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1 Autorität - Mittel zum Zweck
Wie viel Autorität tut gut? Wie viel Obrigkeit muss sein? Diese und ähnliche Fragen hat sich im Leben wohl jeder schon einmal gestellt beziehungsweise stellen müssen. Egal ob Eltern, Pädagogen, Literaten, Wissenschaftler, Führungspersonen, Polizisten und auch besonders, im Klassement unten rangierend, Kinder wurden schon einmal mit dem System der gesellschaftlichen Rangfolge konfrontiert. Wer sich im Denken und Handeln nach wem richtet, entscheiden soziale Prozesse. Zumindest in unserer Welt, in unserer Gesellschaft folgen wir Normen und bestimmten gesellschaftlichen Maßstäben. Diese Normen müssen nicht einmal formal auf einem Blatt Papier geschrieben stehen, um sie zu kennen. Sie sind allgegenwärtig und stets in Kraft. Dies gilt auch für die Autorität, die soziale Positionierung, durch die jeder einen Platz in einem Hierarchiesystem zugeordnet bekommt. Doch, was passiert, wenn jemand dieses System durchbricht, seine eigenen Regeln aufstellt und die geltenden nicht befolgt? In dieser Arbeit werde ich mich näher mit dieser Fragestellung befassen. Dazu werde ich einen Klassiker der Kinderweltliteratur ‚Pippi Langstrumpf‘ sowie den italienischen Kinderbuchklassiker ‚Pinocchio‘ auf die jeweilige Darstellung von Autoritäten und den Umgang mit diesen untersuchen und ferner vergleichen. Dabei werde ich des Weiteren auf den pädagogischen Aspekt von Autorität eingehen, der damit unmittelbar in Verbindung steht.
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2.1 Ist Autorität der Schlüssel zum ‚perfekten Kind‘?
Ist eine makellose Erziehung das Ziel, um am Ende ein perfektes Kind zu haben beziehungsweise sein eigen nennen zu dürfen? Die zahlreichen Ansätze für die richtige Erziehung sind unzählig, widersprüchlich und jeder Verfechter einer Theorie ist so stur wie der andere, wenn die Erziehung, Bildung und Belehrung von ihren eigenen Vorstellungen abweichen. Bringt die perfekte Erziehung jedoch dem Menschen mehr Freiheit oder trifft genau das Gegenteil zu. Nicht zu bestreiten ist, dass der Heranwachsende vieles lernen muss, um in der Welt existieren zu können. Doch das meiste, was dieser lernen muss, eignet er sich schon aus den generellen Anforderungen in der Gesellschaft an. Autoritäten
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dienen auf diesem Weg als stetige Begleiter und erfüllen die Funktion des Erfahrenen und die des Helfenden. 1
In dem von Collodi im 19. Jahrhundert verfassten Kinderroman Pinocchio wird auch die Funktion der stetigen Begleiter der Erziehung thematisiert. So hat zum Beispiel Jean-Jaques von Rousseau, unter anderem ein Schweizer Pädagoge, mit dem Prinzip der negativen Erziehung Einfluss auf das Werk Pinocchio. Die negative Erziehung erfolgt durch Abschottung von jeglichen kulturellen Einflüssen und der zu Erziehende muss verstehen, dass er sich selbst gehorcht, wenn er dem Gesetz gehorcht. 2 Des Weiteren finden sich Einflüsse von Pestalozzi, ebenfalls ein Schweizer Pädagoge, und Collodi greift die Gedanken auf, dass jeder Mensch etwas Gutes in sich hat und sich neben den Herzenskräften, Gehorsam entwickeln muss sowie die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. 3 Diese pädagogischen Einflüsse halfen Collodi, um die Entwicklung eines Kindes von einem Egozentriker zu einem verantwortungsvoll handelnden Geschöpf darzustellen. Und mit Hilfe verschiedener Figuren (z.B. Meister Geppetto, die Grille, Kater und Fuchs, die Fee) zeigt Collodi Pinocchios Verhalten gegenüber besagten autoritären Personen auf.
Astrid Lindgrens Auffassung von Erziehung und Autorität entsprach einer anderen. Dies mag jedoch nicht verwundern, da zwischen den beiden Werken mehr als 80 Jahre liegen. Lindgren sprach den Kindern das Recht auf Respektierung, Achtung und Gleichbehandlung zu. Die Autorin lehnt grundsätzlich unangemessene Vorschriften, Verhaltensmaßregeln und Strafen in der Erziehung ab. 4 Pestalozzis Einfluss ist auch hier zu verzeichnen, des Weiteren aber auch Punkte aus der Montessoripädagogik, die besagt, dass jeder „der Baumeister seines Selbst“ ist und das Kind sowie dessen Individualität im Mittelpunkt des pädagogischen Interesses steht. 5 Gerade in ihren Büchern zu Pippi Langstrumpf wird Lindgrens Bild zur Erziehung deutlich und verkörpert es wie kein anderes.
1 H. Kupffer (1980): Erziehung - Angriff auf die Freiheit. Essays gegen Pädagogik, die den Lebensweg des Menschen mit Hinweisschildern umstellt. Weinheim, Basel, S. 17f.
2 Vgl. Stundenprotokoll zur Sitzung vom 15.01.2010, S. 4.
3 Vgl. Stundenprotokoll zur Sitzung vom 15.01.2010, S. 5.
4 B. Hurrelmann (1995): Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Frankfurt am Main, S. 80f.
5 Vgl. Stundenprotokoll zur Sitzung vom 15.01.2010, S. 6.
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2.2. Pippi und Pinocchio - Zwei aufgebehrende Kinderhelden
Wie Pippi Langstrumpf und der kleine hölzerne Junge Pinocchio auf verschiedene Weise mit den Autoritäten umgehen, wird in den folgenden Zitaten aus den jeweiligen Werken aufgezeigt, erklärt sowie gedeutet.
Die erste Erfahrung, die Pippi Langstrumpf im ersten Teil ‚Pippi in der Villa Kunterbunt‘ mit einer Verkörperung der Autorität macht, ist ein Treffen mit den Polizisten der Stadt. „Bist du das Mädchen, das in der Villa Kunterbunt eingezogen ist?“ fragte einer der Polizisten. „Im Gegenteil“, sagte Pippi. „Ich bin eine ganz kleine Tante, die in der dritten Etage am anderen Ende der Stadt wohnt.“ 6 Hier versucht Pippi, jedoch ohne böse Absicht, die Polizisten hinters Licht zu führen. Was sie Pippi nicht sieht, ist, dass sie die Position der Polizisten ins Lächerliche zieht und gegen sich aufbringt. Im nächsten Zitat verdeutlicht Lindgren, wie Pippi unterbewusst, die Autorität der Polizisten untergräbt und am Ende auch ihre Überlegenheit demonstriert, als eine gleichberechtigte Konversation ins Ungleichgewicht zugunsten Pippi gerät.
„Ich hab schon einen Platz in einem Kinderheim“, sagte Pippi. Was sagst du, ist das schon geregelt?“ fragte der eine Polizist. „Wo ist das Kinderheim?“ „Hier“, sagte Pippi stolz. „Ich bin ein Kind, und das hier ist mein Heim, also ist es ein Kinderheim. Und Platz habe ich hier. Reichlich Platz. 7
Eine weitere Person, die versucht, Pippis Leben in geordnete Verhältnisse zu bringen, ist die Lehrerin der örtlichen Grundschule. „Und jetzt will ich dir sagen: 7 und 5 ist 12.“ „Sieh mal an“, sagte Pippi, „du wusstest es ja. Warum fragst du dann? Ach, ich Schaf, jetzt sag ich wieder ‚du‘ zu dir. Verzeihung“, sagte sie und kniff sich selbst ordentlich ins Ohr.“ 8 Dem Leser wird bewusst, dass Pippi mit einer anderen Logik als die Erwachsenen oder generell als fast jeder anderer Mensch an Angelegenheiten herangeht. Auch hier stellt Pippi sich auf eine gleichgestellte Stufe wie die Lehrerin, wobei ihr jedoch bewusst ist, dass ein Erwachsener nicht zu duzen ist, entschuldigt sich allerdings nicht für ihr vorheriges ungezogenes Verhalten. Wie man weiß, hat Pippi Langstrumpf keine Angst, vor nichts und niemandem. Auch nicht vor zwei Langstreichern, die sich als goldgierige Diebe entpuppen.
6 A. Lindgren:Pippi Langstrumpf. Pippi in der Villa Kunterbunt. Deutsche Ausgabe mit der Übersetzung von CäcilieHeinig. Hamburg: Frierich Oetinger 1987, S. 36.
7 Lindgren, Pippi in der Villa Kunterbunt, S. 36.
8 Lindgren, Pippi in der Villa Kunterbunt, S. 48.
Arbeit zitieren:
Franka Röder, 2010, Die verschiedenen Stellungen von Autoritäten in den Kinderwerken Pinocchio und Pippi Langstrumpf, München, GRIN Verlag GmbH
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