1 Kinder zwischen Sprachen und Kulturen
Kinder sind ein kleines Phänomen was Auffassungsgabe und Umsetzung beim Erlernen von Sprachen angeht. Einem normalen Erwachsenen ist es oftmals nicht möglich, mit einem Kind in diesem Bereich Schritt zu halten, denn Kinder lernen eine Zweitsprache so mühelos wie die erste. Doch stellt sich erst einmal die Frage, warum ein Kind in einem so frühen Alter eine Zweitsprache erlernt beziehungsweise erlernen sollte. Was allgemein bekannt ist, ist die Tatsache, dass Bilingualität flexibles Denken fördert sowie auch das Erlernen einer weiteren Fremdsprache vereinfacht. Darüber hinaus jedoch spielt der kulturelle Hintergrund eine entscheidende Rolle. Kindern, die einer Minderheit zugehörig sind, ist es üblicherweise vorherbestimmt, die Muttersprache der Eltern zu erlernen. Des Weiteren aber auch die Sprache des jeweiligen Landes, welches als neue Heimat dient. Ein Beispiel für die Zweisprachigkeit von Kindern ist im Grenzraum der deutschen und dänischen Minderheit zu finden. In dieser Arbeit werde ich mich mit mehrsprachigen Kindern in Südjütland beschäftigen und aufzeigen, inwiefern sich die Sprachen in zwei verschiedenen Altersstufen ausprägen und welche regionalen Ausdrücke für Grenzgänger zwischen Deutschland und Dänemark typisch sind.
2 Wie kam es zu den sprachlichen Grenzgängern?
Die Minderheiten in Nord- und Südschleswig sind das Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung des Herzogtums Schleswig. Der Vertrag von Ribe, der 1460 unterzeichnet wurde, gab rechtliche Grundlagen zu einem friedlichen Zusammenleben von Deutschen und Dänen. Gleichzeitig strebte zu der Zeit das Herzogtum Schleswig eine Loslösung vom Königreich Dänemark an. Der Einfluss der Kirche und des Adels nahm ich Laufe der Zeit zu, sodass Deutsch zur Amtssprache wurde und sich im 18. Jahrhundert als Volkssprache weiter Richtung Norden ausbreitete. Der Grund dafür waren der lebhafte Handel und Deutsch als Sprache der Gebildeten, unter anderem auch die des dänischen Königshauses. Der im 19. Jahrhundert aufkommende nationale Gedanke führte zu Gegensätzen und Volkstumkämpfen. Von beiden Seiten gab es die Forderung der Eingliederung Schleswigs in das Königreich Dänemark beziehungsweise in den Deutschen Bund. Der erste deutsch-dänische Krieg um Schleswig von 1848 bis 1850 führte zu keiner Lösung. Jedoch vierzehn Jahre später 1864 gewann Preußen Schleswig im zweiten deutsch-dänischen Krieg, was radikale Veränderungen mit sich brachte. Die in Schleswig lebenden Dänen waren somit nun eine Minderheit in
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Preußen. Das Blatt wendete sich im Jahre 1920 nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Nach einer Volksabstimmung wurde entschieden, dass Nordschleswig ein Teil des dänischen Königsreichs wird. Somit war der Norden Schleswigs dänisch und der südliche Teil weiterhin deutsch. Es lebten jedoch in beiden Gebieten immer noch Minderheiten, die auf Anerkennung und Gleichberechtigung drängten. 1955 wurde dann in der Bonn-Kopenhagener Erklärung die Anerkennung der Minderheiten im jeweiligen Staat, das heißt der dänischen Minderheit in Deutschland und der deutschen Minderheit in Dänemark bestätigt. (www.nordslesvig.dk)
3 Mehrsprachigkeit in deutschen Kindergärten und Schulen in Südjütland
Wer heutzutage einer Minderheit angehört, kann meistens dem Problem der nationalen Identität nicht entkommen. Dazu zählen in Nordschleswig 15000 Menschen, die zwischen zwei Ländern und somit auch zwei Kulturkreisen stehen. (BMI, August 2008:10-16) Ein grundlegendes inneres Kriterium ist das Zugehörigkeitsgefühl zu einer der Minderheiten, um sich seiner Herkunft bewusst zu sein. Dieses innere Kriterium ist so gesehen ein sehr privates Kriterium, das zum Beispiel durch Traditionen hervorgehoben wird. Um sich auch öffentlich zur Minderheit zu bekennen, gehören viele Menschen einem Verein speziell für Minderheiten an, konsumieren bestimmte Medien oder besuchen eine Minderheitenschule. In Dänemark ist die deutsche Minderheit ein selbstständiger Teil einer größeren Gemeinschaft mit einer eigenen Geschichte, eigenen Traditionen sowie einer eigenen Kultur und Identität. Dessen ungeachtet besteht zwischen Deutschen und Dänen ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis, welches Brücken zwischen den zwei Nationen baut. (www.nordschleswig.dk)
Und diese Brücken werden schon im jüngsten Alter gebaut. Kinder, die in Südjütland aufwachsen und der deutschen Minderheit angehören, werden in ihrem Umfeld mit drei Sprachen konfrontiert. In Südjütland zählen zu diesen Sprachen Dänisch, Deutsch und Südjütisch 1 . Spätestens im Kindergarten werden Kinder mit der dänischen Sprache vertraut gemacht. Wobei hingegen der meisten Vermutungen in mehr als 50% der Fälle nicht Deutsch die Erstsprache der Kinder ist, sondern die lokal in der Gemeinschaft dominierende Sprache Südjütisch. Wer die Minderheitensprache nicht als Erstsprache erlernt, eignet sich diese als Zweitsprache in kulturellen öffentlichen Institutionen an, zum Beispiel in Schulen oder Kindergärten. (Hinderling et al., 1996:31-59)
1 ”Densønderjyskedialektadskillersigfrarigssprogetbådelydligt,grammatiskogleksikalt.”(Pedersen,
1986:61)
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Es stellt sich die Frage, wie Kinder im Kindergarten und Schüler die Sprachen aufnehmen und wie sie diese benutzen. Wenden sie die Sprachen gemischt an, in Kombination oder fällt es sogar schwer, sich in nur einer Sprache auszudrücken.
Karen Margrethe Pedersen, eine dänische Lektorin für Dialektforschung, hat sich dieser Frage gestellt und Untersuchungen an Kindern in deutschen Kindergärten und Schülern an Minderheitenschulen in Südjütland vorgenommen. Die Kinder und Schüler werden daraufhin untersucht, welche regionalen Ausdrücke sie benutzen und auch welche Ausdrücke typisch für Grenzgänger in der deutsch-dänischen Region sind. Mit Hilfe von Interviews, Schreiben von Geschichten oder mit spielerischen Situationen in drei verschiedenen Sprachen (Reichsdänisch, Südjütisch und Deutsch) versuchte man herauszufinden, ob und wann und in welchem Maße eine Sprache benutzt wird.
Zunächst einmal werden Schüler an einer Minderheitenschule in Dänemark auf ihre sprachlichen Fähigkeiten untersucht. Hierbei kam heraus, dass dänische Ausdrücke direkt ins Deutsche übersetzt werden. Zum Beispiel wird der dänische Ausdruck „lægger noget i vinduet“ im Deutschen zu „etwas ins Fenster legen“, obwohl „etwas in die Fensterbank“ legen gebräuchlich ist. Dieses Phänomen wird „lighedsoverførsler“ genannt, was so viel wie eine Übernahme ähnlicher Konstruktionen und Wörter in eine andere Sprache ist. Eine weitere Beobachtung, die Pedersen in den Interviews gemacht hat, ist die häufig falsche Verwendung des Wortes „denn“ statt „dann“. Dies ist ein Gruppenphänomen, welches Pedersen nur damit erklären kann, dass es eine Übernahme aus dem Hochdeutschen ist, da es keine ähnliche Form dieser Art im Dänischen gibt. Des Weiteren gibt es weit verbreitet regionale sprachliche Übernahmen, z.B. „siger undskyld“ Æ „sagt Entschuldigung“, jedoch „bittet man um Entschuldigung“. Es werden auch sogenannte Interferenzen aus dem Dänischen in das die deutsche Sprache übernommen. Das heißt, Eigennamen und Entlehnungen finden Einfluss ins Deutsche, was auch als „danismer“ bezeichnet wird und den regionalen Aspekt verstärkt.
Im Kindergarten hingegen findet sich nicht eine so hohe Anzahl an Wortübernahmen wie bei den Schülern. Stattdessen benutzen die Kinder öfter Interferenzwörter, wenn sie nicht wissen, wie sie etwas ausdrücken sollen. Das ist ganz natürlich, da ihre Sprachfähigkeiten bei weitem nicht so ausgeprägt sind wie bei den Schülern. Im morphologischen Bereich machen sowohl Schüler als auch Kindergartenkinder Fehler, wenn es darum geht, die korrekte hochdeutsche Form zu verwenden. Oftmals wird der Kasus oder der Genus falsch gewählt, was darauf zurückzuführen ist, dass es in der dänischen Sprache nur zwei Geschlechter gibt sowie nur
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Arbeit zitieren:
Franka Röder, 2010, Die deutsche Sprachminderheit in Südjütland - Kinder als Grenzgänger, München, GRIN Verlag GmbH
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