Université de Liège Faculté de Philosophie et Lettres Section Germaniques Anneé academique 2000/2001 Seminar: Lyrik nach Auschwitz
3
1. EINLEITUNG. 5
2. NELLY SACHS 8
2.1 Einordnung in den Gesamtzusammenhang. 8
2.2 Formanalyse. 8
2.2.1 Symmetrie und Parallelismus 9
2.2.2 Aufbruch der klassischen Strophenform 9
2.3 Motivbestand: Dominanz von Geburts- und Astralmotivik 10
2.4 Interpretation der Gedichte 11
2.4.1 Gedicht I: Jakob als pars pro toto für das Leiden der Menschheit. 11
2.4.1.1 Leiden, Tod, Erinnerung 11
2.4.1.2 Jakob als Vorkämpfer 13
2.4.1.3 Seligkeit und Verrenkung. 14
2.4.2 Gedicht II: Jakob als Richter über Leben und Tod 16
2.4.2.1 Antithetik von Leben und Tod. 16
2.4.2.2 Anspielung auf die Rolle der Kunst. 18
2.4.2.3 Die Feuersymbolik. 19
3. JUREK BECKER 21
3.1 Der Baum als Leitmotiv: das Prinzip Hoffnung. 21
3.1.1 Natürliche Ordnung kontra Ghettoordnung. 21
3.1.2 Rolle der Bäume im Erzähldiskurs 22
3.2 Intertextualität im Roman: Bezug zur Bibel 23
3.2.1 Biblisch konnotierte Namensgebung 23
3.2.2 Jakobs Kampf und Berufung 24
3.2.3 Anspielung auf die Bücher Genesis und Hiob. 24
3.3 Erzählform: zwischen Moderne und Tradition. 25
3.3.1 Absage an den sozialistischen Realismus. 26
3.3.2 Nähe zur jüdische Erzähltradition 28
4
4. SACHS UND BECKER IM VERGLEICH 30
4.1 Ausgangsbasis: Biografie und Judentum. 30
4.2 Unterschiede in der Verwendung jüdischer Symbole und Motive 31
4.2.1 Typisierung Jakobs. 32
4.2.2 Die messianische Idee 33
4.3 Aufnahme durch Kritik und Rezeption. 34
4.3.1 Nelly Sachs, die Ikone jüdischer Dichtung 34
4.3.2 Jurek Becker, der traurige Humorist 35
5. RESÜMEE: SCHREIBEN NACH AUSCHWITZ 36
LITERATURVERZEICHNIS : 38
g
1. Einleitung
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen uns von uns ab und stellen uns fremd. ... Allmählich, über Monate hin, stellte sich das Dilemma heraus: sprachlos bleiben oder in der dritten Person zu erzählen, das scheint zur Wahl zu stehen“. 1 Was die DDR-Autorin Christa Wolf anlässlich ihrer Büchnerpreisrede 1980 wohl in erster Linie auf die unmittelbare deutsch-deutsche Vergangenheit und deren literarische Verarbeitung bezogen hat, kann ohne weiteres auch für die Literatur gelten, die sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auseinander zu setzen versucht: die Literatur des Holocaust, die Literatur nach Auschwitz. Nicht einmal 60 Jahre sind seit dem Massenmord an etwa sechs Millionen Juden vergangen. Das Vergangene ist also längst nicht tot. Um so weniger für diejenigen, die die Zeit des Nationalsozialismus unmittelbar miterlebt haben und anschließend vor der Entscheidung standen: sprachlos bleiben, oder das Schweigen über die Greueltaten und das von ihnen evozierte Leiden brechen.
Im Folgenden sollen nun zwei Autoren betrachtet werden, die sich für die zweite Wahlmöglichkeit entschieden haben: Nelly Sachs und Jurek Becker, die keine „geistige Kapitulation vor der moralischen Ungeheuerlichkeit“ 2 gezeigt, sondern einen Weg der Artikulation gefunden haben. Einen Weg der Artikulation, den beide Autoren auf unterschiedliche Weise beschreiten: Nelly Sachs wählt die Lyrik, Jurek Becker die Epik.
Ziel dieser Arbeit ist es nun, diese unterschiedlichen Darstellungsformen, ihre Intention und Wirkung im Hinblick auf den Holocaust zu vergleichen um Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Bearbeitung dieses schwierigen Themas zu zeigen.
Um die Fülle an möglichen Interpretationsansätzen einzuschränken, soll das Augenmerk auf die Darstellung der Figur des Jakob bei beiden Autoren gerichtet werden. Jurek Beckers Roman kreist, wie schon im Titel angekündigt, um einen Lügner namens Jakob. Bei Nelly Sachs finden sich die Gedichte Jakob 3 , Lange sichelte Jakob 4 sowie Und aus der dunklen Glut ward Jakob angeschlagen 5 mit dem gleichnamigen Protagonisten, wobei für die Analyse vor allem die beiden Erstgenannten herangezogen werden sollen. Doch warum Jakob?
1 Christa Wolf zitiert in: Jung (1998), S. 2.
2 Kröhle (1989), S. 53.
3 Siehe Sachs (1988), S. 90.
4 Siehe Sachs (1988), S. 290.
5 Siehe Sachs (1988), S. 213.
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Es ist davon auszugehen, dass Sachs und Becker den Namen Jakob nicht willkürlich für ihre Protagonisten gewählt haben, sondern eine bestimmte Botschaft und Wertevermittlung damit beabsichtigen. Beide Autoren sind jüdischer Herkunft und haben somit einen gewissen Fundus an jüdischen Traditionen als Schreibhintergrund, zu dem auch Jakob als zentrale Figur des Alten Testaments zählt. 6 Die vergleichende Analyse der Figur des Jakob, seine Charakterisierung und vor allem die Bezugnahme auf traditionelle Vorlagen soll deshalb als Ausgangsbasis dienen um zu zeigen, auf welch unterschiedliche Weise Sachs und Becker „das Leid, das verstummen macht, zum Sprechen gebracht“ 7 haben.
Solch eine Analyse ist freilich nicht denkbar ohne die Einbeziehung der Thesen von Theodor W. Adorno, die Forschung und Diskussion nachhaltig beeinflusst haben. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch“, lautet Adornos berühmtes (gekürztes) Diktum, dass im Diskurs immer wieder zitiert und häufig missverstanden wird. Viele mögen dabei wie Sem Dresden auf Verständnisschwierigkeiten stoßen: „Kurz und gut, ich muß bekennen, daß ich mit Adornos Ausspruch nicht viel anzufangen weiß“. 8 Ist Adornos Ausspruch denn tatsächlich als Schreibverbot zu verstehen? Diese Gretchenfrage muss doch eher verneint werden. Vielmehr scheint es Adorno darum zu gehen, das Dilemma aufzuzeigen, in dem sich Intellektuelle im Allgemeinen und Autoren im Besonderen nach Auschwitz befanden. Einerseits begreift er ein Weiterschreiben, als wäre nichts geschehen, als eigentliche Barbarei: Denn schließlich „bestünde die Barbarei darin, Gedichte wie zuvor zu schreiben, als hätte Auschwitz nicht stattgefunden“ 9 , interpretiert Lionel Richard Adornos Kredo. Schweigen andererseits kann auch keine Lösung sein, denn es würde ähnlich dem biblischen Bilderverbot statt Gott „Auschwitz negativ sakralisieren“ 10 . So verstanden, ergibt sich im Sinne Adornos nur eine Möglichkeit: Schreiben und erzählen, aber nicht so, als hätte Auschwitz nicht stattgefunden. Denn die Schreibweisen vor Auschwitz und allgemeiner die Kultur trügen die Schuld, nicht verhindert zu haben, dass Menschen Ungeheuer werden, interpretiert Richard die Thesen Adornos. 11
Die Schwierigkeit für die Nachkriegsautoren besteht nun freilich darin, dieser schier unerfüllbaren Forderung gerecht zu werden und eine Literatur zu schaffen, die weder dazu neigt, „eine billige Theodizee zu werden, so nah dem banalen Kitsch, noch in einer völligen Stille zu
6 Ob diese Hypothese tatsächlich zutrifft und beide Autoren einem jüdischen Schreibhintergrund folgen, muss natürlich im Laufe der Arbeit überprüft werden.
7 Knörrich (1971), S. 129.
8 Dresden (1997), S. 268.
9 Richard (1993), S. 29.
10 Laermann (1993), S. 12.
11 Vgl. Richard (1993), S. 29.
7
verharren“ 12 Ob und wie Nelly Sachs und Jurek Becker diese Gratwanderung zwischen Ba-
nalisierung und Erstarrung bewältigen, soll nun untersucht werden.
12 Komar (1993), 33
2. Nelly Sachsg
2. Nelly Sachs
2.1 Einordnung in den Gesamtzusammenhang
Obwohl seine eigene Formulierung dies vermuten lässt, hat Adorno mit seinem Diktum nicht nur die Lyrik in Frage gestellt hat. Er zweifelt vielmehr generell an, ob nach Auschwitz Kunst im Allgemeinen noch eine Daseinsberechtigung habe. Dennoch nimmt die Lyrik als „verkitschter Inbegriff dieser gesellschaftsfreien Kunst“ 13 im Hinblick auf die Darstellung des Holocaust doch eine Sonderstellung unter den Gattungen ein. Traditionsgemäß gilt die Lyrik als die schöne Gattung, als Inbegriff der Ästhetik und zugleich Ausdruck von Subjektivität, Innerlichkeit und Gefühl. Alles Attribute die sich, so scheint es, nicht mit der Thematik der Shoah verbinden lassen. Nichtsdestotrotz wählt Nelly Sachs das Gedicht, um die Trauer über das Geschehe zu artikulieren.
Das ältere der beiden zu analysierenden Gedichte, Jakob, entstammt dem 1949 erschienenen zweiten Gedichtband Sternenverdunkelung, genauer dem zweiten Zyklus dieses Bandes mit dem Titel Die Muschel saust. In diesem Zyklus wir diese persönlich erfahrene Trauer und der individuelle Schmerz auf eine allgemeinere Ebene gehoben. Anhand von Propheten und Gestalten aus dem Alten Testament, die im Rauschen der Muschel Gottes Geheimnis erlauschen, wird laut Hennig Falkenstein das zeitlose Thema des Leidens der gesamten Menschheit dargestellt. 14
Genau zehn Jahre später, 1959, erschien der Gedichtband mit dem Titel Flucht und Verwandlung, dem das Gedicht Lange sichelte Jakob entnommen ist. Sowohl Falkenstein als auch Bahr weisen darauf hin, dass dieser Band auch in den Augen der Dichterin selbst eine Zentralstellung im Gesamtwerk Nelly Sachs einnimmt, vielleicht sogar als dessen Höhepunkt gelten kann. 15 Thematisch werden in diesem Band die beiden Pole der Flucht gegenübergestellt, die im Schlechten Leiden und Streben mit sich bringt, sich aber auch im Sinne von Verwandlung und Neubeginn positiv auswirken kann.
2.2 Formanalyse
Dass sich in den zehn Jahren, die die beiden Gedichte trennen, eine Wandlung im Werk der Nelly Sachs vollzogen zu haben scheint, zeigt bereits ein erster vergleichender Blick auf die Form.
13 Claussen (1993), S. 18.
14 Vgl. Falkenstein (1984), S. 34.
15 Vgl. Falkenstein (1984), S. 69 sowie Bahr (1980), S. 142.
Arbeit zitieren:
Marion Kaufmann, 2001, Von der Erzählbarkeit des Holocaust. Nelly Sachs und Jurek Becker im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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