1. Einleitung
Wozu braucht man eigentlich eine Beratung oder Therapie?
Meiner Meinung nach ist das Aufsuchen eines Beraters oder eines Therapeuten immer ein Anlass, entstandene Probleme oder ein Leiden, das die verschiedensten Facetten des Lebens betreffen kann, mit einem Mitmenschen teilen zu wollen, dem die Kompetenz und auch die Autorität zugetraut wird, dieses bewerkstelligen zu können.
Natürlich heißt das nicht, dass man bei jeder schwierigen Situation mit der man konfrontiert wird, einen Berater oder Therapeuten benötigt, denn selbstverständlich werden Probleme auch außerhalb von Beratungsstellen oder Therapiepraxen besprochen und gelöst, aber gerade solche Probleme, die einer gewissen Distanz bedürfen, können meist einfacher in Beratungen/ Therapien mit einer neuen, unbeteiligten Person besprochen und aufgrund dessen bestenfalls gelöst werden.
Berater und Therapeuten stellen keine Rezepte aus und sie geben (meist) auch keine Ratschläge, sondern sie lassen den Gesprächspartner so agieren, wie er es für richtig hält und ermöglichen es diesem im Idealfall somit seine eigenen Kräfte, Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen und zu erfahren.
Es geht in einem Beratungsgespräch nicht um Geständnisse der eigenen Schwächen oder um Schuldzuweisungen. Ein beratendes/therapeutisches Gespräch ist keine Beichte vor einer höheren Instanz. Es sollte niemals fordern, aber immer fördern, denn ein anregendes Berater -Klientenverhältnis ist immer richtungsgebunden und fast ausschließlich auf einen erfolgreichen Entwicklungsprozess des Klienten ausgerichtet.
Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich nachfolgend versuchen zu erörtern, inwieweit der Erfolg einer systemtheoretisch orientierten Beratung von einer gelingenden Kommunikation und der dadurch im Beratungsprozess entstehenden zwischenmenschlichen Beziehung von Berater 1 und Klient abhängt.
Dazu werde ich kurz auf die Einbeziehung des Lebenskontexts jedes Klienten, sowie die Notwendigkeit einer vollkommenen Präsenz in der Beratung eingehen, bevor das Berater-Klientverhältnis mit den Schwerpunkten der personalen Begegnung und der Kommunikation näher erläutert werden sollen.
1 Auch wenn ich im weiteren Verlauf der Arbeit ausschließlich das Wort Berater benutze, so schließt dies die
Tätigkeit eines Therapeuten weitestgehend mit ein
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2. Hauptteil
2.1 Einbeziehung des Kontext - Die Wirklichkeit in der wir leben... Es ist sicherlich unbestritten, dass wir durch das Leben in einer Gemeinschaft Teil einer bestimmten Wirklichkeit sind. Jedes Lebewesen wird auf irgendeine Weise in diese hinein geboren, wird von den Werten und Normen die in ihr herrschen bestimmt, konstruiert sie mit seinen Möglichkeiten und nach seinen Bedürfnissen weiter und neu, ist dabei jedoch immer ein unabdingbares Bestandteil dieser.
Diese, unsere Wirklichkeit repräsentiert die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, denn sie schließt eine gemeinsame Geschichte und die unzähligen, weitverzweigten Kulturen, die verschiedensten Glaubensrichtungen usw. ein.
Ein Mensch, egal welcher Wirklichkeit er aus seiner Sicht angehört, kann also nicht nicht in irgendeiner Beziehung zu seinem Kontext stehen, denn er wird in diesen erst als ein solcher Mensch wahrgenommen, nämlich wenn andere ihn auch als einen solchen erkennen. Eine gemeinsame Wirklichkeit heißt aber nicht, dass alle Menschen auch miteinander leben, im Gegenteil, Fernsehbilder veranschaulichen tagtäglich sehr deutlich, dass viele Bestandteile einer Wirklichkeit auch gleichbedeutend mit vielen verschiedenen Meinungen und Einstellungen sind und oftmals scheint gerade das „gegeneinander Leben“ aus dieser Ganzheit herauszustechen.
Die große Gesamtheit unserer Wirklichkeit teilt sich in viele kleinere Sub-Wirklichkeiten oder Subsysteme auf - in Kulturen, in Länder, in soziale Gruppen, in Gemeinschaften, in Familien, in Partnerschaften usw..
Nimmt man einmal das Subsystem Familie als Beispiel, so kann dieses ‚gegeneinander leben’
- beispielsweise das Anregen und Verstören von Verhaltensmustern durch die einzelnen Mitglieder - jede Art von Begegnungen und Beziehungen fordern und fördern. Eine Diskussion kann verschiedene Auffassungen aufzeigen helfen und innerhalb der Familie eine neue Perspektivenvielfalt bewirken. Dass dies natürlich nicht zwangsläufig immer der Fall ist, ist unbestritten. Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Wirklichkeitsdefinitionen innerhalb von Familien können auch zu erstarrten Kommunikationsmustern oder Konflikten führen und das System destabilisieren.
Eine Beratungssituation, egal vor welchem Hintergrund sie zustande gekommen ist, kann und darf nur unter Berücksichtigung der beeinflussenden Systeme betrachtet werden. Es gibt keine kontextfreie Zone in der eine menschliche Entwicklung frei von Einflüssen jeder Art existiert. Es gibt kein isoliertes autonomes Wesen.
Ein einzelner Mensch kann nur innerhalb eines, seines Kontextes oder durch neue Kontexte
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angeregt werden sich zu entwickeln oder sich zu verändern. Für die Familienberatung im Speziellen wird diese Auffassung einer beeinflussenden Wirklichkeit aufgegriffen, indem versucht wird, den gesamten familiären Kontext in den Problemlösungsprozess einzubeziehen, denn alle auftretenden Probleme entstehen in einem solchen.
Doch nicht nur das Einbeziehen der beeinflussenden Systeme ist für den Beratungsprozess von entscheidender Bedeutung. Auch zwischen Klient und Berater wird während der Zusammenarbeit eine eigene, kleine Wirklichkeit geschaffen, in der der Beratungsgrund oder -anlass bearbeitet und bestenfalls gelöst werden kann.
Anschließend werden einige Grundvoraussetzungen und Bedingungen geschildert, die diese Zusammenarbeit in der entstehenden Wirklichkeit des Beratungskontextes ermöglichen oder zumindest positiv unterstützen.
2.2 Präsenz
Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Beratung ist völlige Präsenz von Berater und Klient.
Präsenz kommt vom lateinischen Wort „Prae - esse“ was so viel wie „ganz sein“ oder „wirklich sein“ bedeutet. Mit ein bisschen Interpretation kann man der Forderung nach unbedingter Präsenz in einem Beratungsgespräch auch so verstehen, dass die Beteiligten sich in ihren Verhaltensweisen so authentisch wie möglich geben sollten. Präsent sein bedeutet aber auch, die gesamte Aufmerksamkeit auf die jeweilige Situation zu legen. Zum einen ist es für den Klienten 2 überaus wichtig, dass der Berater ihm seine volle Aufmerksamkeit schenkt - als eine Art Anerkennung der Person und zum Zeichen des Interesses für seine Ansichten, aber auch Probleme, zum anderen muss der Berater merken, ob der Klient präsent und bereit ist, sich von einer Beratung anregen zu lassen, denn die eigentlichen Handlungen, die eigentliche Aktivität in einem Beratungsverlauf sollten - nicht nur nach systemischer Auffassung - von diesem selbst ausgehen.
2 Auch wenn ich im weiteren Verlauf das Wort Klient verwende, so ist das komplexe Klientensystem (z.B. eine
Familie) in diesem Zusammenhang ebenfalls in die Überlegungen einbezogen
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Arbeit zitieren:
Julia Lieder, 2007, Warum die Konstruktion einer gemeinsamen (sprachlichen) Wirklichkeit zwischen Berater und Klient den Erfolg einer Beratung bestimmt, München, GRIN Verlag GmbH
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