Sprechen über Klang - Individualität von Authentizitätswahrnehmung … - 30. September 2006 - Frank Lachmann - Seite 2 - 1.Beispiel & Einführung
Was Claudia Schandt in ihrem Text „Falsch gespielt” so vehement fordert, ist in letzter Konsequenz nicht nur ein liberalerer Umgang mit - allgemein - Kategorisierungen musikalischer Darbietungen, sondern eine vollkommene „Öffnung“ des eingesetzten Bewertungsvokabulars, wenn auch in jenem Fall primär bezogen auf den Akt des Musizierens und weniger den des Rezipierens. Dennoch: die Grenzen zwischen Remix, Interpretation, Inszenierung oder etwa Vorführung scheinen fließend zu sein und es immer mehr noch zu werden, je weiter sich die technischen Möglichkeiten in der Instrumenten- und Produktionstechnik fortentwickeln. Eventuell muß sich die Rezeption eines musikalischen Kunstwerks, einer Darbietung oder Aufführung, dem anpassen? Ein auf der Bühne gesungenes Volkslied: zweifelsfrei „live“ dargeboten, mit nicht wegzudiskutierendem persönlichen Anteil eines Sängers bzw. Interpreten. Ein über Lautsprecher zu hörendes Stück, möglicherweise sogar das gleiche wie das im letzten Satz noch (anders) dargebotene, ohne Bühne oder sichtbaren Sänger diesmal: zweifelsfrei „aus der Konserve“, somit das Gegenteil von „live“.
Wirklich zweifelsfrei? Daß sich diese Formen einer musikalischen Darbietung unterscheiden, wird sich nicht abstreiten lassen. Daß (besser: ob) sie sich bewerten lassen sollen, woher dieser Drang nach diesbezüglicher Klassifizierung überhaupt kommt, unter welchen Bedingungen dabei Authentizität auf der Seite des Hörers entsteht oder eben nicht - das soll in dieser Arbeit untersucht werden.
Der Begriff der Individualität, wie er hier im Titel angewendet wurde und auch im weiteren Verlauf der Arbeit gebraucht werden soll (als Summe verschiedenster Eigenschaften oder Merkmale nämlich, die Besonderheiten ausmachen und Persönlichkeit stiften), muß dabei deutlich von dem der Subjektivität (dem „Eigensinn der Meinung“, dem rein persönlichen Urteil) abgegrenzt werden.
Als musikalische Darbietungen im Sinne dieser Arbeit sollen wiederum jegliche Formen klangkünstlerischer Äußerungen betrachtet werden, die - um thematisch den Faktor Authentizität überhaupt erst untersuchen zu können - sowohl „live“ als auch „reproduziert“ dargestellt (und konsumiert) werden können. Das gesungene Lied, ein Konzert, ein
Sprechen über Klang - Individualität von Authentizitätswahrnehmung … - 30. September 2006 - Frank Lachmann - Seite 3 -
Gedichtvortrag- nicht jedoch also beispielsweise „Muzak“ oder Audio-Logos bzw. Jingles, die nur in ihrem speziellen jeweiligen Kontext funktionieren (können). Authentizitätswahrnehmung schließlich beschreibt die Einordnung einer musikalischen Darbietung in ein (meist individuelles bzw. persönliches) Kategorien- oder Wertesystem anhand von Faktoren wie dem der - übersetzt - Echtheit, oder treffender „Credibility“, eines Songs oder vielmehr Künstlers.
2. Sachverhalt & Erklärung
Die unmittelbarste Möglichkeit einer Klangerzeugung ist die menschliche Stimme. Muskelkraft (und noch davor: der Wille bzw. die Absicht oder sogar die Idee) steuert die Bewegung der Stimmbänder, den Luftaustritt, die Form des (Resonanz-)körpers - und somit Tonhöhe, Klangfarbe, Art, Lautstärke und alle weiteren denkbaren und beeinflußbaren Parameter 1 von Gesang. Es steht kein „Ding“ zwischen Sänger und Schallwelle. Auf der nächsten Stufe lassen sich vergleichsweise einfach aufgebaute Instrumente nennen
- eine Flöte, exemplarisch: in die „Kette“ zwischen Interpret und erzeugter Schallwelle tritt ein Mittler, nämlich ein Stück Holz, das der Manipulation und Verfeinerung des Schalls dient. Es hilft mit einem minimalen Zusatz dabei, genau jene Klänge zu erzeugen, die der Künstler nicht allein mit Hilfe seines Körpers erzeugen konnte.
Eine weitere Stufe höher auf der Treppe der Mittelbarkeit: das, beispielsweise, Klavier. Muskelkraft wird benutzt zum Drücken einer Taste, die Mechanik der Taste schlägt auf eine Saite, die Schwingung der Saite erzeugt den Schall. Vergleichbar: der Schlag auf die Membran einer Trommel oder das Spielen einer Violine mit Bogen. Auch hier offensichtlich nur wenige Details mehr zwischen dem Willen zur Erzeugung eines Klangs und der Schwingungen der Luft im Vergleich zur vorangegangenen Stufe. Und entsprechend geht es weiter: das elektronische Piano ersetzt die Mechanik zwischen Hammer und Saite, also den „letzten Teil“ der Klangerzeugung, durch Schaltkreise und Lautsprecher. Kaum ein Unterschied zum Spielen eines traditionellen Klaviers, außer dem Hinzufügen von Mittelbarkeit, dem Verwenden von Arbeitserleichterungen oder dem Schaffen neuer (klanglicher) Möglichkeiten dadurch.
Der Synthesizer als Erzeuger neuartiger Klänge „optimiert“ den anderen, weiter „vorn“ sitzenden Teil der Klangerzeugung. Nicht mehr Muskelkraft und Mechanik lösen einen Ton aus, sondern Programmierung (am „Ende“) bzw. das direkte Beeinflussen elektronischer Parameter (am „Anfang“). Die Kombination mit einem Sequencer wiederum tritt an die Stelle von zu beherrschender Fingerfertigkeit, indem sie „Patterns“ speichern und abrufen kann.
1 Natürlich existieren auch hier bereits unbeeinflußbare Größen wie Raumgröße/-form, direktes und indirektes
Feedback des Publikums usw. - diese sind aber bei allen im Folgenden genannten Beispielen in vergleichbarer
Form vorhanden und müssen somit nicht gesondert betrachtet werden.
Sprechen über Klang - Individualität von Authentizitätswahrnehmung … - 30. September 2006 - Frank Lachmann - Seite 4 -
Vomvollständig programmierten Song aus dem Sequencer ist es schließlich nicht mehr weit zum reinen Abspielen einer vollständig angefertigen Aufnahme - der Anteil des Künstlers bei einer Darbietung beschränkt sich hierbei auf den Willen zum Abspielen des Stücks und das Betätigen der entsprechenden Knöpfe („Play“). Unmittelbarkeit ist praktisch nicht mehr vorhanden.
Und an welcher Stelle wendet sich nun der sprichwörtliche Volksmund mit den Worten „das ist ja gar nicht ‚live’!“ vom Konzert ab? Das ist insofern nicht so einfach zu beantworten, als die Übergänge zwischen den einzelnen Stufen der Mittelbarkeit fließend - sozusagen analog, nicht digital - zu verstehen sind. Jedes, egal aus welchem Grund, eingebrachte bzw. hinzugefügte Detail in der oben beschriebenen Klangerzeugungskette, also der Strecke zwischen der Absicht im Kopf und dem Schwingen der Luft, läßt sich weiter unterteilen in feinere Stufen der Mittelbarkeit. Der Eindruck des „analogen Schiebereglers“ drängt sich weiter auf: als ließe sich eine musikalische Darbietung bezüglich verschiedener Aspekte (unter diesen dann auch der Grad der wahrgenommenen „Echtheit“) von jedem Rezipienten einzeln mit einem solchen stufenlos verschiebbaren Knopf einordnen, bewerten. Es ist naheliegend, daß die Resultate dieser Einordnung von den verschiedensten Faktoren (kulturelle und soziologische Hintergründe jeweils bei allen Beteiligten, „Setting“ bzw. Rahmen der musikalischen Darbietung, Stimmung/Tagesform des Künstlers und viele mehr) abhängig sind.
Welche Faktoren dies genau sind, also woran es liegt, daß Menschen diesen Sachverhalt teilweise so deutlich unterschiedlich bewerten, könnte aber natürlich auch „einfach“ eine Frage der angewendeten Begrifflichkeit sein. Wer käme schließlich - beispielsweise - auf die Idee, Objektivität bei Musikrezensionen zu fordern? Im Fall der
Authentizitätswahrnehmung soll daher nicht untersucht werden, ob - wieder, beispielsweise
- ein bestimmter Bildungsgrad zu einer bestimmten Akzeptanz von Mittelbarkeit führt, sondern vielmehr der Grund des Problems, die „Meta-Problematik“: wieso dieser individuelle Aspekt beim Einordnen von Authentizität, beim Akzeptieren von Mittelbarkeit, eine solch wichtige Rolle zu spielen scheint.
3. Diskussion & Argumente a. Reproduktion
Offensichtlich steigt mit einem Mehr an Mittelbarkeit bei der musikalischen Produktion bzw. Darbietung auch die Möglichkeit zur genauen Reproduktion. Dem Werk wird die Unberechenbarkeit (und somit indirekt die Menschlichkeit) (Horxheimer, zit. in Poschardt
Arbeit zitieren:
Frank Lachmann, 2006, Individualität von Authentizitätswahrnehmung bei musikalischen Darbietungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Frank Lachmann hat einen neuen Text hochgeladen
Simplified Design for Building Sound Control
James E. Ambrose, Jeffrey E. Ollswang, Jeffery Ollswang
Die Assumptio Mosis: Studien Zur Rezeption Massgultiger Berlieferung
Norbert Johannes Hofmann
Healthy Women, Healthy Lives: A Guide to Preventing Disease from the L...
Susan E. Hankinson, Graham A. Colditz, JoAnn E. Manson
0 Kommentare