Inhaltsverzeichnis:
Einleitung 2
Robert Ritters Weg zu einem der führenden Zigeuner- und Asozialenforscher der NS-Zeit 4
Was macht oder machte Robert Ritter zum Täter und handelte er auf Befehl oder
eigenst ändig? 6
Literaturverzeichnis 12
Anhang 14
1
Einleitung
Auch noch in der heutigen Zeit gehört die Täterforschung von Personen, die dem NS-Regime dienten, zuarbeiteten oder mit ihm sympathisierten zu den wichtigsten, anspruchvollsten, schwierigsten sowie aufwendigsten Aufgaben der Nachkriegszeit. Denn nur mittels der Täterforschung kann man wirksam die NS-Zeit aufarbeiten und die furchtbaren Machenschaften, wie u.a. Ermordungen, Plünderungen bis hin zu den methodisch-planvollen Hinrichtungen von Juden, Sinti und Roma und anderen ethnischen Minderheiten, die nicht als lebenswürdige Rasse erachtet wurden und fast deren Ausrottung zur Folge hatte beleuchten, verstehen und für zukünftige Zeiten verhindern.
Ich möchte zunächst einige Fragen stellen, die ich im weiteren Verlauf versuchen werde zu beantworten, bevor ich zu den beiden zentralen Aufgaben meiner Arbeit komme. Ob mir dies gelingt, hat der Leser zu entscheiden.
Was ist überhaupt Täterforschung? Warum und wie betreibt man sie? Was sind mögliche Schwierigkeiten die sich bei der Täterforschung ergeben / ergeben können? Um die Frage zu klären wer denn überhaupt die Täter an der Shoah waren, hätte man annähernd jeden Menschen im besetzten Deutschland erst einmal unter Generalverdacht stellen müssen. Es kam zu Massenverhaftungen von ca. 182.000 Menschen in den drei westlichen Besatzungszonen 1 . Im Rahmen dieser Festnahmen kam es dann zu Befragungen, Verhören und schließlich zu 5025 Veruteilungen 2 . In den westlichen Besatzungszonen wurden gegen ca. 2,5 Millionen Menschen Verfahren eröffnet, bei denen rund 54% als Mitläufer, 1,4% als Haupttäter und 0,6% als NS-Gegner anerkannt wurden; bei 34,6% wurde das Verfahren eingestellt 3 . Es konnten sich allerdings auch viele der Täter oder Mitläufer der Inhaftierung entziehen, sei es mit falschem Namen über die so genannten Rattenlinien (einem Netzwerk aus ehemaligen Kameraden) 4 oder wie im Falle Robert Ritters mit einem Persilschein und verschiedensten Leumundszeugen 5 . _______________________
1 Dieter Schenk, „Auf dem rechten Auge blind“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001 auf http://de.wikipedia.org /wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1
2 Manfred Görtemaker, ,,Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, Fischer (Tb.) Frankfurt 2004, auf http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1
3 http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung#cite_ref-DS_0-1
4 http://www.zeit.de/2001/06/200106_a-flensburg.xml, ,,Flensburger Kameraden“, Juni 2001
5 Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeuner-forschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 211, 222
Wie bereits erwähnt, ist die Täterforschung eine der wichtigsten Aufgaben der Nachkriegszeit bis hin zu unserer Generation. Dabei soll die Täterforschung nicht nur dem Verstehen der Taten und deren Hintergründe dienen, sondern auch der Aufarbeitung des gesamten Geschehens des Krieges sowie den daraus zu ziehenden Schlüssen für die Zukunft. Doch die Täterforschung erweist sich oft als sehr schwierig. Matthias Heyl beschreibt im Kapitel ,,Erziehung nach Auschwitz“ - Eine Bestandsaufnahme - die Probleme die sich bei der Täterforschung ergeben können.
,,Schweigen und Verschweigen der Eltern bezüglich Ihrer Haltung zum Nationalsozialismus und zur Judenverfolgung, wobei für die Kinder häufig undeutlich blieb, was die Eltern schweigen lässt.“ 6
Weitere Probleme, die Heyl benennt, wären die Abwehrhaltung und das Vermeidungsverhalten der Eltern bei Konfrontation mit dem Geschehenen, Verleugnungs-und Umdeutungstendenzen in Gesprächen sowie die Hilflosigkeit, ,,(…)da man sich ja selbst nicht erklären könne, wie es dazu kommen konnte(…)“ 7 . Die Schwierigkeiten, die die Täterforschung begleiten, sind neben den oben genannten, die des ständigen Abstreitens des Geschehenen, ob als Täter, Mitläufer oder Zuschauer, sowie Aussagen wie die, dass nicht die Deutschen die Konzentrationslager erfunden haben, dass Hitler nicht nur Schlechtes, sondern auch Gutes bewirkt hat oder die, dass auch die anderen Verbrechen begangen haben 8 . Eine sinnvolle und effektive Täterforschung konnte somit nicht direkt nach dem Krieg erfolgen, sondern erst Jahre oder Jahrzehnte später, als die Mauern des Schweigens, des Verdrängens und der Verleugnung aufgrund des Druckes und der Fragen der Nachfolgegenerationen oder auch aus eigenen Überzeugungen bzw. Gewissensbissen durchbrochen worden waren.
_______________________
6 Matthias Heyl, ,,Erziehung nach Auschwitz“ - Eine Bestandsaufnahme - In: ,,Familialer und intergenerationeller Umgang mit der Shoah in deutschen Familien“,( nach von Westernhagen 1987) Krämer Verlag, Deutschland, Niederlande, Israel, USA; Hamburg 1997, S. 127
7 Ebenda. S. 127
8 Ebenda. S. 128
Robert Ritters Weg zu einem der führenden Zigeuner- und Asozialenforscher der NS-Zeit
Im folgenden Abschnitt möchte ich kurz Robert Ritters Lebensweg bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 skizzieren und beleuchten, um dann auf die Frage eingehen zu können: Was macht oder machte Robert Ritter zum Täter und welche Rolle spielte Eva Justin dabei?
Robert Ritter wurde am 14. Mai 1901 als erstes Kind von Martha und Max Ritter, einem Kapitänleutnant, Offizier zur See, in Aachen geboren. Es folgten zwei Schwestern. Das familiäre Denken war von kaisertreuem und deutsch-nationalem Geiste sowie einem strengen autoritären Erziehungsstil väterlicherseits geprägt 9 . Ritter besuchte nach eigenen Angaben verschiedene Schulen, wie das Gymnasium zu Berlin-Zehlendorf, das Katharinäum zu Lübeck und das Realgymnasium zu Nowawes 10 . Ab 1916 begann die militärische Ausbildung Ritters in der Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde, die bis 1918 andauerte und ihm die Unterwerfung unter die Befehls- und Ordnungsstruktur mit militärischem Drill lehrte, für die der Vater mit seinem Erziehungsstil den Grundstein legte. Dadurch, so schrieb Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, bekam Ritter:
,,(…) seine enorme Selbstdisziplin und der zähe Durchhaltewillen auf wissenschaftlichem Feld - militärisch-preußische Sekundärtugenden, die ihm bei seinen späteren erbforscherischen und erbbiologischen Großprojekten zupaß kamen(…)“ 11 .
1919 schloss sich Ritter dem ,,Grenzschutz Ost“ Freikorps in Schlesien an, bevor er sich den nationalen Jugendbünden im besetzten Rheinland anschloss 12 . Er beschreibt selbst in seinen Lebenserinnerungen, dass er nach der 1920 angefangenen Lehre bei der Deutschen Bank in Koblenz seine sozialen Ideen und Ideale zur „Auswirkung“ bringen wollte. In dieser Zeit, so schrieb er, kam seine Energie eher einem „christlichen Hilfsbund“ als der Lehre zu gute, weshalb man ihn von der Lehre ausschloss und er dann 1921 sein Abitur ablegte 13 . Es folgten _______________________
9 Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeuner-forschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 30
10 Ebenda. S. 31
11 Ebenda. S. 32ff
12 Ebenda. S. 38ff
13 Brief, Ritters, 1945, S.4 in Tobias Joachim Schmidt-Degenhard, Robert Ritter (1901-1951). Zu Leben und Werk des NS- ,,Zigeunerforschers“, Diss. Universität Tübingen, Online-Ausgabe, S. 39
Arbeit zitieren:
Daniel Rahn, 2010, NS-Täterforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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