Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Hochzeitsreise - Versuch einer Definition 2
3. Die Hochzeitsreise - Dimensionen einer Praxis 4
4. Schlußfolgerungen 11
5. Literaturverzeichnis 13
1. Einleitung
Auch heute noch zählt die Hochzeitsreise, zumindest für manche Paare, zu den Besonderheiten der Hochzeit. Vielfach stand sie an der Schwelle zum Erwachsenendasein. Dies hatte sie gemeinsam mit der Grand Tour junger Adeliger und den Wanderschaften der Handwerksgesellen. Anders als diese wurde sie allerdings, das liegt in ihrer Natur, nicht nur von jungen Männern, sondern von einem frischvermählten Ehepaar unternommen. Sie gehört zu einem neueren Reiseverhalten. Darauf weist zumindest die Tatsache hin, daß die ersten Dokumente über Hochzeitsreisen aus dem 19. Jahrhundert stammen. Gerade zu dieser Zeit entstand ein großes Interesse an Reiseliteratur und Reiseberichten, was sich nicht zuletzt auch in den Lebenserinnerungen und Autobiographien vieler Zeitgenossen niederschlug. Somit ist es nicht weiter ver-wunderlich, Hochzeitsreisen in zahlreichen literarischen und autobiographischen Quellen des 19. Jahrhunderts wiederzufinden.
Die Quellengrundlage dieser Arbeit bilden demgemäß Texte aus dem 19. und frühen 20. Jahr-hundert. Es handelt sich hierbei zum Teil um erzählende Texte, die das Thema zur Handlungs-grundlage haben oder aber ihm einen zentralen Platz im Geschehen einräumen. Zu einem anderen Teil handelt es sich um Lebenserinnerungen und Autobiographien von Zeitgenossen, die über ihre Hochzeitsreisen berichten. Da dies sehr unterschiedliche Quellengattungen sind, die in der Geschichtswissenschaft oft eine unterschiedliche Wertigkeit erhalten, sei an dieser Stelle 1 sowohl darauf hingewiesen, daß an den literarischen Quellen im Sinne von Dominik LaCapra die inhaltlichen als auch die narrativen Besonderheiten der Informationen von Interesse sind. Sie können wichtige Anhaltspunkte für die Praxis der Hochzeitsreise, aber auch für Sichtweisen der Zeitgenossen liefern, womit sie für diese Arbeit in doppelter Hinsicht bedeutsam sind. Ge- 2 Dadie Erlebnauso wenig unproblematisch ist die Verwendung autobiographischer Quellen. nisse zumeist erst später niedergeschrieben werden, ist es durchaus denkbar, daß Verzerrungen, Auslassungen und Hinzufügungen nicht ausgeschlossen werden können. Andererseits erlaubt gerade dies die Vermutung, daß das Berichtete auch in der Erinnerung des Verfassers noch als besonders erwähnenswert empfunden wurde.
Im Gegensatz zur Literatur des ‚langen’ 19. Jahrhunderts scheint das 20. und 21. Jahrhundert das Interesse an dieser Art von Reise verloren zu haben. Dies hat sicherlich damit zu tun, daß das Reisen in den Alltag vieler Menschen von heute gehört. Zwar sind auch heute noch viele Hotels mit einer Hochzeitssuite ausgestattet, doch unterscheidet diese sich von den übrigen Hotelzimmern meist nur durch ein großes Doppelbett. Wenn noch immer Hochzeitsreisen unternommen werden, so sind es vermutlich ganz andere Gründe aus denen das Ehepaar nach der Hochzeit für einige Zeit dem Alltag entflieht und zusammen verreist, als im 19. Jahrhundert. Ein wichtiger Unterschied liegt etwa darin, daß viele Paare vor ihrer Heirat bereits zu-
1 Dominik LaCapra: Geschichte und Kritik. Frankfurt/Main 1987, S.104. 2 Dagmar Günther: „And now for something completely different“. Prolegomena zur Autobiographie als Quelle der Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift. Bd. 272. 2001, S. 25-61.
sammenleben und vielfach sicherlich auch zusammen verreist sind. Somit ist häufig das Bedürfnis, auf Hochzeitsreise zu fahren, nicht mehr vorhanden. Noch im 19. Jahrhundert war es hingegen so, daß Mann und Frau vor der Ehe kaum intimeren Kontakt zueinander hatten und sich vielfach auch nur flüchtig kannten. Die Phase des Kennenlernens fand daher oft erst nach der Hochzeit statt, wenn das Paar in einen gemeinsamen Haushalt zog.
Obwohl kulturgeschichtliche Fragestellungen in den vergangenen Jahren großes Interesse ge-funden haben, ist es allerdings auffällig, daß die historische Forschung das Thema Hochzeitsreise bislang für sich nicht entdeckt zu haben scheint. Nicht einmal in dem neuen Medium Internet sind aktuelle Informationen hierzu zu bekommen. Aufgrund der schlechten Forschungslage ist es notwendig, grundlegende Fragestellungen das Thema betreffend zu stellen undsoweit im Rahmen dieser Hausarbeit möglich - zu beantworten. Wer ist auf Reisen? Welche Verkehrsmittel werden benutzt? Über welchen Zeitraum wird verreist? Wo ist das Hochzeitspaar während der Reise untergebracht? Gibt es ein Reisemotiv? Werden Normen für die Hochzeitsreise erwähnt?
2. Die Hochzeitsreise - Versuch einer Definition
Was genau ist gemeint, wenn von einer ‚Hochzeitsreise’ gesprochen wird? Der folgende Abschnitt wird den Versuch unternehmen, anhand von Lexikoneinträgen aus dem 19. Jahrhundert eine Definition für den Begriff zu liefern, um einen Anhaltspunkt für das zeitgenössische Verständnis dieses Reisephänomens zu gewinnen. In Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahre 1889 findet sich unter dem Eintrag ‚Hochzeit’ folgende Aussage:
In Deutschland, wie in den gebildeten Staaten Europas überhaupt, haben sich die Festlichkeiten sehr vereinfacht; das Brautpaar entzieht sich sogar oft noch vor Beendigung der Hochzeit den Gästen durch die Hochzeitsreise. 3
Bemerkenswert ist hieran zweierlei: zum einen haben sich die Festlichkeiten vereinfacht. Zum anderen aber ‚entzieht’ sich ihnen das Ehepaar durch eine Hochzeitsreise, denn die Reise wird noch vor Beendigung der Feier angetreten, während die Gäste dann ohne das Brautpaar weiterfeiern müssen. Der Wandel der Hochzeitsriten ist hier offenkundig: Zuvor war es in vielen Gegenden Brauch, daß das Brautpaar oft noch bis zum Ehebett von den Gästen begleitet wurde, die sowohl die Aufgabe hatten die Ehe zu segnen, als auch den Vollzug der Ehe als Zeugen 4 Fast scheint es, als hätte das Brautpaar es vorgezogen, sich in eine intibestätigen zu können. mere und ungestörtere Umgebung zurückzuziehen.
Aber nicht nur die Hochzeitsbräuche, auch das Reisen veränderte sich. Unter dem Stichwort ‚Reisen’ finden sich im gleichen Lexikon folgende wichtige Anhaltspunkte:
3 Art.: Hochzeit, in: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens.8.Bd. 4.Aufl. Leipzig 1889, S.600. 4 Vgl. : Das große Hochzeitsbuch. Eine Auswahl der schönsten Novellen, Kurzgeschichten, Balladen, Gedichte und Bilder der Brautwerbung, Hochzeit und Ehe. Hrsg. von Walter Hansen. München 1983.
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Das Reisen hat sich im Laufe der Zeit und mit dem Fortschreiten der Zivilisation in einer staunenswerten Weise entwickelt, namentlich im Anschluß an die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und die durch verbesserte internationale Beziehungen gewährleistete Sicherheit der Reisenden. 5 Offenkundig nahm im Verlauf des 19. Jahrhunderts der Komfort des Reisens erheblich zu, was nicht zuletzt an den verbesserten und sichereren Verkehrsmitteln gelegen hat. In den 1830er 6 und wurde von einem Güter-und 1840er Jahren erfuhr die Eisenbahn eine Art Revolution
transportmittel immer mehr zu einem Mittel für den Personenverkehr. Zudem wurde das Streckennetz der Eisenbahn in erheblichem Umfang erweitert. Bereits 1866 gab es in Deutschland 7 Dieser technische Fortschritt wurde auch von einer Zunahme inter-14787 Eisenbahnkilometer.
nationaler Integration begleitet, die Reisen ins Ausland vielfach erst ermöglichte, zumindest aber erheblich vereinfachte. Eine Zunahme der Sicherheit vor Kriminalität gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie die weitgehende Herstellung von Rechtssicherheit auch im Aus-land. Dies jedenfalls mag mit dem Begriff ‚Zivilisation’ gemeint sein. Eine Rolle könnten hier aber auch Standardisierungen im Bereich von Hygiene und Komfort gespielt haben, auf die man selbst auf Reisen nicht verzichten wollte. Ebenso ist hier an gewisse Entwicklungen im Geldverkehr zu denken, die es den Zeitgenossen ermöglichten, auch ohne die Mitnahme höherer Bargeldbeträge zu verreisen. Ohne diese Entwicklungen hätte das Reisen sicherlich nicht die Attraktivität gewonnen, die es bis heute auszeichnet.
Es liegt nahe, zwischen den Veränderungen der Reisemöglichkeiten und der verstärkten Neigung zu Hochzeitsreisen einen Zusammenhang zu vermuten. Neben den zwei Haupttypen der Ferienreise, namentlich des Kurortes und der Sommerfrische, bildete sie sich als Sonderform heraus. Thomas Nipperdey verweist auf die zunehmende Zahl von Bildungsreisen, „in 8 Zumindest wurde nicht län-Deutschland etwa als Hochzeitsreise nach Venedig und Florenz.“
ger nur dann gereist, wenn es nicht zu vermeiden war. Auch zum Vergnügen ließen sich mitunter ausgedehnte Reisen unternehmen. Meyers Lexikon stellt hierzu fest, daß „umgekehrt […] größerer Wohlstand zu Vergnügungsreisen [veranlaßt], die sich in neuster Zeit auf außerordentliche Entfernungen ausgedehnt haben, so daß selbst Reisen um die Erde unternommen 9 Wesentlich ist aber nicht nur dies, sondern auch die Tatsache, daß zum Reisen noch werden.“
immer Voraussetzungen erforderlich waren, die nicht jedem Zeitgenossen zugänglich waren. Außer der Bereitschaft hierzu, mußte nicht nur ein gewisser Wohlstand, sondern auch freie Zeit vorhanden sein. Immerhin wurde im späten 19. Jahrhundert der Grundstock für den heutigen Tourismus gelegt. Zugleich trug das Vorhandensein dieser Faktoren zu einem weiteren Ausbau der Verkehrssysteme entscheidend bei. Sicherere Verkehrsmittel, und vor allem auch Verkehrsmittel mit einer hohen Beförderungskapazität, wie das Dampfschiff oder die Eisenbahn
5 Art.: Reisen, in: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Enzyklopädie des allgemeinen Wissens. 13. Bd. 4.Aufl. Leipzig/Wien 1890, S.703. 6 Vgl. Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt/Main 2000, S. 25ff. 7 Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. 1.Bd.Arbeitswelt und Bürgergeist. München 1990, S. 260. 8 Ebd., S. 178. 9 Art.: Reisen, S. 705.
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Arbeit zitieren:
Bettina Engster, 2003, Hochzeitsreisen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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