Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Hauptteil
2.1 Kants Gottesbegriff 3
2.2 Der natürliche Gang der menschlichen Vernunft 6
2.3 Der ontologische Gottesbeweis 8
2.4 Der kosmologische Gottesbeweis 12
2.5 Der physikotheologische Gottesbeweis 13
3. Schlussteil 16
Literaturverzeichnis 18
1. Einleitung
Liegt mit dem Satz ‘Greifswald existiert.’ ein analytischer oder ein synthetischer Satz vor? 1 Wie verhält es sich mit dem Satz ‘Es existiert eine Universität in Greifswald.’? Es ist so: beide Sätze wären nach Kant synthetische Sätze. Die Existenz eines Gegenstandes, welcher mit einem Begriff vollständig kongruiert ist etwas, dass über die einzelnen Bestimmungen dieses Begriffes hinaus ihm hinzukommt - eben ein Merkmal der Synthese. Die Existenz jenes Gegenstandes ist eine Erkenntnis, die nicht a priori aus seinem Begriff geschlossen oder anderweitig abgeleitet werden kann, da Existenz nicht zu den Bestimmungen von Begriffen zählt. ‘Existenz’ ist nach Kant kein „reales“ Prädikat, was nicht bedeutet, dass es überhaupt keines ist. 2 Der Nachweis der Existenz eines jeden Gegenstandes muss also Kant zu Folge im Bereich möglicher Erfahrung liegen und bedarf mehr als nur der Herleitung a priori aus Begriffen.
Doch würde hingegen mit dem Urteil ‘Greifswald existiert’ ein analytisches vorliegen, was hätte man gewonnen? Man hätte es mit einer bloßen Tautologie zu tun. Eine Bestimmung die dem Begriff dieser Hansestadt bereits zukommt würde ihr prädiziert werden. Unsere Erkenntnis um die Stadt Greifswald würde in keinem Maße erweitert werden. Doch soll an dieser Stelle nichts vorweggenommen werden.
Sicher ist in jedem Fall: Auch der Satz ‘Gott existiert’ unterliegt Kants Ansicht nach der obigen Überlegung. Diese bildet nur einen Auszug aus den scharfen, systematischen Widerlegungsargumenten, derer sich Kant bedient, um seine These von der Unmöglichkeit eines Beweises Gottes aus spekulativer Vernunft heraus zu untermauern. Die vorliegende Seminararbeit geht den Widerlegungen der - nach Kant - drei möglichen Gottesbeweisarten auf den Grund. Liegt allen Dreien dasselbe Moment zu Grunde, das sie zu Fall bringt? Ich behaupte, dass dem so ist und werde dies begründen indem ich den Kern der Widerlegungsstrategie Kants bei allen drei Gottesbeweisarten freilege. Die systematisch-argumentative Widerlegung der Gottesbeweise durch Kant vollzieht sich im dritten und letzten Teil der transzendentalen Dialektik. Dieses Kapitel, das sich in sieben Abschnitte unterteilt, von denen drei auf die direkte Abhandlung der Widerlegung der drei Gottesbeweise entfallen, handelt von dem Ideal der reinen Vernunft. Gott, als der Frage nach dem Urwesen, stellt traditionell den Schlussstein und die Krönung aller menschlichen Erkenntnis dar. Somit wird der Beschäftigung mit ihm unter allen metaphysischen Themen
1 aus moderner, sprachphilosophischer Sicht würde man eher davon ausgehen, dass man es hier mit einer Aussage zu tun hat. Doch für Kant liegt ein Satz vor.
2 Vgl. Kant, KrV A 598/B 626.
1
ein Vorrang eingeräumt. 3 Es passt also ins Bild, wenn Kant nach der Dekonstruktion der großen Themen der überkommenen Metaphysik im zweiten Hauptstück des zweiten Buch der Kritik der reinen Vernunft jenes Thema ans Ende und somit als Höhepunkt der transzendentalen Dialektik setzt. Zwar liegt bereits mit der vierten kosmologischen Antinomie der reinen Vernunft eine Demonstration der Unmöglichkeit eines Beweises Gottes vor, doch erhält dieses Thema durch die Bezeichnung „Ideal der reinen Vernunft“ eine neue Dignität. Im Zentrum steht hier, dass sich der Gottesbeweis als die Folge des natürlichen Ganges der reinen Vernunft ergibt, wenn eben jene die existierenden Gegenstände in ihrer Einheit oder Zweckmäßigkeit zu denken versucht. Die reine Vernunft versucht also jenseits der gänzlich bedingten phänomenalen Welt das Unbedingte zu erfassen. Diese Versuche der reinen Vernunft den Schritt vom Bedingten zum Unbedingten hin zu vollziehen wird innerhalb desins Blickfeld dieser Arbeit gestellten - Kapitels „Ideal der reinen Vernunft“ nachgezeichnet und sein Scheitern aufgezeigt. 4
Im Zentrum dieser Seminararbeit stehen die einzelnen Gottesbeweisarten und ihre Widerlegung unter dem Gesichtspunkt der oben aufgestellten Fragen. Es ist also nicht Zweckmäßig die einzelnen sieben Abschnitte in die das Kapitels „Ideal der reinen Vernunft“ unterteilt ist unsystematisch Stück für Stück durchzugehen und auszuführen. Vielmehr wird es folgendermaßen gehalten: Jeder der Abschnitte rückt nur soweit ins Interesse der Betrachtung, wie er Begriffe enthält, die für die Erhellung der vorgenommenen Untersuchung unabdingbar sind. Es kommt zu der Klärung von Schlüsselbegriffen wie: „Ideal“, „durchgängige Bestimmung“ und „allerrealstes Wesen“, um nur einige an dieser Stelle anzuführen. Diesem Vorhaben folgt der Aufbau der Arbeit. Zuerst kommt es zur Klärung der, für das Verständnis des Hauptpunktes notwendigen Begriffe, die als Komponenten in der Explikation des Begriffes Gott münden. Anschließend kommt es zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen des natürlichen Ganges der menschlichen Vernunft und schließlich zur Auseinandersetzung mit den drei Gottesbeweisarten selbst und der Analyse der Widerlegungsargumentation durch Kant.
3 Vgl. Höffe, Otfried: Immanuel Kant, 1. Aufl. 1983, 7., überarb. Aufl., München 2007, S. 155.
4 Vgl. Ferrari, Jean: Das Ideal der reinen Vernunft, in: Mohr, Georg/ Willaschek, Marcus (Hrsg.): Immanuel Kant - Kritik der reinen Vernunft (Klassiker Auslegen, Bd. 17), Berlin 1998, S. 491-492.
2
2. Hauptteil
2.1 Kants Gottesbegriff
Bevor ich zu der Beantwortung der Frage ‘Was ist der Begriff Gott nach Kant?’ übergehen kann bedarf es der Klärung mehrerer vorausgehender Fragen. Ich wende mich zuerst der Frage zu, was Kant unter dem „Ideal“ versteht.
Kant stellt das „Ideal“ ans Ende einer Reihe, die mit den „Kategorien“ beginnt und über die „Ideen“ zum „Ideal“ fortschreitet. Die Steigerungsform dieser Reihe steht in Verbindung mit der jeweiligen Entfernung des Gegenstandes von der objektiven Realität. Objektive Realität meint hier den Gegenstandsbezug, in sofern er durch Erfahrung gegeben ist; Voraussetzung hierfür ist also die Transzendentale Analytik. Während zu den „Kategorien“ - welche zwar von der objektiven Realität entkoppelt sind - sich noch Erscheinungen finden, an denen sie sich in concreto vorstellen lassen, trifft dies für die „Ideen“ nicht zu. „Sie enthalten eine gewisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische Erkenntnis zulangt […]“ 5 Somit sind die „Ideen“ - nach Kant - noch weiter von der objektiven Realität entfernt als die „Kategorien“. Da sich das „Ideal“ allein aus der Bestimmung durch „Ideen“ ergeben kann, also ein nur durch sie bestimmtes Ding ist, folgert Kant, dass das “Ideal“ seinerseits noch weiter von der objektiven Realität entfernt sein muss als die „Ideen“. 6 Kant führt als Beispiel für ein „Ideal“ den Weisen, den Stoiker, an, der, obschon er ein Mensch ist, der nur in Gedanken existiert, völlig mit der „Idee“ der Weisheit kongruiert. Hier erkennt man gut, inwiefern die „Idee“ mit dem „Ideal“ zusammenhängt: „So wie die Idee die Regel gibt, so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde der durchgängigen Bestimmung des Nachbildes […]“ 7 Sowohl die „Ideen“ als auch die „Ideale“ enthalten eine praktische Kraft in Form von regulativen Prinzipien, indem sie der Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser Handlungen zu Grunde liegen. Wir, als Menschen, bedürfen dieser „Ideen“ und „Ideale“ als Richtmaß für unsere Vernunft, um den Grad der Mängel der Vollständigkeit an den Gegenstände abschätzen zu können.
Das „Ideal“ ist also ein allein durch die „Ideen“ bestimmbares Ding, das, eben weil es nur durch die „Ideen“ bestimmbar ist, am weitesten von der objektiven Realität entfernt ist. Es wird sich zeigen, dass für Kant ein Wesen mit allerrealster Realität - welches man auch mit Gott gleichzusetzen pflegt - ein solches „Ideal“ und damit von der objektiven Realität am
5 Kant, KrV A 567/B 595.
6 Vgl. Kant, KrV A 567/B 595 - A 569/B 597.
7 Kant, KrV A 569/B 597.
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weitesten entfernt ist. Mehr noch: Es ist sogar „[…] das einzige eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft fähig ist; weil nur in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge durch sich selbst durchgängig bestimmt, und als die Vorstellung von einem Individuum erkannt wird.“ 8
Doch zuvor gilt es der Frage nachzugehen, was ein „transzendentales Ideal“ meint, deren Klärung aufs engste mit der nach dem Wesen der durchgängigen Bestimmung und der transzendentalen Verneinung (bzw. Bejahung) zusammenhängt. Kant unterscheidet die Bestimmbarkeit eines Gegenstandes von seiner Bestimmtheit. 1. Das Prinzip der Bestimmbarkeit beruht nach Kant auf dem (Nicht)Widerspruchprinzip: von je zwei einander kontradiktorisch entgegen gesetzten Prädikaten, kann einem Gegenstand nur eines von beiden zukommen.
2. Die Bestimmtheit eines Gegenstandes setzt Kant mit der durchgängigen Bestimmung jenes Gegenstandes gleich. Von allen möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihren Gegenteilen verglichen werden, muss eines der beiden jenem Gegenstand zukommen. Hierdurch wird er durchgängig bestimmt. Somit kann die durchgängige Bestimmung verstanden werden, als die Summe aller positiven und negativen Bestimmungen jenes Gegenstandes.
Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich für Kant die Unterscheidung der logischen Verneinung von Prädikaten, die sich aus der rein formalen Anwendung eines Negators auf jene Prädikate ergibt, von der spezifischen transzendentallogischen Verneinung, die entsteht, wenn man einem Gegenstand ein bestimmtes Negatprädikat zuspricht, weil dieser einen bestimmten Mangel an Realität aufweist.
Somit ergibt sich ein spezifischer Unterschied zwischen der Anwendung einer logischen Verneinung und der Anwendung einer transzendentallogischen Verneinung. (dies gilt entsprechen konvers für die Bejahung) Im Gegenzug zur transzendentallogischen Verneinung, die einen Mangel an Realität ausdrückt, wird einer transzendentallogischen Bejahung ein Vorhandensein von Realität ausgedrückt. Dementsprechend ist ‘Finsternis’ gegenüber ‘Licht’ ein Begriff, der einen Mangel an Realität ausdrückt.
Nun stellt Kant fest, dass die durchgängige Bestimmung ein Begriff ist, der sich auf einer Idee gründet, denn wir können ihn niemals in concreto seiner Totalität nach darstellen. Für die durchgängige Bestimmung eines jeden Gegenstandes müssten wir über jedes mögliche reale Prädikat verfügen, was nicht der Fall ist. Er selbst drückt es so aus: „[…] um ein Ding
8 Kant, KrV A576/B 604.
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Arbeit zitieren:
Hermann Sievers, 2007, Immanuel Kants Gottesbeweiskritik, München, GRIN Verlag GmbH
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