieses Familienkonzept, das untrennbar mit dem Unabhängigkeit verleihenden Land verbunden ist, ist für die männliche Selbstwahrnehmung von hoher Bedeutung, was im Film mehrfach angedeutet wird, zuerst von Muley Graves, dann von Grampa Joad und schließlich von Pa Joad. 15 Allen dreien dient der Gedanke an den Besitz von Land als Mittel zur Erzeugung von Identität und als Voraussetzung für eine bessere Zukunft. Das von ihnen vertretene Familienkonzept hat seine ideologischen Ursprünge im 19. Jahrhundert, als im Zuge der aufkommenden Industrialisierung und der zunehmenden Erschließung des amerikanischen Westens das auf Thomas Jefferson zurückgehende Ideal einer auf der Landwirtschaft aufbauenden Nation wiederbelebt wird und die Farmer zum Symbol für das anhaltend Gute in Amerika werden. 16 Dieses Ideal wird dann Anfang der 1930er Jahre von einigen amerikanischen Intellektuellen aufgegriffen, die in den ländlichen Südstaaten ein Symbol für einen Ausweg aus der Krise der Depression sehen wollen. 17 Insofern sind die Joads in THE GRAPES OF WRATH Vertreter einer zur damaligen Zeit sehr populären Ideologie, was nach Ansicht von Richard Pells auch wesentlich zum großen Erfolg des Films ebenso wie der Romanvorlage John Steinbecks beigetragen hat. 18 In THE GRAPES OF WRATH ist Pa als dem Versorger der Familie Ma Joad gegenübergestellt, die ihren Ehemann dadurch unterstützt, dass sie sich um die Führung
13 Vgl. Carl N. Degler: At Odds. Women and the Family in America from the Revolution to the Present. New York/Oxford 1980, S. vi-vii.
14 Rein formal gesehen gebührt diese Position eigentlich Grampa Joad als dem ältesten männlichen Familienmitglied; dieser ist aber aufgrund seines Alters und seiner Senilität nicht mehr in der Lage, die Familie zu führen.
15 Vgl. TC 0:17:54-0:18:42, TC 0:31:44-0:32:00 und TC 2:01:38-2:01:50.
16 Vgl. James M. Volo/Dorothy Denneen Volo: Family Life in 19th-Century America [Family Life through History]. Westport, Connecticut/London 2007, S. 81f.
17 Vgl. Richard H. Pells: Radical Visions and American Dreams. Culture and Social Thought in the Depression Years. New York 1973, S. 103.
18 Vgl. ebd., S. 215.
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des Haushalts, die Ernährung der Familie und die Versorgung der schwächeren Familienmitglieder, das heißt der jüngeren Kinder und der Großeltern, kümmert. In ihrer Funktion als selbstlose Helferin ihres Mannes auch in schwierigen Zeiten stellt sie dabei ihre eigenen Bedürfnisse hinter denen der Familie zurück. Damit entspricht sie einem vorherrschenden Frauenideal der Depressionszeit, das sich laut Degler insbesondere an dem Vorbild der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt ausrichtet, die zwar sozial sehr engagiert ist, diese Tätigkeiten aber vor allem als Unterstützung der Arbeit ihres Mannes begreift.
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Ergänzend zu den traditionellen Aufgabenbereichen der Frau tritt infolge der Depression auch noch die Erwartung hinzu, dass sie alles aufbieten müsse, um die Familie auch in Krisenzeiten zusammenzuhalten. Angesichts der ungünstigen Wirtschaftslage und des Aufkommens einer neuen Art der Familie, bei der der Mann nicht länger als einziger durch sein Einkommen die Familie versorgen kann, gewinnt auch die nostalgische Beschwörung einer (imaginierten) Vergangenheit, in der die patriarchalische Familie noch funktioniert hat, immer mehr an Gewicht.
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Dieses traditionelle Familienideal wird auch durch Regierungsmaßnahmen gefördert, die darauf abzielen, die Position des Mannes wieder zu stärken und die patriarchalische Familienform zu bewahren, indem sie finanzielle Unterstützung für Familien gewähren und Männern bei der Arbeitssuche helfen, Frauen aber nicht.
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Vor diesem Hintergrund kann Ma Joad als Befürworterin des Konzepts der traditionellen patriarchalisch geführten Familie und der damit verbundenen Beschränkung der Frau auf die Sorge um ihre Familie geradezu als deren paradigmatische Vertreterin verstanden werden.
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Neben den Eltern erfüllt auch die jüngere Generation der Joads feste Aufgaben innerhalb der Familie. Im Vordergrund steht dabei die Unterstützung der Eltern bei der Versorgung der Familie durch Einbringung ihrer Arbeitskraft und spezieller individueller Fähigkeiten. So macht Warren Motley darauf aufmerksam, dass die Söhne Tom und Al im Hinblick auf die notwendige Fahrt nach Kalifornien eine wichtige Stellung in der Familie besitzen, weil sie als einzige in der Familie in der Lage sind, Auto zu fahren.
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Beide sind zudem bereit, ihre eigenen Bedürfnisse zum Wohle der Familie hintanzustel-
19 Vgl.Degler, At Odds, S. 437.
20 Vgl. Elaine Tyler May: Homeward Bound. American Families in the Cold War Era. New York 1988, S. 38.
21 Vgl. ebd., S. 47f.
22 Hierzu trägt auch bei, dass weder bei Steinbeck noch in Fords Film ihr Vorname genannt wird, was ihren Status als ‚paradigmatische Mutter’ noch unterstreicht. - Vgl. Nellie Y. McKay: „Happy[?]-Wife-and-Motherdom”: The Portrayal of Ma Joad in John Steinbeck’s The Grapes of Wrath. In: David Wyatt (Hrsg.): New Essays on The Grapes of Wrath. Cambridge u.a. 1990, S. 47-69, hier: S: 66.
23 Vgl. Warren Motley: From Patriarchy to Matriarchy: Ma Joad’s Role in The Grapes of Wrath. In: American Literature 54 (1982), S. 397-412, hier: S. 407.
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Arbeit zitieren:
M.A. Marius Nobach, 2008, Die Darstellung von Familien in John Fords Filmen am Beispiel von "The Grapes of Wrath" und "How Green Was My Valley", München, GRIN Verlag GmbH
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