Satz und Periode
In dieser Arbeit will ich mich mit den beiden Termini Periode und Satz auseinandersetzen, welche beide wohl zu den grundlegendsten musikalischen Formprinzipien klassischer Musik gehören. Auf der Grundlage von Erwin Ratz Buch „Einführung in die musikalische Formenlehre“ will ich mich diesen Begriffen theoretisch nähern und sie anschließend anhand ausgewählter Beispiele aus den Beethovensonaten praktisch exemplifizieren. Im Zuge dieser Untersuchungen soll zum einen deutlich werden, von welch grundlegendem Stellenwert diese beiden Begriffe für klassische Kompositionen sind und zum anderen gezeigt werden, dass Ludwig van Beethoven mit seinen 32 Klaviersonaten einen Paradigmenwechsel in musikgeschichtlicher und vor allem kompositorischer Hinsicht eingeleitet hat, der sich besonders gut an diesen beiden Begriffen und ihrer Unterscheidung nachvollziehen lässt. Für dieses Vorhaben eignen sich die Beethovenschen Klaviersonaten deswegen so hervorragend 1 , da „keine musikalische Gattung die Phänomenologie des Beethovenschen Sonatensatzes so deutlich, damit aber auch in seiner ganzen Vielfalt widerspiegelt, wie Beethovens Klaviersonaten.“ 2
Bevor ich direkt in die Thematik einsteige und diese beiden wichtigen musikalischen Formprinzipien vor- und darstelle, möchte ich zu Beginn kurz auf einen Begriff eingehen, der mit der ‚Periode’ und dem ‚Satz’ eng verschränkt ist: dem Themenbegriff. Dies scheint mir insbesondere bei der Beschäftigung mit dem Beethovenschen Oeuvre äußerst angebracht, vielleicht sogar erforderlich; denn: „Der Weg der Beethoven-Analyse ist die Funktion ihrer Themenbestimmung.“ 3
So soll uns diese einleitende Darstellung das Fundament liefern, auf dem wir die weiteren Betrachtungen und Überlegungen vornehmen wollen.
1 Satz und Periode waren selbstverständlich vor Beethoven auch schon bei Bach, Mozart oder Haydn vorhanden
2 Klaus Kropfinger, Beethoven, Stuttgart: Bärenreiter-Verlag 2001, S.209
3 Ebd., S.199
2
Definition des Themenbegriffs bzw. Motivs nach Martin Wehnert
Martin Wehnert hat in der alten Fassung der Musikenzyklopädie ‚Musik in Geschichte und Gegenwart’ 4 einige für unsere Thematik erhellende Erläuterungen bezüglich des Themenbegriffs vorgenommen: Der Themenbegriff leitet sich etymologisch von dem griechischen Begriff ‚To Thema’ ab, was soviel wie das Gesetzte, Aufgestellte oder auch der Satz bedeutet. So definiert Quintilian beispielsweise in seinem ‚institutio oratoria’ 5 das ‚Thema’ als Sentenz oder aufgestellte Behauptung. Das ‚Thema’ bildet eine begriffliche Gegenüberstellung zu dem sogenannten ‚propositum’- das Vorgestellte bzw. Verheißene. Die Analogie zur Rhetorik wird hierbei deutlich ersichtlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der „Hauptsatz“ die begriffliche Übertragung des Themenbegriffs ins Deutsche darstellt. So bleiben die Begriffe ‚Thema’ und ‚Hauptsatz’ in der zweiten Hälfte des 18. und 19. Jahrhunderts Synonyme.
Das Thema ist ein konstitutiver Faktor in einer Komposition und hat als solches eine formale und inhaltliche Bedeutung für ein musikalisches Ganzes. „Die konstitutive Aufgabe des Themas besteht in erster Linie darin, funktionales Zentrum im Beziehungsgeflecht einer Komposition zu sein. Alle Formglieder hängen in ihrem Sinngehalt und in ihrer Sinnhaftigkeit vom Thema bzw. von den Themen ab“ 6 , schreibt Wehnert in dem Artikel des MGG. Das Thema ist in diesem Sinne also das erste Ergebnis eines musikalischen Formungsprozesses. Im 18. Jahrhundert jedoch erfährt das Thema schließlich eine Wandlung. Es ist nicht mehr allein ein „formauslösendes Moment“ 7 , sondern bereits selbst ein Geformtes. Die Themen werden nunmehr selbst zur ‚zentralen Aufgabe’ einer Komposition. Ein interessanter Zusammenhang zur Periode stellt der Umstand dar, dass die ersten 4 Takte einer 8-taktigen Periode als Thema bzw. Hauptsatz bezeichnet werden, was auch unter der sogenannten ‚viertaktigen Satznorm’ bekannt ist. Johann Christian Lobe bestimmt 4 Takte als Satz, und 8 Takte als Periode. 8
Nach dieser kurzen ‚Begriffsabsteckung’ wollen wir uns nun im Folgenden intensiv mit der musikalischen Periode und dem musikalischen Satz auseinandersetzen. Die Primärquelle soll hierfür die ‚Einführung in die musikalische Formenlehre’ von Erwin Ratz sein. Wir wollen näher betrachten, wie Erwin Ratz diese Begriffe in seinem Buch versteht und für seine
4 Martin Wehnert, Art. Thema und Motiv, MGG XIII, Kassel 1966
5 Marcus Fabius Quintilianus, institutio oratoria IV 2, 28. Dort heißt es wörtlich : “scholarum consuetudo, in
quibus certa quaedam ponnutur, quae themata dicimus.“
6 Martin Wehnert, Art. Thema und Motiv, MGG XIII, Kassel 1966
7 Ebd.
8 Johann Christian Lobe, Compositions-Lehre oder umfassende Theorie von der thematischen Arbeit und den
modernen Instrumentalformen, Georg Olms Verlag: 1988, S.5 (Auflage: Reprint der Ausgabe Weimar 1844)
3
Überlegungen verwendet. Dabei soll ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet sein, wie Ratz diese Begriffe auf die Beethovenschen Sonaten anwendet. Auch andere Autoren, welche zu der Thematik Satz und Periode interessante Überlegungen angestellt haben, werden hierbei ausführlich zu Wort kommen.
‚Periode’ und ‚Satz’ in Erwin Ratz „Einführung in die
musikalische Formenlehre“- Diskussion
Das Anliegen dieses äußerst lesenswerten Buches macht Ratz bereits in seinem Vorwort deutlich. Sich auf Goethe stützend verdeutlicht er die Bedeutsamkeit der Form eines (musikalischen) Kunstwerkes, deren Erfassen die „höchste Stufe“ 9 in der Auseinandersetzung mit Kunst darstellt und einem das „Wesen des Kunstwerkes“ 10 erst vollends erschließen vermag. Diese Suche nach der Form ist es, die das gesamte Buch gleichsam wie ein roter Faden durchzieht und worin sich Ratz Vorhaben zeigt. Er will darlegen, dass den Bachschen und den Beethovenschen Kompositionen gemeinsame Formprinzipien zugrunde liegen. So spricht Ratz in Bezug auf Beethovens kompositorischen Schaffensprozess von einer „direkten Weiterführung des Bachschen Erbes“ 11 . Seine Grundmethodik, musikalische Formprinzipien Beethovens gewissermaßen rückwirkend mit jenen Bachs in Beziehung zu setzen, erklärt Ratz in einer interessanten Bemerkung: “Es zeigt sich immer wieder, dass wir in vielen Fällen leichter in der Lage sind, den Sinn einer Erscheinung zu begreifen, wenn wir sie unter dem Gesichtspunkt dessen betrachten, was als weitere Entwicklung aus ihr hervorgegangen ist.“ 12 Eine der grundlegenden Formprinzipien bzw. typischen Formstrukturen sieht Ratz vor allem in der ‚Periode’ und in dem ‚Satz’ der Beethovensonaten. Periode und Satz sind die „Grundformen geschlossener syntaktischer Bildungen im Zeitalter der Klassik“, finden wir bei Carl Dahlhaus. 13 Die Unterscheidung zwischen Satz und Periode reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. In den Kompositionslehren der damaligen Zeit, sowie auch in zahlreichen musikwissenschaftlichen Publikationen wurden und werden diese beiden Begriffe und wie sie auseinander zu halten sind durchaus kontrovers diskutiert. So geht die Unterscheidung zwischen Periode und Satz ursprünglich auf Abbé Marx zurück, der im zweiten Teil seiner ‚Lehre von der musikalischen Komposition’ zum einen von der „Liedkomposition in
9 Erwin Ratz, Einführung in die musikalische Formenlehre, Wien: Universal Edition 1973, S.7
10 Ebd.
11 Ebd., S.21
12 Ebd.
13 Carl Dahlhaus, Satz und Periode. Zur Theorie der musikalischen Syntax, in: ZfMth 9, 1978, H. 2, S.26
4
Arbeit zitieren:
Nathaniel Mandal, 2009, 'Satz' und 'Periode' in den Beethovenschen Klaviersonaten, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Überregionales Projektmanagement mit dem Schwerpunkt Marketing
Am Beispiel "Imperium - K...
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Forschungsarbeit, 38 Seiten
Richard Wagners Instrumentalmusik am Beispiel des Siegfried-Idylls aus...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
»Die Meistersinger von Nürnberg« in der Tradition der deutschen Komisc...
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen
Gattungsinterferenz in Johann ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Figurenkonzeption in der "...
Magisterarbeit, 126 Seiten
Pestalozzis Erziehungsmethoden und ihre Bedeutung für die heutige Zeit
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 17 Seiten
Der Antisemitismus in den 'Meistersingern' von Richard Wagner
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Soziale Ungleichheit, Schulversagen und Bildungsaufstiege
Bildungschancen für Schülerinn...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 29 Seiten
Der schulpädagogische Anspruch des Johann Heinrich Pestalozzi
Versuch einer gegenwärtigen Be...
Hausarbeit, 29 Seiten
Nathaniel Mandal hat einen neuen Text hochgeladen
Klaviersonate Nr. 17 d-moll op. 31,2 [Sturmsonate]
revidierte Ausgabe. Klavier zu...
Ludwig van Beethoven, Norbert Gertsch, Murray Perahia
Klaviersonate Nr. 21 C-dur op. 53 (Waldstein)
Ludwig van Beethoven, Norbert Gertsch, Murray Perahia
Nach den Quellen herausgegeben
Ludwig van Beethoven, Peter Hauschild
Sonate für Klavier Nr. 14 cis-Moll op. 27; 2 "Mondschein-Sonate" / URT...
Sonata quasi una Fantasia
Ludwig van Beethoven, Johannes Fischer
Klaviersonate Nr. 14 cis-moll op. 27,2 [Mondscheinsonate]
Ludwig van Beethoven, Bertha Antonia Wallner
0 Kommentare