Fachhochschule Kaiserslautern Standort Zweibrücken Fachbereich Betriebswirtschaftlehre
Die Auswirkungen der Börsenkrise auf
die deutschen Lebensversicherer
von:
Andreas Dengler
Fach:
Allgemeine Fragestellungen der Assekuranz
Datum:
22. Mai 2003
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung - Die Bedeutung der Lebensversicherung in Deutschland. 3
2 Die Entwicklung der Kapitalmärkte sowie der Aktienquote der deutschen Lebensversicherer 3
2.1 Boomphase und das Platzen der Spekulationsblase an den weltweiten Kapitalmärkten. 3
2.2 Bedeutung hoher Kapitalerträge für die Assekuranz. 5
3 Probleme für Versicherungsunternehmen auf Grund der Aktienquote und der Entwicklung der Kapitalmärkte 6
3.1 Hoher Abschreibungsbedarf durch §341b HGB und gesetzliche Rahmenbedingungen 6
3.2 Stress-Tests der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht 10
4 Reaktionen der Versicherungsunternehmen auf die Kapitalmarktschwäche. 12
4.1 Kapitalmaßnahmen 12
4.2 Senkung der Gewinnbeteiligung. 12
4.3 Umstrukturierung 13
4.4 Einführung professioneller Asset-Liability-Management-Systeme. 14
4.5 Fusionen und Übernahmen 15
4.6 Protektor - Letzte Konsequenz für von der Insolvenz bedrohte Unternehmen 16
5 Konsequenzen für die Versicherungsnehmer 18
5.1 Haftungsansprüche auf Grund zu hoher Renditeversprechungen 18
5.2 Besondere Situation für Kunden eines Versicherungsverein im Insolvenzfall. 19
6 Quellenverzeichnis 21
7 Diskussionspunkte. 22
1 Einführung - Die Bedeutung der Lebensversicherung in
Deutschland
Die Bedeutung der Lebensversicherung in Deutschland wird in Zahlen ausgedrückt schnell deutlich. Mit rund 88 Millionen Versicherungsverträgen stellt die Lebensversicherung neben dem Eigenheim den größten Vermögensposten deutscher Sparer dar. Mehr als 55% der deutschen Haushalte besitzen eine oder mehrere Lebens- und/oder Rentenversicherungspolicen. Im Jahr 2002 investierten die Versicherungsnehmer 65,1 Mrd. EUR an Beiträgen (Bruttobeitragseinnahmen) in Lebensversicherungen. Gegenüber dem Jahr 2001 bedeutet dies ein Anstieg von 4,3% (2001: 62,36 Mrd. EUR). Nach gebuchten Beitragsvolumen ist die Lebensversicherung mit großem Abstand vor der privaten Krankenversicherung der größte Versicherungszweig in Deutschland. Die Versicherungs-Leistungen, die im Jahr 2002 an Versicherungsnehmer und Hinterbliebene gezahlt wurden betrugen zusammen 55,1 Mrd. EUR. Dies bedeutet, dass im Durchschnitt arbeitstäglich 211,9 Mio. EUR aus-bezahlt wurden! Insgesamt erreichten die Auszahlungen der Lebensversicherer 2002 fast 30 Prozent der Rentenausgaben der Arbeiterrenten-und Angestelltenversicherung. Zehn Jahre zuvor sind es noch 18,5 Prozent gewesen. Alle deutschen Lebensversicherer verwalten zusammen Kapitalanlagen in Höhe von knapp 600 Mrd. EUR und sind damit die wichtigsten institutionellen Investoren am deutschen und auch europäischen Kapitalmarkt. Betrachtet man die Gesamtheit der deutschen Versicherer, so beläuft sich das Anlager-Volumen sogar auf mehr als 1.000 Mrd. EUR. Die Versicherungswirtschaft, und insbesondere der Lebensversicherungszweig, ist damit eine tragende Säule der Kapitalmärkte.
2 Die Entwicklung der Kapitalmärkte sowie der Aktienquote
der deutschen Lebensversicherer
2.1 Boomphase und das Platzen der Spekulationsblase an den weltweiten Kapitalmärkten
Die deutsche Assekuranz befindet sich zweifelsohne in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Die Ursachen sind schnell ausgemacht. Investierte die Branche bis Anfang der 90er Jahre überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere und Beteiligungen, so änderte sich spätestens 1995 das Anlageverhalten. Das Börsengeschehen war im Zeitraum von 1995 bis März 2000 durch stetig steigende Aktienkurse und stark fallende Zinsen gekennzeichnet. In dieser Phase kam es zu einer deutlichen Belebung der deutschen Aktienkultur. An den Aktienmärkten machte sich in den 90er Jahren ein ausgeprägter Optimismus breit, gepaart mit einer hohen Risikobereitschaft. Auch unter den Analysten gewannen die Optimisten zunehmend die Oberhand und verloren den Blick für die Realität. Da die Aktienkurse mit den klassischen Bewertungsmodellen nicht mehr zu rechtfertigen waren, wurden neue Bewertungsmodelle erfunden.
Obwohl in der New Economy keine bzw. kaum Gewinne erzielt wurde, wollte jeder diese Werte im Depot haben. Ausgelöst durch exorbitante Zeichnungsgewinne setzte eine Masseneuphorie ein und ließ gleichzeitig die Befürchtungen entstehen, etwas verpassen zu können. Als Folge davon kam es zu irrationalen Übertreibungen und Fehlbewertungen an den Märkten von der nicht nur Werte der New Economy betroffen waren, sondern auch Papiere sogenannter „Blue Chips“ aus der Old Economy. Die Situation der Versicherungswirtschaft war zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Rentenmarkt-Entwicklung äußerst verzwickt. Einerseits sollen die Versicherer ihre Kunden gegen Risiken absichern und müssten die Beiträge deshalb eigentlich möglichst sicher anlegen. Andererseits erwarten die Klienten auch hohe Erträge, die alleine mit Immobilien und sicheren Anleihen nicht mehr zu erzielen sind. Verschärft wurde die Lage durch hausgemachte Probleme. Bei stark rückläufigen Zinserträgen auf dem Kapitalmarkt sind konstante Renditeversprechen problematisch. Vor dem Hintergrund der schon länger anhaltenden Niedrigzinsphase und dem zunehmenden Wettbewerbsdruck, sahen viele Versicherungsunternehmen ihr Heil in einem stärkeren Engagement am Aktienmarkt. Beispielsweise stockte die Allianz ihren Aktienanteil von 8,9% im Jahr 1995 bis zum Ende 2000 auf über 20% auf, Ende Juni 2002 waren es 23%. Innerhalb von nur fünf Jahren wuchs die durchschnittliche Aktienquote der Branche von 12,9% in 1995 auf 26,4% im Jahr 2000. Damit blieben die Lebensversicherer allerdings immer noch weit unter der gesetzlich zulässigen Marke von in Deutschland 35%. Heute werden die Kapitalanlagen in Aktien auf im Schnitt 15% bis 20% geschätzt.
Wie viele Privatanleger hatten die meisten Versicherer erst gegen Ende der Boomphase verstärkt in Aktien investiert. Allein in den Jahren 1999 und 2000 investierte die Branche ca. 45 Mrd. EUR an den internationalen Aktienbörsen - zu einem Zeitpunkt, als die Märkte Rekordstände erreichten. Un-mittelbar vor dem Einsetzen der Baisse am Aktienmarkt vereinte die Branche jeden dritten Anteilsschein eines deutschen börsennotierten Unternehmen in ihren Händen. Oliver Bäte vom Beratungsunternehmen McKinsey formulierte das prozyklische Anlageverhalten der Versicherer folgendermaßen: „Die Versicherer sind wie ein Surfer auf der Aktienwelle geritten und haben nicht gemerkt, dass sie schon auf dem Strand sitzen“.
Ab Mitte des Jahres 2000 rächte sich die starke Ausrichtung auf Aktien. Die Kapitalmarktentwicklung führte zu massiven Wertberichtigungen in den
Teufelskreis. Je mehr sie unter Druck geraten ihre Aktienbestände abzubauen, desto tiefer fallen die Kurse. Der daraus ent-stehende ununterbrochene Abwärtstrend hielt bis März 2003 an. Der DAX erreichte im März 2003 sein 7-Jahres-Tief bei knapp über 2.200 Punkten und erholte sich seitdem zusehends. Im Vergleich zum Allzeithoch von 8.064 Punkten im März 2000 bedeutete dies ein Verlust von über 72 Prozent (siehe Grafik). Zuletzt stand der DAX im Jahr 1996 auf dem Niveau von 2.200 Punkten. Die immense Kapitalvernichtung zeigt sich auch deutlich wenn man sich die Marktkapitalisierung aller DAX Unternehmen vor Augen hält. Ende 1999 hatten alle DAX-Werte zusammen eine Marktkapitalisierung von knapp 1.040 Milliarden EUR, im März 2003 waren alle DAX-Werte zusammen gerade noch ca. 280 Milliarden EUR wert. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob die derzeitige Erholung an den Märkten nur kurzfristiger Natur ist, oder der lang ersehnte Aufwärtstrend in den kommenden Monaten weiter anhält.
Eine Krise dieses Ausmaßes am Kapitalmarkt konnte insbesondere an den Lebensversicherern, als größter institutioneller Akteur an den Kapitalmärkten, nicht spurlos vorbeigehen. Aus stillen Reserven sind inzwischen, durch Änderung der gesetzlichen Regelungen, bei vielen Lebensversicherern stille Lasten geworden, so dass zahlreiche Experten davon ausgehen, dass die deutschen Lebensversicherer in ihren Kapitalanlagen praktisch über keine Reserven mehr verfügen. Vor diesem Hintergrund über-rascht es nicht, dass Versicherungswerte im Jahr 2002 zu den Aktien gehörten die sich am schlechtesten entwickelten.
2.2 Bedeutung hoher Kapitalerträge für die Assekuranz
Betrachtet man die Gewinnzusammensetzung der deutschen Lebensversicherer stellt man fest, dass 80-90% der Gewinne aus den Kapitalanlagen stammen, und jeweils zwischen 5 bis 10% Risiko-, Kosten-und sonstige Gewinne darstellen. Damit ist klar, dass die Abhängigkeit der Lebensversicherer von der Entwicklung der Kapitalmärkte sehr groß ist.
Deutsche Anbieter von kapitalbildenden Lebensversicherungen sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Spareinlagen ihrer Kunden mit dem so genannten Rechnungszins in Höhe von 3,25% (bei Vertragsabschluss vor Juli 2000: 4%) zu verzinsen. Der Sparanteil ist der Teil der eingezahlten Beiträge der Kunden, der nach Abzug der Kosten des Versicherers verbleibt. Die Kosten variieren je nach Versicherer in einer Größenordnung zwischen ca. 5% bis 25% der Prämie. Um seinen Verpflichtungen gegenüber den Kunden nachkommen zu können, müssen Lebensversicherer folglich jedes Jahr mindestens zwischen 3,25% und 4% der Spareinlagen erwirtschaften. Naturgemäß werden die deutschen Lebensversicherer diesen Garantiezins zu einem großen Teil aus den Kapitalerträgen finanzieren. Darüber hinaus sind aber beispielsweise auch Kosten- und Risikogewinne wie Gewinne aus dem Rückversicherungsergebnis und sogar Stornogewinne denkbar und tragen unterschiedlich zum Gesamtergebnis bei. Die pauschale Aussage, dass Versicherer die weniger als 3,25% an Kapitalerträgen erwirtschaften nicht mehr in der Lage sind ihre garantierten Leistungen zu erbringen ist somit falsch. Neben der garantierten Verzinsung der Sparanteile erhalten Kunden von Lebensversicherern eine Überschussbeteiligung. Deutsche Lebensversicherer sind per Gesetz dazu verpflichtet 90% ihrer Gewinne
Arbeit zitieren:
Andreas Dengler, 2002, Auswirkungen der Börsenkrise auf die deutschen Lebensversicherer, München, GRIN Verlag GmbH
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