1. Einleitung
Die folgende Ausarbeitung bezieht sich auf die Individualpsychologie Alfred Adlers und umfasst zwei Hauptteile. Zunächst werden Prozesse beschrieben, die aufgrund des Minderwertigkeitsgefühls im Menschen ablaufen und die über das kompensatorische Überlegenheitsstreben schließlich zur Ausbildung eines individuellen Lebensstils führen. Im zweiten Teil wird speziell die „normale“ Entwicklung thematisiert, wobei das Gemeinschaftsgefühl im Mittelpunkt der Ausführungen steht, da es im Hinblick auf eine gelingende Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls mit dem Ziel eines integrierten und sozial nützlichen Lebensstils eine besondere Rolle spielt.
Auf die Darstellung des Verlaufs einer negativen Entwicklung (z.B. aufgrund eines mangelhaften Gemeinschaftsgefühls) kann im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht mehr eingegangen werden.
2. Zur Entstehung des Lebensstils
2.1. Vom Minderwertigkeitsgefühl zum Geltungsstreben
Nach Adler erlebt jeder Mensch als Kind eine lange Phase der Anhängigkeit und entwickelt dabei gegenüber den Erwachsenen ein Gefühl der Unterlegenheit bzw. der Minderwertigkeit. 1 (vgl. Fisseni 2003, S. 57 f.) Dieses resultiert aus einer subjektiven Wertung von sich selbst im Vergleich mit anderen Menschen, mit sozialen und gesellschaftlichen Werten oder mit dem eigenen Persönlichkeitsideal. Das Minderwertigkeitsgefühl steht im Gegensatz zu Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Mut. (vgl. Weber 2000, S. 94) Adler beschreibt die Charakterzüge um das Minderwertigkeitsgefühl auch mit Begriffen wie Ängstlichkeit, Zweifel, Unsicherheit, Schüchternheit, Feigheit. Daneben finden sich auch Züge wie Übermut, Auflehnung oder Trotz. (vgl. Adler 1973, S. 212)
Dieses mehr oder weniger tiefe Minderwertigkeitsgefühl, das am Beginn jedes seelischen Lebens steht, ist zugleich als eine treibende Kraft zu sehen, von der alle Bestrebungen des Kindes ausgehen und die es erfordert, ein Ziel zu setzen und einen geeigneten Weg einzuschlagen, um dieses Ziel zu erreichen. (vgl. Adler 1990, S. 71 f.)
So entsteht aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit ein Geltungsstreben, ein Streben nach Macht und Überlegenheit. Dabei wird das Ziel so gesetzt, dass dessen Erreichung es möglich macht, Überlegenheit (gegenüber der Umwelt) zu empfinden oder die eigene Persönlichkeit soweit zu erhöhen, dass das Leben lebenswert erscheint. (vgl. Adler 1990, S. 73 f.)
1 Damit befassen sich Adlers frühe Schriften. Später wurden auch Probleme und Forderungen des Jetzt als zum
Bereich des Minderwertigkeitsgefühls gehörig angesehen. (vgl. Ansbacher & Ansbacher 2004, S. 96)
3
2.2. Das fiktive Ziel 2
Überlegenheit wird in einem entsprechenden Persönlichkeitsideal bzw. fiktiven Ziel gesucht, das als subjektive Annahme, die individuell und einzigartig ist, verstanden werden muss. Adler postuliert in dieser Hinsicht eine Finalität des Seelischen. (vgl. Weber 2000, S. 85-88) Ansbacher und Ansbacher charakterisieren das fiktive Endziel folgendermaßen: Erstens wurde es für Adler zum Prinzip der inneren subjektiven Kausalität der psychologischen Ereignisse. Außerdem stellt das Ziel eine eigenständige Schöpfung des Individuums dar und ist weitestgehend unbewusst. Drittens wurde es auch zum Prinzip der Einheitlichkeit der Persönlichkeitsstruktur, d.h. aus dem Ziel gehen die Einheit der Persönlichkeit und damit die Individualität hervor. Aus der Sicht des Subjekts wird es viertens als Basis für die Orientierung in der Welt genommen. Und schließlich gilt es als ein Aspekt der Kompensation für empfundene Minderwertigkeiten. (vgl. Ansbacher & Ansbacher 2004, S. 76)
Zur unbewussten Schöpfung des fiktiven Ziels sagt Adler Folgendes: „Das Endziel entwächst jedem bewußt oder unbewußt, immer aber in seiner Bedeutung unverstanden.“ Aus der Einschätzung des Einzelnen (meist im Sinne eines Minderwertigkeitsgefühls) entwickelt sich ein fiktives Ziel „als gedachte, endgültige Kompensation und ein Lebensplan als der Versuch einer solchen.“ (Adler 1974, S. 21-24) Aus der Sicht der Individualpsychologie wird auf diese Weise das ganze Leben dem Endziel untergeordnet. (vgl. Adler 1930 h, S. 400, zitiert nach Ansbacher & Ansbacher 2004, S. 78)
2.3. Kompensation und Überkompensation
Das Überlegenheitsstreben, das unaufhörlich und universell ist, hat einen kompensatorischen Charakter, weil sein Ursprung in einem Minderwertigkeitsgefühl liegt. (vgl. Ansbacher & Ansbacher 2004, S. 85-87) Der Ausgleich des Minderwertigkeitgefühls, der von Adler als Kompensation bezeichnet wird, drückt sich in einem Streben nach Sicherheit, sozialer Geltung, Stärke, Vollwertigkeit und Gleichwertigkeit, letztendlich nach kompensatorischer Selbsterhöhung aus. (vgl. Weber 2000, S. 99) Weber unterscheidet Kompensation durch Stärke, d.h. durch Mechanismen des Strebens nach Überlegenheit im eigentlichen Sinne, also nach Stärke, Einfluss, Macht, Dominanz etc., und Kompensation durch Schwäche, wobei Minderwertigkeitsgefühle durch ihre Übertreibung zu kompensieren versucht werden, so beispielsweise durch die Betonung der eigenen Schwäche und Bedürftigkeit. (vgl. Weber 2000, S. 100-105) Je größer das Minderwertigkeitsgefühl ist, umso höher und unrealistischer wird das Persönlichkeitsideal gesetzt und umso fehlgeleiteter fällt das Kompensationsstreben aus, so dass es zu einer Über- bzw. Fehlkompensation kommen kann. (vgl. Weber 2000, S. 99) „Ist nun das Minderwertigkeitsgefühl
2 In Anlehnung an Hans Vaihingers Fiktionalismus prägt Adler den Begriff des „fiktiven Ziels“. (vgl. Ansbacher
& Ansbacher 2004, S. 65)
4
besonders drückend, dann besteht die Gefahr, daß das Kind in seiner Angst, für sein zukünftiges Leben zu kurz zu kommen, sich mit dem bloßen Ausgleich nicht zufrieden gibt und zu weit greift (Überkompensation). Das Streben nach Macht und Überlegenheit wird überspitzt und ins Krankhafte gesteigert.“ (Adler 1990, S. 77)
2.4. Der Lebensstil
Die individuelle Art der Kompensation findet sich im Lebensstil wieder. Je nach der Selbsteinschätzung des Kindes ist die Kompensation für das Minderwertigkeitsgefühl beschaffen und geht die Zielsetzung vor sich. (vgl. Adler 1990, S. 76)
„Der Lebensstil wird nach unseren Erfahrungen in der frühesten Kindheit ausgestaltet. […] Strebend im unausrechenbaren Raum seiner Möglichkeiten ergibt sich dem Kinde aus Versuchen und Irrtum ein Training und ein genereller Weg zu einem Ziel der Vollkommenheit, das ihm Erfüllung zu bieten scheint.“ (Adler 1973 a, S. 56, zitiert nach Ansbacher & Ansbacher S. 153 f.) Demnach entsteht der Lebensstil in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren in einem Wechselspiel von Versuch und Irrtum. Um einen Halt im Leben zu bekommen, sucht das Kind nach subjektiven Zielen. Diejenigen Mittel und Wege, die sich als erfolgreich zur Erreichung der fiktiven Ziele erweisen, verfestigen sich zum Lebensstil.
Von Bedeutung für die Formung des Lebensstils sind dabei Vorbilder der Machtgewinnung und Machtausübung, die Menschen während ihrer Kindheit in ihrer Umgebung beobachtet haben. In einer Familie kann beispielsweise Bildung, in einer anderen sportliche Leistung als erstrebenswertes Ziel gelten, durch dessen Erreichung das Kind Kontrolle über seine Umgebung gewinnen möchte. (vgl. Fisseni 2003, S. 58 f.)
In Anlehnung an Wexberg (1931/1987, S. 15-74) nennt Weber als lebensstilbildende Faktoren körperliche Anomalien (Organminderwertigkeiten), die Geschlechtszugehörigkeit, die gesellschaftliche und soziale Stellung der Familie, die Geschwisterposition, die Familienatmosphäre und Erziehung sowie das eigene (zu hoch gesteckte) Persönlichkeitsideal. (vgl. Weber 2000, S. 95-98) So wie die fiktiven Ziele einmalig sind, da sie der kreativen Eigenleistung des Kindes entspringen, ist auch der Lebensstil individuell und einzigartig. (vgl. Weber 2000, S. 88) Denn im Lebensstil offenbaren sich das Wesen der einzelnen Persönlichkeit, seine Meinung über sich (Selbstwertgefühl bzw. Minderwertigkeitsgefühl) und die Umwelt (Gemeinschaftsgefühl bzw. soziale Entfremdung) sowie sein einzigartiger Weg, aufgrund dieser Meinungen in seiner besonderen Situation nach einem Ziel zu streben (Kompensation, Überkompensation; soziale Tendenz des Verhaltens; Aktivitätsgrad). Alle Komponenten des Lebensstils sind dabei dynamisch aufeinander bezogen und haben denselben sozialen Kontext. (vgl. Weber 2000, S. 92) Ist ein bestimmter Lebensstil einmal ausgebildet, ist es für den Menschen schwierig, aus neuen Erfahrungen zu lernen. Der Lebensstil wirkt nämlich wie ein
5
Arbeit zitieren:
Katrin Bekermann, 2007, Auf der nützlichen Seite des Lebens, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Symbolik der Sprache in Kleists 'Der zerbrochne Krug'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
'Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden' in ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Störungsprävention - Nolting, Kounin & Co. in der Praxis
Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge
Praktikumsbericht / -arbeit, 18 Seiten
Unterrichtsstunde: Balaio - Der Korb, ein Erntetanz aus Brasilien
Unterrichtsentwurf, 13 Seiten
Pädagogisch-psychologische Diagnostik: Familie in Tieren
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 13 Seiten
Unterrichtseinheit: Bestandteile der Milch
Experimente bezüglich der Best...
Unterrichtsentwurf, 27 Seiten
Interpretationsansätze zu Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Kr...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Unterrichtseinheit: Bilder einer Ausstellung von M. Mussorgsky – unter...
Unterrichtsentwurf, 26 Seiten
Der Einfluss der Popmusik auf die Gesellschaft aus Sicht der Kritische...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Seminararbeit, 17 Seiten
Alfred Aldlers Individualpsychologie heute: Eine Weiterentwicklung in ...
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Diplomarbeit, 202 Seiten
Adler, Alfred - Das Minderwertigkeitsgefühl
Referat / Aufsatz (Schule), 5 Seiten
Zur Rolle des Produktionsfaktors Arbeit in einer modernen Volkswirtsch...
VWL - Mikroökonomie, allgemein
Hausarbeit, 19 Seiten
Sprachkritik und Sprachkomik in Kleists „Der zerbrochne Krug“
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Katrin Bekermann hat einen neuen Text hochgeladen
Understanding Life: An Introduction to the Psychology of Alfred Adler
Alfred Adler, Colin Brett
Primer of Adlerian Psychology: The Analytic - Behavioural - Cognitive ...
Harold H. Mosak, Michael P. Maniacci, Mosak Harold
German Essays on Psychology: Alfred Adler, Anna Freud, C.G. Jung, and ...
Wolfgang Schirmacher, Sven Nebelung
The Psychology of Alfred Adler: And the Development of the Child
Madelaine Ganz, Ganz Madelaine
0 Kommentare