1. Einleitung
Dieser grammatikalisch inkorrekte Satz „ALL YOUR BASE ARE BELONG TO US.“wörtlich übersetzt: „All eure Basen sind gehören uns.“ - hatte weitreichende Konsequenzen. In „Zero Wing“, ein 1989 erschienenes Arcade-Shooter-Spiel, ging es eigentlich nur darum, alle gegnerischen Raumschiffflotten in der Galaxis abzuschießen; eine sehr militante Spielerhaltung wird also gefordert. Aber viel interessanter sind die Auswirkungen des Zitats im Internet: Nach dem Erfolg in asiatischen Spielhallen wurde das Spiel noch einmal für Sega Mega Drive umprogrammiert und erschien mit fehlerhafter Übersetzung des Prologs 1991 auch auf dem europäischen und amerikanischen Markt, und erst ein knappes Jahrzehnt später löste dieses Zitat ein Phänomen im Internet aus, welches heute noch aktiv ist. Der Satz „ALL YOUR BASE ARE BELONG TO US.“ wird heutzutage noch als Abkürzung („AYBABTU“) und Floskel in internationalen Foren und Chats verwendet 2 oder auch in Techno-Songs auf YouTube nachsynchronisiert, mit bearbeiteten Bildern als Video gestaltet und dadurch parodiert 3 . Selbst Google hat die Reichweite dieser Wörter erkannt, so erhält man beim Eingeben des Suchbegriffs „AYBABTU“ nicht etwa nur die Ergebnisse dafür, sondern auch gleich alle für die vollständig ausformulierte Phrase.
Diese Kombination aus einem Zitat, welches militärisch wirkt durch das für das Spiel fiktive Szenario des Krieges, und dem Entstehen von fest integrierten Handlungs- und Denkweisen ist eine ideale Metapher für das Thema dieser Hausarbeit. Der Mythos, dass das Internet als atomkriegssicheres Kommunikationssystem für das US-Militär geplant und entwickelt wurde,
1 Vgl. Toaplan (1991) Zero Wing. San Francisco: Sega. Prolog
2 Vgl. aveleen (2008) All your base are belong to us. http://aveleen.livejournal.com/1794023.html; verifiziert am 26.09.09;
Vgl. TheAllSeeingEye (2009) Googles heutiges Doodle. http://217.150.244.72/forum/showthread.php?t=10118; verifiziert am 27.09.09
3 Vgl. romanthomasisback (2008) All Your Base Are Belong to us (Techno Remix). http://www.youtube.com/watch?v=VruCrgSbocQ; verifiziert am 26.09.09
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hält sich in den Köpfen und auf einem Großteil der Websites, die über die Entwicklung des Internets berichten - und das größtenteils nur auf Grund von Zitaten. Um den Mythos in seinem Kern zu erforschen, werde ich zuerst den Begriff des Internets definieren, um ihn konkret behandeln zu können. Es folgt ein historischer, neutraler Abriss über die Entwicklung des Netzwerkes - wobei ich mich jedoch auf die Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika beschränke, da das zweitgrößte Projekt, also das französische CYCLADES-Projekt, nur wichtig für die Entwicklung des Transmission Control Protocols ist und das kurzzeitige Projekt nur als Gegenreaktion auf das ARPANET eingeführt wurde -, um später historisch-soziale Erklärungsversuche in Bezug auf den Mythos durchzuführen. Des Weiteren enthält diese Arbeit auch mediale Erklärungsversuche mit Hilfe dreier unterschiedlicher Beispiele: Einerseits wird der Aufsatz Barans hierbei behandelt sowie der 1994 im „TIME Magazine“ abgedruckte Artikel „Battle For The Soul Of The Internet“ von Philip Elmer-DeWitt, andererseits auch einer von vielen Beiträgen im Internet selbst. Zum Ende hin verfasse ich den Logos, also eine objektive Betrachtung des Mythos bezüglich seines Wahrheitsgehalts nach den Recherchen, welcher mir als Fazit der Arbeit gilt.
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2. Mythos : Das Internet als atomkriegssicheres Kommunikationssystem?
2.1 Begriff: Internet
Das Wort Internet nutzt man meist, wenn man vom World Wide Web (kurz: WWW) spricht; jedoch ist diese Anwendung falsch, da es sich beim WWW lediglich um eine von vielen, verschiedenen Anwendungsdiensten des Internets - wie auch beispielsweise der eMail -handelt.
Eigentlich ist das Internet aber ein Netzwerk, welches aus indirekt und direkt miteinander verbundenen Computern besteht, welche allesamt die Protokollsymbiose TCP/IP (TCP: Transmission Control Protocol, IP: Internet Protocol) benutzen. „Durch das Kommunikationsprotokoll TCP/IP ist sichergestellt, daß alle Rechner […] die selbe Sprache im Netz sprechen [...]“ (Naumann 2001, 229), wodurch eine ungehinderte Kommunikation fernab von Begrenzungen durch unterschiedliche Hardware möglich ist. Diese Computer haben durch eine Menge von Netzwerkgeräten namens Gateways die Möglichkeit mit anderen Netzwerken zu kommunizieren, selbst wenn diese andere Protokolle als Basis nutzen. Somit kann man das Internet als 'Netzwerk der Netzwerke' bezeichnen, da es sämtliche existierende miteinander verbindet und nutzbar macht.
Des Weiteren zeichnet es sich durch zwei wichtige Merkmale aus: Zum einen ist es ein dezentrales, verteiltes Netzwerk, welches netzartig aufgebaut ist. Im Gegensatz zu zentralisierten Systemen gibt es somit keine Kettenreaktion in Form eines Zusammenbruchs wenn die Zentrale zerstört wird, da die Knotenpunkte äußerst verschiedenartig miteinander verknüpft sind. Das zweite Merkmal des Internets besteht in der Datenübertragungsweise der Paketvermittlung, bei welchem die zu übertragenden Daten in einzelne, kleine Datenpakete temporär aufgespalten werden, um sie dann über eine vorher aufgebaute Verbindung per Internet an den Empfänger zu senden und wieder zusammenzusetzen. Durch die Kombination beider Verfahren wird damit eine schnelle Übertragung möglich, da sich die Daten bei jedem Knotenpunkt die schnellste, momentan mögliche Verbindung ausrechnen und sich durch sie transportieren.
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2.2 Geschichte des Internets
2.2.1 Vor dem ARPANET
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das „Project Research ANd Development“ (kurz: „Project RAND“) in das Leben gerufen, um den (hauptsächlich militär-)technischen Fortschritt der Vereinigten Staaten von Amerika zu bewahren, doch schon am 14.05.1948 verwandelte sich dieses in eine eigenständige Non-Profit-Organisation: Es entstand die 'Denkfabrik' RAND mit ihrem Zentralsitz in Santa Monica, Kalifornien. Am 07.02.1958 wurde die „Advanced Research Project Agency“ (kurz: ARPA) als eine Forschungsbehörde des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums gegründet. Eine äußerst wichtige Motivation für diesen Entschluss war der so bezeichnete 'Sputnik-Schock', da der politische Feind der Amerikaner - die Sowjetunion - eine unerwartete Progression im technischen Bereich aufweisen konnte, als am 04.10.1957 der Satellit Sputnik 1 startete und die Erdumlaufbahn erreichte. Um das Weltansehen zu wahren, wollte man mit den Russen mithalten. So sollte ARPA Forschungsprojekte koordinieren um amerikanische Erfolge vorzuweisen.
1959 wurde Paul Baran ein Mitarbeiter der RAND Corporation in dem Computer Science and Mathematics Department; Baran als Elektrotechniker, Ingenieur und Informatiker war persönlich interessiert an Kommunikationssystemen, welche es seiner Meinung nach in Bezug auf die Ausfallsicherheit zu verbessern galt. So veröffentlichte er 1964 seinen Aufsatz „On distributed communications networks“, in welchem er Gedanken und Ideen für ein Kommunikationsnetz entwarf, welches fern von Störungen und Ausfällen während eines kriegerischen Akts - selbst in Zeiten der „thermonuklearen Ära“ (Anm. S.S.: im Original heißt es „[...] in the thermonuclear era [...]“) 4 - sein sollte. Dieser Artikel fand jedoch zu seiner Zeit kaum Bedeutung, bis zwei Jahre später die Dissertation „Proposal for a digital communication network“ des walisischen Physikers Donald Watts Davies auf Barans Text verwies 5 , wodurch Barans Gedanken auch bei ARPA Aufmerksamkeit und Unterstützung fanden. So formulierte Bunz (2008) auch schon prägnant:
4 Vgl. Baran, Paul: On distributed communications networks. http://www.attivissimo.net/timeline/paul-baranon-distributed-comms.pdf, verifiziert am 14.08.09, S. 19
5 Vgl. Davies, Donald Watts: Proposal for a Digital Communication Network. http://www.dcs.gla.ac.uk/~wpc/grcs/Davies05.pdf, verifiziert am 17.08.09, S. 27
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Arbeit zitieren:
Sebastian Standke, 2009, Internet: Der Mythos vom atomkriegssicheren Kommunikationssystem, München, GRIN Verlag GmbH
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